Reise in die Nacht

(von Sturmfaenger)

Türchen Nummer Siebzehn ist tief im Schilf verborgen. Durch den leichten Morgennebel kann man zwei auf dem Bauch liegende Gestalten sehen, die eine dritte Person beobachten, welche sich vorsichtig auf das offene Wasser zubewegt.

Endlich, der Fluss! Im Schutz der Dämmerung hastete ich aus dem Unterholz neben der alten Reichsstrasse ins Freie und duckte mich sofort wieder tief ins Uferschilf.
Drüben an der Anlegestelle waren die Arbeiter gerade damit beschäftigt, die letzten Kisten auf das Niedenschiff zu laden. Ich musste auf dieses Schiff kommen!
Seit drei Tagen hatte ich keine Soldaten mehr gesehen. Vielleicht hatten sie die Suche nach mir aufgegeben – oder glaubten ich sei ertrunken oder flussabwärts geflohen. Ich hatte mir gewiss genug Mühe gegeben, sie genau das glauben zu lassen! Und die örtliche Bevölkerung hatte geholfen mich zu verstecken – besonders, nachdem mir die Idee gekommen war, mich als Gefolgsmann des berühmt-berüchtigten Banditen Silberschneid auszugeben, der hier in der Gegend bei den einfachen Leuten eine Art Heldenstatus innehatte, weshalb auch immer.
Aber wenn ich noch länger auf dieser Seite der Berge blieb, würden mich meine ehemaligen Kameraden früher oder später erwischen. Es wäre Selbstmord, die Überquerung zu dieser Jahreszeit alleine zu wagen, aber ich musste hier weg, und zwar schnell. Die Niedenschiffe waren die Lösung. Sie umfuhren das Gebirge nicht. Sie durchquerten es, und zwar in einem Bruchteil der Zeit.

Entschlossen ließ ich mich in das kalte Flusswasser gleiten. Ich zwang mich zu langen, gleichmäßigen Schwimmzügen, um möglichst lautlos voranzukommen. Bald hatte ich das Schiff erreicht. Sie hatten keine Wachen zum Wasser hin aufgestellt. In meiner Kompanie wäre eine solche Nachlässigkeit nicht passiert, nicht unter meinem Kommando. Ich verdrängte den Gedanken und konzentrierte mich auf das Entern des Schiffes.

Die geschnitzten Verzierungen sollten böse Geister abhalten, mir hingegen waren sie willkommene Kletterhilfen. Mit kälteklammen Fingern zog ich mich die Bordwände hoch. Eine hölzerne Welle bot meinen Zehen Halt. Ich krallte mich an einem geschnitzten Auge fest und betete dass ich nicht abrutschen möge. Einer der Treidelringe an denen die Zugtaue festgemacht wurden hing nur knapp außer Greifweite. Nur ein bisschen höher noch! Vor Anstrengung keuchend streckte ich meinen Körper nach oben und schloss meine Hand in dem Moment um den Ring als meine Zehen den Halt verloren. Einhändig baumelte ich an dem quietschenden Ring, klatschte mit dem Oberkörper gegen die Schiffsflanke, und versuchte mit zappelnden Beinen wieder Halt auf den Verzierungen zu finden. Das hölzerne Auge starrte mich mitleidlos an. Meine Armmuskeln protestierten unter der Belastung, und mein Puls pochte so laut in meinen Ohren dass ich sekundenlang nichts anderes hörte. Aushalten, nur keinen Laut!

Planken knarrten unter den Schritten der Kistenträger, es krachte als einer seine Last zu schwungvoll auf Deck absetzte. Die Rüge des Vorarbeiters, die geknurrte Antwort des Trägers, das gutmütige Lachen der anderen ließen mich aufatmen. Man hatte mich nicht gehört.
Ich nutzte den Lärm um mich weiter hochzuziehen, griff nach oben und hievte mich mit letzter Kraft über die Reling. Sekundenlang lag ich nur da und versuchte möglichst lautlos nach Luft zu schnappen. Mir war so kalt dass ich die Kiefer fest zusammenpressen musste, um mich nicht durch Zähneklappern zu verraten.

