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Von nun bis immerdar

(von Jundurg)

Vor dem achten Türchen ist ein großes Warnschild aufgestellt, auf dem steht zu lesen:
Achtung - direkt vor dieser Tür befindet sich eine Zeitschleife. Bitte beim Eintreten einen großen Schritt machen. Fehltritte auf eigene Gefahr...

Von einer längeren Reise heimzukehren, ist immer etwas seltsam, weil das Vertraute sich fremd und das Fremde einen allmählich vertraut wurde. Als ich in die Gasse zu meinem Haus einbog, stellten sich derartige Gefühle natürlich ein, aber vorerst sollten mich andere Dinge beschäftigen, und diesmal war es nicht einmal die Palme meines Nachbarn, die er jedesmal, wenn ich auf Reisen ging, ausgrub und einige Meter entfernt wieder eingrub, sondern ein weitaus ernsteres Übel.

An der Tür hing ein Zettel, der mir mitteilte, wie hoch meine Schulden an den Vermieter waren. Darauf stand eine Zahl mit so vielen Nullen, dass sich die vorne stehende Zahl angesichts der erdrückenden Übermacht am liebsten versteckt hätte. Vorsichtig löste ich den Zettel, der über das Schlüsselloch geklebt war, und wollte gerade eintreten, als sich hinter mir jemand räusperte. Es war mein Vermieter, Cornelius Gliterstoon.

„Gut, dass ich Sie sehe.“, sagte er freundlich, „Wie sie sehen, schulden Sie mir mittlerweile die Miete für fünf Milliarden Jahre. Die Zeitschleife, Sie wissen schon.“

Ich hatte keine Ahnung, wie er es fertiggebracht hatte, den genauen Betrag zu ermitteln, ohne selbst die Zeitschleife zu betreten, die sich durch einen unglücklichen Zufall um mein Haus herum gebildet hatte. Aber eines empörte mich.

„Da stimmt doch etwas nicht! So viele Nullen – Sie wollen mir doch nicht erzählen, dass die Miete von dieser ganzen Zeit genau eine runde Zahl ergibt.“

„Natürlich nicht.“, sagte Gliterstoon, „Ich aktualisiere den Zettel bloß nur einmal in einer Milliarde Jahren. Ich weiß ja, dass Sie ohnehin nur sporadisch vorbeischauen. Inzwischen dürfte die Miete noch ein paar Billionen Girosches mehr ausmachen.“

Ich seufzte und sperrte resigniert die Tür auf.

„Nun, ich bin mir sicher, Sie werden sich dieses Problems annehmen.“, schloss Gliterstoon vergnügt und spazierte davon.

Im Haus ließ seltsamerweise nichts darauf schließen, dass hier ein paar Milliarden Jahre vorbeigekommen wären. Ich schob es auf die Dauerhaftigkeit der Produkte von Gliterstoon, von dem die Einrichtung stammte. Mehr Zeit, mich zu wundern, blieb mir allerdings nicht.

„Die Parole lautet: Von nun bis immerdar!“, verkündete eine heisere Stimme vor meiner Tür. Ich schlich mich langsam näher, doch der Satz wiederholte sich bereits in deutlich gesteigerter Lautstärke, wenngleich man dem Urheber anmerkte, dass ihm das schwerfiel, so wie seine Stimme klang.

„Die Parole lautet: Von nun bis immerdar!“, schrie die Stimme jetzt; ich wollte ihr ein viertes Mal ersparen, um ihre Stimme zu schonen, und öffnete die Tür.

Vor mir stand ein dicklicher alter Mann in einer Mönchskutte und starrte mich verblüfft an.

„Ist das nicht das geheime Hauptquartier?“, fragte er.

Ich überlegte. Fünf Milliarden Jahre sind eine lange Zeit, auch wenn es sich um sehr lokale Zeit handelt – die obendrein irgendwo anders im Ort abgängig sein musste. Es wäre also vorschnell von mir gewesen, mit 'Nein' zu antworten, zumal ich ja in der letzten Zeit nicht in der Gegend gewesen war.

„Das entzieht sich meiner Kenntnis.“, verkündete ich stattdessen.

