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Die Vertracktheit des Daseins im Allgemeinen

(von Jundurg)

Eine wie aus dem Bilderbuch gestaltete, unauffällige, total normal aussehende Wohnungstür, so gewöhnlich und unscheinbar, dass sie jeden Hausierer, Werbeprospektverteiler, Ideologievermittler, zur-Religion-der-Woche-Bekehrer und sogar den unaufmerksamen Postboten zum völligen Ignorieren einlädt… diese Tür nun ist das neunte Türchen – und sie zieht vor allem eines an: seltsame Gestalten.

Es klopfte an meiner Tür, wie immer gerade dann, wenn ich es mir in meinem dezent ungemütlichen Sessel bequem gemacht hatte. Nachdem ich mich zuende über das Horoskop gewundert hatte, welches Fischen empfahl, sich heute nicht aus dem Wasser zu wagen, und einen Kletterkurs für Steinböcke anbot, machte ich auf.

"Ja?"
"An Ihrer Tür steht 'Alter Ego'", sagte ein verhutzeltes Männchen mit rotem Bart, mir als Botschafter von schlechten Nachrichten bereits wohlbekannt.
"Ich habe ein Türschild?"
Verwundert trat ich einen Schritt nach vorn und besah das Ding. Es schien aus Messing zu sein, und glänzte neu. Wer auch immer es montiert hatte, er hatte es mit einer schönen geschwungenen Schrift versehen. Der Zwerg indes kratzte sich am Kopf und sprach weiter:
"Es gibt einen neuen königlichen Erlass. Jeder Bürger sollte zumindest einen Namen haben. 'Alter Ego' ist kein Name."
"Aber ich bin der Ich-Erzähler! Ich habe keinen Namen!"
"Dann sehen Sie zu, dass Sie einen bekommen."
"Seit wann haben wir überhaupt einen König?"
Der Zwerg schaute mich verwundert an.
"Sie leben hier in Kingdom 3.", sagte er leicht entrüstet, "Woher glauben Sie, dass der Name kommt? Zugegebenermaßen, die letzten fünfzig Jahre hat sich unser König eher für komplexe Dichtkunst interessiert, das hat seine ganze Zeit beansprucht. Aber jetzt haben wir einen neuen Minister."
"Zufällig ein gewisser Gliterstoon?"
"Natürlich."
"Sollte ich mir über diese Machtkonzentration Sorgen machen?", fragte ich.
"Es wurde mir dringendst nahegelegt, auf diese Frage mit 'nein' zu antworten."

Ich schaute eine Weile in das runzelige Gesicht des Zwerges. Schließlich fiel mir auf, dass er sich während unseres Gesprächs kein einziges Mal auf und ab bewegt hatte.
"Was ist mit ihrer Springerkrankheit passiert?", fragte ich den Zwerg, und hoffte, mit diesem Themenwechsel meine Namenlosigkeit überspielen zu können.
"Es... gibt ein neues Heilmittel.", berichtete der Zwerg mit bedrückter Miene, "ein sehr teures Heilmittel."
"Ich verstehe.", sagte ich. Ich verstand tatsächlich. Die chronische Erkrankung des Zwerges, die ihn dazu gezwungen hatte, immerfort auf und ab zu springen, hatte er offenbar gegen finanzielle Schulden getauscht, die in dieser Gegend bekanntermaßen zu einem exponentiellen Wachstum neigten. Ich beschloss, ihn später zu bedauern, falls ich in die dafür notwendige Stimmung geraten würde.

Der Zwerg reichte mir ein Formular.
"Das brauchen Sie, um Ihren Namen anzumelden.", sagte er, "Vergessen Sie nicht, das Formular vor dem Einreichen zu trocknen. Wir hatten einen Haufen verklebter Exemplare, die offenbar mit frischem Blut ausgefüllt worden waren. Ich nehme an, dass solches nicht ihre Absicht ist, aber ich muss sichergehen."
Der Zwerg verabschiedete sich und ging davon. Ich beobachtete, wie er, bevor er um die Ecke verschwand, leicht auf und ab zu wippen begann, und sich sogleich eine Tablette verabreichte.

