Weitseher! Pah!

(von Drachenreiter)

Das dreiundzwanzigste Türchen ist in die Wehranlage eingelassen, die ein kleines Städtchen vor den Gefahren der Nacht schützen soll. Wachen sind hier postiert, und der einzelne bewaffnete Mann, der das Türchen gerade passiert, wird von ihnen mißtrauisch angestarrt – scheint sein Ziel doch außerhalb der sicheren Stadt zu liegen...

Godvin hasste es, mit verfluchten Weitsehern arbeiten zu müssen, doch es blieb ihm keine Wahl. In diesem Fall bestand seine einzige Chance auf Erfolg darin, mit ihnen zu arbeiten. Anders würde er die Ungeheuer nicht finden, die Dedareleds Bevölkerung heimsuchten. Dedareled war ein kleines Nest im Norden Magalons und die Menschen hier waren misstrauisch und abergläubisch. Es war schon schwierig genug für ihn gewesen, überhaupt den Auftrag zu bekommen.

Godvin trat aus dem Torgang hinaus ins Freie und ließ seinen Blick wandern. Durch zwei Äcker von der Palisade getrennt, die Dedareled schützen sollte, ragte ein dicht bewaldeter Hügel auf, der letzte Ausläufer des Nordwaldes in Magalon. Auf der Spitze des Hügels war eine kleine Lichtung. Dort würde er den Weitseher treffen.

Godvin registrierte beiläufig, dass es zu nieseln begonnen hatte und zog sich seine weite Kapuze über den Kopf. Er nickte der Torwache zu und machte sich auf den Weg. Es war bereits empfindlich kalt geworden und mit jedem Tag, den der Herbst fortschritt, entschwand ein bisschen mehr der Wärme. Als Godvin den Fuß des Hügels erreichte, verschwanden im Westen die letzten Sonnenstrahlen hinter dem Horizont.

Jetzt beginnt der Tanz, dachte Godvin und beschleunigte seine Schritte. Seine Finger fuhren prüfend über Gürtel und Waffen und versicherten ihm, dass sie einsatzbereit waren. Er hoffte, er würde sie in dieser Nacht noch nicht brauchen.

Am Rand der Lichtung blieb Godvin stehen. Dunkle, grob gehauene Steine ragten im Zentrum auf und bildeten einen von Säulen umgebenen Altar. In der Feuerstelle auf dem Altar konnte er ein paar angekohlte Holzscheite erkennen. Vom Weitseher fehlte jede Spur. Mit einem Schnauben stapfte Godvin auf den Altar zu.

Wenn der Mann nicht bald auftauchte bedeutete das weitere schreckliche Nächte für die Bewohner Dedareleds. Man würde sich fragen, warum man ihn überhaupt angestellt hatte, die Ungeheuer zu vernichten, wenn nichts dergleichen geschah. Der Weitseher musste kommen. Godvin hatte keine Zeit mehr. Seit zwei Wochen war er schon in Dedareled, doch er hatte nichts weiter erreicht, außer zwei junge, unerfahrene Ghule zu erlegen. Sollte er in den nächsten Tagen keinen Erfolg verbuchen können, würden sich die panisch verängstigten Menschen gegen ihn wenden und er konnte von Glück reden, wenn er entkam.

Godvin blieb vor dem Altar stehen und starrte auf die Holzscheite, als ob sie für den ganzen Mist verantwortlich wären. Er spürte ein leises Kribbeln in seiner Magengegend. Er wurde unruhig. Um sich abzulenken, begann er, ein kleines Opferfeuer auf dem Altar zu entzünden. Da die Scheite feucht geworden waren, war es gar nicht so einfach sie zum Brennen zu bringen. Als das Feuer schließlich brannte, griff er an seinen Gürtel, um die Weihkräuter in die Flammen zu werfen.

Doch seine Finger griffen in einen leeren Lederbeutel.
Er hatte vergessen, ihn aufzufüllen.

„Harpaka!“, fluchte Godvin und fuhr herum, um sich auf der Lichtung nach Kräutern umzusehen. Oft fielen Samenkörner bei den Zeremonien zu Boden und neue Pflanzen keimten.

Er hielt mitten in der Drehung inne als er den Mann sah, der an einem dicken Baumstamm lehnte. Sein Gesicht war in der Dunkelheit nicht zu erkennen, doch Godvin sah, dass er barfuß war und nur einen langen Mantel trug. Mit langsamen, bedächtigen Schritten trat der Mann aus dem Schatten hervor ins blasse Mondlicht.

