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Das Herz des Waldes

(von Sturmfaenger)

Hinter dem dreizehnten Türchen scheint ein Wald zu liegen, mehr ist im dichten Nebel fast nicht zu erkennen. Da kommen ein paar Frauen heraus. Sie sehen entschlossen aber auch ein wenig ratlos aus, und machen sich auf den langen Weg zu einer fernen Burg...

Eines Tages scharte der Hexenmeister Tarein seine Hexen um sich, und sie erzählten ihm von den seltsamen Wesen, die in den großen Wäldern hoch in den Bäumen umherstreifen.

„Meister“, sprachen sie. „Ganze Schwärme dieser Geister sieht man neuerdings glitzernd und schimmernd durch die Baumkronen huschen. Und die Bewohner der waldnahen Dörfer ängstigen sich, denn die Geister tragen Nebel und todesähnlichen Zauberschlaf mit sich. Ganze Dörfer sind schon eingeschlafen, und erst Tage später wieder aufgewacht. Doch keine von uns Hexen und kein Zauberer hat je solch einen Waldgeist aus der Nähe gesehen - fast so als spürten die Wesen es, wenn man sie beobachtet.“
Da wurde der Hexenmeister nachdenklich und sagte: „Ihr habt gut daran getan, mir zu berichten, denn mir liegt das Wohl der Menschen am Herzen, und ich befürchtete Schlimmes. Ich werde mich der Sache annehmen.“

Deshalb ließ er seinen treuen Diener Amehes zu sich rufen, und sandte ihn aus, mehr herauszufinden, und ihm, wenn möglich, ein lebendes Wesen dieser Art zu bringen. Und Amehes gehorchte und brach sogleich auf.

Über Straßen, über Wege, und Pfade reiste er, durch Städte, durch Dörfer und Weiler reiste er, bis er mitten in der Wildnis war.

„Jetzt bin ich hier“, sprach er, „und sehe, daß die Hexen recht hatten. Denn obwohl ich mich anstrenge, kann ich die Wesen doch nur von weitem, und aus den Augenwinkeln sehen. Nichts habe ich herausgefunden. Ich kann nicht mit so wenig zu meinem Herrn zurück, und muss mir etwas einfallen lassen.“

Und er setzte sich unter einen Busch, und überlegte, wie er es anstellen konnte, den Waldgeistern besser zu folgen. Denn er war bei den Xhancal aufgewachsen, und ein Teil ihrer Täuschungskunst und ihrer List war ihm zu eigen geworden.
Während er so da saß kam eines der Wesen herbei und tanzte anmutig in den nahen Bäumen, den reglosen Amehes unter den Blättern aber sah es nicht.
Da sagte Amehes bei sich: „Ich will mir aus den Zweigen dieses Buschs einen großen Hut flechten.“

So machte er es, und fortan verbargen sich die Wesen des Waldes nicht mehr vor seinen Blicken, denn sie sahen ihn nicht.

Durch lichte Haine, durch duftende Waldwiesen, und gluckernde Bächlein folgte er ihnen, und leicht war sein Schritt und froh sein Herz und glücklich glaubte er, seinem Herrn bald Kunde bringen zu können.

Und immer wenn sie über ihm waren blieb er reglos stehen und sah ihnen zu. Klein wie Kinder und angetan mit glitzernden Gewändern tanzten sie wie schwerelos zwischen den Zweigen der Bäume, und waren wundersam anzuschauen. Und er erkannte, daß es keine Geister waren.

Doch einmal verließ ihn sein Glück, denn als die Wesen kamen, stand er in der Nähe eines Ameisenhaufens. Die Tierchen krabbelten ihm die Beine hoch und er hüpfte wild umher und verlor dabei seinen Hut. Schnell setzte er ihn wieder auf, doch die Wesen waren fort.

Und in dieser Nacht als er schlafend an seinem Feuer lag, träumte er, eines der Wesen stiege zu ihm hernieder und spräche:
„Wer trägt die grüne Kappe und späht uns heimlich aus? Wer bringt das Feuer in den Wald? Du bist hier nicht willkommen. Geh!“

Als er am nächsten Morgen erwachte, war sein Feuer erloschen, und sein Blätterhut verdorrt, als sei der Herbst zu früh gekommen. Da wurde Amehes klar, daß es kein Traum gewesen war.

