Ein Tag im Leben von Fychat Sontreca, Schülerin eines Mosaikmeisters aus Cumea

(von Neyasha)

Das zehnte Türchen besteht aus unzähligen Mosaiksteinchen. Nicht nur der Rahmen, sogar die Tür selbst hat Einlegearbeiten aus winzigen Glasstückchen. Sonnenlicht fällt hindurch und bildet bunte Flecken auf dem Boden, die zu tanzen beginnen, als sich das Türchen langsam öffnet...

Sontreca steht wie jeden Tag im Sommer in der Morgendämmerung auf. Da sie in ihrer Familie stets als Erste wach ist, geht sie hinaus in den Innenhof, zu dem alle zwölf Familien des Wohnhauses Zugang haben, um dort vom Brunnen Wasser zu holen. Sie bringt das Wasser in die Küche und geht dann in den kleinen privaten Innenhof ihrer Familie, wo in einem Fass Regenwasser aufgefangen wird. Da es in den letzten Wochen sehr trocken war, ist kaum noch Wasser darin und Sontreca ist sparsam, als sie sich damit wäscht.

Danach zieht sie sich ihre Arbeitskleidung an und mischt in der Küche einen Teil des Brunnenwassers mit dem Regenbeerensaft, den ihre Schwester gestern hergestellt hat. Dieses erfrischende Getränk bildet zusammen mit Feigen und Tekranüssen ihr rasches Frühstück.

Ihr nächster Weg führt sie über den großen Innenhof zu der Wohneinheit der Familie Enul. Sie bringt Regenbeerensaft mit und bekommt dafür von Suat, dem ältesten Sohn, Brot, denn die Enul haben eine Bäckerei. Einen Teil des Brotes steckt Sontreca in ihren Stoffbeutel, den Rest legt sie in die Küche. Inzwischen sind auch ihre Familienmitglieder, die alle in der eigenen Weberei arbeiten, aufgestanden. Sontreca verabschiedet sich von ihnen und geht durch die noch recht leeren Straßen zum kleinen Heiligtum der Ziarra, die einst den Cumeanern die Kunst des Mosaiklegens beibrachte. Sontreca bringt ein kleines Opfer dar und bittet um einen guten Tag, dann beeilt sie sich, um rechtzeitig zum Haus des Utin Emina zu kommen. Hier legen sie und zwei weitere Mitarbeiter von Meister Ifniul einen Mosaikboden.

Die beiden haben bereits mit der Arbeit begonnen. Den Vormittag über arbeitet Sontreca mit ihnen an einem einfachen Muster, das die Umrandung eines Einlegebildes darstellt. Das schlichte Schwarz-Weiß-Muster ist bereits auf dem Boden vorgemalt, und so muss Sontreca lediglich die Formen sorgfältig ausfüllen. Als die Sonne hoch am Himmel steht, machen sie eine kurze Pause. In einer Garküche in der Nähe kaufen sie Fleischeintopf, zu dem sie Sontrecas Brot essen. Als sie fertig sind, machen sie mit der Arbeit weiter, doch bald haben sie nicht mehr genug schwarze Steine. Der Steinschneider hätte sie längst liefern sollen, aber er ist nicht erschienen. Da Sontreca die jüngste Schülerin ist, muss sie sich in der Hitze auf den Weg machen.

Der Steinschneider hat keine guten Nachrichten. Da ihm die Glasstangen zu spät geliefert wurden, wird es noch ein wenig dauern, ehe er die Mosaiksteine geschnitten hat. Daher können sie nun an dem Mosaik nicht weiterarbeiten. Meister Ifniul schickt die anderen Mitarbeiter nach Hause, aber Sontreca soll mit ihm gemeinsam an dem Einlegebild arbeiten.

An einem so detaillierten Bild durfte sie bisher noch nie arbeiten. Anders als das Schwarz-Weiß-Muster legen sie es nicht direkt auf den Boden, sondern auf eine dünne Platte, die später in die freie Stelle im Mosaikboden kommen soll.

Das Bild zeigt ein mythologisches Bild: Nymela vor dem Sternentor, die Riwon als ersten Sterblichen hindurch treten lässt. Noch nie hatte Sontreca so kleine, feine Steinchen in der Hand. Meister Ifniul lässt sie daher kaum aus den Augen.

Anfangs hat Sontreca Angst, etwas falsch zu machen, aber bald findet sie Gefallen an der Arbeit. Beinahe hofft sie, dass der Steinschneider auch morgen noch nicht mit den Mosaiksteinen fertig ist.

Als Sontreca an diesem Abend nach Hause geht, fühlt sie sich viel frischer als sonst. Da sie nicht den ganzen Nachmittag auf dem Boden knien und sich über das Mosaik beugen musste, leidet sie heute kaum unter Rückenschmerzen.

Erneut hält sie beim Heiligtum der Ziarra und bedankt sich für den heutigen Tag. Als sie nach Hause kommt, schließen ihre Eltern gerade den kleinen Laden. Da Sontrecas Familie nicht arm ist, haben sie in ihrer Wohnung eine eigene Küche und müssen das Essen nicht von einer der Garküchen holen wie die meisten Familien, die in den oberen Stockwerken des Gemeinschaftshauses leben. Sklaven besitzt Sontrecas Familie aber nicht, daher müssen sie das Abendessen selbst kochen. Das ist heute eine aufwändige Angelegenheit, da Bekannte eingeladen sind und ihnen natürlich ein entsprechendes Mahl serviert werden soll.

Mit den Gästen wird es heute spät. Die Sonne ist schon untergegangen, als Sontreca sich schließlich erneut im Innenhof wäscht, aus ihrer Kleidung schlüpft und ins Bett geht.

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