Ich brauchte ein Versteck. Meine Augen huschten über die mit Seilen gesicherten Kisten, Fässer und Säcke. Obwohl ich im Steinbruch an Gewicht verloren hatte, erwiesen sich zwei vielversprechende Zwischenräume als zu eng um mich ganz verbergen zu können.
Schließlich kroch ich mit den Füßen voran in den schmalen Spalt zwischen einer Ladung Stoffballen und einigen Fässern. Dabei schürfte ich mir die linke Hüfte an einer Kiste auf, doch einen besseren Platz würde ich nicht finden. Wenn ich beide Arme nach vorne streckte konnte ich die große Abdeckplane einen Spalt öffnen um einen Blick nach draußen zu riskieren. Ich robbte ein Stück zurück. Jetzt blieb nur noch das Warten.

Füße trappelten über das Deck, Kommandos erklangen. Wir legten ab!
Sie stakten das Schiff in die richtige Position, würden vermutlich die ganze Reise über immer wieder auf der einen oder anderen Seite mit den Stangen nachhelfen, um gefährliche Stellen zu meistern. Ich würde die ganze Zeit hier ausharren müssen.
Die rauen Stimmen der Treidler hoben sich zu einem monotonen Reiselied.

Durch die Ritzen sickerte immer noch Tageslicht, als auf einmal ein Hornsignal erklang.
Meine Eingeweide verkrampften sich. Ich bemühte mich gleichmäßig weiterzuatmen. Das musste nichts bedeuten. Vielleicht war es nur das Einfahrtszeichen in den Höhlenschlund? Wenn ich nur etwas hätte sehen können! Aber ein Blick nach draußen würde mich eher verraten als irgendetwas zu offenbaren. Ich konnte nur abwarten. Die Wände meiner Zuflucht fühlten sich auf einmal wie ein Gefängnis an.
Obwohl ich meine Ohren anstrengte hörte ich nicht was gesprochen wurde. Aber ich konnte die Vibrationen des Decks spüren, als eine Planke ausgelegt wurde. Wer auch immer das Niedenschiff angerufen hatte kam nun an Bord. Mehrere Leute, aber nicht im Armeetrott. Es wurden auch keine Befehle gebellt, und unter den Matrosen entstand keine Hektik. Ein gutes Zeichen.

Erst jetzt wurde mir bewusst dass ich die Luft angehalten hatte. Ein Suchtrupp hätte sich anders verhalten. Ein Bote für die Garnison auf der anderen Seite der Nieden vielleicht, oder Händler in Eile? Dann schabte Holz auf Holz, die Planke wurde eingezogen, das Reiselied wieder angestimmt. Die Fahrt ging weiter. Ich wagte es mich etwas zu entspannen. Kurz darauf wurde es dunkel, dann stockfinster. Wir waren drinnen.

Die einzigen Lichter in dem Höhlenlabyrinth, das der Fluss Rhenn in den Berg gegraben hatte, waren diejenigen die man mit hinein nahm. Der Geruch von Fackeln und feuchtem Stein kroch durch die Ritzen zwischen den Kisten bis zu mir. Die Treidler auf ihren Pfaden hatten vielleicht sogar einige lizensierte Leuchtsteine. Ich hatte gehört, dass es sehr beeindruckend aussah, wie schimmernde Schlangen aus Menschenleibern, die das Schiff durch die lichtlose Schwärze zogen. Kein Anblick für ängstliche Leute.
Kein Anblick für blinde Passagiere, die ihr Versteck nicht verlassen durften. Vorsichtig bewegte ich Arme und Beine, um den Blutfluss in Gang zu halten. Es würde eine lange, ungemütliche Fahrt werden. Ich blinzelte vor Müdigkeit. Vor meinen Augen tanzten silberne Schemen. Verdammt. Ich hatte sie doch erst vor ein paar Stunden weggesperrt! Verdammte Magie!

Gleichmäßig atmen, hatte mein Mitgefangener im Steinbruch gesagt. Ich versuchte es, doch mir fehlte die Übung. Beinahe drei Wochen Flucht hatten meine Kontrolle nicht gerade verbessert. Innerlich seufzend konzentrierte ich mich auf die Eindämmung des Silberscheins in meinem Kopf.

