Rehkönigin

(von Vinni)

Das erste Türchen des Weltenbastler-Adventskalenders 2010 öffnet sich langsam, und gibt den Blick auf einen verwunschen wirkenden Wald frei. Jagdhörner und das Getrappel von Hufen auf weichem Waldboden nähern sich, und durch die Büsche huscht ein brauner Schemen…

Es war in den Tagen der Könige von Timarra, als die Ritter der Krone die Wälder und Weiten der Insel Oridia durchstreiften. Sie dienten dem König und dem Land und waren immer bereit, Schwache zu schützen und Hilflose zu verteidigen. Mit glänzenden Rüstungen und reich geschmückten Pferden zogen sie einher und ein jeder bot ihnen freundliches Willkommen. Auch König Fredokan ritt oft in Gesellschaft seiner Getreuen durch das Land, um die Wünsche und Nöte des Volkes zu belauschen und Gerechtigkeit für alle zu bringen. Schon sein Vater, König Olrich, hatte es so gehalten und so waren es blühende Zeiten für das Land. Die Straßen waren sicher, und Räuber und wildes Ungetier waren bis in die hintersten Winkel der Berge vertrieben. In diesen leichten Tagen vergnügten sich die Ritter mit Jagd und Spiel, maßen in Freundschaft ihre Kräfte im Turnier und huldigten der Schönheit der Damen.

Auf einer dieser Jagden geschah es nun, dass drei der Ritter in ein unwegsames Tal gerieten. Ritter Uto war der älteste von ihnen, der schon König Olrich treu gedient und sich in vielen Schlachten bewährt hatte. Ritter Adrolf war der verwegene, der kein Abenteuer scheute und jeden Kampf mit sicherer Hand und schnellem Schwert siegreich auszufechten verstand. Und Ritter Caidram mit dem sonnigen Gemüt, der die Freunde stets mit Liedern und Geschichten zu unterhalten wusste und der sich auch nicht scheute, das Schwert aus der Hand zu legen und bei harter Arbeit mit anzupacken. Die drei hatte nun das Jagdfieber gepackt, so dass sie ganz die Gesellschaft der Ritter und Damen vergaßen. Sie folgten einem prächtigen Hirsch, der in wilder Eile floh, durch Dickicht und Dornen, zwischen alten Bäumen hindurch in das fremde, unwegsame Tal. Die Ritter spornten ihre Pferde an, trieben sie über Stock und Stein in das Tal. Immer blieb der Hirsch außer Reichweite, mal ferner mal näher, er verschwand zwischen Büschen, tauchte hinter Bäumen wieder auf, doch so wenig wie ihn die Jäger fassen konnten, so wenig gelang es dem Tier zu entkommen. Doch schließlich, mit einem mächtigen Satz, sprang der Hirsch über Heckenwerk und Baumstümpfe und schien verschwunden. Die Jäger jedoch mussten vor diesem Hindernis ihre Pferde zügeln.
„Weiter!“ forderte Ritter Adrolf und wollte sein Pferd wieder antreiben. Das Tier jedoch verweigerte den Gehorsam, scheute wieder und wieder zurück, als sei es nicht nur Unterholz, das den Weg versperrte. Alle Tiere schienen eine Warnung zu spüren oder einen stärkeren Willen als den ihren. Nicht Gewalt noch gute Worte konnten sie zum Weitergehen bewegen.

„Lassen wir die Pferde zurück“, entschied schließlich Ritter Uto, „wir werden schon sehen, was sich in diesem seltsamen Teil des Waldes verbirgt.“
„Es scheint fürwahr ein sonderbarer Wald zu sein“, stimmte Ritter Caidram bei, „die Vögel sind ganz still und das Licht ist seltsam klar.“