„Es ist geheim.“, erklärte mir der Mönch unbekannter Konfession berechtigterweise.

Ich nickte verständnisvoll. Das habe ich bei den Samourtzawa-Stämmen gelernt, die haben das wirklich drauf. Also, den Kopf so zu bewegen, dass sich das Gegenüber effektiv verstanden fühlt. Die können das. Und diese erstaunliche Fähigkeit, die ich von einem der ehrwürdigen Väter der Samourtzawa in einem wochenlangen Kurs gelernt hatte, versuchte ich nun, so gut ich konnte, an diesem Fremden zu erproben.

Ich weiß nicht, ob es funktioniert hatte. Im nächsten Moment war der Mönch an mir vorbei ins Haus eingetreten, und ein großes Rumoren brach hinter mir los. Ich drehte mich um, und sah gerade noch den letzten Mönch aus meiner Kücheneinrichtung herausklettern. Ich glaube, ich erinnere mich, dass mein Backofen so konzipiert worden ist, dass er in Kriegsfällen als sicherer Bunker genutzt werden kann; er ist innen etwas größer als außen, was für manche Speisenzubereitung eine sehr nützliche Eigenschaft darstellt.

Nun war der Raum also von einem Moment auf den anderen erfüllt mit schwarzgekutteten Mönchen, von denen einige offenbar gewohnheitsmäßig in einen rituellen Singsang gefallen waren. Doch die meisten von ihnen blickten erwartungsvoll zu mir.

Schließlich fand ich meine Stimme wieder, die sich in mehreren unnötigen Gedanken verfangen hatte, die sich vor allem um den Innenraum meines Backofens drehten, und hub an zu sprechen:

„Geheime Gesellschaft. Es freut mich ungemein, euch alle in meinem Haus versammelt zu finden.“

Ich überlegte einen Moment, ob das in dieser Situation adäquate Worte gewesen waren, doch eine weitere Botschaft lag mir sehr am Herzen.

„Wäre es nicht wahrhaft fair und adäquat, wenn ihr mir die Miete für fünf Milliarden Jahre bezahlt, wenn ihr schon dieses Haus als Hauptquartier nutzt?“

„Bitte! Das würde unseren Zirkel ruinieren!“, wandte sich einer der Mönche an mich, „Ihr müsst verstehen, wir dienen einer wichtigen, ja gerade zu essentiell notwendigen Sache.“

„Die wäre?“

„Wir sind die Montagsmönche. Wir werden alle Wochentage so lange reduzieren, bis nur noch der Montag überbleibt. Ewiger Montag. Es wird keine anderen Tage mehr geben außer dem Montag, denn der Montag ist uns heilig und überaus lieb, sowie unser Tag. Es ist der Montag. Der unsrige, der einzig wahrhaftige und heilige Tag der Woche. Die anderen Tage sind profan und alltäglich, wir werden sie bekämpfen, denn sie sind das Werk des... wie hieß der noch gleich... des entsetzlichen Diens, der jede Woche aufs Neue das Ende der heiligen Glückseligkeit ausruft!“

Ich ließ die Litanei über mich ergehen, und dachte angestrengt nach. Worüber, weiß ich nicht. Es war mehr ein allgemeines weltverlorenes Sinnieren, in dem ich etwa eine Minute festhing, bis ich mich wieder der aktuellen Situation zuwenden konnte. Ich glaube, in meinem Kopf tanzte ein Nadelwald einen volkstümlichen Tanz, ich entsinne mich an Lärchen, die kokett ihre Nadeln abwarfen und Fichten, die sich im Takt wirbelten.

Wie gesagt, nach einer Minute hatte mich die bittere Wirklichkeit wieder. Die Mönche starrten mich an. Offenbar hatte ich in meiner geistigen Umnachtung ein fröhliches Tanzlied gesummt. Nun, das kann schon mal vorkommen.

„Wer ist euer Oberster?“, fragte ich in die Runde.
Die Mönche stießen ein kollektives Wehklagen aus.
„Das dürfen wir nicht verraten!“
„Wann wird er kommen?“

Doch die Frage erübrigte sich. Mit einem gewaltigen Donnerkrachen brach die Tür auf, und ein weiterer Schwarzgewandeter trat ein. Eine Weile stand er uns stumm gegenüber, dann nahm er schwungvoll die Kapuze ab. Es war Cornelius Gliterstoon, Juwelier, Erfinder und unumschränkter Herrscher dieser Welt.

