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Das Feuerfliegenfest

(von Vinni)

Das achtzehnte Türchen wird von moosbewachsenen, lebendigen Ästen gebildet. Durch einen Schleier aus herunterhängendem Laub kann man auf eine große Plattform hinaustreten, die mehrere Meter über dem Boden liegt – mitten hinein in einen ganz besonderen Tag...

Es würde ein aufregender Tag werden! Das wusste Tiquitiquai, die kleine Schwester der Wasserschlange. Die junge Späherin wusste es bereits, als sie am Morgen munter wurde und das Licht durch die geflochtenen Wände der Hütte fallen sah.

Ein besonderer Tag für die Niasso!

Das Dorf der Sumpfleute befand sich in den ausladenden Ästen des großen Lianenbaumes. Wie Blüten hingen die geflochtenen Hütten zwischen den Ästen. Geflochtene Stege und Leitern bildeten ein feines Gespinst von Verbindungen. Hier und da gab es breitere Plattformen, wo man sich zwischen den Hütten zum Arbeiten treffen konnte oder zum Schwatzen. Und auch ganz unten, dicht über dem nassen Grund des Sumpfes gab es eine Plattform, auf der sich das ganze Dorf würde versammeln können. Kleine, schmale Leute mit blassblauer Haut und struppigem schwarzen Haar. Niasso.

Der Sumpf war ihre Heimat. Sie nutzten, was er ihnen bot, und lebten in seinem Rhythmus – mit dem Wasser, das stieg und fiel, mit den Regenfällen, mit den Mücken, die die Fischschwärme herbeiriefen, mit den Laufvögeln, die durch den Sumpfwald zogen. Viele kleine und große Wunder, die der Sumpf tagtäglich für seine Bewohner bereithielt. Und heute war der Tag für ein besonderes Wunder: Das Feuerfliegenfest!

Alle wussten es und alle freuten sich. Tiquitiquai genoss mit den anderen die Vorfreude. Den ganzen Tag sprach und scherzte sie mit den anderen. Es wurde gegessen und gespielt, gelacht und geredet. Alle Arbeit ruhte und alle warteten gespannt auf den Einbruch der Dunkelheit.

Und dann wurde es still bei dem ach so geschwätzigen Völkchen. Denn heute war der Tag, an dem Ioflenai, die Feuerfliegen, ihren Hochzeitsflug hielten und die Nacht mit ihrem Glühen erhellten.

Alle Niasso saßen andächtig auf den Ästen des Baumes und sahen hinab.

Erst schimmerte nur das Wasser des Sumpfes. Nasse Blätter und feuchter Boden.

Doch dann kamen die Lichter.

Winzige Leuchtpunkte in der Nacht. Erst einzeln, dann immer mehr und mehr bis sie wie ein leuchtendes, lebendes Tuch den Boden bedeckten. Die Feuerfliegen! Sie waren auf ihrem Hochzeitsflug! Mit ihrem Licht fanden sich die Paare zueinander, konnten sich dicht über dem Grund begatten und im nassen Boden ihre Eier ablegen. Aus den Eiern würden neue Tiere schlüpfen und im nächsten Jahr ihrerseits mit ihrem Glühen die Nacht erhellen. Würden sich wiederum paaren und wiederum Eier ablegen. Leuchtendes Zeichen für den Kreislauf des Lebens.

Tiquitiquai verfolgte staunend wie die anderen Niasso das Schauspiel des Sumpfes. Doch dann huschte sie leise die geflochtenen Wege hinab bis dicht über das Leuchten.

Hier auf der untersten Plattform, dicht über den Feuerfliegen und ihrem Hochzeitsflug, traf sie sich mit den anderen jungen Niasso, die noch keine eigene Familie hatten. Es war ihre Aufgabe, das Licht der Feuerfliegen in das Dorf zu bringen. Teil zu haben an den glühenden Reigen – und das ganze Dorf teilhaben zu lassen.

Alle Niasso im Dorf hatten zuvor geholfen, die Samen des Ioftukeo, des Flügelnussbaumes zusammenzutragen. Kleine, harte Nüsse, die an einem langen Wedel jeweils ein Paar Flügel trugen. Mit denen kreiselten sie zu Boden oder ließen sich vom Wind davon tragen, um die Samen des Baumes weit zu verteilen.

Tiquitiquai und die anderen hatten viel Zeit damit verbracht, die Flügelnüsse zusammenzudrehen. Immer mehrere der Samengebilde wurden von ihnen mit geschickten Fingern, geknickt, geflochten. Jetzt trugen viele Flügelpaare jeweils eine Nuss.

Jetzt schlugen die Niasso Feuer. Tiquitiquai hielt mit weichen Händen einen der gebastelten Flieger, so dass ein anderer die Nuss entzünden konnte.

Sie brannten hell und heiß, aber langsam. Und die Hitze genügte, dass die zarten Flügel zu kreiseln begannen und sich nach oben schraubten. Iofalai – Feuerflügel. Wie durch Zauberhand schwebten die kreiselnden Lichter nach oben. Tiquitiquai ließ sie fliegen mit all ihren guten Wünschen für das Dorf und die Sumpfleute. Eins und noch eins und immer mehr. Und darunter leuchteten lautlos und anmutig die Feuerfliegen.

Die Niasso in ihrem Wohnbaum blickten andächtig auf die schwebenden Lichter. Die Kinder mit ungläubigem Staunen, die Älteren mit wissendem Lächeln.

Für sie alle war es ein Zeichen des Lebens. Zeichen, sich zu besinnen und zu freuen, dass man am Leben war und seine Familie um sich hatte. Und auch, um an die Toten zu denken, die auf dem Kreis des Lebens schon vorausgeschritten waren und nun als Ahnen wachten. Alles war lebendig, und das Leben war schön.

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