Das Ding

(von JvW)

Die Tür des 19. Türchens steht weit offen.

Dahinter?

Stille.
Leere.
Dunkelheit.

Alle Aufrufe sind in der endlosen Weite verhallt. Aus weiter Ferne erklingt das hoffnungslose Seufzen einer sich so langsam im Stich gelassen fühlenden Adventskalender-Organisatorin.
Da kommt auf einmal eine Kurznachricht durch das Vakuum gezischt:
„Bevor es morgen leere Türchen gibt…“

Ein anderer Weltenbastler ist spontan mit einem Text eingesprungen.
Vielen Dank dafür.


Irgendwo inmitten der Wälder steht das Ding.

Es handelt sich um einen Stein, vielleicht auch um eine steinerne Skulptur, wenn nicht Zufall und Erosion dem Ding seine sonderbare Form gegeben haben. Vielleicht ist die fast mannshohe und völlig regelmässige, zwei Spannen durchmessende Säule von Menschenhand erschaffen, vielleicht ist sie aber auch von Sternenfahrern oder den Göttern hergestellt und an diesem Platz verankert worden.

Abgesehen von dem Ding ist an diesem Ort nichts Ungewöhnliches zu finden: Alte Buchen und Eichen lassen eine kleine Lichtung offen, die nur spärlich mit Gräsern und Kräutern bewachsen ist, die umliegenden Hügel schützen den Platz vor allzu viel Wind. Wäre da nicht dieses steinerne Zeugnis des Unbekannten, die Lichtung lüde ein zum Verweilen, als Rastplatz für Wanderer oder gar als Ort für eine Ansiedlung.

In Jahrhunderten haben immer wieder Menschen Interesse an dem Ding gezeigt: Manche wollten es zerstören, denn es erschien ihnen als Artefakt des Bösen - doch die Versuche blieben ohne Erfolg.

Weder Stahl noch Stein, weder Feuer noch die Kraft der Ochsengespanne konnten der Säule etwas anhaben.

Andere zeigten dem Stein Verehrung und erklärten ihn zum unvergänglichen Mal eines Gottes - allein, das Ausbleiben jeglichen Wunders, jeder unerklärlichen Heilung und aller Visionen unter den Gläubigen ließen diesen Versuch ebenfalls scheitern.

Gelehrte und Wissenschaftler, Alchemisten und Architekten aus den großen Städten untersuchten das Ding und stellten die absonderlichsten Theorien über seine Herkunft und Beschaffenheit auf, auch über die Art, wie es an seinem Standort befestigt war, aber nie waren zwei Meinungen gleich, noch gelang es jemals, eine dieser Theorien zu beweisen.

Einig war man sich allein über das hohe Alter der Steinsäule, und darüber, dass es ausgeschlossen wäre, eine zweite zu konstruieren - kein bekanntes Werkzeug konnte das Material formen, geschweige denn, dass man überhaupt ein solches herzustellen vermochte.

Ideen kursierten, dass in ferner Vergangenheit die Kenntnisse der Wissenschaft weiter entwickelt gewesen seien als allgemein vermutet wurde. Auch den Ursprung aus anderen Welten oder Sphären zog man in Betracht, man spekulierte über die Möglichkeit der Transmutation von Elementen und der Nutzung von Blitz- und Donnerkräften bei der Herstellung des Dings, doch ohne konkretes Ergebniss.

Viel weniger noch gelangte man zu einer Erkenntnis, zu welchem Zweck das Ding an dieser Stelle stand, wenn auch hier der Spekulationen genug waren: Landvermesser suchten den Standort mit bekannten Koordinaten in Bezug zu setzten, Astronomen mit Himmelsbildern - auch zukünftige und längst vergangene Konstellationen wurden zu diesem
Zweck berechnet.

Aus Höhe und Umfang der Säule errechnete man allerlei Zahlenwerte, die vielleicht zum Zwecke der Prophezeiung oder zum Verständnis des Universums nützen mochten, doch niemand fand den Schlüssel, wie sie richtig anzuwenden seien.

An den Sonnentagen, zur Sommer- und Wintersonnenwende sowie an den Tag- und Nachtgleichen wurde der Schattenwurf des Dings aufs Genaueste vermessen, sowohl bei Sonnenauf- wie Untergang, am Mittag und zur jeder vollen Stunde, und mit den ermittelten Werten rechneten erneut Scharen von Gelehrten und Laien, Mystiker und Skeptiker.

Schließlich schrieb man Bücher über das Ding, aber keines vermochte eine größere Schar Leser zu überzeugen, und endlich zeigte man Bilder - sehr schöne Schnitte und Lithographien, zum Teil in aufwändigster Manier koloriert - doch da auch die besten davon lediglich eine Säule zeigten, die mannshoch und von doppelt-spannlangem Durchmesser auf einer Waldlichtung stand, erlahmte auch hier das Interesse rasch.

Heutzutage kennt jedes Kind das Ding, aus den Büchern oder von Erzählungen der Großmutter, aber nie unternimmt jemand eine Reise, um es zu betrachten. Und obgleich immer wieder einmal kleine Gruppen über den unerklärlichen Stein spekulieren, so doch meist um der Spekulation willen, nicht, weil Erkenntnisse zu erhoffen wären. Und
das ist bedauerlich.



An einem warmen Frühlingstag führt ein junger Mann eine Rotte von fünfzig Schweinen in den Wald und erreicht die Lichtung zur Mittagszeit. Er nimmt seinen Brotbeutel zwischen die Zähne, und mit einer kurzen Anstrengung gelingt es ihm, die steinerne Säule zu besteigen.

Der Stein ist angenehm von der Sonne gewärmt, und er sitzt zufrieden oben, während er seine Brote verzehrt. Die Rotte sucht nach Eicheln und Wurzeln, bewacht von den beiden Hütehunden, im Licht der Sonne tanzen Mücken und Schmetterlinge, und die Pause tut dem Hirten wohl.


Blickte er nach Osten könnte er zwischen zwei Hügeln das Meer sehen.

weiter zum nächsten Türchen