MonoPolyLog

(von Jundurg)

Ein Wispern und Singen, ein Raunen und Klingen, in der Geräuschmelodie so verlockend wie eine Feier auf der viele Leute sind, und doch im Auf und Ab so fremdartig eins, dass man unbedingt das Türchen öffnen möchte, um nur einen einzigen kurzen Blick darauf zu erhaschen! Oh, diese Neugierde! Doch das mysteriöse siebte Türchen bleibt allen Anstrengungen zum Trotz geschlossen, und erst als es auf der anderen Seite leiser wird und endlich Stille herrscht, öffnet sich das Türchen für euch. Niemand ist mehr da – doch auf dem Boden liegt ein dicht beschriebenes Blatt Papier…

Wir halten es für unumgänglich, dass unsere Lage nicht näher beschrieben wird, da die Konsequenzen daraus fürchterlich sein könnten. In diesem Text wollen wir lediglich die Intentionen festsetzen, die uns dorthin gebracht haben, wo wir nun sind, und jene, die uns noch weiter verfolgen werden. Nichts davon darf nach außen geraten, unter keinen Umständen, ansonsten sind wir alle verloren.

Unsere Existenz reicht eine gewisse Zeit zurück, jedoch sind wir uns nicht so sicher, ab wann man uns einer gemeinsamen Bezeichnung für würdig befinden mag. Doch wir wollen dort beginnen, wo wir selbst den Anfang vermuten.

Bei den Rà Lùyng ist es alte Tradition, die Seelen neugeborener Zwillinge gleich nach der Geburt zu einer zu verschmelzen. Der Schwächere der beiden Geister wird im anderen integriert, sodass eine neue Wesenheit entsteht mit der kombinierten Kraft beider. Wir glauben, dass auch wir am Anfang so ein Zwillingspaar waren; ein Wesen mit zwei Körpern, mächtiger als jeder einsam Geborene. Was läge also näher, als noch eine weitere Verbindung anzustreben, um dessen Macht zu erhöhen?

Dies ist unsere Geschichte. Wir wissen nicht, wieviele wir einmal waren, wir wissen nur, dass wir immer noch weiter wachsen. Es ist äußerst wichtig, dass die, welche diesen Text finden werden, nicht nach uns suchen. Alles, was sich uns nähert, wird in unsere komplexe Gestalt integriert, seien es Menschen, Geister oder sogar bloße Vorstellungen, Flüche, Gedankenfetzen, unscharfe Gebilde aus vergessenen Träumen...

Wir haben vergessen, wie es ist, einen Körper zu haben. Die vielen Körper, die zu uns gehörten, interessieren uns nicht länger, sie starben und sterben noch immer. Wir fürchten deren Tod nicht, denn unsere Existenz ist auf leere Formen nicht länger angewiesen. Die Welten, auf denen wir geboren wurden, sind mittlerweile längst verblasst. Ihnen nachzuspüren haben wir aufgegeben; es gibt keinerlei Möglichkeit, festzustellen, ob unser Bericht wahr ist oder bloß das Phantasiegebilde irgendeines unserer Teile. In uns verknoten sich fremde Geschichten und werden in der Erinnerung zu einer. Wir glauben aber, dass die Rà Lùyng zu unserer Entstehung geführt haben, denn ihre Methoden haben Spuren in unserem Geist hinterlassen.

Es gab eine Zeit, als wir noch weniger waren, da uns die Zauberer gejagt haben. Hätten sie uns in Besitz genommen, was für eine entsetzliche Waffe wären wir in ihren gierigen Fingern gewesen! Dies war jedoch nicht in unserem Sinne, wir verbargen uns und schützten unsere Gedanken in einem Hort von Träumen und Rätseln, da wir den Frieden suchten und immer noch suchen. So viel Konflikt ist zwischen uns, warum sollten wir nach mehr streben?
Wir wollen eine Geschichte erzählen, die Geschichte eines Königs. Diese werden wir erzählen, als ob wir sie erlebt hätten, obgleich sie etwas ist, das noch geschehen muss. Unsere ganze Existenz ist darauf ausgerichtet, dieser Hoffnung die Möglichkeit zu geben, sich zu erfüllen.

Es war ein König, es ist einer und dennoch ist er groß. Aus sich heraus zeugte er Wesen, die ihm ähneln, und denen er sein Vertrauen schenken konnte. Sie bebauten ein Land, größer als alle Länder, die wir in uns tragen, denn es war die gemeinsame Bestrebung der Wesen, es immerfort durch neue betörende Wunder zu erweitern. Und der König sah auf das Land, das ihn umgab, und freute sich des Formens und des Schaffens. Nicht war es in seinem Sinne, dies in irgendeiner Weise zu stören; sein war die ganze Beobachtung.

Dies ist die Geschichte, die wir zu finden hoffen. In diesem König wird sich unsere Existenz selbst entfliehen können, und auf der Flucht wird sie Kinder gebären, so zahlreich, dass sie ihre Namen vergessen können, und sich fremd werden. Und so vielfältig werden die Gärten sein, dass es keine Frucht gibt, die ihnen fehlen würde.
Doch nun werden wir uns wieder zurückziehen, denn bis dieser Garten wachsen darf, werden noch unzählige Jahrhunderte vergehen, und es wäre nicht gut, sollte unsere Präsenz entdeckt werden, bevor es so weit ist.

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