„Jetzt weiß ich, daß die Wesen keine Geister sind. Doch ich weiß nicht woher sie kommen. Ich kann nicht mit so wenig zu meinem Herrn zurück, und muss mir etwas einfallen lassen.“

Da dachte er daran, wie ihm aufgefallen war, daß die Wesen sich nicht an den Tieren des Waldes störten. Und er legte sich bei einer Tränke auf die Lauer. Als in der Dämmerung ein Kunworuibär zum Trinken kam, schoß er mit Pfeilen auf ihn, bis er tot zu Boden ging. Da sagte Amehes bei sich: „Ich will ihm das Fell abziehen, und es so bearbeiten, daß ich es mir überwerfen kann.“

So machte er es, und fortan verbargen sich die Wesen des Waldes nicht mehr vor seinen Blicken, denn sie sahen ihn nicht.

Durch dichtes Unterholz, durch dornige Brombeerhecken und reißende Flüsse folgte er ihnen, und schwer war das Fell, und es war heiß und stickig darunter, doch glaubte er, seinem Herrn bald Kunde bringen zu können.

Immer tiefer drang er in den Wald vor, und immer wenn sie über ihm waren, brummte und scharrte er. Und er hörte die Wesen rufen und singen, auch wenn er die Sprache nicht verstand, und er erkannte, daß sie alle in eine Richtung unterwegs waren. Und hier und da glaubte er gar, eines der Wesen auf die Erde herabsteigen zu sehen.

Doch wieder verließ ihn sein Glück, und er kreuzte den Weg einer trächtigen Bache, die ihn sogleich angriff, da sie sich von dem falschen Kunworui bedroht fühlte. Da warf Amehes den Pelz ab, zog sein Schwert und besiegte das Tier im Nu. Schnell schlüpfte er wieder in das Fell, und brummte und scharrte, doch die Wesen waren fort.

Des Nachts machte er kein Feuer, denn das Fell wärmte ihn. Und es träumte ihm, ein Wesen stiege zu ihm herab und sagte: „Wer trägt ein Zottelfell und schleicht in unser Land? Wer tötet Bär und Bache? Geh fort, lass uns in Frieden!“

Am nächsten Morgen erwachte Amehes, denn ihn fröstelte. Sein Fell war fort, und er fand es, wie von einem wilden Tier zerfetzt, in seiner Nähe. Da wurde Amehes klar, daß es kein Traum gewesen war.

„Jetzt weiß ich, daß ich nah der Heimstatt bin, in der die Wesen wohnen. Doch weiß ich nicht, warum sie Zauberschlaf und Nebel in die Menschendörfer tragen. Und nicht, ob ich, kehrte ich jetzt heim, je wieder diesen Landstrich fände. Ich kann nicht mit so wenig zu meinem Herrn zurück, und muss mir etwas einfallen lassen.“

Doch so sehr er sich auch plagte, es kam ihm keine Idee. Da sagte Amehes bei sich: „Ich weiß nicht was ich machen soll. Also werde ich warten, bis mir etwas einfällt, und mich bis dahin vom Gestank des Bärenfells befreien. Ich werde mir eine Wasserstelle suchen, wo ich mich waschen kann.“

So machte er es, und ging auf gut Glück los. Die Wesen aber sah er nicht in den Baumkronen.

Im leichten Morgennebel, der durch die Sonne sanft zu glühen schien, fand er alsbald einen kleinen See, umrandet von dichtem Schilfgewächs.

Und er ging hinab zum Wasser, warf seine Kleider ab und stieg hinein. Und wie er so bis zur Nasenspitze im Wasser stand, sah er plötzlich die Wesen, kleinere und größere, zum Wasser kommen. Und sie sahen ihn nicht, denn durch Wasser und Schilf war er ihren Blicken verborgen. Wie verzaubert sah er ihnen zu, denn sie streiften ihre Gewänder ab, um ebenfalls zu baden.

Doch als auch sie im Wasser waren, schüttelte er seine Verzückung ab.

