Seelenbriefe

(von Ehana)

Das fünfzehnte Türchen führt uns in die Abenddämmerung eines kleinen Städtchens, in dem sich die Leute langsam aber sicher für die Nacht zurecht machen. Die stillen Straßen laden zu einem Spaziergang ein, und aus einem alten, aber sichtlich liebevoll instand gesetzten Häuschen am Stadtrand dringt eine leise Männerstimme, dann ein Lachen, ehe die Stimme weiterredet, kurz innehält und dann zu einer ruhigen Erklärung ansetzt. Es klingt fast wie eine Unterhaltung, doch obwohl man die Stimme des Mannes deutlich hören kann, scheint er in dem Haus allein zu sein…

Aus den Briefen des Kahin Antiris an seine verstorbene Frau Ilenil

3. Nnerri des Jahres 613 nach Reichsgründung, Lihetre

Liebste Ilenil,

fast einen ganzen Winter ist es nun her, dass ich deinen Körper in Flammen aufgehen sah, einen letzten Blick in dein Gesicht werfen konnte, das ich kaum wiedererkannte, so schmerzlich leer und leblos …
Das neue Jahr hat angefangen, wir haben Nnerri, den Neubeginn … Ich sollte den Namen des Monats als Zeichen begreifen, langsam mein Leben weiterzuführen, aber ich sehe mich weiter davon entfernt denn je.

Ich stehe viel zu spät auf, und anstatt den Laden zu öffnen, gehe ich durch die Straßen von Lihetre, meist ohne Ziel. Aber wenn ich von einem neugeborenen Kind in der Stadt erfahre, gehe ich hin und bitte die Leute, einen Blick auf es werfen zu dürfen, in der Hoffnung, in seinem kleinen Gesicht deine Züge wiederzufinden. Seit ich an deinem Leichnam Wache gehalten habe, seit sie ihn schließlich verbrannt haben, sind es Dutzende dieser Besuche gewesen. Immer häufiger wird mir mein Wunsch verweigert, denn man erzählt sich schon die unheimlichsten Dinge über mich. Aber das ist mir gleich. Alles ist mir gleich geworden, seit du nicht mehr da bist ... Wenn Vedras nicht für mich eingesprungen wäre, hätte ich den Laden sicher längst schließen müssen.

Aber was rede ich, du erinnerst dich wohl an nichts aus deinem letzten Leben, genauso wenig wie ich etwas davon weiß, welchen Körper meine Seele vor diesem hier bewohnt hat. Aber eines weiß ich – und erst vor wenigen Tagen ist mir das wieder in den Sinn gekommen: Feuer stellt die Pforte zur Seelenebene dar. Genauso wie die Toten verbrannt werden, damit sich ihre Seele vom Körper lösen kann, so schreiben wir am Jahresendfest gute Wünsche auf und werfen sie ins Feuer, damit die Seelen unserer Ahnen sie als Mittler zu den Göttern tragen. Und da sich so mancher dieser Wünsche erfüllt, kann das, was im Tempel über die Macht der Flammen verkündet wird, nur stimmen!

Wenn ich also diesen Brief beendet habe, werde ich mir zunächst eine Abschrift machen, damit ich nichts von dem vergesse, was ich dir bereits geschrieben habe. Und dann werfe ich ihn ins Feuer– im festen Glauben daran, dass er dich erreicht und du ihn als an dich gerichtet erkennst.
Dein dich liebender
Kahin
[…]

6. Nnerri 613, Lihetre

Jetzt weiß ich, was ich zu tun habe, um meinen Frieden wiederzufinden. Wenn ich dich schon in der Stadt nicht gefunden habe, werde ich sie eben verlassen müssen, um dich zu suchen. Ich muss einfach wissen, wo du jetzt bist, wer du jetzt bist, damit ich in dem Wissen weiterleben kann, dass es dir gut geht und du wieder einen Platz in dieser Welt gefunden hast. Und ich werde dich finden! Wie oft haben die Priester im Tempel erzählt, dass einem so mancher Ort bekannt vorkommt, als wäre man schon einmal dort gewesen … oder es einen aus unerklärlichen Gründen an einen bestimmten Ort hinzieht … weil die Seele in einem früheren Leben bereits einmal dort war.

Ich werde all die Plätze besuchen, die in unserem gemeinsamen Leben wichtig waren, um dich dort zu finden!

