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Hinter den Spiegeln

(von Jerron)

Wer die gegerbten Felle zurückschlägt, mit denen Türchen Nummer Dreizehn zugehängt ist, dem schlägt arktische Kälte entgegen. Wir befinden uns auf einem Dorfplatz, und die Landschaft ringsum glitzert in eisigem Weiß. Die Bewohner des Dorfes sind definitiv keine Menschen, doch das Lied, das einer von ihnen singt, ist gut verständlich….

Es war einmal vom Stamm der Wogenjäger ein Jüngling namens Ayanech, sein Fell war dicht, seine Flossen stark, sein Horn gerade, doch seine Stimme war leise, sein Herz verzagt und sein Lied war scheu. So war er kein geachteter Fischer und Jäger in seiner Sippe, ließ stets anderen den Vortritt vor lauter Angst, zu scheitern, und auf den Ratsversammlungen getraute er sich nicht zu sprechen aus Angst vor dem Spott der anderen.

Achellu, die jüngste Tochter des Häuptlings, weckte die Sehnsucht seines Herzens, und jedes mal, wenn er sie auf dem Dorfplatz inmitten der anderen Mädchen sah, konnte er seinen Blick nicht von ihr wenden. Achellu spürte die sehnsüchtigen Blicke des Jünglings und wenn sie sich begegneten warf auch sie ihm Blicke des Verlangens entgegen. Nichts wünschte sie sich sich mehr, als dass Ayanech endlich einmal ein Wort an sie richten möge, doch dies getraute dieser sich nicht.

Und so kam es, dass eines Tages Biqimich, ein junger und kräftiger Jäger mit prahlerischer Stimme und lautem, grobem Wesen, den es nach der Macht und Gunst des Häuptlings gelüstete, vor der Hütte des Häuptlings seine Beute niederlegte, sich auf die Flossen aufrichtete, mit dem Messer in die Brust schnitt, sich wie es der Brauch will mit seinem Blut die Kreise der Brautwerbung aufs Fell malte und laut den Kampf um Achellus Hand ausrief. Ihre Brüder sahen, dass ein stattlicher und starker Jäger gekommen war und ließen sich im rituellen Tanz des Brautkampfes bereitwillig besiegen. Als schließlich Biqimich die versammelte Dorfgemeinschaft fragte, ob nun noch jemand Anspruch auf Achellus Hand erheben würde, da fasste sich Ayanech ein Herz und wollte in die Mitte des Dorfplatzes eilen, jedoch stolperte er dabei, und schlitterte in die zum Gerben aufgespannten Felle und richtete ein großes Getöse und Gepolter an. Unter dem lauten Gelächter der Dorfgemeinschaft flüchtete der tief beschämte Ayanech und merkte nichts von den traurigen und sehnsuchtsvollen Blicken Achellus, die ihm folgten.

Abseits des Dorfes beugte sich Ayanech über ein Loch im Eis und sprach klagend zu seiner Spiegelung im Wasser: „Ach, warum bin ich nur solch ein Feigling? Alle im Dorf werden fortan nur noch über mich lachen und ich muss für den Rest meiner Tage auch noch ertragen, dass meine geliebte Achellu die Frau dieses groben und herzlosen Angebers ist. Niemals mehr werde ich glücklich sein. Ich wünschte, ich wäre mutig.“
Da antwortete ihm sein Spiegelbild: „Dann komm doch auf die andere Seite des Spiegels! Hier liegt eine andere Welt, in der du ein Held sein kannst.“
Ayanech war erstaunt, dass sein Spiegelbild mit ihm sprach und fragte „Wie soll ich denn auf die andere Seite des Spiegels gelangen?“
„Ganz einfach“, antwortete das Spiegelbild. „Wir müssen nur unsere Plätze tauschen. Komm, spring durch das Loch im Eis ins Wasser und du wirst die andere Seite erreichen.“

Also sprang Ayanech durch das Loch im Eis.

Die Welt auf der anderen Seite war anders, als er es gewohnt war: Unter sich sah er die Sterne funkeln, Fische flogen unter ihm durch die Luft und über ihm erstreckte sich eine weite eisige Landschaft. Über sich sah er das Loch im Eis, durch das hindurch ihm sein Spiegelbild laut lachend zuwinkte. Staunend machte sich Ayanech daran, die Umgebung zu erkunden, blickte staunend um sich und rempelte versehentlich einen anderen Jäger an, der ihn sogleich ängstlich anstarrte und ausrief „Oh mächtiger Chenaya, vergebt mir, bitte bestraft mich nicht!“ und eilig und furchtsam davonstob. Verblüfft wanderte Ayanech weiter und erreichte schließlich das Spiegelbild seines Dorfes. Die Hütten schief und heruntergekommen und alle Bewohner waren abgemagert und hatten struppiges, graues Fell. Wer ihn kommen sah, warf sich vor ihm furchtsam in den Schnee. Nur die Hütte des Häuptlings war groß und prunkvoll verziert. Das Spiegelbild von Achellu watschelte aus der Eingangstür und musterte ihn mit kalten Augen. „Ah, da bist du ja wieder, mein Gemahl. Komm, begrüße Ullecha, deine Frau!“

