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Wie Fuchs die Farbe des Himmels stahl

(von Taipan)

Das neunzehnte Türchen führt in einen Wald hinaus. Es scheint spät im Herbst zu sein. Zwei Orony, ein älterer Mann und ein Junge, kommen auf das Türchen zu. Direkt davor bückt sich der Mann und stochert mit einem Stöckchen im Laub herum. Etwas schnappt zu, und er zieht eine Falle zwischen den Blättern hervor. Er zwinkert dem Jungen zu, und beide gehen weiter. Die leise Stimme des Alten ist noch zu hören, als beide schon zwischen Büschen und Bäumen verschwunden sind...

‚Vor langer Zeit, als noch nicht die eingebildeten Djajels in unsere Heimat gekommen waren, ja noch lange bevor wir lebten, gab es schon Tiere und Pflanzen und die meisten anderen Geschöpfe, die wir heute noch finden können. Doch nur die wenigsten sahen damals so aus wie heute, denn auch wenn Quidhaurir bereits Leben erschaffen hatte, so hatte er nicht daran gedacht ihnen auch Farbe zu geben. Alle Lebewesen, egal ob Sternröschen oder Maulwurf, Ostebor oder Herquinfalter, sie waren alle ganz grau, als ob wie heute alles in Nebel getaucht wäre, nur ohne Nebel.‘

‚Aber einige Tiere sind ja noch immer grau.‘

‚Natürlich! Und es hat seine Gründe, warum sie noch immer genau so grau sind wie ihre Ahnen am ersten Tag. Aber sei nicht so ungeduldig! Das will ich dir ja erzählen. Auf alle Fälle waren Pflanzen und Tiere nicht besonders glücklich über ihr langweiliges Aussehen, und auch nicht über die Welt, denn sie war schließlich ebenfalls ein äußerst langweiliger Ort, alles in langweiliges Grau getaucht. Deshalb beschwerten sie sich alle bei Quidhaurir, der als einziger in seinem prächtigen blauen Palast am Himmel lebte, ständig umgeben von Sonne, Mond und Sternen, die schließlich auch alle ganz hübsch anzusehen sind. Das Jammern seiner Geschöpfe drang schließlich auch an Quidhaurirs Ohren und so beschloss er allen Tieren und Pflanzen Farbe zu geben. Er stieg hinunter in die Welt, mit einem großen Sack voller Farbe und rief alle Tiere und Pflanzen zu sich. Und dann begann er an ihnen die Farben im Sack zu verteilen. Grün gefiel besonders den Pflanzen, Braun mit Flecken und Streifen beanspruchten vor allem die haarigen Tiere für sich und Blume und Schmetterlinge faszinierten sich für besonders leuchtende Farben.

Auch Fuchs war ganz begeistert von der Idee, dass ihr langweiliges graue Fell endlich interessanter werden würde. Besonders gerne hätte sie ein blaues Fell gehabt, so ein Blau wie das des Himmels, denn sie war damals noch ein sehr eitles Geschöpf. Doch Quidhaurir hatte nur ganz wenig Blau mitgenommen und davon alles bereits an Blumen, Schmetterlinge und einigen wenigen Vögeln verteilt. Doch Fuchs wusste das nicht und so wartete sie auf den Augenblick, an dem Quidhaurir endlich wieder ein Stückchen Blau aus seinem Sack ziehen würde. Doch es kam, wie es kommen musste: Quidhaurir hatte schließlich nur mehr ein Farbstück im Sack, und das war ein langweiliger schwarzer Klecks, mit dem sich Fuchs gerade einmal ihre Schwanzspitze färben konnte. Nun hätte Fuchs erleichtert sein können – einige Tiere waren ganz leer ausgegangen – doch sie war damals ein sehr eitles Geschöpf und sie konnte es nicht ertragen, dass andere Geschöpfe viel farbenprächtiger aussahen als sie.

