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VAREKIA - oder die Liebe der Sonne -

(von Lyrillies)

Beim elften Türchen handelt es sich um einen wunderschönen, aus Stein gemeißelten Torbogen. Er glänzt im Sonnenlicht, und der goldene Schimmer scheint seinen Verzierungen eine ganz eigene Art von Leben einzuhauchen, erzählen sie doch eine uralte Geschichte…

Dies ist die Geschichte von Dalida Nie und dem Kuss der Varekia, von Carisor und der Sonne, und von Sominkor und der Suche nach dem Sehen. Es ist eine Geschichte von Verzweiflung und von Liebe. Vor allem aber ist es eine Geschichte von der Hoffnung.
Möge sie euch stets begleiten und eure Augen erhellen.

Es begab sich zu einer längst vergangenen Zeit dass ein Jüngling geboren wurde. Große Freude herrschte in seinem Haus, und seine Mutter weinte stolz als sie den Knaben seinem Vater reichte. Es war ein kräftiges, gesundes Kind und es gab ein großes Fest zur Begrüßung des neuen Lebens.

Der Junge blickte unerschrocken auf seine neue Familie und lachte oft. Verwandte kamen tagtäglich um ihn zu sehen und mit ihm zu spielen. Sogar die älteren Kinder der Nachbarschaft bewunderten den Knaben, brachten ihm Geschenke und passten auf ihn auf, hatten die Eltern einmal etwas Wichtiges zu erledigen.

Mit den Jahren nahm die Beliebtheit des Kindes zu und seine außergewöhnliche Schönheit wurde immer offensichtlicher: feuerrote Haare sprangen ihm neckisch in die bronzefarbenen Augen und sein Lachen hatte auch in der Jugendzeit noch etwas kindlich-fröhliches, das jeden in seinen Bann schlug.
Man nannte den Jungen Dalida Nie.

Der Junge wuchs auf wie alle Kinder. Er spielte, lachte, fiel, weinte, wuchs und wurde älter. Man könnte fast glauben, es habe nichts Besonderes mit ihm auf sich. Doch gäbe es diese Geschichte nicht, wäre nicht etwas von je her sonderbar gewesen an dem hübschen Kind: Es schien, als liebte er nicht. Zwar war er höflich und stets zuvor kommend, doch blieb er allen Menschen fremd und betrachtete sie mit einer leichten Verwunderung, die seiner Beliebtheit aber keinen Abbruch tat.

Man wunderte sich als er ins Jugendalter kam, denn im Gegensatz zu anderen seines Alters zeigte er nicht die üblichen Anzeichen, die erkennen ließen, dass er begann die Weiber als solche wahrzunehmen. Er verabscheute sie nicht, später umwarb er sie nicht. Er schüttete nie seiner Familie oder einem der zahlreichen die seine Freunde sein wollten sein Herz aus. An Knaben hatte er kein erkennbares Interesse. Jegliche Versuche ihm ein Weib näher zu bringen missachtete er. Sie waren ihm alle gleich.

Auch er selbst bemerkte natürlich, wie all seine Freunde begannen den Frauen nachzuschauen, sie anzulachen. Und jeder von ihnen schien über kurz oder lang eine zu finden, die ihm ein Geheimnis bot. Sie alle lagen letztendlich dem ein oder anderen Weib zu Füßen, baten sie ihn wohlwollend zu bedenken und bald folgten die ersten Vermählungen.

Dalida Nie sah keine, die aus der Masse heraus stach. Sie schienen ihm alle grau und langweilig. Einmal verfolgte ihn eines der Weiber für einige Zeit. Seine Familie war zunächst hocherfreut, war es doch das bestaussehendste Mädchen im ganzen Umkreis und aus guter Familie noch dazu. Doch Dalida Nie sah nur ihre spröden Haare, in wenig origineller Weise hochgesteckt, die glanzlosen, erdfarbenen Augen und wenn sie sang, so schien ihre Stimme einen Sprung zu haben. Auch störten ihn bei allen Frauen die im Laufe der Zeit von seiner Schönheit umfangen wurden und um ihn warben deren linkische Versuche in der Handwerkskunst.

