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Srandilas Entscheidung

(von dat Ly)

Das siebzehnte Türchen führt hinaus in ein üppiges Dickicht aus wucherndem Grün. Die Sonne steht schon tief am Himmel, als sich über einen schmalen Dschungelpfad eine grimmig dreinschauende Sedschu nähert...

„Ich hasse dieses Grünzeug!“

Wie so oft stapfte Srandila wütend durch den Dschungel von Ethorn. Manchmal hatte sie den Eindruck, dass die Pflanzen, die sie täglich köpfte, sich über Nacht nicht nur erholten, sondern gleich doppelt so groß wurden.

So musste sie sich jeden Tag erneut einen Weg durch das dichte Grün bahnen, um auf die Jagd zu gehen.

Aber Srandila hasste nicht nur die Pflanzen und den Dschungel, sondern ihr ganzes Leben an Land. Sie verfluchte ihre Vorfahren jeden Morgen, dass sie sich für ein Leben an Land entschieden hatten.

Erst als sie die Ruhebecken ihres Volkes erreichte, die im Licht der untergehenden Sonne geheimnisvoll funkelten, wurde sie langsam ruhiger.Die mannsgroßen Becken aus weißem Kalkstein, die sich kaskadenartig an die kleinen Hügel schmiegten, war die letzte Verbindung zum Meer.Denn obwohl die Neugier ihre Vorfahren an Land getrieben hatte, wollten und konnten sie nicht gänzlich auf das Wasser verzichten. Und so hatte Belirah ihnen nicht nur Beine geschenkt, sondern auch diese ungewöhnlichen „Betten“ am Rande des Dschungels.

Erleichtert ließ Srandila ihren Bogen und ihre Pfeile neben ihrem Wasserbett ins Gras fallen, entkleidete sich und ließ sich seufzend ins Wasser gleiten.
„Warum kann es nicht immer so sein?“ fragte sie leise in den Wind und schloss seufzend die Augen.

Die leichte Strömung, die dadurch entstand, dass das Wasser von der Spitze der Hügel durch die einzelnen Becken nach unten floss, umspielte ihren Körper und entspannte ihre Muskeln. Sie war fast eingeschlafen, als ein leises Tropfen sie aus ihrem Dämmerzustand riss.

„Wieso regnet es jetzt?“ fragte sie schlaftrunken und blinzelte hoch zum Himmel. Doch da war keine einzige Wolke zu sehen.

Verwirrt richtete sie sich auf und versuchte den Ursprung der Tropfen festzustellen, die nach wie vor auf das Wasser in ihrem Becken tropften. Schließlich entdeckte sie über sich, in der Krone eines Baumes, den Schatten eines Seelendrachen. Seine winzigen Schultern zuckten im verlöschenden Sonnenlicht und wenn Srandila genau hinhörte, konnte sie auch ein leises Schluchzen hören.

„Hej du da oben! Kannst du dir vielleicht woanders die Seele aus dem Leib heulen? Ich würde gerne schlafen.“ rief sie ungehalten zu dem kleinen Wesen hinauf und verlieh ihrem Ärger mit einem Schub Wasser nachdruck.

Erschrocken flatterte der kleine Drache in die Höhe, bevor er sich umdrehte und Srandila direkt in die Augen sah.

Seine Augen glühten grün in der Dämmerung auf und innerhalb von wenigen Wimpernschlägen fühlte Srandila sich bis in ihr tiefstes Innere durchleuchtet.

Bevor sie dem Seelendrachen weitere Gemeinheiten an den Kopf werfen konnte, verblasste das Leuchten in dessen Augen und er kam kurz vor ihrem Gesicht in der Luft zum stehen.

„Was weißt du schon? Du weinst stumm um ein Leben, das du nie führen können wirst. Du bist was du bist! Du bist eine Sedschu und keine Seeschlange. Du ruinierst dein Leben aus freien Stücken, indem du dir etwas wünschst, was nie sein kann. Ich dagegen bin unfreiwillig geteilt. Du weißt, dass wir nur eine Hälfte einer Seele sind und das die andere Hälfte in einem Sol'etienne gefangen ist. Was meinst du wie DAS ist? Wenn man, im wahrsten Sinne des Wortes, zerrissen ist?“

„Dann such sie doch und sitz hier nicht heulend rum!“ entgegnete Srandila schwach, während sie versuchte einen größeren Abstand zwischen ihrem Gesicht und dem kleinen Drachen zu bringen.

„Dumme Sedschu. Ich bin 15 Sommer auf dieser Welt und tue mein ganzes Leben schon nichts anderes. Und ich kann mir noch nicht einmal sicher sein, dass die andere Hälfte meiner Seele derzeit lebt. Habe ich da kein Recht auf Tränen?“

„Doch!“ lenkte Srandila ein, „Aber kannst du es nicht woanders tun?“

Im selben Moment indem sie es sagte, wusste sie schon, dass es ein Fehler gewesen war. Der kleine Drache explodierte aufgebracht und flog hinauf in die Baumkronen.

„Stirb an deiner sinnlosen Traurigkeit!“ rief er Srandila noch zu, bevor er verschwand.

„Endlich Ruhe!“

Srandila ließ sich wieder zurück in ihr Wasserbett gleiten und schloss die Augen.

Zuerst genoss sie nur die Ruhe, doch dann holte sie das eben Gesagte ein.

Er hat Unrecht. Ich darf traurig sein.
...
Darfst du schon, aber bringt es dir etwas?
...
Du machst dich doch nur selbst verrückt. ... Er hat Recht!
Es gibt wichtigeres ...zum Beispiel...

„Die zweite Hälfte einer Seele. ... Warte! Ich werde dir bei deiner Suche helfen.“ rief Srandila hinauf in die Dunkelheit.

Überrascht über sich selbst, beobachtete Srandila sich dabei, wie sie aus ihrem Wasserbett stieg, sich anzog und wiederholt hinauf in den Nachthimmel starrte.

Es gab wichtigere Dinge im Leben, als das Bedauern einer Tatsache, die sie nicht ändern konnte.

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