„Oh, könntest du mir nur etwas Farbe von deinem prächtigen Palast schenken“, rief da Fuchs zum blauen Himmel. „Ich wäre das glücklichste all deiner Geschöpfe!“

Doch Quidhaurir antwortete nicht. Vielleicht hörte er Fuchs einfach nicht, so ein Fuchs ist schließlich ein ganz kleines Tier. Doch Fuchs wurde sehr böse und beschloss zu Quidhaurirs blauen Palast zu reisen und ein Stück von der Farbe des Himmels zu stehlen, um damit das eigene Fell zu färben.

Nun liegt aber der Himmel hoch oben und ein Fuchs ist ein kleines Tier, viel zu klein um ihn zu erreichen. Fuchs gab ihr Bestes und sprang so hoch sie konnte, doch sie kam nicht einmal in die Nähe. Hase beobachtete sie lange Zeit und fragte schließlich, was Fuchs denn da so treibe.

„Ich versuche zum Himmel zu gelangen“, antwortete da Fuchs.

Da lachte Hase. „Du willst zum Himmel springen, Fuchs? Ich kann viel höher springen und selbst ich kann ihn nicht erreichen. Außerdem hab ich ein viel schöneres Fell.“ Mit diesen Worten sprang Hase davon, so hoch und so weit sie konnte, um Fuchs besonders zu ärgern. Fuchs wurde sehr böse auf Hase und noch heute töten Füchse deshalb jeden Hasen, den sie erwischen können. Doch Fuchs musste auch einsehen, dass sie niemals zum Himmel springen würde könne, wenn das nicht einmal Hase gelang.

Daher begann sie einen Tunnel zu graben, der – wie sie glaubte – zum Himmel führen sollte. Fuchs glaubte damals nämlich noch, dass man jedem Ort der Welt durch einen Tunnel erreichen konnte, einen Tunnel, den sie eben noch graben musste. Doch sie vergaß, dass der Himmel nicht von dieser Welt ist und deshalb nicht über einen Tunnel zu erreichen ist. So grub und grub sie, bis Maus, Maulwurf, Wurm und alle anderen Tiere der Erde ihr ganz verwundert zusahen, bis sie alle wissen wollten, was Fuchs da eigentlich mache.

„Ich grabe einen Tunnel zum Himmel.“

Da lachten Maus, Maulwurf, Wurm und alle anderen Tiere der Erde. „Du willst einen Tunnel zum Himmel graben, Fuchs? Wir können alle viel besser graben und können ihn trotzdem nicht erreichen. Außerdem sehen wir alle viel schöner aus als du.“ Mit diesen Worten verschwanden sie in ihre Tunnel, um Fuchs besonders zu ärgern. Fuchs wurde sehr böse auf Maus, Maulwurf, Wurm und alle anderen Tiere der Erde und noch heute töten Füchse deshalb jede Maus, jeden Maulwurf, jeden Wurm und jedes Tier der Erde, das sie erwischen können. Doch Fuchs musste auch einsehen, dass sie niemals einen Tunnel zum Himmel graben würde können, wenn das nicht einmal den Tieren der Erde gelang.

Da sah Fuchs, wie die Vögel mühelos zwischen Himmel und Erde schwebten und beschloss ebenfalls fliegen zu lernen, um den Himmel zu erreichen. Doch egal was Fuchs auch anstellte, so sehr sie auch mit ihren Beinen in der Luft ruderte, fliegen konnte sie nicht. Sie hatte nämlich schon damals keine Flügel. Die Vögel des Himmels sahen ihr bei ihren Versuchen neugierig zu und schließlich wollten sie wissen, was Fuchs eigentlich da so mache.

„Ich will das Fliegen lernen, damit ich den Himmel erreichen kann, genau so wie ihr.“

Da lachten die Vögel des Himmels. „Du willst Fliegen lernen und hast überhaupt keine Flügel, Fuchs? Wir hatten gedacht, wenn Fuchs doch so hässlich grau aussieht, dann müsste sie doch sicherlich etwas mehr Verstand haben, doch da haben wir uns wohl getäuscht.“ Mit diesen Worten flogen alle Vögel in die Lüfte. Ihnen hat nämlich Quidhaurir besonders viel Farbe gegeben, weshalb sie sehr eingebildet und vorlaut sind. Fuchs wurde sehr böse auf die Vögel und noch heute töten Füchse deshalb jeden Vogel, den sie erwischen können. Doch Fuchs musste auch einsehen, dass er ohne Flügel wohl nie den Himmel würde erreichen können, und da ihr nun nichts mehr einfallen wollte, wurde sie ganz traurig.

