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Die Geschichte von Ankhoel dem Krieger

(von Drachenreiter)

Durch das fünfzehnte Türchen gelangt man direkt in eine etwas stickige, aber gemütlich eingerichtete Hütte. Eine Großfamilie hat sich hier versammelt, um einen gern gesehenen Gast zu begrüßen...

Im Land Kherol, in einer Siedlung des Silberwasserclans...

Das Feuer knistert laut und lässt die Holzscheite knacken. Schmieriger, grauer Rauch kräuselt sich empor und verschwindet durch die Luke im Holzdach. Die Kinder liegen auf dem Bärenfell am Feuer und schauen mit großen Augen zu dem Besucher empor, der an der Feuerstelle sitzt und seine Beine ausstreckt. Der Familienvater bittet den Besucher, einen alten Mann, mit schlohweißem Haar und mehr Falten im Gesicht, als ein Baum Äste hat, eine Geschichte zu erzählen, als Gegenleistung für die Gastfreundschaft. Der Alte nickt und nimmt dankbar lächelnd den Metkrug an, den ihm die Mutter der Kinder anbietet. Nach einem großen Schluck greift er nach seiner Cister und stimmt eine leise Melodie an.

Die Familie, die sich nun vollständig ums Feuer versammelt hat, verstummt und lauscht der tiefen, melodiösen Stimme des Barden:

Die Geschichte von Ankhoel dem Krieger

Ankhoel der Krieger war in seinem Volk über alle Maßen beliebt, denn er war ein freundlicher, höflicher Mann, von großer und mächtiger Statur. Sein Herz war groß und offen, sein Gemüt sanft und ruhig. Er war ein guter Krieger, der nur kämpfte, wenn es sein musste, doch dann mit umso mehr Wut und Kraft. Ein erfolgreicher Jäger war er auch.

Wie schon viele Jahre zuvor, streifte Ankhoel an einem kalten Frühlingstag durch die großen Wälder des Nordens, in dem sein Volk lebte. Doch auch die Feinde seines Stammes lebten in den großen Wäldern, hoch im Norden. So traf Ankhoel in der Abenddämmerung auf einige Priester des Feindes, die an einer alten Kultstätte eine Opferungszeremonie vollzogen. Zu Ehren ihres Sonnengottes opferten sie kleine Mondwolfswelpen, noch keine Woche alt. Die Mondwölfe waren die heiligen Tiere des Mondgottes und ihr Fell glänzte wie Mondschein auf einem See. Voller Entsetzen beobachtete Ankhoel, wie die Priester die kleinen Tiere nacheinander töteten. Da entdeckte ihn einer der Wächter. Statt zu fliehen, wie es ein normaler Mann getan hätte, der sich einem Dutzend Feinde gegenübersah, trat Ankhoel aus seinem Versteck und stellte sich zum Kampf. Wie ein Wintersturm wütete er unter den Wächtern. Als fünf von ihnen zerschmettert am Boden lagen, floh der Rest. Ankhoel trat zur Opferstelle und es tat in seinem tiefsten Innern weh, wie er die toten Welpen sah. Doch die Priester hatten ihr blutiges Ritual nicht beenden können: Vier Welpen waren noch am Leben. Ankhoel nahm sie in seine breiten Hände und ging mit ihnen zu seinem Nachtlager, das er an einem kleinen Bach aufgeschlagen hatte. Dort kümmerte er sich liebevoll um die Welpen, gab ihnen Milch, die er bei sich hatte und nach und nach auch Fleisch und Wasser. So zog er sie groß, bis sie junge Wölfe waren. Als es Vollmond wurde, verließen sie ihn, um ihrer eigenen Wege zu gehen. Der Mondgott bedankte sich bei Ankhoel für seine selbstlose Fürsorge, denn Geben und Nehmen ist das oberste Gebot zwischen Mensch und Gott. So gab der Mond Ankhoel einen der jungen Wölfe, ein Weibchen, als Gefährten. Und er gab dieser die Macht, sich in jeder Vollmondnacht in eine Frau zu verwandeln, deren Haut so sanft ist wie Wolfsfell, und die so schön ist, dass der Mondschein von ihr geblendet war.

Ankhoel, der lange vergeblich nach einer Frau in seinem Stamm gesucht hatte, nahm dieses Geschenk des Mondes dankbar an und machte die Wolfsfrau zu seiner Gefährtin.

Aber in seinem Volk stieß er damit auf Widerstand, denn die Stammesältesten fürchteten die Macht, die die Wolfsfrau hatte und die unverheirateten Frauen waren eifersüchtig auf sie, denn sie wollten Ankhoel für sich. So wurde Ankhoel aus seinem Volk verstoßen.

