Nl'ras Tag

(von Sturmfaenger)

Das dritte Türchen öffnet sich, doch dahinter... ist alles dunkel? Aber halt! Als sich die Augen daran gewöhnt haben, kann man an einem sternenübersäten Himmel einen rötlichen Halbmond hängen sehen, und eine feuchtwarme Brise weht den Geruch von Seetang heran…

Nl’ra setzt sich schlagartig auf ihrem Lager auf, als die Letztwache ihre Fußsohlen sachte mit dem Schaft der Schwertlanze anstupst. Die wachehaltende Kämpferin murmelt die traditionelle Vergebungsbitte für das Stören der Nachtruhe und wartet Nl’ras Vergebungsdank ab, ehe sie die anderen Kämpferinnen wecken geht.

Nl’ras Puls normalisiert sich langsam wieder. Alles in Ordnung. Hier in der Nähe des Meeres kann man nie wissen. Manchmal rotten sich die Yßchä zusammen und greifen in der feuchten Kühle der Nacht an. Doch im Moment droht keine Gefahr. Mit geübten Handgriffen legt Nl’ra ihren Waffengurt an, und ihre Finger wandern wie von selbst zu den Hüftschneiden, um den Sitz der beiden Zungendolche zu überprüfen.

Als sie die Zeltklappe zurückschlägt, weht ihr die vertraute Herbe des nahen Meeres um die Nase. Der Morgen ist nicht mehr fern, aber noch steht Mutter Khetala am Himmel, umgeben von ihren blassen Sternenkindern. Nl’ra hat nur einen flüchtigen Blick für sie übrig. Wenn Vater Thú seine strahlende Reise über den Himmel beginnt, müssen sie das Meer erreicht haben.

Rasch erleichtert sich Nl’ra zwischen den Felsen. Als sie zurückkehrt, sind fast alle Kämpferinnen versammelt, und auch die Krieger warten bereits drüben zwischen ihren Zelten. Nl’ra spürt wie der Hunger in ihrem Magen Schwertübungen macht, doch das Ritual geht vor.

Die Worte der Sprecherin helfen, sich zu erinnern, dass alle Kämpferinnen Töchter der Muttergöttin sind, genau wie die Worte des Sprechers drüben im Kriegerlager alle erinnern, daß sie Söhne des Vatergottes sind. Die Stimmen der Sprecher vereinen sich, und schließlich fallen alle mit ein. Ja, sie sind alle Kinder ihrer göttlichen Eltern! Und heute werden sie alle zusammen ihre Mutter stolz, und ihrem Vater Ehre machen!

Nun gibt es Frühstück – Wasser aus der nahen Quelle, dazu mit Rhúhkäse überbackene Hollqküchlein und frisch abgezapftes Ckkurhblut. Die kleine Ckkurhherde wurde nur bis hierher mitgenommen. Da die Tiere auf die Nähe des Meeres feige reagieren müssen sie hier im Lager bleiben. Es läßt sich gut verteidigen und wird von den Tel’ekchva schon so lange genutzt, daß es sogar von zwei eigens in den Fels gemeißelten Ahnenaugen beschützt wird.

Die Lagerwache ist keine schwere Aufgabe, aber nicht besonders ruhmvoll. Damit die Ehre aller Leute gewahrt bleibt, entscheidet das Los. Nl’ra freut sich, daß sie nicht hierbleiben muss, und ihr Mann Xsevà auch nicht. Er grinst ihr von der Kriegerseite des Platzes aus glücklich zu. Letztes Mal konnte er die Reise zum Meer nicht mitmachen, weil ein bockiges Rhúh ihn verwundet hatte. Diesmal ist er wieder dabei.

Nach dem Essen setzt sich die Gruppe rasch in Bewegung. Die Krieger sichern die Flanken, die Kämpferinnen mit ihren Schwertlanzen bilden die Nachhut, während die Kämpferinnen und Krieger, die die Flammen hüten, in der Mitte gehen. Die Vorhut der Gruppe ist gemischt.