Kunst. Das war es, was ihn überhaupt antrieb. Kunst war es, was er liebte. Doch war diese Liebe geheim, denn er hatte nie auch nur einen Klumpen Ton berührt, noch je ein Holz geformt oder Farbe angerührt. Es war ihm, als sei er nicht würdig zu schaffen. Und doch verehrte er von ganzem Herzen die Künste. Sie waren das einzige, was seiner Welt Klang und Farbe verlieh, und wer davon nichts verstand wurde in seinen Sinnen Teil eines großen, summenden Schwarms, der störend am Rande seines Gesichtsfeldes umher schwirrte. Leider verstand niemand im Umkreis etwas von den Künsten. Und so wanderte er die Jahre hindurch unachtsam an seinen Gefährten vorbei, und nahm nichts war außer der Fehler anderer wenn sie etwas schufen.

Es dauerte tatsächlich erstaunlich lange bis er jenes Teilchen Wissen entdeckte, welches mit einem alles erschütternden Tusch seiner Welt nicht nur Klang und Farbe, sondern auch Leben verlieh. Es war ein Name, ein Wort, welches jedwedes Lebewesen mit einem Mal selbst zu einem Kunstwerk erhob, verherrlichte und Dalida Nie eine unsägliche Freude über die Komposition des ganzen Universums bescherte.

Das Wort lautete Varekia.
Nun müsst ihr wissen, dass in den Gefilden, in denen unser Dalida Nie lebte, ein Pantheon an Göttern verehrt wurde, welches mehr überirdische Wesen umfasste als man sich merken kann.
Varekia war eines dieser Wesen. Genauer gesagt war sie die Göttin der Schöpfung.
Es war Dalida Nies vorbestimmtes Schicksal eines Tages diesen Namen zu hören und zu verstehen, weshalb alle Welt ihm stets gleich geblieben war. Denn seine Liebe gehörte von dem Moment seiner Geburt an nur einem Weib, nur einem Wesen, nur Varekia. Die Schöpfung, sie war die höchste aller Künste, und sie war Perfektion. Wenn es eine gab auf der ganzen Welt, die den Funken in sich trug und auch Dalida Nie ein Geheimnis bot welches er zu ergründen suchte, so war es Varekia.

Ihr müsst verstehen, welch ein Moment unser junger Mann hier durchlebte als er von seiner Göttin erfuhr. Sein Leben lang hatte er sich nicht zugehörig gefühlt, hatte mit Befremden das Betragen seiner Freunde beobachtet und sich stets gewundert weshalb ihm nie eine Frau begegnete, die seine Welt so erhellte wie es die Weiber seiner Freunde für diese taten.

Varekia war ihm nie begegnet. Er hörte von ihr von einem wandernden Schreiber, der gedachte mit seinen Geschichten Bilder in den Köpfen seiner Zuhörer zu malen, und den Dalida Nie in einem Anflug von Verwunderung fragte, wie er denn denken könne Erfolg zu haben – da sagte der Wandernde „Varekia wacht über mich und lenkt meine Hand beim Schreiben. Eines Tages wird sie mir die eine Geschichte einflüstern, die mich berühmt macht.“ Doch Dalida Nie wusste, dass dieser Mann nie erfolgreich sein würde. Er suchte Ruhm für sich und liebte nicht die Kunst. Dalida Nie jedoch suchte von diesem Moment an die Göttin Varekia, auf das sie ihm nur ein einziges Mal die Kunst zeigen möge.

