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Frühlingsbegegnung

(von Eld)

Das Zwitschern von Vögeln dringt aus dem fünften Türchen. Ein disharmonischer Klang webt sich in regelmäßigem Auf und Ab zwischen diese Frühlingsmelodie.
Es klingt wie… Schnarchen? Wie ein ganzes Sägewerk! Da plötzlich bricht es ab, und unter wohligem Stöhnen strecken sich zwei große, muskulöse und ziemlich haarige Arme zwischen dem ergrünenden Buschwerk in die Höhe…

Wenn im Frühling die Blüten blumen und die Linge schmettern, überall Bäume grünen und sich die Ringel nattern, ist die Zeit der Liebe gekommen. Die Zeit des Glücks und der Glückseligkeit, wenn Zweisam wird, was einsam ward und ganz entrückt, wer so verzückt eine Frucht der Liebe pflückt.

Zu dieser Jahreszeit erwachte Guschth der Troll aus seinem tiefen, einjährigen Schlaf und beschloss nach gründlicher, zweitägiger Überlegung, ebenfalls auf Brautschau zu gehen. So nahm er seinen langen Wanderstab und verließ die Mulde, in der er geruht hatte. Den Blick zu Boden gerichtet, zog er durch den Wald, suchte im Unterholz nach Spuren, durchkämmte die Luft nach einer Fährte, auf dass er bald eine Trolldame fand, die es zu erobern galt. Derartig unaufmerksam für seine Umgebung wanderte Guschth alsbald nach Norden, dann nach Osten und schließlich nach Südwesten, stets auf der Suche. Doch so sehr er auch suchte, schaute und schnupperte, fand er dennoch lange Zeit keine Dame. Guschth wurde darüber sehr betrübt, denn er war noch sehr jung und dies war seine erste Brautschau. Daher wusste er nicht, dass es ganz und gar natürlich war, lange und fleißig suchen zu müssen, denn Trolldamen hatten die Angewohnheit, sehr versteckt zu leben.

In der dritten Woche seiner Suche stieß Guschth jedoch auf etwas oder vielmehr gegen etwas, nämlich mit dem Kopf gegen einen jungen Baum, welcher, derart aus seinem inneren Weltfrieden gerissen, sogleich zu Boden stürzte. Guschth rieb sich die Stirn und starrte den Baum an. Ihm war, als hätte er zwischen den empörten Flüchen des Baumes ein stumpfes Ächzen vernommen. Einen Moment stand er still, doch dann schüttelte Guschth den Kopf und stapfte weiter; zumindest hatte er das vor, stolperte jedoch und schlug der Länge nach neben dem Baum auf. Mit einem Stöhnen rappelte er sich auf die Knie und sah sich misstrauisch um. Vor – beziehungsweise hinter – ihm lag eine große Tasche aus grobem Stoff, daneben häuften sich Zweige zu einem geplanten, jedoch unvollendet gebliebenen Lagerfeuer. Guschth beugte sich vor und griff nach der Tasche, um sie genauer in Augenschein zu nehmen.

Von einem panischen Schrei direkt neben ihm wurde er jedoch jäh unterbrochen. Zu Tode erschrocken fuhr Guschth herum, tastete nach seinem Wanderstab, um sich gegen eventuelle Feinde zu verteidigen, und sprang auf. Unter dem umgeworfenen Baum hervor starrte ihn ein Paar weit aufgerissener Augen an, das offensichtlich zu einem hageren jungen Mann gehörte, der halb aus dem Laub hervorragte. Einen Moment lang sahen sie sich wortlos an, dann fing der Mann wieder an zu schreien und Guschth schrie nun ebenfalls.
Immer noch schreiend versuchte der Mann, sich aus dem Baum zu befreien und davonzukommen.

„Hilfäääää!!! Ein Troll!! Ein Troll!!! Er wird mich fressen! Zu Hilfääää!“, schrie er;
„WAAAAH, ein Mensch!!“, rief hingegen Guschth und versteckte sich hinter einer dicken Tanne, konnte jedoch nicht verhindern dass sein Bauch noch hinter den Nadeln hervorragte.