Alle halten mich für verrückt, und auch Vedras meinte, jetzt würde ich endgültig den Verstand verlieren – aber schließlich willigte er ein, sich bis zu meiner Rückkehr um den Laden zu kümmern. Ihm fiele nichts mehr ein, was mir sonst noch helfen könne, meinte er.
Gleich morgen mache ich mich auf den Weg!

7. Nnerri 613, Lihetre

Erst vor wenigen Augenblicken ist Lihetre hinter mir am Horizont verschwunden, und schon fühle ich mich, als würde mit jedem Schritt die Last, die ich auf den Schultern trage, leichter werden. Schließlich weiß ich: Jeder Schritt führt mich näher zu dir.

Diese Zeilen schreibe ich dir von dem kleinen See hinter den Hügeln südwestlich unserer kleinen Stadt. Wie oft wir uns hierher zurückgezogen haben, um ein wenig Zeit für uns allein zu haben! Ich hatte sehr gehofft, dich an diesem Ort zu finden. Aber es ist ein kalter Wintermorgen, und außer mir ist hier niemand. Nicht einmal die Wasserspringer, die wir immer beobachtet haben, wie sie auf ihren dünnen Beinchen über die Uferpflanzen huschen. Ich höre auch keinen einzigen Vogel. Die Stille und Kälte machen es unerträglich hier. Ich werde noch ein kleines Feuer entzünden, um diesen Brief zu verbrennen, dann mache ich mich wieder auf den Weg.

[…]

15. Nnerri 613, Eshtre

Ich hätte keinen passenderen Tag treffen können, um in Eshtre anzukommen, denn es ist arnije – Markttag. Sofort fühle ich mich fünfzehn Jahre jünger und an den Tag zurückversetzt, als wir uns hier kennengelernt haben. Du standest mit deinem Vater und deinen Brüdern hinter eurem Stand, der schräg gegenüber von dem meiner Familie war. Ihr habt Hresa-Tinte, feines Tuch und Zierkordeln aus Lijekis verkauft. Den ganzen Tag habe ich dich beobachtet und mir das Hirn zermartert, wie ich bloß deine Aufmerksamkeit erregen könnte. Am späten Nachmittag schließlich, als mein Vater schon damit begonnen hatte, die ersten Kisten zu packen, saß ich niedergeschlagen hinter unserem Stand und kaute an einem Stück Lihetrer Rotkäse – und auf einmal standest du vor mir und hast mich gefragt, ob du ein Stück davon probieren könntest, du hättest noch nie so roten Käse gesehen. Natürlich hattest du meine Blicke die ganze Zeit über bemerkt, und bei den Göttern, was habe ich dahergestammelt an jenem Tag.

Ich hätte nie gedacht, dass du das Versprechen, das wir uns zum Abschied gegeben hatten – uns drei Monate später auf dem Markt in Eshtre wiederzusehen – einhalten würdest, aber du hast es getan!
Ich streife durch die Reihen von Ständen, durch das geschäftige Treiben. Das ein oder andere Gesicht erkenne ich wieder, deutlich älter als damals, und doch hat sich kaum etwas verändert, seit ich dich hier das erste Mal gesehen habe. Nun fehlt nur noch, dass mich irgendwo auch ein warmes, bekanntes Gefühl überkommt, ich deine Gegenwart spüre – doch so vertraut mir all das hier auch ist, dich vermag ich hier nirgends zu spüren.

Aber Eshtre ist deutlich größer als mein kleines Städtchen, und morgen ist ein neuer Tag!

[…]

40. Nnerri 613, Kalitri

Vor drei Tagen bin ich in Kalitri angekommen. Abgesehen von ein wenig Schlaf im Haus deines Bruders bin ich seither nicht zur Ruhe gekommen. Wir waren nicht oft hier in deiner Heimatstadt – aber jeder unserer wenigen Besuche hatte mich unzähligen neuen Eindrücken und großer Freude erfüllt.
Wenn ich mich nur an meinen ersten erinnere … Wie glücklich war ich, als du mir mit strahlenden Augen verkündet hast, mit mir nach Lihetre zu kommen und dein Leben weiter mit mir zu teilen – war mir doch schmerzhaft bewusst, wie klein und verschlafen mein Städtchen auf dich, die du das bunte Leben in der großen Hafenstadt gewöhnt warst, wirken musste.

