Der erste Flug

(von Zoey)

“Wart ihr denn auch brav?“ Diese Frage stellt euch ein stattlicher bärbeißiger Herr in roter Winterkleidung mit weißen Pelzbesätzen am Eingang zum sechsten Türchen. Unter viel Bartgezwirbel und nach dem Konsultieren eines goldenen und eines schwarzen Buches nickt er schließlich, murmelt etwas von „Ehrlich währt am Längsten!“ und lässt euch eintreten.

"Mumii! Mumii!" Riika stürmte etwas wild die Astverzweigungen hinauf und stürzte sich auf ihre Mutter, die sie mit einem tadelnden Blick bedachte. "Nicht so stürmisch, kleine Riika." Die Kleine verschwendete kaum eine Sekunde um schuldbewusst zu gucken, als sie auch schon auf Aiija's Schoß saß und an ihren Federn zog. "Pupii will nicht sagen, wie ihr euch kennengelernt habt! Aber ich will das wissen! Damit ich auch einmal ein Pupii bekommen tu." Aiija konnte sich nun doch nicht ein Grinsen verkneifen und legte einige Traumfänger beiseite, die sie zuvor mit allerlei Dingen bestickt hatte.

"Bekommst, Schatz. Damit du auch einmal einen Pupii bekommst." Riika nickte und wiederholte artig: "Damit du auch einmal einen Pupii bekommst."
"Schlingel."
Liebevoll strich sie ihrer Tochter eine Feder aus ihrem Flügel zurecht. "Und er möchte dir nicht erzählen, wie er und ich uns kennengelernt haben?"
Riika schüttelte ihren Kopf. "Er sagt, du kannst viel besser erzählen." Sie rückte Riika auf ihren Schoß in eine bequeme Position und fing an zu erzählen:

"Nun gut... dein Vater und ich haben uns schon vorher immer oft gesehen, am großen Wasserloch. Ich fand ihn schon damals immer ganz..." sie hielt einen Moment inne. "...atemberaubend. Aber ich dachte damals noch, dass er mich für einen kleinen Tollpatsch gehalten hatte, weil ich... nun ja, einmal nicht auf einem Ast gelandet bin, sondern drei Meter daneben, also auf den Boden."
"Echt?" Riika kicherte.
"Ja. Richtig ernst wurde es natürlich erst als ich meine Flügge-Reise angetreten bin. Du weißt was eine Flügge-Reise ist?" - "Jaa, wenn man erwachsen wird, dann macht man eine Reise zum nächsten Wasserloch und guckt, ob man's schafft." - "Ich war natürlich total aufgeregt. Ich ganz alleine, drei Tage lang! Meine Mutter wollte mich schon da behalten, doch je aufgeregter meine Mutter wurde, wurde ich immer ruhiger. Außerdem hatten mich zuvor schon einige besucht und mir viel Glück gewünscht. Mein Bruder, der damals ja schon ausgewachsen war, Siira, eine Spielkameradin von damals, richtig viele und ich wollte sie ja nicht enttäuschen. Aber es ist wirklich ein wunderbares Gefühl das erste Mal dort oben allein zu fliegen. Es ist beängstigend, in irgendeiner Weise, aber auch unendlich befreiend." Aiija seufzte als ob sie sich genau den Moment in Gedanken einzufangen versuchte.