Dann wurde es still.

Vorsichtig schob Guschth sein Gesicht um den Baum herum und versuchte herauszufinden, ob der Mensch verschwunden war.
Gegenüber der zerstörten Lagerstatt ragte ein blasses Gesicht hinter einem Baum hervor, verschwand aber sofort wieder, als es den Troll bemerkte.
Guschth zog sich ebenfalls zurück und verharrte in völliger Stille. Langsam begann er darüber nachzudenken, was der kleine Mensch gerufen hatte. Trotz seiner geringen Kenntnisse in der Sprache der Menschen, kam Guschth, bezog er das Verhalten des Mannes in seine Überlegungen mit ein, zu dem Schluss, dass der Mensch wohl nicht auf der Jagd gewesen war und folglich auch nicht unbedingt vorhatte, ihn zu töten. Sollte dem so sein, dachte Guschth weiter, brauchte er keine Angst vor dem Mensch zu haben. Er schob seinen Kopf ein zweites Mal aus seiner Deckung hervor und ertappte den kleinen Mensch dabei, wie dieser sich unbemerkt zu seiner Tasche hatte schleichen wollen.

Da rief Guschth, da ihm andere Worte fehlten: „Ich sein Guschth, ich sein nett. Du auch nett?“
Der Mann hatte in seinem Schleichen innegehalten, und sein gehetzter Gesichtsausdruck verschwand langsam, als er Guschths Worte vernahm, stattdessen blickte er nun skeptisch drein.
Langsam ging er rückwärts, den Troll fest im Blick.
Seine Stirn runzelte sich und er schien angestrengt zu denken.
Für Guschth sah das sehr komisch aus, denn dass Menschen eigentlich kaum denken, ist unter Trollen allgemein bekannt. Es sah so ulkig aus, dass er anfing zu glucksen und sich sehr beherrschen musste, nicht einfach loszulachen.
Der kleine Mensch blieb daraufhin stehen und versuchte, ebenfalls freundlich zu gucken, was ihm aber nur bedingt gelang.

„Ich heiße Niruan“, sagte er langsam und betonte dabei jede einzelne Silbe übermäßig. Es erweckte den Eindruck, als habe er große Schwierigkeiten zu sprechen und als erfordere es viel Kraft. Doch das war für Guschth kein Wunder, denn wie soll ein Mensch richtig denken, wo er doch einen so kleinen Kopf hat?

Nach einem kurzen Blick in die Runde trat Guschth vollends hinter dem Baum hervor. Er hatte weit und breit keine anderen Menschen erspäht, was ihn sehr beruhigte, denn seine Mutter hatte ihm damals beigebracht, dass Menschen nur in Gruppen jagten, da sie ja zu klein und dumm waren, um alleine eine Erfolgschance zu haben.
Das fügte sich alles in Guschths Kopf zu einem sehr schlüssigen Bild zusammen. Dieser kleine Mensch hier hatte seine Gruppe verloren und war infolgedessen vermutlich am Verhungern. Als er dann Guschth getroffen hatte, bekam er einen Schrecken, denn jeder Mensch weiß, dass Trolle schlau sind und wissen, dass Menschengruppen sie oft jagen. Also musste der Mensch davon ausgehen, dass auch er, Guschth, das wusste und deshalb ihn, den kleinen Menschen, töten würde.

Ja, so machte alles einen Sinn, dachte Guschth und nickte bedächtig.
Er beschloss, dass er dem Mann etwas zu essen geben könnte, um ihm die Angst zu nehmen. Danach, überlegte er, könnte er den kleinen Mensch fragen, wo er seine Gruppe zuletzt gesehen hatte. Dieser Gruppe könnte Guschth dann folgen, bis sie auf Trolljagd gingen, um dann die in höchster Not schwebende Trollin zu retten und sie zu seiner Gefährtin zu machen. Wie genau das vonstatten gehen sollte, plante Guschth später zu planen, wenn er die Gruppe gefunden hatte.