„Fuchs, weshalb bist du denn so traurig?“ fragte da Blausternchen, die damals noch nicht Blausternchen hieß.

„Oh“, jammerte da Fuchs. „Ich will zum Himmel, doch ich kann ihn nicht erreichen. Ich kann nicht hoch genug springen, nicht tief genug graben und fliegen kann ich schon gar nicht. Aber du bist ja nur ein garstiger, kleiner Vogel, der sich über mich lustig macht.“

Blausternchen ließ sich aber nicht von Fuchs einschüchtern, sondern fragte: „Warum willst du denn zum Himmel?“

„Ich will zum Himmel, um mir etwas von seiner blauen Farbe zu stehlen, um damit mein Fell schöner zu färben“, antwortete da Fuchs. „Aber du bist ja nur ein garstiger, kleiner Vogel, der sich über mich lustig macht.“

„Ich bin vielleicht nur ein Vogel, aber ich habe Flügel und ich kann dich zum Himmel bringen. Und wenn du mir etwas von der Farbe des Himmels gibst, dann werde ich dich auch dorthin tragen“, sagte da Blausternchen, die damals noch nicht Blausternchen hieß. „Ich bin nämlich auch zu spät gekommen, als Quidhaurir seine Farben verteilt hat.“‘

‚Wie konnte Mütterchen Fuchs denn auf so einem kleinen Vogel reiten?‘

‚Das kann niemand mehr sagen, aber ich glaube, die ersten Tiere waren viel stärke als die Tiere heute. Blausternchen trug auf alle Fälle Fuchs zum Himmel, ohne dass Quidhaurir es bemerkt hätte. In Quidhaurirs Palast sah alles natürlich genauso prächtig aus, wie es sich Fuchs immer vorgestellt hatte, und alles war in Blau getaucht. Da war das blasse Blau der Blauherzen und das tintige Blau einer mondlosen Nacht. Fuchs war ganz gebannt von all der Schönheit, trotzdem vergaß sie nicht, weshalb sie eigentlich gekommen war. Sie nahm etwas Blau und färbte damit ihr Fell und es wurde wie Quidhaurirs Palast, so blassblau wie die Blüten der Blauherzen und so tintig wie eine mondlose Nacht. Fuchs vergaß aber auch nicht ihr Versprechen und nahm etwas Blau für Blausternchen mit. Es war nicht viel Blau und reichte nur für einen kleinen sternförmigen Fleck auf Blausternchens Stirn – und erst seit diesem Tag heißt Blausternchen auch Blausternchen. Blausternchen war auf alle Fälle zufrieden und brachte Fuchs sicher wieder zurück auf den Boden – und seither sind Blausternchen die einzigen Vögel, die Füchse nicht jagen.

Als Fuchs wieder auf dem Boden war, staunten alle Tiere und Pflanzen über ihr wunderbares Fell, das jede Farbe des Himmels hatte, und bald sprach sich die Geschichte von ihrem Diebstahl herum. Schließlich erfuhr auch Quidhaurir davon und wurde darüber sehr wütend, denn all seinen Geschöpfen war der Zugang zu seinem Palast verboten. Da zog er dicke graue Wolken vor seinen Palast, die mehr an Mauern als an die Wolken von heute erinnerten und große Schatten über die Welt warfen. Dann formte er aus Wasser und Luft die ersten Nebelgeister und schickte sie los, um Fuchs zu finden.

Die Nebelgeister stiegen zur Erde und machten Jagd auf Fuchs, doch Füchse sind sehr schnelle und schlaue Tiere, und so jagten sie vergebens hinter ihr her. Doch den anderen Tieren und Pflanzen wurde ganz Angst und Bange, denn im Nebel konnten sie kaum sehen und die wunderbaren neuen Farben verblaßten.