"Als ich dann das erste mal meinen Lagerplatz aufschlug, war mir schon komisch zu Mute. Ich mein, ich wusste zwar, dass wir keine - oder kaum - Feinde kannten, aber man hört ja doch schon von wilden Reißern oder heimtückischen Schlänglern, die sich nachts an Schlafende heranpirschen, also habe ich mir ein Messer und mein Sonnenglas zurecht gelegt und..." - "Aber nachts scheint doch keine Sonne!" rief Riika dazwischen. "Richtig, auf dem ersten Blick ziemlich unnütz, wenn man kein Gras zum brennen bekommt, aber man fühlt sich damit einfach sicherer und die Sonne kann schneller kommen als man denkt." Sie zwinkerte. "Am nächsten Morgen bin ich dann selbstverständlich wieder aufgewacht, aber es war etwas passiert!"
"Ein Reißer! Und Pupii ist gekommen um dich zu retten!"
"Nein. Ich hatte nicht geträumt. Manche hätten mir wahrscheinlich zugeredet, ich könnte mich nicht erinnern, aber ich wusste ganz genau, dass ich nicht geträumt hatte. Eine traumlose Nacht ist ja schlimmer als ein Albtraum. Bei einem Albtraum sagt man ja, dass in naher Zukunft etwas schreckliches passieren wird. Doch wenn etwas wirklich Grausiges naht, dass man es kaum in Worte fassen kann, kann selbst der Traum oder besser gesagt der Albtraum schlecht das Unaussprechliche in Gedanken und Bildern erfassen und man träumt einfach nichts.
Ich war panisch und versuchte den Schatten abzuschütteln, konzentrierte mich auf die Reise, versuchte mich abzulenken, was mir nur halbwegs gelang.

Du glaubst gar nicht wie froh ich war, als ich endlich das Wasserloch erblickte. Ich könnte jemanden meine traumlose Nacht erzählen und derjenige hätte bestimmt eine ganz einfache Erklärung dafür, Aufregung zum Beispiel.
Aber... ich hab's natürlich niemanden erzählt, weil ich Angst hatte. Nicht einmal Nekiiv, deinem Vater, habe ich irgendetwas gesagt, obwohl er der erste war, der mir zu meiner geglückten Reise gratulierte. Er nannte mich da kleine Aiija und ich Dummerchen dachte damals noch, dass wäre eine Anspielung auf meine unglückselige Landung."
Riika kicherte belustigt und murmelte: "Dummerchen."
"Vorsichtig!" Aiija erhob mahnend den Finger.

"Im Laufe der Tage traf ich immer mehr andere, wie das eben so ist zu der Zeit am Wasserloch, darunter war auch Siira, die mich beunruhigt nach meinen Nächten ausfragte und auch meine Eltern sparten nicht mit Andeutungen. Man hätte meinen können, dass man mir es ansehen konnte, nicht wahr?" Riika nickte.
"Also beschloß ich dem Nächsten, der mich ansprach, von der traumlosen Nacht zu erzählen. Drei mal darfst du raten wer das war!"
"Pupii!" Riika reckte stolz ihren Kopf als Aiija nickte.
"Er wollte nicht so recht glauben, dass sich etwas Schreckliches ereignen würde. Ich erzählte ihm also alles was mir einfiel. Von den vorherigen Besuchen, von dem Gefühl in dieser einen Nacht bis hin zu den Andeutungen. Er zog mich sofort zu meinen Eltern, die zugaben einen süßen Duft gerochen zu haben und dazu noch ein paar Überreste von Grauler-Knochen, was dazu führte, dass sie dachten, ich hätte eine betäubende Mischung genommen. Ich war irritiert, es würde schließlich Sinn ergeben, da Betäubte auch von traumlosen Nächten erzählten, aber ich hatte so etwas nicht genommen. Doch Nekiiv konnte sich aus allem einen Reim machen und was meinst du, was passiert ist und warum?"

Riika sah ihre Mutter eine Weile leicht grübelnd an. Nach einer ganzen Weile schrie sie: "Siira! Sie hat dich vorher besucht und hat es dir runter gemischt. Sie hat auch so nachgefragt. Das is' ja eine Böse! Aber warum?"
"Sie wusste ganz genau, dass Nekiiv seit der missglückten Landung hin und weg von mir war und mich zur Gefährtin nehmen wollte."
"HA! Und Pupii hat sie überführt!" Riika klatschte begeistert in die Hände. "Und seitdem lebt ihr glücklich bis an euer Lebensende?"
Aiija lachte und zwinkerte ihrer Tochter zu. "Langsam, noch leben wir ja, aber ich hoff's."

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