Chenaya, das Spiegelbild, machte sich unterdessen auf den Weg in das Dorf, wo der Häuptling gerade dabei war, die Hochzeit zwischen Achellu und Biqimich zu verkünden. Da stürzte sich das Spiegelbild auf den Dorfplatz und forderte laut brüllend Biqimich zum Kampf heraus. Laut lachend stellte dieser sich dem Kampf, doch das Lachen verging ihm schnell, als er von den ungestümen Flossenschlägen des Spiegelbildes verprügelt und über den Platz geprügelt wurde. Blutend und winselnd floh Biqimich schließlich und Chenaya, das Spiegelbild, stimmte ein wildes Siegesgeheul an und forderte vom Häuptling schließlich Achellu zur Ehefrau nehmen zu dürfen. Eingeschüchtert wagte ihm niemand zu widersprechen.

In der Spiegelwelt führte Ullecha Ayanech in das Haus des Häuptlings, wo ein ängstlicher ausgehungerter Jäger zusammengekauert saß. Ayanech erkannte in ihm das Spiegelbild von Biqimich.
„Das ist der feige Dieb Chimiqib“, sprach Ullecha. „Er hat es gewagt, sich an den Vorräten des Häuptlingspaares zu bedienen. Dafür musst du ihn bestrafen, mein Gemahl.“
Aanech brachte es nicht über sich, dem armen verhungerten Chimniqib ein Leid zuzufügen, also übernahm Ullecha die Bestrafung und verprügelte den Dieb mit wilden Flossenschlägen. Blutend und winselnd kroch Chimniqib aus der Hütte.

Ayanech lebte in den folgenden Wochen in der Spiegelwelt, erlebte die Grausamkeit von Ullecha und die Angst der unterdrückten Dorfbewohner. Hier war er zwar ein angesehener und gefürchteter Häuptling, doch er sehnte sich wieder zurück in seine Welt auf der anderen Seite des Spiegels. Verzweifelt suchte er nach spiegelnden Oberflächen, um einen Blick in seine Welt werfen zu können oder einen Weg zurück zu finden, doch fand er weit und breit nichts dergleichen.

Das Spiegelbild Chenaya heiratete Achellu, die ihn mehr und mehr voller Angst betrachtete und die es eines Tages wagte, zu sagen „Du bist stark und mutig und hast ein grausames Herz. Der Ayanech, den ich kenne, ist zwar scheu und verzagt, aber hat ein gutes Herz. Du bist nicht mein Ayanech. Wer bist du?“
Und das Spiegelbild lachte laut „Ja, du hast recht. Ich bin Chenaya, das Spiegelbild dieses Feiglings. Er hat sich nicht getraut, in dieser Welt das Leben zu führen, das er sich wünschte, also lebe ich es nun für ihn. Ayanech ist auf der anderen Seite der Spiegel gefangen und du wirst ihn niemals wieder sehen!“
Und so wurde Chenaya mehr und mehr im Dorf gefürchtet, die Bewohner mussten ihm ihre Jagdbeute überlassen, das Dorf verwahrloste und die Bevölkerung litt Hunger. Achellu suchte verzweifelt nach spiegelnden Oberflächen, um einen Blick in die Welt hinter den Spiegeln werfen zu können oder um Ayanech einen Weg zurück zu geleiten, doch hatte Chenaya alles Spiegelnde aus dem Haus entfernt, und an ein Eisloch wagte er sich nie.

In der Spiegelwelt fasste endlich Ayanech er all seinen Mut zusammen, erhob seine Stimme und sprach zu Ullecha: „Du bist böse und grausam, ich kann es nicht mehr ertragen, wie du unser Volk behandelst. Niemand wagt es, sich dir entgegenzustellen, also werde ich jetzt gegen dich kämpfen.“

Und auch Achellu fasste all ihren Mut zusammen, erhob ihre Stimme und sprach zu Chenaya: „Du bist böse und grausam, ich kann es nicht mehr ertragen, wie du unser Volk behandelst. Niemand wagt es, sich dir entgegenzustellen, also werde ich jetzt gegen dich kämpfen.“

Und Achellu und Chenaya wälzten sich im Kampf umher, die Hände an der Gurgel des anderen.
Und Ayanech und Ullecha wälzten sich im Kampf umher, die Hände an der Gurgel des anderen.

Ayanech sah Ullecha in die hasserfüllten Augen und erblickte sein Spiegelbild.
Chenaya sah Achellu hasserfüllt in die Augen und erblickte sein Spiegelbild.

Und in diesem Moment sprang Ayanech durch den Spiegel und tauschte wieder die Plätze mit seinem Spiegelbild. Achellu blickte in die Augen des Mannes, den sie gerade würgte, und sie erkannte, dass es Ayanech war. In seinen Augen sah sie ihr eigenes Spiegelbild, dessen Blick voller Hass war. Und auch Ayanech erkannte, dass er wieder in seiner Welt war und seine Hände um Achellus Hals gelegt hatte. In ihren Augen sah er sein hasserfüllt blickendes Spiegelbild.
Ihre beiden Spiegelbilder waren nach wie vor von Hass getrieben und würgten einander gegenseitig zu Tode.

Ayanech und Achellu hatten fortan keine Spiegelbilder mehr, doch hatten sie einander.

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