So kam es, dass der junge Mann von diesem Tag an sein Leben der Göttin der Schöpfung widmete. Sonnenjahre hindurch betete er zu ihr, flehte sie an ihm nur ein einziges Mal einen Blick zu schenken und schwor ihr ewige Liebe und Treue.
Varekia aber freute sich, hatte sie diesen Mann doch selbst geschaffen und ihm ein ganz besonderes Talent geschenkt. Das seine Liebe aber so heftig entbrennen würde, das hatte sie nicht zu träumen gewagt.
Die Göttin sah ihrem Schützling stundenlang zu, wie er sie bat ihn zu erhören, sie lauschte seiner Stimme die er bewusst nicht zum Singen einsetze um sie nicht mit seiner Unvollkommenheit zu verärgern und wünschte, sie könnte ihm seine Bitte erfüllen. Doch hatten die Götter vor langer Zeit schon beschlossen, dass sich niemals wieder einer der ihren einem Sterblichen zeigen dürfe, da es in der Vergangenheit zu furchtbaren Kriegen um die Bedeutung der göttlichen Worte gekommen war. So hatten sie sich zurückgezogen und beobachteten friedlich ihr Werk.

Dalida Nie wusste freilich nichts davon. Er wurde aber ob der Stille seiner Göttin so traurig, dass er beschloss, wenn er ihre Künste nicht bewundern dürfe, so habe sein Leben keinen Sinn mehr. Und er begann zu weinen. Er weinte bis alle Flüssigkeit aus seinem Körper hinaus war und er leblos und vertrocknet wie ein gefallenes Blatt im Herbst da lag und sein Atem versagte.

Da erschrak Varekia, denn das hatte sie nicht gewollt. Sie hatte diesem Jungen eine große Zukunft gewünscht, und ihm alles dafür mit auf den Weg gegeben, und nun hatte seine Liebe zu ihr ihn zerstört. Da fasste sie sich ein Herz und stieg gegen den Ratschluss der Götter zu ihrem Liebsten hinab. Als sie ihn sachte vom Boden aufhob und über sein rotes Haar strich, öffnete Dalida Nie ein letztes Mal die Augen. Und er erblickte Perfektion.

Was er in diesem Moment fühlte ist wohl zu groß um es beschreiben zu können. Ich war es nicht, die Varekia berührte und so ist es mir nicht vergönnt euch erzählen zu können was er in diesem Augenblick erlebte. Aber lasst euch gesagt sein, dass nicht einer jemals wieder von solchem Glück durchströmt wurde und einer Hoffnung, die alles überstrahlte – nein, nicht überstrahlte, sondern erst selbst zum Strahlen brachte. Die Hoffnung, die Varekias Anblick in Dalida Nie auslöste, gab der Welt einen Puls. Mit einem Mal fühlte er ein Herz schlagen und er wusste, dies war das Herz der Schöpfung selbst.

Da lächelte er und nahm Varekias Hand. Und zu seiner unendlichen Verwunderung begann sie zu ihm zu sprechen: „Dalida Nie, einen Blick hast du dir gewünscht, doch ich gebe dir mehr. Du sollst dieses Leben nicht wieder verurteilen, das ich dir geschenkt habe und darum wirst du es im Dienst an mich verbringen.“ Dalida Nie wunderte sich, glaubte er doch genau das bereits getan zu haben. Aber da vergingen ihm alle Gedanken, denn Varekia beugte sich zu ihm herab und küsste ihn sanft.

Als er die Augen wieder aufschlug war sie fort. Den Kuss, so viel will ich euch verraten, spürte er sein Leben lang auf seinen Lippen und nie vergaß er ihre Worte. Denen entsprechend begann er noch mit dem selben Sonnenstrahl sein Leben wirklich in den Dienst Varekias zu stellen: Er schuf. Als er aus seiner Hütte kam, wichen die Leute vor ihm zurück, denn er schien aus einem anderen Material gemacht als sie selbst. Man wusste nicht, was mit einem Mal anders an ihm war, und flüsterte aufgeregt, als er zielstrebig auf den Steinbruch zu schritt. Nur einige Stunden später jedoch wurde Dalida Nies weiterer Lebensweg offenbar. Er hatte eine Statue von solch unermesslicher Schönheit geschaffen, das jedem der sie ansah Tränen in die Augen traten. Er war ein wahrer Künstler, von Varekia geleitet.

