Frei wie der Wind

(von Sturmfaenger)

Eine Wolke aus warmem, stinkenden Nebel verhüllt das zwanzigste Türchen. Wer hindurch will, muß bis zu den Knien durch schlammiges Wasser waten. Eine Kakophonie aus schrillen Vogelschreien und dem Summen abertausender Mücken verrät, daß hinter dem Türchen eine ausgedehnte Sumpflandschaft liegen muss...

Mit kraftvollen Schlägen trieben die Ruderer die Boote der Strafexpedition durch die brackige Brühe, die sich hier Wasser nannte. Wabernde Dunstschlieren verschleierten den Blick auf das wuchernde Dickicht der wyssenischen Sümpfe.

Lordprinz Linry Vath’Kyrrth stand am Bug des vordersten Langbootes und versuchte seine Ungeduld zu zügeln. Keine Rebellen weit und breit.

Der einheimische Führer neben verströmte einen säuerlichen Geruch. Angst. Deutlich stach sie zwischen süßlichem Blütenduft und der allgegenwärtigen Fäulnis hervor.

„Zweifel?“ Linrys Stimme verriet nur mildes Interesse, aber seine Fingerspitzen ruhten auf dem Heft seines Dolches.

Der Mensch fuhr sich übers Gesicht, wischte Schweißperlen ab, die nicht alleine von der Hitze herrührten. „N-nein, großer Herr. Die Rebellen verstecken sich hier. Sie müssen ganz in der Nähe sein. H-hier gibt es Landinseln.“

Linry presste die Lippen fest zusammen. Hoffentlich.

Seine Geduld bei der Menschenjagd schwand in dem Maße, wie die Wut auf seinen Vater anschwoll. Es war fast unmöglich, in diesem Moderloch eine Handvoll verlauster Rebellen zu finden! Vater wußte das genau, er wollte ihn nur provozieren. Und Linry war dies zunehmend leid. Aber noch war er gezwungen, seinem Vater zu gehorchen.

Bald, schwor er sich grimmig. Bald.

Das Boot ruckelte als sie in ein weiteres Feld treibender Schlingpflanzen gerieten. Der Bootsführer ließ die Ruder einholen. Durch Staken kam man hier schneller voran.

“Jyawa kunieye“, flüsterte der Mensch neben ihm, und griff mit der Hand an sein Schutzamulett. „Wir werden noch vor Mittag dort sein. Eine verfluchte Gegend. Nur die schlimmsten Verbrecher verstecken sich dort.“

Linry betrachtete ihn aus den Augenwinkeln. Er vertraute dem Führer nicht. Der Mann hatte zuviel Angst. Sie konnte nicht nur von der Furcht vor Sumpfgeistern herrühren.

Doch je weiter sie vordrangen, desto nervöser wurden auch die restlichen wyssenischen Ruderer. Die Männer griffen wispernd nach ihren Amuletten. Sie beteten in ihrer Sprache, aber der Name der Landinseln war deutlich herauszuhören.

Linry schlug nach einer Mücke. Wenn sie dort nichts fanden würde er umkehren.

Ohne Vorwarnung ging ein Ruck durch das Boot, der Linry von den Füßen riss. Er knallte hart mit dem Rücken auf die Planken. Das Boot bockte und ruckelte wie ein Rhúh beim Zahmzwingen! „Jalla! Jalla ki’eiye! Jyawaie!“ Die Ruderer schrien in Panik durcheinander.

Im Gewirr aus wirbelnden Händen, Füßen und Stakstangen rappelte Linry sich auf, brüllte Befehle, bekam einen Ellenbogen ins Gesicht und fiel erneut zu Boden. Irgendetwas Großes glitt unter dem Boot hindurch. Das Wasser vor dem Bug begann zu schäumen.