Mit einem Ruck wurde die Plane beiseite gerissen! Mir blieb keine Zeit zu reagieren als ich auf einmal an den Haaren gepackt und aus meinem Versteck gezerrt wurde.
„Sieh mal einer an, da haben wir ja unseren Flüchtling.“
Verdammt. Verdammt noch mal! Ich blinzelte gegen das helle Licht ihrer Fackeln an. Es waren zwei. Und meine Arme und Beine kribbelten wie tausend Ameisen – zu lange nicht bewegt. An Flucht war nicht zu denken.
Der gesprochen hatte war ein richtiger Hüne. Der andere war braunhaarig, mehr konnte ich nicht sehen weil der Große mich bäuchlings zu Boden drückte. „Ich glaube, du schuldest mir zwanzig Cirrons, Melos.“
„Von wegen, Cillo! Du hast gewettet, dass er sich zu Fuß durch die Nieden schlagen würde. Aber so blöd war er nicht. Wenn einer die Cirrons verdient hat, dann der L- …Herr. Schließlich war es seine Idee, Eingänge und Niedenschiffe ausspähen zu lassen.“

Der Große – Cillo – fesselte mir die Hände auf den Rücken. „Hoch mit dir, Gefangener! Der Kapitän hat uns freundlicherweise seine Kabine zur Verfügung gestellt. Da gehen wir jetzt hin. Der Herr wartet schon.“
Mir blieb keine Wahl. Sie zerrten mich unsanft auf die Beine und übers Deck. Ich spürte die feindseligen Blicke der Niedentreidler in meinem Rücken. Scheinbar mochten sie keine blinden Passagiere. Ich konnte es ihnen nicht verdenken – außerdem zählte ich mindestens zehn weitere unauffällig gekleidete Leute wie meine beiden neuen Freunde hier an Bord. Die Götter wussten an wen ich da geraten war. Kopfgeldjäger vermutlich. Wer wollte mich so dringend gefangen sehen? Vielleicht erhielt ich jetzt wenigstens ein paar Antworten.

„Du hältst hier Wache, Cillo,“ wies Melos den anderen an. „Lass niemanden rein oder in die Nähe der Tür.“
„Zu Befehl, Herr.“
Melos drückte mir den Kopf nach unten und stieß mich durch den Türrahmen.
Drinnen saß lesend ein… ein junger Mann? Ich blinzelte verblüfft.
Er konnte kaum älter als fünfzehn sein, er hatte noch nicht einmal einen Bart! Als Melos die Tür schloß ließ er die Pergamentrolle sinken, und erhob sich in einer einzigen fließenden Bewegung.
Nein, erkannte ich plötzlich. Er würde nie einen Bart haben, so wenig wie er je Haare haben würde. Diese Geschmeidigkeit der Bewegungen sah man ebenfalls selten bei einem Menschen. Mein Gegenüber war keiner.
Ein Hornande. Jung genug, um noch fast menschlich zu wirken. Und es war nicht irgendeiner der Chré, der Knabenkrieger, der da vor mir stand.