So kam es, dass er binnen kürzester Zeit in der ganzen Welt berühmt wurde. Jeder verlangte nach ihm, und jeder wollte sich mit seinen Werken schmücken.
Er reiste auf allen Kontinenten umher und jeder kannte seinen Namen. Auch Sominkor, der der Herrscher einer kleinen Insel namens ''Terka vor der Küste'' war, hörte von ihm und befahl ihn zu sich.
Dalida Nie, der jedem Ruf folgte um den Ruhm Varekias zu verbreiten, ahnte noch nicht was das Schicksal für ihn bereit hielt und fuhr hinaus auf die Insel.

Dort erwartete ihn Sominkor bereits ungeduldig und setzte ihn sich gegenüber.
„Man sagt, du seist der begnadetste Künstler aller Welten, Dalida Nie. Man sagt, eine Göttin habe dich geküsst und dir die Gabe verliehen andere sehend zu machen. Du lehrst die Menschheit die Schönheit zu sehen und die Perfektion. Du zeigst ihnen die Liebe, die du selbst deiner Göttin entgegen bringst. Ich werde dir alles zur Verfügung stellen was ein Künstler und Meister der Kunst sich nur wünschen kann. Du wirst eigene Räume erhalten und Frauen, und was immer dein Herz begehrt. Aber du wirst diese Insel nicht wieder verlassen bis du meinen Auftrag erfüllt hast!“
„Was wünscht ihr von mir?“, fragte da Dalida Nie und vielleicht ahnte er schon Böses, oder vielleicht war er sich auch sicher den Auftrag in einem Augenblick erfüllen zu können, man weiß es nicht. Sicher ist nur die Antwort Sominkors, der geboren wurde in einem Moment als der Gott der Liebe gerade schlief:
„Lehre mich das Sehen!“, rief er erregt, „Denn ich kann nicht lieben. Ich sehe um mich herum, und erblicke die Welt mit Abscheu. Nichts erfüllt mich mit tiefer Freude, nichts bringt mir Farbe in die Welt und aller Klang ist schief. Ich habe Weiber und Kinder, doch sie sind mir fremd. Ich habe Diener und Günstlinge, doch sie sind mir gleich. Ich habe alles, selbst mein eigenes Reich, doch wohin ich auch blicke, schaue ich nur Dreck. Lehre mich das Sehen!“

Und Dalida Nie versuchte es. Es war ihm bange, denn er wusste, dass wer zu klar sehen wollte, nichts mehr sah. Und doch versuchte er es, mit all seinem Können. Er schuf eine Statue aus dem besten, hellsten Stein und er schuf sie so wunderbar wie keine andere zuvor. Er arbeitete fast ein Jahr daran und legte sein ganzes Sein hinein, all seine Liebe zu Varekia und die Erinnerung an den Kuss und ihre Worte waren in ihrer Essenz in diesem Werk enthalten und niemand konnte es ansehen ohne auf die Knie zu sinken und zu weinen vor Freude. Niemand, außer Sominkor. Ein Jahr hatte er auf dieses Werk gewartet und er hatte sich seinen Triumph in allen Einzelheiten ausgemalt. Und tatsächlich, als er die Statue endlich sah -Dalida Nie hatte sie zu Ehren seiner Göttin nach ihr benannt- da erkannte er ein Meisterwerk wie es kein anderes gab auf der Welt. Er erkannte, dass niemals jemand etwas vergleichbares besitzen würde, denn niemals würde irgendjemand wieder etwas vergleichbares schaffen.

Doch wie er da so stand überkam ihn grausame Wut und ein Hass auf diese Figur, denn obwohl er sah das dies das größte Kunstwerk aller Zeiten war, so sah er es nicht mit Liebe. Er fühlte keine Erlösung, kein Glück und keine Freude. Verbittert wandte er sich ab.
„Sperrt ihn in eine Kammer in der es so dunkel ist, dass er nicht mehr sieht. Er soll erkennen wie es ist blind zu sein wie ich, nur soll ihm das Licht fehlen, dass er für seine Kunst braucht, so wie mir die Liebe fehlt die ich zum Leben brauche! Dort soll er bleiben bis er etwas ersonnen hat, das mir die Liebe zeigen kann.“

Und Dalida Nie wurde eingesperrt.
Doch fürchtet euch nicht, dies ist nicht das Ende!