Ich setzte mich in einen leidlich gemütlichen Sessel, um das Formular anzusehen. Es war drei Seiten lang, und so voller Kleingedruckten, dass ich mir nicht vorzustellen wagte, was passieren würde, wenn ich es tatsächlich einreichte. Ich beschloß also, am Nachmittag zum Baron zu gehen, um mir meine Namenlosigkeit bescheinigen zu lassen. Derweil wandte ich mich wieder dem Horoskop zu. Es war eine spezielle Variante, die für die ortsansässigen Untoten mit einer zusätzlichen Seite ausgestattet worden war, welche die Todesdaten berücksichtigte. Da manche hier deren mehrere hatten, konnten sie unter sehr vielen Tageshoroskopen wählen, was nicht unbedingt ein Nachteil war. Ich suchte mir eines aus, das mir gefiel, und packte dann meine Sachen für die bevorstehende Wanderung. Das Schloss des Barons befand sich am anderen Ende eines Waldes, und ich musste mich, um den ungeheuer verworrenen Weg zu finden, mit Gliterstoons Wegfinder-Spray behelfen, der mir stets eine aktuelle Karte in die Luft sprühen würde.

Es war entweder früher Morgen oder später Nachmittag, beschloss ich, als ich wieder aus dem Haus ging. Der Schatten meines Nachbarhauses hatte auf jeden Fall gerade die richtige Konstellation, um wie ein trauriges Gesicht auszusehen, und sprach mich auch sogleich an.
"Immer ignorierst du mich.", sagte der Schatten missmutig.
"Tja."
"Das ist nicht fair."
Ich nickte ihm abwesend zu, sprühte einmal kurz in die Luft, und hielt nach schwierigen Himmelsrichtungen Ausschau, aber im Moment schien es mir, als ob lediglich die normalen acht anwesend wären. Ganz vertraute ich der Sache aber nicht. Einige der heimtückischeren Richtungen haben die Angewohnheit, einen, bildlich gesprochen, aus dem Hinterhalt anzufallen, wenn man nicht mit ihnen rechnet.

Ich hielt mich an den vom Wegfinder-Spray empfohlenen gelblich glühenden Weg, der mich sogleich in den Wald hinein führte. Auf einer Lichtung traf ich ein Irrlicht, das ich aber ignorierte, und das, als es sah, dass es mich nicht in die Irre führen konnte, traurig sitzen blieb und auf den nächsten Passanten wartete.

Nach kurzer Wegstrecke tauchte das Schloss des Barons vor mir auf. Ich zog an der Schnur, die neben dem Eisentor angebracht war. Oben hörte ich ein Geräusch, das wie ein Paukenschlag klang. Diesem folgte ein langgezogenes stotterndes Knarren, das am Ende in ein Säuseln überging. Ich wusste, dass der Baron eigene Angestellte hatte, die das Geräusch des sich öffnenden Schlosstores adjustierten, und gab ein bewunderndes "Ah." von mir, womit ich hoffte, diese Angelegenheit ausreichend gewürdigt zu haben.

Meine Audienz verzögerte sich bis zum frühen Abend. Anscheinend war ich nicht der einzige, der heute wegen der neuen Verordnung verstört hier aufgekreuzt war. Ich wurde von einem Bediensteten durch ein kompliziertes System aus Korridoren gelotst, und gebeten, mich dann auf einen bestimmten Sessel zu setzen, der in der Mitte des Raumes platziert war. Nach einer Weile holte man mich, und führte mich zu einem anderen, noch seltsameren Ort, der an einen Waschraum erinnerte, und zeigte mir dort einen Sessel, auf dem ich die nächste halbe Stunde zu verbringen habe. Man erklärte mir, dass es in der Vergangenheit Beschwerden gegeben habe wegen Warteschlangen, die sich ineinander verknotet hatten, und man deshalb dieses neue System entwickelt hatte, das heute eben zum ersten Mal getestet wurde.

Ich starrte eine Weile auf den Teppich, der an der Wand des Raumes lag, in den man mich zuletzt gebracht hatte. Mein erster Eindruck, das gestickte Muster sollte eine Schlacht zwischen zwei Raumschiffen darstellen, täuschte offenbar, nach einer Weile war ich mir fast sicher, dass es sich um ein abstraktes Gemälde handelte, ich glaubte sogar anhand des Stils eine weitere Einordnung treffen zu können, dann schien es mir aber wieder, als wären die Raumschiffe doch deutlich zu erkennen, und die vielen Punkte im Hintergrund deuteten nur allzu klar auf Sterne hin. Gemächlich kletterte eine Spinne über eine Galaxie. Nachdem ich mich eine Weile gewundert hatte – ich musste dabei wohl leise Vermutungen geflüstert haben – hörte ich hinter mir ein Räuspern. Ich drehte mich nicht sofort um, da ich generell keine Neigung zu dramatischen Handlungen hatte, sondern wartete, bis mein letzter Gedankengang ausreichend durchdacht war. Ich war nämlich zu dem Schluss gekommen, dass es sich sowohl um ein abstraktes Gemälde als auch um eine Weltraumschlacht handelte, und wer immer den Teppich bestickt hatte, hatte diese zweifache Bedeutung wohl so beabsichtigt. Zufrieden mit meiner Erkenntnis drehte ich mich um.