Aber ohne dich vermag mich hier nichts zu begeistern, sind die Farben der Marktstände zu viel für meine Augen, die Instrumente der Straßenmusiker schrill und verstimmt und die Unterhaltungen der Leute um mich herum nur ein Rauschen, das an meinen Ohren vorbeizieht. Nichts von alldem will ich sehen und hören.

Und doch mache ich mich immer wieder von neuem auf den Weg, suche die Plätze ab, an denen wir zusammen gewesen sind. Aber auch hier am Hafen, dem Ende eines erneuten langen Streifzugs durch die Stadt, finde ich nirgends ein Zeichen von dir, bleibt der Himmel blass und die Luft kalt.

Ich sitze am Pier und starre auf das Wasser. Es ist von einem fahlen, stumpfen Grau … völlig anders als in meiner Erinnerung …

Dort ist es blau und funkelt im Licht der Sonne. Ich sitze neben dir, wir haben die Arme umeinander gelegt und beobachten die Schiffe, wie sie in den Hafen einlaufen oder ihn wieder verlassen. Einmal weht dir eine vom Meer herkommende Bö die Haare ins Gesicht, und als ich sie dir zur Seite streichen will, musst du lachen, weichst mir spielerisch aus und fällst dabei beinahe ins Hafenbecken. Ich bekomme dich noch rechtzeitig an den Schultern zu fassen und ziehe dich zurück, aus dem sicheren Griff wird eine warme Umarmung, und du drehst dich zu mir um und küsst mich …

Tropfen landen auf meinem Papier, und sie stammen nicht von der sprühenden Gischt.

Es ist wohl an der Zeit, diesen Ort zu verlassen. Ich werde zurück zu deinem Elternhaus gehen, den Brief an meine Kerzenflamme halten und deiner Familie ein letztes Mal Lebewohl sagen. Wohin ich dann aufbreche, wissen im Moment nur die Götter.

[…]

65. Nnerri 613, Ravile

Diesen Brief schreibe ich dir aus Ravile, einer kleinen Ansammlung von Häusern an der Handelsstraße, die von Kalitri gen Norden führt. Längst hatte ich vergessen, dass es diesen Ort überhaupt gibt. Erst als ich hier ankam, erinnerte ich mich daran, hier schon einmal gewesen zu sein - und das mit dir.

Es war in jenem Herbst, als wir von der Hochzeit deiner Schwester zurückkamen. Wir hatten hier Rast eingelegt, und du hattest dir ausgemalt, wie weit man wohl von dem hohen Turm der Kurierstation über das Land sehen könnte. Es hat mich einiges an Überredungskunst gekostet, den wachhabenden Neunführer davon zu überzeugen, dass uns einer seiner Vorgänger vor vielen Jahren für ein paar Velin dort hat hinaufsteigen lassen, und als ich ihm dann erzählte, weshalb ich da noch einmal hinaufmüsse, sah er mich an, als hätte ich einen über den Durst getrunken. Achtzehn Velin musste ich ihm schließlich geben, aber was ist das schon im Vergleich zu dem, was ich gewinnen konnte.

Der Blick über das Tal war atemberaubend wie eh und je. Einen kurzen Augenblick lang – als ich die letzten Stufen zur Plattform hinaufstieg – kam es mir sogar vor, als spürte ich eine plötzliche Wärme um mein Herz, doch schneller als die unbändige Freude darüber, dich gefunden zu haben, suchte mich die traurige Erkenntnis heim, dass ich mich wohl getäuscht hatte.

Zurzeit bin ich wohl kein Günstling der Götter, und mit jedem besuchten Ort werden meine Ängste größer, dich niemals zu finden. Mir fällt auch bald keiner mehr ein, wo ich dich noch suchen könnte. Doch ich gebe nicht auf. So niedergeschlagen ich auch sein mag, ich brauche bloß an dich zu denken, und schon fasse ich neuen Mut - so wie es auch an manch schlimmen Tagen gewesen ist, als du noch bei mir warst.