Ein schuppiger Kopf, groß wie ein Wagenrad, tauchte aus dem Wasser auf. Linry, gerade wieder auf die Beine gekommen, riß die Augen auf. Zwischen herabtriefenden Wasserpflanzen und dem Gurgeln ausgestoßener Atemluft rollten kupferne Augäpfel in ihren Höhlen. Aus dem sich langsam öffnenden zahnbewehrten Maul drang ein tiefes Grollen.

Im Herzen der Panik stand Linry, und lachte der Gefahr ins Gesicht. Jetzt erst verstand er den Namen der Landinseln, der ihm vorher egal gewesen war. Jyawa Kunieye. Die Drachenköpfe.

Was für ein Biest. Welch eine Trophäe würde dieser Kopf abgeben!

Kampfeslust pulsierte in Linrys Adern. Wie von selbst glitt sein Schwert aus der Scheide – und wurde aus seiner Hand und mit ihm über Bord geschleudert als ihn ein harter Schlag von hinten traf. Verrat!

Wasser schlug über Linrys Kopf zusammen, drang ihm in Mund und Nase, doch er durfte nicht zögern, warf seinen schmerzenden Körper mit aller Macht nach links in die schleimigen Schlingpflanzen, wo er sein Schwert wußte.

Trotz der bremsenden Wirkung der Pflanzen würde es schnell versinken, wenn er es nicht zu fassen bekam. Eine wütende Welle schwappte über seinen Kopf, trieb ihn zur Eile an – der Drache war direkt hinter ihm!

Dicht neben ihm peitschte etwas ins Wasser. Eine Lanze, auf ihn gezielt, nicht auf den Drachen! In dem Moment bekam er sein Schwert zu packen, schnitt sich an der Schneide die Finger auf, doch neben ihm klatschte der Kopf des Drachens mit Wucht ins Wasser. Obwohl ihn das Maul verfehlte reichte die Druckwelle aus um sein Schwert endgültig fortzuwirbeln. Linry hatte nicht einmal Zeit zu fluchen.

Durch seinen Schwung glitt der lange Hals des Tieres an Linry vorbei, gefolgt vom restlichen Körper, und Linry nutzte die Chance um beide Hände fest in die Lederfalten des Halsansatzes zu graben. Der Drache brüllte und beschleunigte, doch Linry hatte schon seinen Dolch gezogen und bis zum Ansatz in den Rücken des Drachen gerammt. Sie schwammen so schnell wie das schnellste Pferd!

Die Boote und der Verräter blieben immer weiter hinter ihnen zurück, aber Linry ließ nicht los. Was war der wildeste Rhúhritt gegen dies?

Seine Füße fanden unerwartet Halt am Körper des Drachen, und erst als das Wasser links und rechts zu brodeln begann, erkannte Linry, daß er die Füße auf die zusammengefalteten Schwingen des Tieres gestemmt hatte! Hastig änderte er seine Position, während der gewaltige Körper sich immer mehr aus den Fluten hob.

Zu beiden Seiten öffneten sich lederne Schwingen und überschauerten Linry mit einem stinkenden Tropfenregen. Sie mußten nahe der Landinseln sein, denn Linry spürte die veränderten Bewegungen der gewaltigen Muskeln unter sich. Der Drache schwamm nicht mehr, er sprang! Mit einem gewaltigen Ruck stieß er sich ab und sie waren in der Luft.

Linry duckte sich unter den rauschenden Schwingen, und konnte sich nur noch festhalten. Die Bäume unter ihnen wurden immer kleiner, und der böige Wind riß Linry die wilden Schreie der Freude von den Lippen. Das war eines Lordprinzen würdig!

Zurück blieb der stickige Brodem des Sumpfes, über ihnen strahlte stolz die Sonne, und weit in der Ferne konnte er die Tafelberge im Sonnenlicht leuchten sehen.

Dann schlug der Drache einen Bogen, stieß einen hohen durchdringenden Schrei aus, legte die Flügel an und schoß nach unten. Der Sturzflug trieb Linry die Tränen in die Augen, doch er erkannte, daß der Drache wieder auf die Boote zuhielt, die inzwischen an der Landinsel angelegt hatten.