Doch die drei tapferen Ritter kannten kein Zögern. Rasch saßen sie ab, sicherten die Pferde und machten sich zu Fuß auf den Weg, wohl bewaffnet und bereit, jeder Gefahr zu trotzen. Die Spur des Hirsches war nicht zu verfehlen. Die leichten Abdrücke seiner wilden Flucht zeichneten den Waldboden und auch geknickte Zweige und gebeugte Gräser wiesen seinen Weg. Doch seltsam war der Wald. Die Vögel schwiegen und schienen den Männern zu folgen, mit Blicken und mit leisem Flügelschlag. Die Bäume standen stumm und mächtig, moosbewachsen und unbeugsam. Manch Ast schien nach den Jägern zu greifen, manch schattenumwirktes Spinnennetz auf sie zu warten. Und doch drang auch Sonnenlicht in das unheimliche Unterholz, spiegelte sich golden in Wassertropfen und sprang glitzernd über Moos und Farn und Kraut. Stumm wie der Wald folgten die drei Ritter den Spuren. Keiner kann sagen, wie lange sie so liefen, doch schließlich, nachdem sie einen klaren Bachlauf überquert hatten, erreichten sie eine Lichtung. Mächtige hohe Bäume umgaben sie wie stumme Schildwachen. Sonnenstrahlen flirrten durch Astwerk und Blattgrün und tauchte alles in zauberisches Gold. Aber es war nicht die Lichtung, die die Freunde staunend innehalten ließ. Es waren die Tiere, die sich dort versammelt hatten. Alle Tiere des Waldes schienen hier auf sie zu warten, scheu, aber still, wild, aber respektvoll. Vom Wolf bis zur Haselmaus hatten sich alle hier eingefunden. Und in ihrer Mitte wie auf einem Ehreplatz stand gekrönt vom strahlenden Sonnenschein ein Reh. Ein zartes, zierliches Geschöpf mit goldbraunem Fell und großen, dunklen, braunen Augen. Klugen Augen, in denen die Tiefe und Weisheit des Waldes zu liegen schien, und das Alter der ganzen Welt. Neben Hirsch und Hindin, Eber und Wildsau, war das Reh klein – und wirkte doch so edel und hoheitlich wie so mancher König es nicht zu sein vermag.
Die drei Ritter hatten staunend auf die seltsame Versammlung geschaut. Es schien so unwirklich, in dem ganzen verlassenen Wald plötzlich vor so großer Beute zu stehen. Ritter Adrolf, der verwegene, fasste sich zu erst. Den Jagdspeer noch in der Hand, machte er einen Satz nach vorn. Der Speer, der aus seiner Hand noch nie das Ziel verfehlt hatte, flog vor - und fiel vor den Tieren zu Boden. Keines hatte sich geregt, keines gezuckt, nur das Reh hatte seine großen dunklen Augen auf ihn gerichtet. Unsicher wich er zurück, um den Kameraden das Feld zu überlassen. Ritter Uto trat vor, legte den Pfeil an auf den Hirsch, dem sie so mühevoll gefolgt waren. Auch ihn traf der ernste, kluge Blick des Rehes und er zauderte. Doch dann schüttelte er alle Weichheit ab, legte an und schoss. Der Pfeil aber fiel wie von fremden Willen gelenkt vor den Tieren zu Boden. „Hexenwerk“, murmelte der Ritter, wich einen Schritt zurück und machte ein Abwehrzeichen gegen das Böse.

Nun war die Reihe an Ritter Caidram. Er wollte nicht kämpfen. Der Wald und die Lichtung schienen ihm wie ein Heiligtum, das sie mit ihren Waffen entweihten. Er wollte nicht kämpfen, doch er wollte auch seine Freunde nicht beschämen, die es versucht hatten. Also trat auch er vor. Das Reh sah ihn an – und da wusste er, dass er gegen dieses Geschöpf und die seinen keine Waffe erheben konnte. Er ließ das Schwert fallen und beugte das Knie. Ehrerbietig, wie man einen großen Herrscher grüßt. Er senkte das Haupt – und das Reh erwiderte die Geste. Einen Moment lang schien die Zeit stillzustehen, die Welt den Atem anzuhalten. Einmal kreuzten sich noch ihre Blicke – und dann mit einem Rauschen und Huschen und Rascheln waren alle Tiere im Wald verschwunden.
Ritter Adrolf und Ritter Uto atmeten auf, wie von einem bösen Bann befreit. „Hexenwerk“, murmelten sie wieder. „Unnatürliche Kreaturen.“
Ritter Caidram jedoch verharrte immer noch auf Knien, schaute länger auf die Lichtung und lächelte. „Nein“, sagte er leise und wie verzaubert. „Das war die Königin der Rehe.“

Den beiden Rittern jedoch war das gleich, sie wollten nur diesen sonderbaren Wald wieder verlassen. Sie zogen den Freund auf die Füße und zurück auf den Weg, zurück zu den Pferden. Sie mussten auch gar nicht lange gehen dafür. Kaum, dass sie sich umdrehten und einige Schritte gegangen waren, trafen sie ihre Pferde wieder, die fröhlich schnaubten und munter mit den Hufen stampften. Von der Hecke, die sie aufgehalten hatte, war jedoch nichts mehr zu sehen. Einmal mehr voller Unbehagen drängten die Ritter zum Aufbruch. Auch Caidram war dafür, der Wald sollte nicht länger gestört werden. Und so schwangen sie sich auf die Pferde und ritten zurück zum königlichen Hof von Timarra.