Als Einzelgänger streifte er mit seiner Gefährtin durch die großen Wälder. Jedoch hatte er auch hier keinen Frieden, denn die überlebenden Priester hatten ihren Stamm dazu gebracht, Ankhoel zu jagen, um sich an ihm zu rächen für den Mord, den er an ihren Kameraden begangen hatte. So floh Ankhoel vor seinen Häschern in immer wildere Teile des Waldes. Als er mit seiner Gefährtin wieder von seinen Verfolgern aufgespürt und verfolgt wurde, traf sie ein Pfeil an der Schulter und sie stürzte. Ankhoel nahm sie auf seine Arme und floh mit ihr. In der Nacht flehte er zum Mond, denn er konnte ihre Wunde nicht heilen und sie würde daran sterben. So bat er den Mond, sie zu heilen. Der Mond gab ihm, worum er bat, doch gleichzeitig nahm er Ankhoels Gefährtin die Macht, sich in eine Frau zu verwandeln.

Ankhoel, der Angst hatte, sie für immer zu verlieren, akzeptierte diesen Handel und pflegte seine Gefährtin. Als aber die nächste Vollmondnacht kam, vermisste er ihre menschliche Gestalt. Seine Trauer drang so tief, dass kein Versuch, ihn davon abzubringen, von Erfolg gekrönt war. Ankhoel saß in einer großen Senke, sah den Mond klagend an und begann zu weinen. Zwischen den Tränen des Schmerzes mischten sich auch Tränen der Wut. Eine tiefe Wut über seine Feinde, die ihm dieses Schicksal angetan hatten. Und so weinte Ankhoel. Der nächste Tag brach an, doch seine Tränen versiegten nicht. Tag um Tag, Nacht um Nacht weinte Ankhoel und seine Tränen sammelten sich zu seinen Füßen und wurden mehr und mehr. Seine Gefährtin harrte verzweifelt neben ihm aus, nicht wissend, was sie tun konnte, um Ankhoel glücklich zu machen. Auch sie vermisste die Nächte in Menschengestalt und konnte Ankhoel nicht trösten.

Als der nächste Vollmond anbrach, waren Ankhoels Tränen bereits zu einem See angeschwollen, der stetig größer wurde. Da Ankhoel sich nicht von Ort und Stelle rührte, drohte er, in seinen Tränen zu ertrinken.

Da begann seine Gefährtin zu jaulen und zu heulen. So flehte sie den Mond an und bat ihn, ihr zu helfen, damit Ankhoel nicht in seinem Leid ertrank. Der Mond aber wollte ihr nicht helfen.

Da sie sah, dass Ankhoel bis zum Hals im Wasser war, rief sie verzweifelt:“Wenn er nicht leben und lieben kann, so will auch ich nicht mehr leben.“

Der Mond war entsetzt, das zu hören, denn er wollte keinen einzigen seiner Mondwölfe verlieren. Um sie zu retten, gab er ihr wieder die Macht, jede Vollmondnacht eine Frau zu werden. Doch da der Mond auch nehmen muss, wenn er gibt, nahm er Ankhoel seine Freiheit, sodass dieser fortan für immer an der Stelle verweilen musste, an der er saß. Die Wölfin dankte dem Mond für seine Hilfe und verwandelte sich in eine Frau. So eilte sie zu Ankhoel, doch der See hatte ihn inzwischen schon vollständig verschluckt.

Sie tauchte zu ihm hinab auf den Grund des Sees und gab ihm ihren Atem. Da hörte Ankhoel auf zu weinen und nahm seine Geliebte in den Arm. Doch konnte er sich nicht erheben und musste am Grunde des Sees bleiben. Seine Geliebte jedoch versorgte ihn mit ihrem Atem, sodass er nicht ertrank. Da ihr aber nur eine Nacht gegeben war, musste sie sich beeilen und ihm wieder und wieder von ihrem Atem einhauchen, damit er bis zum nächsten Vollmond überlebte. So waren die beiden in Liebe aneinander gebunden, unfähig, dem Schicksal zu entkommen.

Seit jener Nacht taucht seine Geliebte auf den Grund des Sees, wenn der Vollmond die Wasseroberfläche erhellt und teilt ihren Atem mit ihm.

In den 7 Jahren seit jener Nacht gebar sie, immer zu Vollmond, 7 Söhne, in deren Adern Wolfsblut und Menschenblut gemischt sind. Als sie groß geworden waren, zogen ihre Söhne aus und gründeten je einen Clan, die zusammen ein Volk der Wolfsmenschen waren. Jeder Sohn war ein Clansherr, die zu Vollmond am großen Kriegersee zusammenkamen um ihre Mutter zu besuchen und an ihren Vater zu denken, der so ein großes Opfer auf sich genommen hatte.

Der Barde endet mit seiner Geschichte und lächelt, als er sieht, wie den Kindern fast die Augen aus dem Kopf fallen. Er nimmt noch einen Schluck vom Met und lehnt sich zurück.
"Das, meine Kinder", spricht er, "ist der Ursprung unseres Volkes. Wir sind das Wolfsvolk."

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