Vor lauter Freude, durch diesen Zufall seinem Ziel näher gekommen zu sein, fing Guschth laut an zu lachen.
Als er wieder ernst wurde, sah er sich nach dem kleinen Menschlein um. In einiger Entfernung fand er ihn auf einem Stein vor einem Lagerfeuer sitzend, in der Hand einen dicken Ast, dessen Spitze in Flammen stand. Diese improvisierte Fackel hielt er in Guschths Richtung. Im Feuerschein bemerkte Guschth, dass es bereits dunkel geworden war und der umgestoßene Baum nun durch einen Sägespäneberg ersetzt worden war. Guschth wunderte sich kopfschüttelnd, wie hektisch diese Menschen doch in ihrem Tun waren und wie schnell sie zu frieren begannen. Viel mehr wunderte er sich, dass der Mensch nicht einfach davongelaufen war, doch dann fiel Guschth ein, dass es ja sinnlos gewesen wäre, da Trolle bekanntlich gute Spurenleser sind.

Er wandte sich dem kleinen Mann zu, der in seiner Tasche zu kramen begonnen hatte, und sagte, so gut er das eben konnte: „Du sein Hunger, ich haben Essen, du auch Essen? Ich geben Essen du.“
Dabei kramte Guschth in seiner Lederschürze, die er um den Bauch geschlungen trug und förderte ein irgendwie zerquetscht wirkendes Irgendwas zu Tage, das irgendwann einmal lebendig gewesen sein mochte. Guschth hielt es dem Menschen hin, lächelte und rieb sich den Bauch. Er hatte mit Bedacht gewählt, denn er wusste, dass Menschen gerne Fleisch aßen und keine Verwendung für Pilze, Gemüse und Nüsse hatten. Der kleine Mann machte aber keine Anstalten, das Tier in Empfang zu nehmen, stattdessen schüttelte er den Kopf und fuchtelte mit seiner Fackel in Guschths Richtung.

Guschth verstand sofort, nahm ihm die Fackel aus der Hand und spießte das platte Irgendwas auf einen zweiten Ast, dann hielt er es in die Flamme der improvisierten Fackel. Es zischte laut, das flache Irgendwas begann zu glänzen und zu tropfen. Guschth beobachtete interessiert diesen Vorgang, bemerkte dabei nicht, wie der kleine Mensch das Viech angeekelt anstierte und sich hastig irgendwas aus seiner Tasche in den Mund stopfte.

Innerlich schüttelte Guschth den Kopf über die Essgewohnheiten der Menschen. Er fand es abstoßend, Verbranntes zu essen. Doch vermutlich waren die Menschen noch nicht so weit, dass sie den Wert von Rohkost verstanden, die viel gesünder und schmackhafter war.

Als das flache Irgendwas endlich zu tropfen aufgehört hatte und die Farbe von Ebenholz aufwies, nickte Guschth, blies die Flamme aus und reichte dem Menschlein sein Mahl. Dieser stopfte schnell etwas, das Guschth nicht erkannte, in seine Tasche zurück und nahm den Spießbraten entgegen. Als er dann schnell kaute und krampfhaft schluckte, bevor er überhaupt abgebissen hatte, war Guschth froh. Wenn ein Troll ausdrücken will, dass etwas lecker ist, so macht er Kaubewegungen, bevor er gegessen hat. Von diesem Lob erfreut, nickte Guschth eifrig und begann nun selbst zu essen. Seiner Schürze entriss er dazu einige getrocknete Pilze, Wurzeln, Nüsse, eine Wachtel und Honig.

Während sie aßen, beobachtete Guschth den Mensch und fragte sich, wie sie bei dieser Essgeschwindigkeit überhaupt in der Lage waren zu überleben, ohne den ganzen Tag zu essen. Dann konzentrierte er sich aber lieber auf seine Wachtel. Nebenbei überlegte er, wie er den Mann nach dessen Gruppe fragen konnte, obwohl er seine Sprache kaum verstand. Er entschied sich schließlich dafür, ein Bild zu malen.