Ein süffisantes Grinsen spielte um seine Mundwinkel und mit belehrender Stimme sagte er: „Du solltest an einem heiligen Ort nicht fluchen. Besonders dann nicht, wenn du zu tun gedenkst, was du zu tun gedenkst.“

Mit diesen Worten trat er vor Godvin und musterte ihn mit stechenden, kalten Augen. Godvin hatte das Gefühl, als würde der Mann direkt durch ihn hindurch in sein Innerstes sehen.

„Du musst der Weitseher sein. Und du bist spät“, erwiderte er unwirsch.
„Ich stand dort unter dem Baum und habe dein Eintreffen beobachtet.“
Die Arroganz, die aus den Worten des Mannes sprach, ließ Godvin die Fäuste ballen. „Ich habe dich nicht gesehen und ich mag es nicht, wenn man sich an mich anschleicht.“
In den Augen des Weitsehers blitzte es belustigt auf und mit feinem Spott sagte er:
„Ich habe mich nicht vor dir verborgen. Wenn du bei deiner Jagd erfolgreich sein willst, hoffe ich, dass du bei deinen Gegnern mehr Vorsicht walten lässt.“
„Lass das mal meine Sorge sein. Du erhältst so oder so deine Bezahlung, egal welchen Ausgang die Sache nimmt. Und jetzt lass uns endlich anfangen.“
„Wie der Herr wünschen.“ Grinsend ging der Weitseher an Godvin vorbei zum Altar und warf einige Kräuter ins Feuer.

Godvin trat ein paar Schritte zurück, bis er außerhalb des Säulenkreises stand und beobachtete den Seher bei seinem Ritual. Nach den üblichen Segenswünschen an die Altvorderen Götter, begann er mit seiner privaten Kunst, wegen der die Weitseher ebenso gefürchtet wie geachtet wurden. Nur sie hatten die Macht, mithilfe der Altvorderen die Ungeheuer aufzuspüren. Godvin war auf diese Fähigkeit angewiesen, denn er konnte unmöglich alle Verstecke rechtzeitig finden. Üblicherweise machte er seine Arbeit allein, doch in einem Fall wie diesem, bei dem sehr viele Monster zu erlegen waren, musste er seine Mittel an die Situation anpassen.

Er lauschte dem Seher, wie dieser seltsame Laute von sich gab, und zu tanzen begann. Obwohl sie allein auf der Lichtung standen, glaubte Godvin das Schlagen von Trommeln zu hören, in deren Rhythmus sich der Seher bewegte. Der Weitseher hob seine Stimme und die Laute verbanden sich zu einem gutturalen Gesang in einer alten Sprache. Im Takt der Musik, die aus dem Nichts zu kommen schien, stampfte er auf den Boden. Dann holte er, immer weiter tanzend, kleine Stöcke aus den Tiefen seines Mantels hervor und trieb sie in den Boden. Verband man die Stäbe gedanklich miteinander, entstand ein seltsames Symbol, um dessen Außenseiten der Seher dreimal tanzte, an jeder Spitze aufstampfte und die Geschwindigkeit seines Gesangs steigerte. Schließlich trat er in die Mitte des Symbols und warf sich den Mantel ab. Verdutzt fing Godvin den lumpigen Stofffetzen auf, als er ihm entgegenflog. Völlig nackt tanzte der Seher nun in der Mitte seines Symbols und grölte dieses alte Lied im Takt von dunklen Trommeln, die nicht zu sehen waren. Dann warf er sich auf den Boden, streckte Arme und Beine aus und umklammerte die Stäbe. Zuerst geschah nichts.

Dann stoppte der Gesang und der Körper des Mannes spannte sich an. Godvin kniff die Augen zusammen und versuchte, mehr zu erkennen. Heller, leichter Rauch kräuselte sich in den Nachthimmel empor. Die Stäbe begannen zu qualmen. Der Seher lag mit halbgeschlossenen Augen auf dem Bauch und murmelte etwas unverständliches. Plötzlich begannen die Stäbe zu leuchten, als ob sie glühten. Doch der Mann schien sich nicht zu verbrennen. Immer hektischer murmelte er, riss die Augen auf und stieß einen langen, seltsam hohen Schrei aus. Die Stäbe explodierten in Licht. Blendend helle Lichtstrahlen schossen aus ihnen empor. Godvin schloss die Augen und hob die Hand vors Gesicht, doch er sah die Strahlen noch immer. Weit in den Himmel hoben sie sich empor und verbanden sich in einem Punkt, hunderte Meter über dem Boden. Währenddessen schrie der Seher aus Leibeskräften, als ob er schreckliche Schmerzen litt.