Ich erkannte in einem Schatten, der sich in der Richtung, aus der das Räuspern gekommen war, eine Person.
"Ich kann dir versichern, dass dieser Teppich eine Weltraumschlacht darstellt.", sagte die im Schatten sitzende Person. Es war eine raue, aber weibliche Stimme, vom hohen Alter etwas graugrün gefärbt. Ich stellte mir spontan die Augen der Person in dieser Farbe vor, und als sie weitersprach, und sich dabei aus dem Winkel, in dem sie saß, vorbeugte, sah ich, dass ich mit meiner Vermutung recht nahe gelegen hatte.
"Das ist die Schlacht zwischen Käpt'n Alec und meinem alten Freund Adibi.", sagte die Alte, deren gelbgrüne Augen mich nun abzutasten schienen, "Es tut immer wieder gut, sich daran zu erinnern."
"Ihr seid Deeri, nicht wahr? Die Mutter des Barons?"
"So ist es. Ich bin lange nicht mehr hiergewesen, aber von Zeit zu Zeit habe ich das Bedürfnis, meine Familie zu sehen."

Die alte Dame stand mit einer Geschwindigkeit auf, die ich ihr nicht zugetraut hätte, und ging zu dem Teppich, den ich eben eine halbe Stunde angestarrt hatte. Sie trug ein schwarzes Gewand – andere Farben schien es bei den weiblichen Mitgliedern dieser Familie ohnehin nicht wirklich zu geben – und trug an einer Hand einen Ring in Form eines Plastikwürfels, der in unregelmäßigen Zeitabständen blinkte.

"In diesem Raumschiff waren wir, Merrohand und ich..", erklärte sie, und zeigte mit dem Finger auf eines der metallenen Gebilde (die natürlich aus Stoff waren, aber nichtsdestoweniger metallisch glänzten), "und wir wären beinahe explodiert, wenn nicht Adibi im letzten Moment einen treffsicheren Schuss abgefeuert hätte. Das andere Raumschiff explodierte, und damit war der Planet befreit... wenn mir nur einfiele, wie der Planet hieß."

Sie kratzte sich am Kopf – ich vermute, dass sie es mir zuliebe tat, damit ich diese demonstrative Geste beschreiben kann. Bei ihren langen und spitzen Fingernägeln würde es mich wundern, wenn sie es aus Gewohnheit getan hätte, und sie wirkte dabei nicht im Geringsten verwirrt, was der Geste etwas an Ausdruckskraft nahm.
"Es ist nicht so wichtig.", schloss sie ihre Erzählung abrupt.
"Das war in irgendeinem Science-Fiction-Epos, oder?"
"Ja. Merrohand und ich haben uns auf diesem Raumschiff kennengelernt, und eine von Adibis Frauen hat uns diesen Teppich als Andenken geschenkt. Ich habe leider vergessen, wie sie hieß, aber es ist auch schon über zweihundert Jahre her, da wird man mir das verzeihen können."
"Ich vermute, Sie waren gerade in die Betrachtung des Teppichs versunken, als ich hierhergebracht wurde, um zu warten.", schloss ich.
"Was? Oh nein, ich war damit beschäftigt, diesen alten Geheimgang zu restaurieren.", erklärte Deeri und deutete auf den Winkel, aus dem sie offenbar gekommen war, "Merrohand und ich sind oft hier ein- und ausgegangen, und ich fände es schade, wenn er verfällt. Ich müsste mir zwar einen Grund überlegen, warum ich mich verstecken müsste, um ihn zu benutzen, aber da findet sich schon was."
Die Alte kicherte leise. Ein Knarren deutete an, dass gleich die Tür geöffnet werden würde. Der Bedienstete, der die Wartenden koordinierte, trat ein und verbeugte sich kurz vor der alten Dame, bevor er sich mir zuwandte.
"Der Baron möchte Sie jetzt sprechen.", teilte er mir mit, "Wenn Sie mir bitte folgen würden..."