Sogleich nach ihrer Heimkehr berichteten die drei Ritter dem König und seinem Hofsaat von ihrem Abenteuer. Auch hier staunte man über die seltsamen, zauberischen Ereignisse – doch schnell machten auch Gerüchte die Runde und bald erkannten nicht einmal die drei mehr die Geschichten wieder, die bald erzählt wurden. Ritter Caidram traf es am schlimmsten. Er musste sich anhören, dass ein Reh ihn verzaubert hätte. Gar, dass er nun Tauben Liebeslieder sang und bald um ein Fröschlein freien wollte. Doch er lächelte nur, hob die Schultern und ließ die Leute reden. Er wusste, was er gesehen hatte – und nichts konnte ihn wankend machen in der Gewissheit, recht getan zu haben.
So verging die Zeit. Der Jagd folgte ein Turnier, das neue Geschichten brachte und neues Geschwätz unter den Höflingen. Dann ein Ball, dann eine Falkenjagd und so ging der Sommer dahin in immer neuen Festlichkeiten. Der Herbst verstrich und auch der Winter hielt Einzug. Dann zum Winterfest wurde die Burg herausgeputzt und alle Ritter und Damen freuten sich auf den großen Ball. König Fredokan und seine holde Königin Elyara luden zum Tanz, und es gab kein größeres Fest im ganzen Land. Auch die Ritter Uto, Adrolf und Caidram waren geladen und freuten sich auf das Fest. Sie genossen das reiche Mahl und die erlesenen Weine, lauschten Musik und Gesang und tanzten im großen Winterreigen. Dann jedoch ging plötzlich ein Raunen durch die Menge. Die Musik erstarb und jeder schaute, was wohl die Ursache der Unterbrechung sei. Es war eine Frau, eine fremde schöne Frau, die wie eine Königin in den Saal schritt. Sie trug ein goldbraunes Kleid und auch das Haar, das sich anmutig um ihr Antlitz schmiegte, schimmerte in seltsam goldbraunem Ton. Sie war jung und zart und so schön, dass es selbst der holden Königin vor Neid den Atem verschlug. Und keiner wusste, wer sie war. Doch das schien die fremde Dame nicht zu bekümmern. Sie lächelte – und ihre großen, tiefen, braunen Augen bezauberten jeden. Und sie schritt zwischen den festlich geschmückten Menschen hindurch, die staunend vor ihr zur Seite wichen. Wie es Höflichkeit und Sitte verlangten, verbeugte sie sich vor König Fredokan und Königin Elyara und bat mit weicher Stimme, an ihrem Winterfest teilnehmen zu dürfen. König Fredokan gestattete dies freilich gern, doch auch er war so überrascht und bezaubert, dass er vergaß nach ihrem Namen zu fragen. Die Dame lächelte wieder. Sie sah über die Schar der Gäste und nickte den Rittern Uto und Adrolf zu, als grüße sie liebe alte Bekannte. Auch die beiden hatten über diesen seltsamen Gast gestaunt, doch als sie jetzt in die dunklen, schönen Augen sahen und die uralte Weisheit darin wiedererkannten, senkte sie den Blick und schämten sich. Dann wandte sich die Dame an Ritter Caidram und reichte ihm ihre Hand. Er neigte sich höflich zum Kuss darüber und bat sie um den nächsten Tanz. Da lachte sie und fragte: „Wäre es nicht besser mit Musik?“ Und wirklich, auch die Musiker hatten ihre Instrumente vergessen und starrten auf den fremden Gast. Doch war es, als hätte ihre Stimme einen Bann gebrochen. Die Musiker besannen sich und begannen zu spielen. Die Ritter und Damen nahmen ihre Gespräche auf und fanden sich zu Tanzpaaren zusammen. Auch Ritter Caidram reichte der Dame den Arm und sie legte anmutig und vertraut ihre schlanke Hand darauf. Bald drehten sie sich zur Musik im Kreis.