Zwischen den Fingern hindurch beobachtete Godvin, wie sich eine riesige Lichtkugel bildete, wo die Strahlen zusammentrafen. Die Kugel war hellgelb, fast weiß, und Godvin glaubte sie pulsieren zu sehen. Immer heftiger wurden die eigentümlichen Bewegungen, die sie zu beleben schienen. Von einem Augenblick auf den anderen explodierte sie und tausende kleine Funken regneten auf die Lichtung.

Der Seher hörte abrupt auf zu schreien und erhob sich mit einem gequälten Ächzen vom Boden.

Plötzlich schwankte der Boden unter Godvins Füßen und er taumelte.

Immer schneller vertauschten Himmel und Erde ihre Plätze und wirbelten um ihn herum. Er registrierte, wie er stürzte und gegen einen Baum krachte, doch er spürte nichts, keinen Schmerz. Dann verlangsamte sich alles wieder und wurde heller und heller, so dass Godvin die Augen zukniff. Ein fürchterlicher Schlag traf ihn am Schädel und warf ihn erneut gegen den Baum. Dann kehrte Ruhe in seinem Kopf ein.

Er öffnete die Augen und sah den Seher nackt vor sich stehen. Er musterte ihn mit ernstem Blick. Dann nickte der Mann, und ging um seinen Mantel vom Boden aufzuheben. Als er wieder angekleidet war, trat er auf Godvin zu.

„Was war das?“ fragt Godvin. Sein Kopf schmerzte.
„Das ist die falsche Frage“, stellte der Seher mit matter Stimme klar.
„Ach ja? Wie lautet denn die richtige Frage?“ konterte Godvin wütend. Langsam aber sicher ging ihm die Hochnäsigkeit des Mannes auf die Nerven. Dafür dass er sich nackt und schreiend auf dem Boden gewälzt hatte, strahlte er merkwürdig großes Selbstvertrauen aus.

„Die Frage, mein Freund, lautet: Was kannst du sehen?“
„Und? Was kann ich sehen?“
„Kraft der mir innewohnenden Mächte habe ich dir die Fähigkeit gegeben, sie zu sehen.“
Wohl im Glauben, damit alles gesagt zu haben, drehte sich der Seher um und löschte das Feuer auf dem Altar.

„Was meinst du damit? Ich kann sie sehen?“, hakte Godvin nach. Dieser Seher war anders als die, mit denen er bisher zu tun gehabt hatte.

„Du hast das Licht gesehen, mein unwissender Freund. Das Licht wird dir den Weg zu ihren Verstecken weisen. Du musst nur die Augen schließen und dich um deine Achse drehen. Das Licht wird dir zeigen, wohin du zu gehen hast und dein Kopf wird dir sagen, was zu tun ist. Damit ist unser Handel erledigt. Gib mir die abgemachte Bezahlung und ich werde deine Wege nicht mehr kreuzen.“

Godvin verstand zwar nur die Hälfte von dem was er von diesem ‚Licht’ gehört hatte, aber er beschloss, es dabei zu belassen, um sich gegenüber diesem eingebildeten Mystiker nicht als unwissend zu entblößen.

Das war die schlechte Seite der Magie. Sie wirkte schon bei jedem Weitseher anders, und wenn ein Weitseher dann auch noch Magie über jemand anderen warf... Andererseits war sich Godvin sicher, dass das Ritual funktioniert hatte.

Fast schon froh, ihn damit loszuwerden, kramte er den Lederbeutel aus seinem Wams hervor und drückte ihn dem Weitseher in die Hand.

„Hier. Wie versprochen. 25 Silberlinge“, zischte Godvin dem Seher zu.
Als hätte dieser nichts gehört, sagte der Weitseher eindringlich: „Sprich nie, mit niemandem, darüber, was du hier gesehen und gehört hast. Du würdest es bereuen.“
„Du kannst mir nicht drohen“, knurrte Godvin verächtlich.
„Dir nicht. Aber ich wäre gezwungen, die zu eliminieren, denen du erzählt hast, was du weißt. Und das ist weder in deinem noch meinem Interesse.“
"Keine Angst, Schätzchen. Es soll ja keiner erfahren, dass ich nachts allein im dunklen Wald mit fremden nackten Männern verkehre." Mit diesen Worten wandte Godvin sich um und stapfte in die Stadt zurück. Sein Plan hatte funktioniert, aber seine Laune hatte sich dadurch auch nicht verbessert. Morgen würde er auf Monsterjagd gehen.

weiter zum nächsten Türchen