Nur zwei Hornanden im Land trugen Kleidung aus dunklem Drachenleder, wie sie unter seinem naturwollenen Umhang hervorblitzte. Und diese beiden waren Vater und Sohn.
„Lordprinz Vath’Rakath.“ Meine Stimme klang rau in meinen eigenen Ohren.
Ich machte keine Anstalten mich nach Soldatenart zu verbeugen. Sie hatten mich aus der Armee geworfen. Sollte er sich seinen Respekt doch sonstwohhin stecken.
„Lucram Terwes.“ Vath’Rakath legte die Pergamente zur Seite, die er studiert hatte. „So schnell von Begriff wie ich es deiner Akte nach erwartet hatte. Du hast es uns nicht leicht gemacht dich zu finden. Mach ihn los, Melos. Die Fesseln waren für fremde Augen gedacht. Setz dich wenn du willst. Wir haben viel zu bereden.“
Bereden! Ich blieb stehen wo ich war. „Was wollt ihr von mir?“
Augen, die aufgrund seiner Jugend noch menschlich blau schimmerten, fixierten mich.
„Etwas, was in den vergangenen Wochen bespuckt und mit Füßen getreten wurde – deine Loyalität.“ Der Lordprinz trat langsam auf mich zu. Ich fand es plötzlich schwer diesem Blick standzuhalten. „Du warst schon immer ein guter Offizier, Lucram. Du warst gut genug um in die nähere Auswahl für die Leibwache meines Vaters zu kommen. Und du hättest es auch geschafft genommen zu werden – aber die Magiekrankheit kam dir dazwischen.“
„Ich habe nicht darum gebeten!“ schnappte ich.
„Nein. An deiner Treue zu uns hatte sich nichts geändert. Und hier haben wir dich im Stich gelassen, haben dich unehrenhaft entlassen und wie einen Schwerverbrecher in den nächsten Steinbruch gesteckt, nur weil du jetzt ein neues Talent hast.“ Vath’Rakath schnaubte angewidert. „Mein Vater hat das angeordnet, weil dessen Vater und dessen Vaters Vater es auch so gemacht haben. Sie verschließen die Augen vor der Wahrheit, und befolgen Traditionen nur um der Tradition willen. Sie vergraulen loyale Männer wie dich, treiben euch in die Arme der Uranach, und züchten sich so ihre eigenen Rebellen heran, nur damit sie Gegner zum Bekämpfen haben! Ich bin nicht so blind wie sie, und nicht mehr willens solches Unrecht, solche Verschwendung von Zeit und Leben noch länger zu dulden. Du hattest recht zu fliehen.“

Vath’Rakath war vor mir stehengeblieben. „Ich kann das Unrecht das dir angetan wurde nicht rückgängig machen. Aber ich kann dir Wiedergutmachung anbieten, und die Wiederaufnahme in die Armee. Vorerst muß die Einheit geheim bleiben, denn noch bin ich nicht Lordfürst. Aber sie wird ständig wachsen. Ich will Leute wie dich haben, willig und fähig, aber mit kleinen Schönheitsfehlern wie magischen Fähigkeiten. Wir werden zusammen beweisen, dass eine solche Integration klappen kann, damit zukünftig Offizieren wie dir dieses Schicksal erspart bleibt. Das ist es also, was ich von dir will. Du hast das Recht, dich frei zu entscheiden. Was sagst du? Ja oder nein?“

Ich presste die Lippen zusammen. Nein sagen. Zum ersten Mal seit Wochen sah ich wieder eine Zukunft für mich. Sie war nicht perfekt, aber sie war den Träumen so ähnlich, die ich für mein Leben immer gehabt hatte. Die Armee war mein Leben, war es immer gewesen. Wie könnte ich da nein sagen!
„Ich bin dabei, mein Lordprinz.“
Der Lordprinz nickte. „Dann schwöre mir jetzt aufs neue deinen Treueeid, Lucram Terwes.“

Ich sank auf die Knie und tat es, und meine Stimme zitterte nur ganz leicht. Ich fühlte mich, als wäre soeben eine offene Wunde in meinem Inneren verbunden worden, die so lange dort geschmerzt hatte. Als ich geendet hatte, packte Vath’Rakath meinen Unterarm im Kriegergruß.
„Willkommen bei den Frettchen.“ Plötzlich grinste er. „Ich war nicht die ganze Zeit dabei, aber wir hatten bei deiner Verfolgung wirklich unseren Spaß. Du hast dich – wie oft? – als Gefolgsmann von Silberschneid ausgegeben? Drei Mal? Nun, ich darf ich dir offiziell deinen neuen Vorgesetzten vorstellen. Nemprai Meltos – Deckname Silberschneid.“
„Nein.“ Ich starrte Vath’Rakath entgeistert an.
„Ich fürchte doch, Soldat.“ Meltos, der an die Kabinenwand gelehnt gewartet hatte, grinste mir von der Seite her zu, in seinen Augen blitzte einen Moment lang silberne Magie auf. „Dir ist schon klar, dass du auch einen Decknamen brauchen wirst? Cillo ist da sehr kreativ, aber lass mich mal überlegen. Wir könnten dich Mondgeist nennen. Oder Mondlord. Wie findest du das?“
Er lachte. Ich stöhnte. Worauf hatte ich mich da bloß eingelassen.

weiter zum nächsten Türchen