Klein wie Ameisen wuselten die Ruderer und Soldaten dort unten umher, doch hatten sie inzwischen wohl die Fassung wiedererlangt, denn Linry sah Lanzen und Schwerter, und als der Drache heran war, erwartete ihn eine Phallanx aus scharfem Stahl.

Weiterhin hohe Angriffsschreie ausstoßend ging der Drache auf die Männer nieder - und er lieferte ihnen einen wahrhaft ehrenvollen Kampf. Schließlich war es Linry, der, immer noch auf dem Rücken des Drachen hängend, dem Ganzen ein Ende machte, und dem stolzen Tier mit einer aus der Luft gefangenen Lanze den Todesstoß versetzte.

Schwer atmend stand er da, doch seine Augen leuchteten, und er spürte in den Jubelschreien seiner Männer ihren Stolz auf ihn.

Nicht alle hatten überlebt, und die meisten Ruderer hatten ihr Heil in der Flucht gesucht. Ein Boot war unter dem Wüten des Drachen zu Kleinholz geworden, ein weiteres schwer beschädigt. Doch was waren ein paar Menschenleben gegen diesen Sieg?

Linry sah sich um. Einige seiner Männer halfen den Verwundeten, andere begannen auf sein Nicken hin mit dem Nehmen der Trophäen. Wo war der Verräter?

„Findet mir unseren Führer, tot oder lebendig“, befahl Linry.

„Er liegt gefesselt im letzten Boot, Herr“, rief einer der Soldaten, eilte auf ihn zu und verneigte sich tief. „Ich habe gesehen wie er Euch mit dem Ruder schlug. Doch bis ich bei ihm war hatte er bereits die Lanze nach Euch geworfen.“

„Gut gehandelt, trotzdem. Sorge für seine Bewachung. Wir nehmen den Mann mit nach Daerlon. Wir brechen so bald wie möglich auf.“

„Wie Ihr befehlt, Herr.“

Während der Feldscher seine Wunden mit scharfem Schnaps reinigte, bedachte Linry den besiegten Drachen mit sinnenden Blicken. Was für ein königliches Wesen sich in diesem Sumpf verbarg. Fast war ihm, als könne er die schrillen Schreie des sterbenden Drachen immer noch hören. Linry blinzelte. Er hörte tatsächlich etwas.

Ungeduldig winkte er den Feldscher zur Seite, und ging ein paar Schritte aufs Wasser zu.

Es war zu leise, als daß seine Männer mit ihren Menschenohren es gehört hätten. Leise und hoch, wie ein schwaches Echo des Drachenschreis.

Linrys Gesicht erhellte sich in plötzlichem Begreifen. Natürlich.

Er winkte den nächsten Soldaten zu sich her. „Holt mir alle Stricke und Seile die ihr finden könnt. Wir werden noch jemanden mit nach Daerlon nehmen.“

Ein Junges. Zweifellos hatte der alte Drache es beschützen wollen.

Diese Rolle würde Linry nun übernehmen. Er würde das Drachenjunge fangen und aufziehen lassen, koste es was es wolle. Es würde immer noch wild sein, daran hatte er keinen Zweifel. Aber es würde ihn kennen. Und eines Tages würde er wieder auf einem Drachen reiten, und das berauschende Gefühl dieser Freiheit auskosten, die er heute zum ersten Mal gespürt hatte. Oh ja. Und wenn es gar gelang, weitere Drachenjunge zu fangen, würde er eine Drachengarde haben. Linry grinste. Das wäre doch etwas, in die Geschichte einzugehen als Lordfürst V’Kyrr, der Drachenzähmer.

Vergessen war der Ärger über seinen Vater, vergessen die toten Soldaten und die Unannehmlichkeiten des Sumpfes. Heute war ein sehr, sehr guter Tag.

weiter zum nächsten Türchen