Zumindest in diesem Moment war er das. Es hängt alles von einem eindrucksvollen Auftreten ab.

„G!“, brachte ich hervor, und die Mönche missverstanden dies wohl als einen Ausdruck der Ehrerbietung, denn bald war der ganze Raum von gutturalen Lauten erfüllt.

„Schweiget!“, sprach Gliterstoon. Die Mönche schwiegen sofort, und ich hörte auf, die Melodie des Nadelwaldtanzes zu summen, die mir nicht aus dem Kopf ging.

Es entstand eine peinliche Stille. Ich nutzte die Gelegenheit, um einen sehr interessanten Zirkelschluss zu untersuchen: Das Haus hier gehörte Cornelius Gliterstoon, und ich schuldete ihm Miete. Die Mönche wiederum schuldeten mir Miete, und deren Chef war derselbe Gliterstoon.

Als ich diesen Gedanken fertighatte, und es schließlich auch geschafft hatte, dem eisigen Blick des Juweliers zu trotzen, fing ich schließlich an zu lachen. Es war ganz und gar keine gute Reaktion, aber die Nervosität, gepaart mit spontaner Erkenntnis, hat das oftmals zu Folge, das ist eine häufig beobachtbare menschliche Verhaltensweise.

„Diese ganze Zeitschleife hier hat nicht zufällig etwas mit geheimen Ritualen der Mönche zu tun?“, fragte ich schließlich.

Gliterstoon schüttelte den Kopf und seufzte.

„Da dieses Haus mir gehört, ist es ganz allein meine Sache, ob und welche Geheimorganisation hier am Werk ist.“, erklärte er mir, dann zuckte er mit den Schultern und sagte:

„Na schön. Ich erlasse dir die Schulden also – wieder einmal – wenn du Werbung für meine Produkte in den Text einbaust.“

Ich übte erneut mein Samourtzawa-Kopfnicken. An dieser Stelle muss ich erwähnen, dass der Backofen, der in diesem Text bereits Erwähnung fand, ein ausgesprochen praktisches Produkt ist. Ausgestattet mit zwölf internen Flaschengeistern, und einem Rezeptgedächtnis für zweiundneunzigtausend Gerichte, sowie einem Sprachmodul, das jeden Babelfisch mit Leichtigkeit in den Schatten stellt, ist es doch auch imstande, winzigste Differenzen in der Aussprache an das Kochprogramm weiterzuleiten, etwa eine Entschlüsselung des Begriffs 'ein bisschen' mit Hilfe von Fuzzy-Logic, und einem vollautomatischen Benachrichtigungsmodul, dass Ihnen überall, wo immer Sie gerade sein könnten, mitteilt, wenn das von Ihnen gewählte Gericht gerade zu 99% fertig gekocht wurde. Zudem ist er mit einer Sicherheitspanzerung ausgestattet, die nicht nur gegen radioaktive Strahlung, sondern auch gegen Telepathie und – das steht in der Bedienungsanleitung – gegen molyoplaktische Wellen schützt, was auch immer das sein mag. Und natürlich gegen jede Form der physischen Einwirkung. Sie können sich also sicher fühlen, wenn sie den unvergleichlichen Backofen 'Silverback' von Cornelius Gliterstoon im Hause haben, der natürlich noch von dem noch unvergleichlicheren Nachfolgemodell übertroffen werden wird, das sich zurzeit in Entwicklung befindet. Einige der Kochfehler, die selbstverständlich nur in absoluten Ausnahmefällen auftreten, werden in dieser Version behoben. Sollten Sie das wünschen, wird Ihnen natürlich die Möglichkeit gegeben, liebgewonnene Störungen mit dem entsprechenden Code wieder freizuschalten. Das alles zum überaus günstigen Preis von nur eintausendfünfhundert Girosches.

Das, mein verehrter Leser, wollte ich gesagt haben.

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