+++

Es war schon eine ganze Weile her, dass ich den Baron Silio Varréz zum letzten Mal gesehen habe. Er stand mit einem herrischen Blick in einem hellroten Bademantel in der Mitte eines langgezogenen Saales, und kommandierte einen seiner Diener herum.
"Nicht hierhin! Da natürlich!", befahl er. Der Diener beeilte sich, die große Wanne, die er trug, an der bezeichneten Stelle abzustellen, und dabei möglichst wenig Wasser zu verschütten. Als ich näherkam, sah ich, dass die Wanne überhaupt nicht mit Wasser gefüllt war. Es schien sich eher um eine Art Tee zu handeln. Obenauf schwammen ein paar Blätter, was meine Vermutung allerdings nicht weiter stützte, denn es handelte sich nicht um wohlriechende Gewürze, sondern um Laub irgendeines Baumes, der irgendwo in den Weiten der Schlosskorridore wuchs. Der Diener bückte sich, und versuchte sie möglichst unauffällig zu entfernen, was ihm gelang, da der Blick des Barons mittlerweile auf mich gerichtet war. Als ich das realisierte, durchfuhr mich ein kurzer Schrecken, der meinen Stimmapparat zum erzittern brachte, woraufhin mir ein "Äh." entfuhr. Dafür hasste ich mich sogleich, aber der Baron war noch nicht damit fertig, herrisch in meine Richtung zu starren. Erst als ich mich räusperte, kam Bewegung in die Miene des Barons Silio, und er schritt zu mir hin und begrüßte mich mit einem festen Händedruck, der mir das Blut aus den Adern weichen hätte lassen, wäre allzuviel darin gewesen.

"Ich nehme an, Sie sind wegen Ihres Namens hier.", brummte der Baron, und sein silberner Schnauzbart erzitterte beim Klang seines tiefen Basses, "Eine ärgerliche Angelegenheit. Ich musste mein Frühstück heute schon zweimal verschieben. Aber da wir uns bereits kennen, erlaube ich mir, in Ihrer Gegenwart zu frühstücken. Ich habe für heute nämlich ein besonderes Experiment vor."
Er deutete auf die Wanne, in die sein Diener gerade eine Schüssel mit Marmelade setzte, die sogleich im teegrünen Wasser fröhlich schaukelte.
"Das ist ein schwimmendes Frühstück.", erklärte Baron Silio, "Meine neueste Errungenschaft. Ich benötige lediglich ein Teetassenboot..." – gerade wurde jenes zu Wasser gelassen – "und dann kann ich mithilfe eines Bechers den heißen Tee schöpfen, der zugleich den Ozean bildet, auf dem sich diese Mahlzeit abspielt."

Silio setzte sich auf einen kleinen Hocker neben der Wanne, und begann mit der Koordination der Brot- und Marmeladenboote. Beim Umladen kam es zu kleineren Komplikationen, und das Teewasser schwappte auf den Steinboden heraus. Silio lächelte und trank einen Schluck Tee.
"Das ganze Geschirr ist aus Silber.", sagte Silio, "Falls also irgendjemand noch immer der Meinung sein sollte, dass Werwölfe Silber hassen, so hoffe ich, diesen Irrglauben nun widerlegt zu haben." Er seufzte. "Man sollte meinen, eine Währung von Silbermünzen herauszugeben, würde genügen, aber manche kapieren es nie."

Ich nickte. Vermutlich würde bald der richtige Zeitpunkt kommen, um auf mein Anliegen zu sprechen zu kommen, bis dahin würde ich dem Baron zusehen, wie er seine Flotte in der Frühstückswanne herumdirigierte, was mich für die Strapazen des langen Wartens mehr als belohnte, wie ich fand.
"Der Erlass des Ministers...", begann der Baron, während er sich an der frischen Erdbeermarmelade gütlich tat, "ist mir natürlich zu Ohren gekommen. Schließlich bin ich nicht taub. Der halbe Ort war heute schon hier, um sich zu beschweren."
"Und was habt ihr nun vor?"
"Ich muss sagen, dass ich mit dem König durchaus einer Meinung bin, was die vielen namenlosen Leute in unserer Welt betrifft. Das wird noch zu einer heillosen Verwirrung führen, wenn es weiter so bleibt."
"Aber ich kann keinen Namen gebrauchen. Das gefährdet meine persönliche Integrität!", brachte ich ein, "Es wäre ein Einschnitt in meine künstlerische Freiheit als Autor."
"Ich verstehe.", sagte der Baron, "Ich kann Ihnen aber keine Sondererlaubnis geben. Dafür ist der Minister zuständig, oder der König."