Es stimmt, Dalida Nie verbrachte die folgenden zwei mal zehn Jahre seines Lebens in Dunkelheit. Man ließ es ihm an nichts mangeln, außer an Licht. Und er versank in Trauer, denn ohne Licht konnte er seine Kunst nicht ausüben. Zwar schuf er die eine oder andere Kleinigkeit im Dunkeln und erfühlte ihre Schönheit, doch machte es ihn nur trauriger sie nicht sehen und der Welt zeigen zu können.

Schließlich erbarmte sich Varekia seiner, und um wieder Licht in seine dunkle Welt zu bringen stieg sie ein zweites Mal in sein Leben hinab und legte sich für eine einzige Stunde in der Dunkelheit seiner Kammer zu ihm, und sie machte den Tag grau und hing schwere Wolken vor die Fenster, damit es noch dunkler werde und er auch nicht merke, dass sie es sei, denn ihrer Verfehlungen gegenüber dem Rat der Götter waren bereits zu viele. Und so erfuhr Dalida Nie nie wer ihm da Gesellschaft geleistet hatte.

Er erfuhr es selbst dann nicht, als Varekia ein drittes Mal zu ihm herab stieg. Denn auch dieses Mal schlief er, und sie schickte ihm eine besonders tiefen Traum um ihn am Erwachen zu hindern. Dem Kind jedoch, welches er später neben seinem Bett fand, waren ihre Augen zu eigen, ihre tiefen, hellen Augen, aus denen ein Licht strahlte, das jeden der es erblickte mit der Kraft des Feuers wärmte. Und so schien auch in Dalida Nies Leben wieder eine ewige Sonne, denn er liebte das Kind von ganzem Herzen und nannte es sein bestes Werk, eine Errungenschaft die in der Welt nicht zu übertreffen war. Nur seine Liebe zu Varekia war noch stärker, die er jedoch nicht wieder gesehen hatte und auch nicht wieder sehen sollte solange er lebte.

Seine Tochter aber wuchs heran und sollte das schönste Wesen werden welches er je gekannt hatte. Er nannte sie Carisor. Zu seinem Glück sah auch niemand sonst etwas in seinen dunklen Gemächern, denn andernfalls hätte man ihm Carisor sicher unter der Nase weg geheiratet. So aber behielt sie ihre Freiheit.

Dalida Nie fand sein Glück wieder und grämte sich kaum noch. Sominkor aber war noch immer unzufrieden, denn er konnte noch immer nicht lieben. Daher ließ er Dalida Nie und Carisor auch nicht gehen, obschon Dalida Nie ihn oftmals um seiner Tochter willen darum bat. Aber Sominkor hielt sie beide fest. Da wurde Dalida Nie wieder traurig, den gern hätte er seiner Tochter die Wunder der Welt gezeigt, und seine beste Statue, diejenige die damals Sominkor das Sehen lehren sollte und Varekia zeigte, wie sie Dalida Nie an den Puls der Schöpfung drückte. Carisor verstand seinen Kummer nicht, denn sie hatte noch nie ihre Augen zum Sehen benutzt und konnte sich nur wundern wovon ihr Vater schwärmte.

Dieser aber fasste einen Plan, und mit all der Liebe die er für seine Tochter hegte setze er ihn heimlich in die Tat um. Nach vielen weiteren Sonnenläufen und harter Arbeit aber war sein neues – und, das verrate ich euch, leider auch sein letztes – Werk fertig: Er hatte Flügel geschaffen, um mit Carisor zu entfliehen und ihr die Welt zu zeigen die er liebte.