[…]

54. Kelan 613, auf der Straße von Eshtre nach Avenil

Nach meinem letzten Brief aus Kantris war ich noch einmal in Eshtre. Von dort nimmt mich nun ein Händler ein Stück auf seinem Wagen mit. Ich bin ihm sehr dankbar dafür – so kann ich mich nach hinten auf einen Haufen Säcke sinken lassen, die Augen schließen und versuchen, alles zu vergessen. War ich zu Beginn meiner Reise noch voll frohen Mutes, dich zu finden, schwindet nun mit jedem Schritt und mit jedem Ort, den ich besuche, meine Zuversicht. Ich weiß einfach nicht mehr weiter. In Eshtre war ich noch im Tempel, habe zu den Göttern gebetet, dass sie mich dich finden lassen, der Priesterin dort alles erzählt. Doch selbst ihre Worte vermochten mir keinen Trost zu spenden, sie nahmen mir nur noch den letzten Weg, den ich für mich sah. So manches Mal in der letzten Zeit hatte ich mit dem Gedanken gespielt, dir in den Tod zu folgen … aber wer dergleichen tut, greift in das Wirken der Götter ein und gelangt nicht zur Seelenebene.
Ich bin zu aufgewühlt und erschöpft, um mehr zu schreiben. Ich bete besser. Auf dass sich die Götter bald meiner erbarmen und mich auf die Seelenebene holen.

[…]

7. Jolun 613, Lihetre

Geliebte Ilenil,

ich weiß nicht, wie ich diesen Brief beginnen soll. Wie soll ich dir erklären, dass ich wieder zu Hause bin? Es muss für dich aussehen, als hätte ich die Suche nach dir aufgegeben, hätte ich dich aufgegeben! Und so fühle ich mich auch, schrecklich, wie ein Verräter! Mit dir habe ich auch mich selbst aufgegeben, denn ohne dich bin ich nichts.

Ach, ich kann gar nicht in Worte fassen, wie ich mich fühle. Am liebsten würde ich nie mehr der Welt mein Gesicht zeigen. Seit ich wieder hier bin, war ich nur zwei Mal draußen, Waren herankarren.

Vedras kommt jeden Tag mehrere Male herauf, um nach mir zu sehen. Da ich seit dem Haranisfest vor einer knappen Woche nichts mehr gegessen habe, hat er mich gezwungen, einen in Milch getränkten Brotfladen hinunterzuwürgen. Ich müsste ihm so dankbar für alles sein, was er seit dem Winter für mich getan hat, aber es berührt mich nicht, und ich hasse mich dafür. Aber alles hier ist mir so gleichgültig wie zuvor, vor meiner Reise.

Vielleicht quäle ich mich morgen nach draußen, um mir die vor ein paar Tagen geborene Tochter von Vilis, der Sattlerin, anzusehen, sie hat bestimmt nichts dagegen. Über sie wird ja auch genug geredet, seit ihr Großvater Anfang Kelan zur Seelenebene aufgestiegen ist. Er hat dieses kleine, baufällige Haus am nördlichen Stadtrand bewohnt, nicht weit von hier, und die Leute sagen, dass seit seinem Tod ein eigenartiges Scharren und Klopfen darin zu hören ist … sie vermuten, seine Seele habe sich an das Haus statt an einen neuen Körper gebunden.

Wieso gibt es auf manche Fragen so einfache Antworten, und warum muss ich durch die halbe Welt reisen und bekomme nicht das kleinste Zeichen, woran du dich gebunden hast?


Dies ist der letzte der Briefe in Kahins Aufzeichnungen, und seine zweite Hälfte ist so gut wie unleserlich – das Papier ist wellig und die Tinte verwischt.

Doch wie seine Geschichte ausging, erzählt man sich in und um Lihetre noch heute, mehr als hundert Jahre nach seinem Tod. Es ist die Geschichte des Mannes, der auszog, um die Seele seiner verstorbenen Frau zu finden, nach vergeblicher Suche nach Hause zurückkehrte – und schließlich erkannte, dass das, was er gesucht hatte, die ganze Zeit nur wenige Mauern von ihm getrennt gewesen war. Denn es war eine andere Seele, nicht die des alten Mannes, die sich an das Haus gebunden hatte, um immer in Kahins Nähe zu sein … Und auch wenn dieser seit der Rückkehr von seiner Reise sehr in sich gekehrt und still war – stellte man sich abends vor das alte Haus am Stadtrand, so konnte man von draußen hören, wie er zu der Seele seiner geliebten Ilenil sprach.

weiter zum nächsten Türchen