Ich verzichtete darauf, mir vorzustellen, wie es mir mit meinem Anliegen bei Minister Gliterstoon gehen würde, und malte mir stattdessen auf, wie ich auf meinem Heimweg heute betrübt den Kopf schütteln würde. Ich würde ihn genau drei Mal schütteln, und zwar immer, wenn ich bei einer bestimmten Sorte von Kurve vorbeikam. Nachdem ich das beschlossen hatte, ging es mir etwas besser. Das ist eben meine Art, mit bedrückenden Problemen fertigzuwerden.

"Ich kann Ihnen also nur raten, die Sache so lange hinauszuzögern, bis ihr Fall in den Windungen der Bürokratie in einer engen Kurve steckengeblieben sein wird. Das kann eigentlich nicht lange dauern."
Der Baron legte einen Zuckerwürfel auf einen Katapult und neigte sich vor, um besser zielen zu können. Sein Schnauzbart berührte fast die Wasseroberfläche, und durch die dicke Brille spiegelten sich die gelben Augen im trüben Frühstücksmeer.
"Daran muss ich wohl noch arbeiten.", erklärte der Baron sachlich, als sein dritter Versuch, den Zuckerwürfel in die Teeschale zu befördern damit endete, dass ein Milchboot am Wannenrand kenterte.
Ich verneigte mich zum Abschied, und hörte beim Hinausgehen, wie der Baron seinem Diener erklärte, auf welche Weise er die Wanne verlängert haben wollte.

Beim Hinausgehen ließ man mich allein. Offenbar nahm man an, ich würde den Weg schon selbst finden, und da keinerlei Gefahr einer Warteschlangenverknotung mehr bestand, konnte man mich getrost meinen Weg durchs Schloss selbst wählen lassen. Ich entschied mich, einen Abstecher zur Bibliothek zu machen. Diese ist nicht besonders schwer zu finden, man braucht lediglich nach links zu gehen, denn dieser Hort alter verstaubter Bücher befindet sich immer auf der linken Seite des Schlosses, gleich in welche Richtung man geht.

In einem verstaubten Regal in der Mitte des ersten Raumes wurde ich fündig. 'Das Problem der Namensfindung in egozentrischen Erzählperspektiven' lautete der Titel des Buches, das ich sogleich an einer zufälligen Seite aufschlug.
'Wir verfügen über insgesamt neun Methoden, einen Namen als Abspaltung eines anderen zu definieren.' stand dort geschrieben, 'von denen allerdings zwei völlig unbrauchbar sind; über eine weitere wurde schon einmal berichtet, sie ist jedoch wieder in Vergessenheit geraten und wird seitdem in der Regel nur in Fußnoten erwähnt, wovon diese Passage soeben eine unerhörte, fast schon obszöne Ausnahme darstellt. Die anderen Methoden ergänzen sich durch ihre praktische Unbrauchbarkeit; ihre jeweiligen Unzulänglichkeiten können als eine Art Metapher für die Vertracktheit des Daseins im Allgemeinen angesehen werden. (Siehe Kapitel 11, Namensverständnisse in früherer Zeit, sowie Kapitel 14, Der ontologische Sinn der Benennung)'

Ich war mir sicher, das richtige Buch gefunden zu haben, und steckte es mir spontan in die Tasche. Wenn ich jetzt nicht schnell wäre, würde es mir noch jemand anderer wegschnappen. Die klaffende Lücke im Regal, die aus dem Fehlen thematisch ähnlicher Bücher resultierte, ignorierte ich dabei, so gut ich konnte. Vermutlich waren sie dem von mir gefundenen Buch an Tiefgang ohnehin unterlegen, versuchte ich mir einzureden. Beim Verlassen der Bibliothek senkte ich seufzend den Kopf, nicht, weil ich tatsächlich traurig gewesen wäre, sondern weil ich es mir vorgenommen hatte. Das Zurücklassen von Büchern hat immer eine gewisse Tragik.

weiter zum nächsten Türchen