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Im Auge des Betrachters

(von Merlin)

Auf der anderen Seite des zweiundzwanzigsten Türchens sind viele Wägen und Zelte aufgebaut. Tatsächlich sieht eines der Zelte fast so aus wie eines, das einer gewissen reisenden Händlerin gehören könnte. Doch bevor man einen näheren Blick darauf werfen kann, bleibt man am Stand eines anderen Händlers hängen, der seinen wunderschönen Miniaturschnitzereien im Moment jedoch keinerlei Beachtung gönnt, sondern genießerisch die Düfte des Marktes in sich aufnimmt...

Wellkoakh, seines Zeichens Vertreter des mittelständischen Unternehmens Yakhui-domi war das Treiben der Märkte inzwischen so vertraut wie das Prasseln des Regens auf der Fensterscheibe. Nur, dass es auf Märkten natürlich keine Fensterscheiben gab, weil Glas für ein umherziehendes Gebäude oder eine Bude zu teuer war. Wellkoakh hatte seit diesem Jahr keine Glasscheiben mehr gesehen, denn er schlief lieber im firmeneigenen Wanderwagen als in den Behausungen fremder Menschen, denen er mit Sicherheit nur zu Last fallen würde.

Nun aber war der Regen in Boden eingedrungen und verlieh dem Markt neue Düfte. Es roch nach südlicher Würzküche, nach verschwitzten Hilfskräften und nach Räucherwerk. Aber auch die Insel erkannte Wellkoakh an ihren einzigartigen Duftspuren. Jedes Stück Land hatte eigene Gerüche, die einen ebenso guten Eindruck von der Region boten wie die Dinge, die das Auge erblicken konnte.

Der Platz auf dieser Insel war schon wenigstens ein halbes Jahrhundert als Stelle für den wandernden Basar im Gebrauch. Wellkoakh verkaufte für seine Gesellschaft Spielzeuge aus Holz und andere unglaublich detaillierte Schnitzereien, etwa ein Panorama des königlichen Umzugs aus Walross-Elfenbein oder Zahnprothesen und Hufeisen aus Hartholz. Yakhui war kein großer Betrieb, aber der Ruf der Firma als Produzent hochwertiger und lang haltbarer Objekte war auch über die Landesgrenzen seiner Heimat vorgedrungen und sicherte ihrem Stand allerorten eine Menge leicht zu begeisternder Schaulustiger, die am Ende doch nichts kaufen wollten.

An diesem Abend wechselte Wellkoakh ein paar Worte mit der Kassiererin Mdellae, dann stahl er sich von seiner Aufgabe davon. Es gab dringende Geschäfte, die er tätigen wollte.
*
Nach langem Marsch erreichte er endlich die Inselmitte. Eine gewaltige Akazie verwurzelte tief im Boden eines Hügels, daneben stand ein übermannsgroßes Zelt. Die wenigsten Zelte waren an diesem Ort, denn die Besucher kamen von außerhalb auf das Eiland und die klugen Händler wollten die Kunden begeistern, bevor sich deren Geldbeutel bei der Konkurrenz leerten. Doch dieses Zelt aus kompakten Stoffen wollte der allgemeinen Tendenz widersprechen, es begehrte auf und zeigte sich voll Stolz als der Mittelpunkt aller Anderen.

Wellkoakh bewunderte insgeheim diese Einstellung. Es gab eine Harmonie darin, dass die Mitte des Marktes gesondert vom Rest blieb. Deshalb hatte er den Entschluss gefasst, hier nach Geschenken für die Familie zu suchen. Er würde hoffentlich Dinge auftreiben, die ein Lächeln ins Gesicht der Daheimgebliebenen zaubern würden und seine Gefühle für die Verwandten ausdrückten.

Auf seine Schritte achtend betrat der Mann das Zelt. Es konnte bestimmte Umgangsformen bei Fremden geben, die man versehentlich verletzte, etwa vorheriges Anklopfen oder ein bestimmter Ausruf. Doch Wellkoakh hatte das Gefühl, dass die Zeltinsassen mit denselben Herzen arbeiteten wie er. Mochten sie anders aussehen, anders sprechen, sich anders kleiden und andere Zelte bauen (und dabei die Sternenrichtungen ignorieren), der Takt ausländischer Menschen war dennoch gleich wie der eines Deskab.

In den Innereien der Stoffhütte nahm Wellkoakh ein Rascheln wahr. Eine Gestalt regte sich in einer abgedunkelten Ecke und der Eindringling geriet gedanklich ins Schwärmen darüber, dass die Einheimischen dieses Bauwerk aus einem kniehohen Gepäckstück zusammensetzen konnten. Nur einige zusätzliche Äste waren als Gerüst nötig, ansonsten war alles in dieser runden Wohnhöhle durch den Rücken der Frau getragen worden, die ihm nun gegenüberstand. Nun, Frau war ein bisschen übertrieben. Sie war noch halb im Kindesalter, doch ihr bannender Blick verkörperte eine verzweifelte Entschlossenheit aus, sodass Wellkoakh nicht bezweifelt hätte, dass das Mädchen einen guten Monat in diesem Zelt auf den verpassten Markt gewartet hatte.

„Sprechen Sie Gantin?“ fragte der Besucher, nachdem die Gastgeberin ihm zu verstehen gegeben hatte, das er willkommen war.
„Bisschen.“
„Welche Waren gibt es an diesem Stand?“
„Es g-gab Datteln“, gestand das Mädchen stammelnd.

Wellkoakh war beeindruckt. Diese junge Frau hatte ihre Waren alle verkaufen können. Was für ein Erfolg!