Da flog Herquinfalter, der von Quidhaurir besonders reicht beschenkt worden war, zu Fuchs und rief: „Fuchs, Fuchs, oh gib doch Quidhaurir die Farbe des Himmels zurück!“

Doch Fuchs antwortete: „Dann habe ich wieder nur ein langweiliges graues Fell wie früher und du bist wieder das prächtigste Lebewesen. Nein, da behalte ich lieber mein Blau und laufe für immer den Nebelgeistern davon.“ Und dann war Fuchs auch schon weg, denn die Nebelgeister waren ihr dicht auf den Fersen.

Da rief Pariliakopf, eine Blume, die besonders reich von Quidhaurir beschenkt worden war, der vorbeilaufenden Fuchs zu: „Fuchs, Fuchs, oh gib doch Quidhaurir die Farbe des Himmels zurück!“

Doch Fuchs antwortete: „Dann habe ich wieder nur ein langweiliges graues Fell wie früher und du bist wieder das prächtigste Lebewesen. Nein, da behalte ich lieber mein Blau und laufe für immer den Nebelgeistern davon.“ Und dann war Fuchs auch schon weg, denn die Nebelgeister waren ihr noch immer dicht auf den Fersen.

Da stellte sich Olm, der überhaupt keine Farbe von Quidhaurir bekommen hatte und dem Farben auch egal waren – Olm war nämlich schon damals blind – Fuchs in den Weg und rief: „Fuchs, Fuchs, oh gib doch Quidhaurir die Farbe des Himmels zurück!“

Doch Fuchs antwortete: „Dann habe ich wieder nur ein langweiliges graues Fell wie früher und du bist wieder das prächtigste Lebewesen. Nein, da behalte ich lieber mein Blau und laufe für immer den Nebelgeistern davon.“ Doch da bemerkte Fuchs, dass Olm gar keine Farbe hatte und überhaupt kein prächtiges Tier war. Und erst jetzt fiel ihr auf, dass auch ihr wunderbares Blau im Nebel fast ebenso grau aussah wie vor ihrer Reise zum Himmel. „Olm“, rief da Fuchs, „du bist die einzige, dir zu mir gesprochen hat ohne nur an sich zu denken, denn du bist blind und kannst Farben überhaupt nicht sehen. Daher werde ich Quidhaurir die Farbe des Himmels zurückgeben, denn im Nebel kann ich mich auch nicht daran erfreuen.“

Fuchs legte schweren Herzens die blaue Farbe ab, damit die Nebelgeister sie finden und zurück zu Quidhaurir bringen könnten, was sie auch taten.

Seit diesem Tag sind wieder alle Füchse so grau wie an ihrem ersten Tag. Nur den schwarzen klecks an ihrer Schwanzspitze, den Fuchs von Quidhaurir bekommen hatte, tragen sie noch heute. Doch manchmal blickt ein Fuchs sehnsüchtig in den Himmel und träumt von dem wunderbaren Blau. Und dann kommt vielleicht auch ein Blausternchen vorbei und bringt diesen Fuchs in den Himmel, schließlich sind Füchse sehr diebische Tiere. Und dann wird Quidhaurir wieder seine Nebelgeister schicken, so wie heute, und im Nebel kannst du vielleicht einen dieser blauen Füchse entdecken, wie er sich von den Nebelgeistern versteckt.‘

‚Und deshalb machen wir all die Fallen unbrauchbar, die wir gestern für den Dajale aus dem Süden aufgestellt haben?‘

‚Ganz genau! Stell dir nur vor, es gelänge dieser Katze tatsächlich einen Blaufuchs zu fangen oder gar zu töten! Ständig wäre hier alles in tiefen Nebel getaucht, so wie heute. Denn so ein dummer Djajels weiß ja nicht, dass dem Fuchs gar nicht die Farbe gehört und wird sie Quidhaurir wohl auch nicht zurückgeben wollen.‘

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