Im Atem des Tages

(von Merlin)

Eine einsame Gestalt wandert am einundzwanzigsten Türchen vorbei, das zwischen sonnenverbrannten Felsen verborgen ist. Es ist eine junge Frau, fast noch ein Mädchen, und die Last auf ihren Schultern scheint fast zuviel für sie zu sein. Fast. Ihre Augen blicken entschlossen nach vorne, ja, sie scheinen sich förmlich an einer fernen Rauchsäule festzusaugen...

Vater Sonne webt heute viele seiner kühlen Nadeln zu einem Muster langer Schatten. Gerade jedoch treibt die Mittelwelt nicht unter Wolkeninseln und so stöhnen all jene, die sich nicht in Schatten flüchten können oder wollen, unter den brennenden Atemzügen des gehässigen Tagesgottes Gééaplut.

Mauria Plré wischt sich den Schweiß von der Stirn. Heute ist wohl einer von Gééapluts Lieblingstagen, um den himmlischen Gevatter zu ärgern. Ausgerechnet an diesem Tag stapft sie mit Handelsware beladen durch Sand und trockene Erde auf einer der letzten Inseln ihrer Unternehmung.

Bei einer Kalenderfrau hätte Mauria Vorhersagen über die Gewohnheiten der Götter zu dieser Jahreszeit einholen können. Natürlich hat Mauria lieber an ihren Bernsteinen gespart, denn immerhin verlangen die Kalenderfrauen in letzter Zeit große Opfer für die Befragung der Schriftgötter, und Mauria weiss von keiner Kalenderfrau, dass sie Unbekannten Preise gemacht hätte, bei denen man nachher nicht auf einen Bettlerstab gelehnt nach Hause wankt.

Mauria verflucht diesen Wucher ebenso wie das Fehlen von größeren Bäumen auf der heutigen Insel. Der große Markt ist noch drei Inseln entfernt, sie kann am Firmament die Fanale erkennen, riesige von Händlern entzündete Signalfeuer, deren Rauch für Reisende ein sicheres Anwesenheitszeichen ist. Dieser Anblick bringt Mauria dazu, ihre Schritte zu beschleunigen, um heute noch an die Ufer dieser Insel zu gelangen.

Sie hat kein Maultier mitgenommen, weil Vierbeiner nur schwerlich von einem Eiland zum nächsten kommen. Stattdessen schleppt Mauria auf ihrem ächzenden Rücken einen Tragebalken wie die Büffel ihr Joch.
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Eine schnelle Durchreise auf drei Inseln braucht mindestens die gleiche Zahl an Tagen. Um eine Insel zu verlassen, muss man nach Anbruch der Dunkelheit das Ritual des Entschwindens vollführen, weil ansonsten die Seele mit der Insel verbunden bleibt wie eine verflochtene Wurzel im trockenen Boden. Diejenigen, die ohne diesen Vorgang zu beachten eine Insel verlassen haben… Mauria denkt an ihrem Nachtlager über diese Frage nach, während sie die Utensilien für das Ritual bereitlegt: eine am Anfang der Reise geschnitzte Kelle und einen Stein aus einer ganzen Reihe von Steinen, die sie auf dem Weg eingesammelt hat.

Dann entsinnt sie sich an die Worte ihres Vaters: Für die Übeltäter, die das Ritual missachten, gilt dasselbe wie für jene, die einem göttlichen Wesen Befehle erteilen wollen. Man hört nicht mehr viel von ihnen.

Auch wenn sie bereits als geizige Halsabschneiderin gilt, die mit keinem in der Stadt ihren Gewinn teilen will, erlaubt sich Mauria keine Fehler bei diesem Ritus. Sie legt mit zusammengekniffenen Augen einen der Steine auf die aus Steinen bestehende Figur neben ihrem Nachtlager: das Altarmännchen.

Zumindest ist diese Figur ein Altarmännchen, nicht nur weil in der Kurzfassung des großen Portulans für Reisende geschrieben steht, dass diese Insel männlich ist, sondern auch weil die vorigen Reisenden sich die Freiheit genommen haben, diesen Altar mit einem mächtigen Steingemächt auszustatten.