„Ich werde mir eines der Gewänder nehmen“, flüsterte Amehes bei sich. „Dann wird mich niemand hindern, endlich zu sehen, wo die Wesen wohnen, und mein Meister wird stolz auf mich sein.“

Er schlich sich durch das Schilf zu ihnen hin, und stahl eines der größeren Gewänder, die so prächtig waren, wie keines Menschen Mantel je zu sein vermag.

So folgte er rasch den Spuren, welche die größeren Wesen auf dem weichen Waldboden hinterlassen hatten. Und keines der Wesen hinderte ihn, und keines achtete auf ihn, denn sie hielten Amehes für einen der ihren.

In silberhellen, spinnwebzarten Stoff gekleidet, das Haupt unter der Kapuze verborgen und mit dem Duft von Blüten eingerieben, langte Amehes schließlich an einer lichten Stelle auf einer Bergkuppe an, und erhaschte einen Blick auf ein Tal.

„Wahrhaftig“, sprach er. „Das muss das Herz des Waldes sein, wo diese Wesen wohnen. Nie habe ich Ähnliches gesehen!“

Riesenhafte Bäume wuchsen dort, turmhoch und majestätisch. Und über und über mit silbrig schimmernden Wesen schienen sie bedeckt zu sein, die an ihren Ästen und Stämmen entlangschwärmten wie lebendige Perlen auf einem unsichtbaren Schleier.

Doch erneut verließ ihn sein Glück, und wie er so da stand, merkte Amehes, daß er sich auf einmal nicht mehr rühren konnte, als habe ihn ein Zauberbann gepackt!

Und plötzlich raschelte es im Wald, und die Wesen umringten ihn. Aber keines sprach ein Wort. Da begann er ihnen ängstlich von seinem Herrn und dessen Auftrag zu erzählen, und wie er sie, das fremde Volk, so gern verstehen wollte. Denn tief in seinem Inneren spürte er, daß er zu weit gegangen war.

Schließlich schwebte eines der Wesen zu ihm hin, kaum schienen seine Füße den Boden zu berühren. Es war vollkommen nackt, und Amehes war sprachlos vor soviel Schönheit.

Es sang zu ihm:
„Zweimal sahen dich die Aiphnal, zweimal hießen wir dich: Geh! Zweimal wähltest du zu bleiben. Ja, sogar noch weiter vorzudringen. Jetzt hast du ein drittes Mal gefehlt, denn dein Wunsch uns nah zu sein war stärker als Respekt und Achtung. Du willst uns nicht in Frieden lassen, willst unser Freund sein, und uns verstehen willst du. Doch trägst du Feuer in den Wald, du schlägst die Äste von den Bäumen, tötest ohne dich zu nähren, ohne Not verschwendest du was es gibt und schleichst und stiehlst wie ein Dieb in der Nacht, bis wir nackt vor dir stehen.“

Da begriff Amehes, daß er das Gewand des Wesens trug, und hätte er sich bewegen können, er hätte es zurückgegeben.

„Du bist wie die anderen, deren Felder sich in unsere Wälder fressen. Dein Atem ist Feuer, Mensch, dein Blick ist Stein, dein Verstand kalt wie Eisen. So einen wie dich wollen wir hier nicht!“ Das Wesen schwebte hinter ihn und nahm sich sein Gewand zurück. Kalte Hände gruben sich in seine bloßen Schultern, und über dem wütenden Summen der anderen Wesen raunte das Wesen nur ein Wort: „Geh!“

Da stolperte Amehes nach vorn, spürte die kalte, brennende Berührung der Hände immer noch auf seinem Rücken, und er floh durch die Gasse, welche die Aiphnal für ihn bildeten.

Er stürzte los, nackt wie die Götter ihn geschaffen hatten. Amehes wollte nur noch weg, weg von der Lichtung, weg von den seltsamen Wesen, heim in die sichere Welt der Menschen.

Wie Amehes bald begriff, daß seine Strafe noch nicht ganz vorbei war, wie er seine Lektion lernte, schließlich doch noch das Vertrauen der Aiphnal gewann und sicher wieder heimkehrte, das ist eine andere Geschichte, und soll an einem anderen Tag erzählt werden.

weiter zum nächsten Türchen