Sobald die Wachtel in seinem Bauch verschwunden war, blickte er auf, um nach einem geeigneten Ast zu suchen. Guschth war sehr überrascht zu sehen, dass der Mensch genau so einen Ast in der Hand hielt, nämlich den Spieß an dem sein Braten gewesen war, von dem nun aber jede Spur fehlte. Guschth nahm den Stecken und grinste, denn er konnte sich denken, dass der Mensch nur solange zurückhaltend gewesen war, wie er beobachtet worden war. Nun zeichnete Guschth auf eine freie Stelle ein Bild von einem einzelnen, dünnen Männlein und einer Gruppe Menschen, die im Wald herumliefen.

Dann zeigte er abwechselnd auf das einzelne Strichmännchen und das kleine Männlein neben ihm, sagte dabei „Du“.
Dann zeigte er, als er sicher war, verstanden worden zu sein, auf die Gruppe und sagte: „Du Richtung sagen?“
Auch das wiederholte er mehrfach, bis der Mann nickte. Dann begann der zu reden, so schnell wie es Guschth nicht für möglich gehalten hätte und so rasant, dass er glaubte, der Mann müsse bald über seine eigene Zunge stolpern. Guschth verstand nicht viel von dem Gesagten, nur das Wort „Troll“ hörte er mehrfach heraus und auch „laufen“ und „Wald“, doch Sinn ergab es nicht. Dann zeigte ihm der Mann ein flaches, weißes Etwas mit vielen Kritzelzeichen darauf. Dazu kommentierte der Mann irgendetwas, aus dem Guschth nur „Trollsprache“ heraushörte. Entnervt schüttelte Guschth den Kopf, zeigte nochmal auf die Gruppe Menschen und wiederholte seine Frage, diesmal etwas anders.

„Du sagen Richtung Du-Menschen sein?“
Der Mann zeigte nun gen Süden und fing erneut an, ohne Unterlass zu reden. Diesmal hörte Guschth etwas, das wohl „viele Lagerfeuer“ heißen sollte. Doch er konnte sich nicht konzentrieren und gähnte, drehte sich auf die Seite und schloss die Augen. Er war müde und wollte schlafen. Sollte der Mensch irgendwas Böses tun, würde er es hören, denn Trolle haben gute Ohren, wie jeder weiß.

Am nächsten Morgen wachte Guschth allein auf der kleinen Lichtung auf. Das Feuer war heruntergebrannt und von dem kleinen Männlein fehlte jede Spur. Auf dem Stein am Feuer fand er ein weißes, flaches Etwas, auf dem zwei Bildchen waren. Auf dem ersten sah er einen kleinen, winkenden Mann, ein Feuer und einen Troll im Wald. Auf dem zweiten sah er den kleinen Mann im Wald gehen, das Sternbild über den Wipfeln zeigte den Norden an. Guschth zuckte die Schultern, nahm seinen Wanderstab und ging gen Süden. Warum der kleine Mann nach Norden wollte, wusste er nicht. Vielleicht wollte er nicht zu seiner Gruppe zurück.

Er aber wandte sich nach Süden, um die Gruppe Menschen zu finden und damit auch eine Trollin. Das weiße Etwas mit den Bildern nahm er mit, um einmal seinen Kindern von dieser Begegnung zu berichten. Ein einzelner Mensch und dazu noch ein netter! Sowas hätte er nicht für möglich gehalten. Ohne die Bildchen würde ihm niemand glauben, also steckte er das Etwas sorgfältig in seine Lederschürze. Dann schritt er weit aus, summte ein altes Trolllied, und war guter Dinge, seine Suche erfolgreich beenden zu können.

So ward die Lichtung am späten Vormittag menschen- und trollleer. Nur ein angeknabbertes flaches, verbranntes Irgendwas verbrachte noch einige Tage im Gebüsch, bis es von allerlei Waldgetier mitleidig vergraben wurde.
Denn auch Waldtiere haben Geschmack.


Guschth aber war der erste Troll, der eine menschliche Siedlung betrat und seinen Besuch sogar überlebte. Was er dort alles erlebte und warum man ihn seither „Guschth den Weitblickenden“ nannte, ist jedoch eine andere Geschichte…

weiter zum nächsten Türchen