„Es ist mir eine Ehre, euch wiederzusehen, Herrin“, sagte Ritter Caidram schließlich leise. „Ich hatte nicht darauf zu hoffen gewagt.“
Sie lächelte für ihn. „Ich wollte mich bei euch bedanken. Und ich wollte euch dafür belohnen, dass ihr mir Ehre erwiesen habt.“
„Ich bin belohnt mit diesem Tanz.“
Sie lächelte wieder. „Das ist mein Dank und auch für mich ein Vergnügen. Aber ich möchte euch mit etwas anderem belohnen.“ Sie schwieg einen Moment und schien darüber nachzusinnen. „Ihr sollt auf alle Zeiten in meinem Wald jagen dürfen und es soll euch immer Jagdglück beschieden sein.“
Caidram aber schüttelte den Kopf. „Nein. Ich möchte nicht in eurem Wald jagen. Ich möchte nie mehr jagen, es sei denn aus Hunger oder Not.“
Sie maß ihn mit einem ernsten, fragenden Blick, aber er hielt stand. Und es schien, als gefiele ihr diese Antwort. „Gut“, sagte sie, „dann sollt Ihr einen anderen Lohn erhalten. Gibt es etwas, was Ihr Euch wünscht?“

Caidram sah sie an, sah in ihr reizendes Gesicht mit den wunderbaren dunklen Augen, spürte ihre zarte Gestalt in seinem Arm und die anmutigen Bewegungen, mit der sie ihm in den Tanz folgte. Und da wallte das Blut heiß und wild zu seinem Herzen und er wünschte sich nichts sehnlicher, als sie so für den Rest seines Lebens halten zu dürfen. Ihr seine Liebe zu schenken und die ihre dafür zu gewinnen.

„Nein, mein Freund“, sagte sie leise und warm und das milderten den Schlag, den ihre Worte ihm versetzten. „Diesen Wunsch kann ich Euch nicht erfüllen. Ich habe den König meines Herzens bereits gefunden. – Und Ihr werdet die Prinzessin für Euer Herz auch noch finden.“
Er lächelte, auch wenn es ihn schmerzte. „Dann habe ich nichts zu wünschen.“
Da lachte sie, warm und fröhlich wie der Frühling, und es tat ihm wohl, das zu hören. „Oh nein, Ihr sollt nicht leer ausgehen. Aber ich weiß etwas. Ihr liebt Lieder und Geschichten und so will ich all meine Freunde bitten, ihre Geschichten mit Euch zu teilen. Ihr müsst nur zuhören.“
„Das will ich tun“, versprach Ritter Caidram ernsthaft. „Und ich werde an Euch denken, bei allem, was ich lerne.“
Damit endete der Tanz. Die Dame knickste vor dem Ritter, und er verbeugte sich vor ihr. Und dann verabschiedete sie sich, um nicht zu viel von der Gastfreundschaft der Menschen zu beanspruchen. Aber auch als sie ging, beantwortete sie keine neugierigen Fragen und sprach mit niemandem. Auch wartete keine Kutsche vor der Tür, kein Pferd und keine Diener. Sie ging einfach hinaus – und verschwand in der Dunkelheit der Nacht. Doch Ritter Caidram, der ihr wie viele andere zur Tür gefolgt war, sah einen Schatten am Waldrand vorbeihuschen, schmal und schlank wie ein fliehendes Reh. Er lächelte traurig, und als er sich nach seinen Freunden umsah, lächelten auch diese.

Noch lange wurde bei Hofe von diesem Ball und dessen geheimnisvollen Gast gesprochen. Und all ihre Worte sollten sich bewahrheiten. Ritter Caidram lauschte den Vögeln und Waldtieren und konnte bald so wunderbare Geschichten erzählen und Lieder singen, wie keiner sonst. Zwar tauschte er nicht das Schwert gegen die Laute ein, aber berühmter wurde er doch für seine Lieder als für seine Kampfkunst. Und bei allem behielt er sein sonniges, fröhliches Gemüt, sein Mitgefühl für Schwächere, seinen Respekt für andere, so dass ihn jeder gern zum Freund hatte. Und auch die Dame seines Herzens fand er, da seine Lieder selbst die liebreizende Prinzessin Irabelle bezaubern konnten. Sie heirateten bald und lebten lange und glücklich zusammen. Aber noch als alter Mann erzählte er gern, wie er einst im Walde die Rehkönigin getroffen hatte.

weiter zum nächsten Türchen