Nl’ra ist diesen Weg schon oft gegangen, sie kommen gut vorwärts. Die drei Knabenkrieger, die das erste Mal dabei sind, wispern leise miteinander, als nach zwei Stunden Fußmarsch das Meer in Sicht kommt.
Im ewigen Kampf zwischen Wasser und Land hat Vater Thú wieder einmal zugunsten des Landes eingegriffen, und steigt nun langsam am Himmel empor, um das Ausmaß seines Sieges zu überblicken. Das Meer ist weit hinaus geflüchtet und hat einen breiten Streifen Strand zurückgelassen, auf dem das verdunstende Wasser wie ein Spiegel Thús strahlenden Glanz zurückwirft.

Das Ziel der Expedition liegt aber noch weiter im Meer, dort wo das Wasser bis zur Hüfte reicht, und große Felsbrocken und Schlicklöcher das Vorankommen erschweren. Hier zwischen den Felsen wachsen die gesegneten Algen. Man erkennt sie an den breit gekräuselten Rändern der Spitzen. Nl’ra nimmt sich die Zeit, einem der drei Knabenkrieger genau zu zeigen, wie man die schlüpfrigen Fäden zu Büscheln windet, die sich mit dem Messer unter Wasser gut abtrennen lassen. Er lernt schnell, obwohl er verstimmt sein muss, daß er nicht zur Erntewache eingeteilt wurde.

Xsevà und die anderen Wachen bilden derweil einen losen Ring um die Algenpflücker. Nl’ras Gruppe bewegt sich im Tempo der Ernte langsam die Küste entlang. Nicht an jedem Felsen wachsen gesegnete Algen, aber sie sind zahlreich, Thú sei dank. Die mitgebrachten Schulterkörbe füllen sich nach und nach mit der triefendgrünen Beute.
Es muss alles schnell gehen, denn bald wird es dem Wasser nicht mehr genug sein, den Leuten nach und nach die Lebenswärme zu entziehen. Bald wird es ansteigen, und dieser Übermacht müssen selbst die ruhmreichsten Krieger weichen. Darin liegt keine Schande.

Im Wellengekräusel des brackigen Wassers sieht Nl’ra nicht genau wohin sie schneiden muss - sie und die anderen sind allein auf ihren Tastsinn angewiesen. Es ist nur eine Frage der Zeit bis sich die ersten Leute unabsichtlich kleine Schnitte zufügen. Blut gerät ins Wasser, verdünnt sich, verteilt sich. Und Blut lockt stets die Yßchä an. Zu viele Geräusche im Wasser ebenfalls.

Akh, denkt Nl’ra. Eigentlich lockt alles die Yßchä an!

Auf Xsevàs Seite erklingt der erste Schlachtruf. Ein Yßchä, nur zwei dutzend Meter entfernt! Nl’ra blickt auf, sieht, wie sich seine unförmige Gestalt aus den Wellen nach oben drückt. Der Yßchä wirkt so formlos wie das Meer aus dem er stammt. Er ist so breit wie drei Leute, hat keinen Kopf, keine Arme oder Beine, nur armlange Tentakel überall am Körper. Und den sturen Willen, alles anzugreifen was kein Yßchä ist.

Nl’ra blickt nur kurz auf. Mit dem einen werden die Erntewachen gut fertig.
Bald erklingt ein zweiter Warnruf, dann ein dritter. Als es fünf sind, schließen die Kämpferinnen nach und nach die Korbdeckel, und helfen einander, sich die schwere Last auf den Rücken zu schnallen. Wenig später sind es neun, und die Wachen müssen die Fackeln zu Hilfe nehmen, die rasch vom mitgebrachten Feuer entzündet werden. Vor Feuer fürchten sie sich, trägt es doch Thús Macht. Doch kurz darauf werden es noch mehr Yßchä, und die Wächter rufen zum Rückzug. Mit dem vollen Korb auf dem Rücken kann Nl’ra nicht viel helfen, aber auch einer ihrer Dolche bekommt das weißliche Yßchäblut zu schmecken.