Dann sog er kurz den Duft dieses Ortes ein. Es roch tatsächlich schwach nach den Honigdatteln, die er als Kind probiert hatte, als noch sein Vater vorsitzender Reisender von Yakhui gewesen war. Er hatte sich den Geruch einer Dattel gemerkt, so wie er Geldmengen riechen konnte, indem er seine Scheine mit Parfüm besprühte um zu wissen, wie viel er bei sich hatte und wechseln konnte.

Der Besucher kaute kurz auf der Unterlippe, dann grübelte er, indem er die Hand zum Gesicht führte. Schließlich entschied er sich, noch eine Frage zu stellen:
„Wieviel Geld kann die Bernsteine dort aufwiegen?“
Das Mädchen zögerte. Offenbar hatte sie den Satz des Fremden nicht ganz verstanden. Vielleicht nutzten die Einheimischen keine Waagen? Der Auslandsrepräsentant wusste, dass Herzen im selben Takt schlagen. Diesen Rhythmus musste er nutzen. Gesprochene Wörter waren nutzlos.

Wellkoakh hob einen Arm. Der Arm sagte: „Wartet kurz, gnädige Dame, während mein Kompagnon, der rechte Arm, aus diesem Beutel eine Erklärung hervorkramt.“

Schließlich hatte der Kompagnon den fraglichen Beutel gefunden und seine Finger zogen nun vorsichtig eine größere Menge seidener Geldscheine heraus. Für die Bernsteine in der Ecke, von denen einige sogar blaue und grüne Färbungen hatten, würde Wellkoakh eine Stange Geld hinlegen.

Das Mädchen griff nach dem Geld und schaute sich die komplexen Arabesken auf der Seide an, die Geldfälschungen verhindern sollten. Ihre Augen wanderten fachmännisch über das Material und nach dieser Musterung nickte sie kurz und zog die Mundwinkel hoch. Beide Gesten verrieten Wellkoakh mehr als das zuversichtliche „In Ordnung“ auf Gantin, dass das Mädchen von sich gab, während sie mehrere der blauen und viele gelbe Bernsteine in der Hand aussuchte, um sie dem Vertragspartner zu reichen. Doch Wellkoakh wollte auch mindestens einen grünen Stein und gab dies seiner Handelspartnerin mit den Armen deutend zu verstehen, er kam sich vor wie ein herumfuchtelnder Irrer, denn sie verstand offenbar nicht.

Der Gast atmete ein und aus, um sein schnelles Herz in Einklang mit dem des Mädchens zu bringen. Mit neugewonnener Ruhe stand er vorsichtig von dem Fell auf und legte mehr als die Hälfte der gelben Bernsteine zurück. Er nahm sogar zwei der blauen Steine und legte zurück. Dann überlegte er, wie wichtig ihm die Steine waren. Bislang hatte auf dem Markt Kunstfertiges oder Ästhetisches keinen Platz gefunden. Er brauchte ein Geschenk für die Familie. Nicht nur, weil es alle fröhlich machte, sondern um beim Fest der Gaben nicht in der Schuld zu stehen. Ein hässliches Geschenk kam nicht von Herzen, es brauchte schöne Farben, Formen oder Düfte. Und diese Steine enthielten schillernde Farben und ihnen haftete der Geruch von Datteln an. Wahrscheinlich hatte das Mädchen die Steine nah an den Früchten gelagert.

Konnte er als Händler nicht ohne einen grünen Edelstein leben? Nein, Wellkoakh musste auch grüne Steine haben, um eine möglichst weite Palette der Farben abzudecken. Er schämte sich schon jetzt, doch nun zog er den größten Geldschein aus seiner Tasche, den er je besessen hatte. Das Mädchen besah sich den Schein. Sie führte wieder ihre gründliche Untersuchung und Einschätzung durch und blickte so ernst, dass ihr Gast schmunzeln musste. Wellkoakh machte ihr keine Vorwürfe, einen Betrag dieser Höhe sah man selten. Dann wandte sie ihr Auge von der Unsumme und blickte wieder in Richtung Bernsteine. Sie gab dem Gast mit einem Kopfschütteln zu verstehen, dass dieser Preis zu hoch war. Sie nahm sich stattdessen zwei Scheine die weniger Wert hatten und sah mit fragendem Blick, fast bittend zu ihrem Gegenüber. Wellkoakh war verdutzt. So viel Höflichkeit hätte er nicht erwartet. Endgültig aus der Fassung brachte sie ihn, indem sie den grünen Stein zwar mit widerstrebendem Arm auf die Handelsplatte legte, aber dann „So ist es gerecht“ sagte.
*
Ein Mann verließ mit vielen schönen Bernsteinstücken und einem rasenden Herz ein Zelt in der Mitte einer Insel, die nur eine Station von vielen werden sollte. Er hatte wirklich wunderbare Geschenke für die Kinder und seine Frau ergattert. Feste des gegenseitigen Beschenkens durften kommen.
*
Auf der anderen Seite des kulturellen Grabens faltete eine junge Frau die mit exotischer Ornamentik versehenen Seidentücher auseinander und begutachtete noch einmal die Ware, die sie ergattert hatte. Aus diesem faltbaren Tuch ließen sich bestimmt tolle Kleidungsstücke nähen und sie würde in der Stadt zur berühmten Näherin werden, indem sie die Musterung der Tücher kopierte. Vor ihr lag eine lange Reise voller Inselabschiedsrituale, doch dieses Hindernis würde ihrem neuen Leben nicht im Weg stehen.
*
In dieser Nacht schworen sich ein Deskab und eine Défuwri bei ihren Ahnen, bald wieder diesen Markt zu besuchen. Es würde sich lohnen.

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