Um sich von ihren Gedanken abzulenken (während eines Rituals muss man ernst bleiben und beim Anblick des Steinphallus muss sie innerlich schmunzeln) spricht die Ritualistin die auswendig gelernte Formel „Grbé mtali“, spuckt auf das Holz ihrer Kelle, schöpft damit Sand und Staub und kippt dieses Opfer im Schneidersitz über den Altar. Dieses Mantra wiederholt sie, bis ihr Mund so trocken ist, dass er sich bei Mauria beschwert.
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Aus ihrem Gepäck lässt sich ein behelfsmäßiges Floß bauen, mit dem Mauria schon seit Wochen das Meer durchquert. Die Winde sind heute ausgezeichnet, sodass das Floß aus Holz und Stoff, vor dem Wind die Zielinsel ansteuert. Sie hat erst am vorigen Tag die Tücher sorgfältig flicken müssen und strengt sich jedes Mal sehr an, um dem Stoffmuster eine Schönheit und einen Teil ihrer Seele zu verleihen.

Als sie endlich am letzten aller Strände ankommt, ist sie froh, dass es keine Unfälle gegeben hat. Schneller als sie mit ihren Gliedern gerudert ist, schläft sie im weichen Sand ein.
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Sie wusste, dass der Markt nicht ewig bleibt. Aber sie hatte nie damit gerechnet, so wenig vorzufinden. Das Ziel, das sie erreicht hat, ist mit Sicherheit der richtige Ort. Doch wie ein vom Atem des Tages ausgedörrtes Feld ist der Markt am Verwelken, und die meisten Ausländer, die hierher gekommen waren, sind schon wieder entwurzelt.

In nur einem Tag ist das Flackern des Feuers erloschen, die Karren und Stände sind auf Schiffen entschwunden, das Ziel von Maurias Reise eine leere Insel, die sich nur durch die Abdrücke der Zugtiere und Zelte von anderen leeren Inseln unterscheidet. Der Markt ist durch den nächtlichen Erdboden verschluckt worden wie das Wasser in der Kehle Maurias, die diese Katastrophe nicht wahrhaben kann.

Sie hat lange nicht mehr dieses Gefühl in der Magengrube. Das Gefühl, vor dem man nur davonlaufen möchte. Stattdessen möchten ihre Tränen laufen. Mauria fühlt sich wie das Kind, das sie vor Kurzem war: wie das verlierende Kind, das beschimpfte Kind, das sich schämende Kind.

Doch Mauria Plré wird warten, anstatt aufzugeben.

Sie wird ihr Volk, alle Défurrhé vertreten.

Hier, im Niemandsland, wird sie auf den nächsten Markt warten. Denn sie hat die Kalenderfrau nicht gefragt. Wenn sie ehrlich ist, hat sie es vergessen. Sie hat auch nicht über den Atem Gééapluts nachgedacht oder darüber, dass der Nordteil des Landes viel weniger Pflanzen hat als der Südteil. Sie war voreilig wie eine Sau, die am Tag ihrer Schlachtung unbesonnen zum Futtertrog rennt und frisst, bevor der Knochenhauer ihm mit der Dechsel den Schädel einhaut und so mit gutem Fleisch zum Stadtmarkt kommt.
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Kakteen verwelken, während Mauria in einem dornigen Akazienmuster sitzt. In dieser Zeit ernährt sie sich von ihrer eigenen Ware, den ewig haltenden Honigdatteln, singt aus der Kehle Lieder über die Heldentaten der Halbgöttin Gmriaé und bemerkt erstmals in ihrem Leben den Stimmbruch, während ihr Gesang den Tod der Heldin nacherzählt, als die Göttertochter am Gift der Einsamkeit starb, dass ihr die verräterische Natter (die Enkelin der Fruchtbarkeitsgöttin Riidada und des Gééaplut mütterlicherseits) eingeimpft hatte.
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Mit diesen Tätigkeiten beginnen die Kakteen erneut, wie jeden Monat, mit ihrer Blüte. Schrittweise, im Rhythmus der mythischen Dichtung.

Gééaplut läßt in seinen Sticheleien nach und die Inseln nehmen wieder an Schwung zu, mit dem sie unter größere Wolken geraten. An einem Tag beginnen auch die Menschen der Wolkeninseln mit ihrem Tropfenfest, indem sie den Défurrhé das salzlose Wasser des Himmelsmeers zuschütten. Darum reifte in diesen Tagen die Zeit des Marktes schneller heran.

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