Xsevà und die anderen Männer haben gut gekämpft. Einer der Knabenkrieger hat eine Brandwunde, ein anderer Krieger blutet stark aus einer Reihe kleiner Wunden an Schulter und Oberarm - er hat Bekanntschaft mit den rasiermesserscharfen Hornplättchen gemacht, die an den Tentakeln der Yßchä wachsen. Er scheint den Schmerz vor lauter Aufregung gar nicht zu spüren, seine Augen leuchten.

An Land angekommen verharren die Kämpferinnen einen Moment, um zu warten, bis sich die letzten Krieger von den Kämpfen lösen. Die unförmigen Körper der Yßchä bleiben im Wasser zurück. Feige wie sie sind, kämpfen sie am liebsten auf ihrem eigenen Territorium. Tote hat es diesmal auf beiden Seiten nicht gegeben, wohl weil Nl’ras Gruppe diesmal so groß war.

Nl’ra lacht auf, als sie Thús warme Berührung auf ihrer Haut spürt. Sie vertreibt die Kälte. Was vermögen schon die kalten Meeresfluten gegen diese strahlendheiße Macht?

Auf dem Rückweg wechseln sich alle mit den Körben ab. Am Nachmittag erreichen sie das Lager. Für Nl’ra und einige andere gibt es jetzt viel zu tun. Sie verstehen sich am besten auf den Umgang mit den Algen und organisieren deren Weiterverarbeitung. In großen in den Fels gehauenen Steinkuhlen wird das Meeresgrün mit glatten Steinen zu Brei zermahlen. Als auch die letzte Korbladung zermahlen ist, wird es bereits dunkel.

Thú kann schließlich auch mit dem Tagwerk seiner Kinder zufrieden sein, denkt Nl’ra.
Sie und die anderen rühren noch die Gärmittel unter, dann können auch sie sich ausruhen. Die Mischung muss über Nacht ziehen, bevor sie am Morgen in die wasserdichten Fässer gefüllt werden wird, die die Ckkurh nach Hause tragen werden. Es kann auf dem Weg dahin schon anfangen zu gären, die wackelnde Bewegung durch den Transport wird alles gut vermischt halten. Das beste Siegwasser entsteht auf diese Weise. Es berauscht leicht, aber nicht so stark wie Vozzocschnaps, und stärkt Zähne, Knochen und allgemein die Gesundheit.

Weise von Thú, daß man sich so eine gute Sache so mühsam erbeuten muss, oder? Dann weiß man sie umso mehr zu schätzen. Nl’ra gähnt, und setzt sich neben Xsevà, der ihr die Hälfte von seinem Hollqfladen abgibt. Sie teilt ihre Überlegungen ihrem Mann mit, und er neckt sie, daß er sie auch zu schätzen weiß, wo sie doch das beste Siegwasser im ganzen Stamm macht. Nl’ra – kein bißchen bescheiden - nickt, denn er hat ja recht. Ihre Mutter, eine große Kämpferin, hat ihr gezeigt wie es geht.

Xsevà zeigt ihr einen langen Schnitt, den er sich beim heutigen Kampf am Oberarm geholt hat. Er verläuft parallel zu seinem Armmuster, und macht unten einen scharfen Haken. Nl’ra findet, er könne eine Schmucknarbe daraus machen. Ein bißchen Holzkohle und schon wirkt sie erhaben, und kündet von seinem Kampf. Xsevà verspricht, es sich zu überlegen ehe die Wunde verheilt. Aber heute nicht mehr.

Nl’ra holt sich einen Schale Suppe und teilt sie mit ihrem Mann. Danach teilen sie noch ihren Lebensatem in einem langen Kuß, ehe Xsevà sich ins große Kriegerzelt begibt, und Nl’ra ihre Schlafmatte im Zelt der Kämpferinnen ausrollt.

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