Und so kam es, dass die beiden in einem Moment als Sominkor gerade schlief mit Hilfe einer Magd die schon lange in Dalida Nie verliebt war, ihrem Gefängnis entflohen.
Sorgsam bereiteten sie ihren Flug vor, und Dalida Nie warnte Carisor kurz bevor sie schlussendlich aus ihren dunklen Gemächern traten, und er sagte: „Es gibt etwas, das wird Sonne genannt, und es ist ein großer, starker Gott der immer auf unsere Welt hinunterblickt. Nie sieht er fort und blendet jeden der zu ihm empor schaut. Gib acht, denn er wurde ob seiner Selbstverliebtheit zu ewiger Einsamkeit verurteilt und steht nun hoch am Himmel. Damit ja keiner seine Einsamkeit teile ist er von Feuer umgeben das jeden verbrennt der ihm nahekommen will. Bleibe mit deinen Flügeln stets weit genug vom ihm, damit du nicht in Flammen aufgehst.“ Und Carisor versprach es. Doch als sie aus der Kammer heraus traten und Carisor, die wunderschöne Carisor, zum ersten Mal das Licht der Sonne erblickte, da verliebte sie sich. Und schon hob sie mit ihren Flügeln ab, alle Warnungen ihres Vaters missachtend, um dem einsamen Gott näher zu sein.

Doch es war keine Sekunde zu früh, denn in dem Moment lief Sominkor aus seinem Palast. Jemand hatte ihm von der bevorstehenden Flucht erzählt und nun wollte er seinen berühmten Gefangenen festhalten.
Zum Glück sah Dalida Nie ihn kommen und auch er schwang sich voller Freude über das Licht der ewigen Sonne in die Höhe und folgte seiner Tochter.

So entflohen sie der Dunkelheit. Sominkor aber konnte nichts weiter tun als ihm hinterher zu rufen und alle Hoffnung, das Sehen zu lernen, fahren zu lassen. In dem Moment aber streifte sein Blick die Sonne. Und der einsame Gott, der noch nie ein Wesen wie Carisor gesehen, noch nie solche Schönheit auf der Welt gefunden hatte, erstrahlte bei ihrem Anblick heller als je zuvor, denn auch er entbrannte in Liebe zu ihr. In jenem Moment aber blickte Sominkor in die Sonne und erblindete ob der Helligkeit. Dadurch lernte er endlich das Sehen mit dem inneren Auge, aber das ist eine andere Geschichte...

Carisor hingegen erblindete nicht, denn sie hatte die Augen Varekias. Und entgegen den Warnungen ihres Vaters, der besorgt nach ihr rief, stieg sie immer höher zum Himmel hinauf, immer höher der Sonne entgegen. Der einsame Gott aber, der Carisor liebte, wollte sie nicht verbrennen, daher floh er voller Sorge um ihr Leben vor seiner einzigen Liebe.

Und so kam es, dass Dalida Nie seine einzige Tochter verlor, denn von da an flogen Carisor und die Sonne in einem ewigen Kreislauf um die Welt herum, und ewig flieht der einsame Gott vor derjenigen die er liebt und die ihm ewig folgt.

Seitdem gibt es Tag und Nacht auf der Welt.
Dalida Nie aber gab die Kunst auf, denn nie wieder würde er etwas schaffen wie seine Tochter, nie wieder ein Kunstwerk so einzigartig vollbringen. Und als er schließlich in hohem Alter starb, da stieg Varekia ein viertes und letztes Mal zu ihm hinab und lächelte ihn an. „Wo immer jemandem das Licht fehlt, da sollst du erscheinen. Denn du strahlst hell unter allen meinen Schöpfungen. Dir selbst aber soll es vergönnt sein deine Tochter sehen zu können, doch wirst du sie nie berühren dürfen und sie wird nicht wissen das du es bist.“ Und Varekia verblasste. Dafür aber erschien an diesem Abend, als der einsame Gott auf die andere Seite der Welt floh, ein hell leuchtender Stern am Himmel, und er strahlt besonders hell wenn jeden Abend und jeden Morgen sein Licht auf eine kleine Gestalt fällt, die ewig der Sonne folgt...

weiter zum nächsten Türchen