Wintersonnenwende

(von JvW)

Seid um euretwillen leise, wenn ihr durch Türchen Nummer Einundzwanzig geht! Wieso, fragt ihr? Ihr könnt es nicht sehen mit euren Menschenaugen – jedenfalls nicht auf den ersten Blick. Aber was dort hinter dem Türchen liegt ist nur eine menschenleere Wildnis. Es ist das Land der Geister - und da sie um diese Jahreszeit nicht mit euresgleichen rechnen, wäre es unklug, sich zu verraten.
Denn wenn Geistern langweilig ist, weiß man nie was geschehen wird…

In diesem Winter war nicht ein einziger Mensch unterwegs im Geisterland. Kein Jäger oder Pionier suchte sein Auskommen zu finden, kein Elfenzug hielt sich in den frostigen Regionen auf und kein verirrter Wanderer gelangte ins Land der Geister.

Solcherart zur Untätigkeit gezwungen waren die Geister träge und beschäftigten sich nach ihren Vorlieben: Habgier webte Träume von Reichtum, Selbstsucht von Macht, Arroganz imaginierte ein überlebensgroßes Standbild seiner selbst und Dummheit sah mit großen Augen und offenem Munde zu.

Allein Bürgersinn war ein wenig rastlos, denn die Beschäftigung mit sich selbst widersprach seinem Wesen, und also versuchte er gelegentlich, mit den anderen Geistern zu sprechen.

Ein sinnloses Unterfangen! Völlig beschäftigt mit den Spiegelungen ihrer selbst ignorierten die Geister der Dunkelheit jeden Versuch, mit ihnen in Kontakt zu treten – mit Ausnahme von Dummheit.

Tatsächlich: in seiner endlosen Langeweile und seinem Desinteresse gefangen, fand Dummheit einige Abwechslung darin, Bürgersinn zuzuhören, und dieser wiederum hoffte, wenigstens ein kleines Licht des Verstehens in seinem
Gegenüber entzünden zu können.

Also erzählt er Dummheit, was ihm vom Menschenvolk bekannt war, von Ihrer Art und ihren Sitten, von Hoffnung und Angst, die sie hegten aufgrund ihres sterblichen Wesens, und von ihren Festen.

Der Winter schritt fort und die Sonne verschwand vom Himmel, und eines Tages, als Bürgersinn den üblichen Konferenzplatz der Geister aufsuchte, fand er dort überraschenderweise alle versammelt.

Irritiert sah er sich um: Die Dunklen Geister waren mit Hingabe beschäftigt, den Platz zu reinigen und zu schmücken – anders konnte Bürgersinn es nicht nennen.

Arroganz malte mit goldenen Farben Ornamente in den Himmel, Stolz zeigte voller Stolz seine Schneemuster, Habgier versilberte einige Wolken, Selbstsucht ordnete den Feuerplatz neu und Dummheit – nun, Dummheit sah zu, wie üblich.

Aber, im Gegensatz zu seiner normalen gleichgültigen Miene hatte der Dunkle Geist etwas strahlendes, freudiges in seinem Ausdruck, und Bürgersinn fragte sich , woran das wohl läge.

Wie um auf die unausgesprochene Frage zu antworten sagte Dummheit:

Wir werden die wintersonnenwende feiern! Sieh nur, wie schön der platz ist, sieh nur wie alle mittun! Das feuer wird heller strahlen als je in dieser nacht!

Ihr wollt – feiern?
Das menschenfest feiern, das fest der hoffnung? Ihr?


Bürgersinn war verwirrt. Sollten denn die Dunklen Geister endlich davon ablassen wollen, die Menschen zu bedrängen? Doch schnell wurde er eines Besseren belehrt:

Jawohl! rief Habgier, Natürlich – in dieser nacht sitzen auf der ganzen welt die menschen und berechnen ihren gewinn von den geschenken!

Und rechten mit den ihren, wenn sie mehr gaben als bekamen fügte Selbstsucht hinzu,und Stolz ergänzte und sie sind beleidigt, und streiten!

Und sie essen zu viel sprach Völlerei, Und sie saufen ergänzte Trunksucht, Und sie lügen,streiten und am ende prügeln sie sich! vollendete der Chor der Dunklen Geister ihr Freudenlied.

In dieser nacht sind sie dumm, die menschenwürmer, dumm dumm dumm stimmte Dummheit an, und seine misstönende Stimme dämpfte das Hochgefühl der dunklen Geister sichtlich.

Bürgersinns Laune bedurfte keiner Dämpfung, denn einerseits musste er sich wohl selbst die Schuld geben an der übermässigen Freude der Dunklen Geister – Hätte ich bloß nie mit dummheit geredet! – und andererseits musste er eingestehen dass diese auch noch Recht hatten.

Wenigstens ein bisschen: Selbstsucht und Eitelkeit bedrängen die Menschen an jedem Tag des Jahres, doch in der Nacht der Wintersonnenwende trat dies häufiger ans Licht als bei allen anderen Gelegenheiten. Vielleicht, weil so
viele lichter entzündet werden
, überlegte Bürgersinn, oder so viel hoffnung auf den inhalt der päckchen gelegt wird.

Im Ganzen Land und in allen Ländern bereiteten die Menschen das Fest der Wintersonnenwende vor, reinigten und schmückten ihre Häuser und Stuben, hängten bunte Laternen an die Wege und Plätze und machten große Geheimnisse aus dem, was sie in buntes Papier zu verpacken hatten. So war es Brauch, und es war ein schöner Brauch, in der dunkelsten Nacht ein Fest zu feiern, das der Hoffnung gewidmet war – vorzeiten nur der Hoffnung, das der Winter enden sollte, bevor die Vorräte schwanden.

Nun, es ist lange her, das die Menschen auf das „genug“ nur hoffen konnten – so hoffen sie heute auf das „mehr“. Und in jedem Jahr hängen sie mehr Laternen an die Wege und Plätze, um ihrer Hoffnung und Vorfreude Ausdruck zu verleihen.

In diesem Jahr glänzten die Städte und Höfe wie nie zuvor, und voller Erwartungen begannen die Menschen an diesem Abend ihr Fest zu feiern.

Natürlich wurde gegessen, und natürlich getrunken und oft ging beides über das Maß. Und hier und dort entsprang auch ein Streit, regte sich Missmut und Endtäuschung, und es schien, als sollten die Geister der Dunkelheit recht behalten.

Doch eben, als die tiefste Dunkelheit über der Welt lag, da erklangen laute Stimmen in jedem Ort und riefen die Menschen vor die Türen.

Und alle kamen heraus und staunten: Hoch im Norden erschien ein Licht, ein Polarlicht, so weit und so hell und so farbenprächtig, wie sie es noch niemals gesehen hatten. Und je länger sie sahen und staunten, desto mehr vergaßen die Menschen ihre Enttäuschungen und ihren Streit, und schließlich waren alle überzeugt, wenn nicht ein Wunder, so doch ein besonders Gutes Zeichen gesehen zu haben.

Und sie waren voller Hoffnung.

Es ist egal, wer das licht entzündet, und warum: Es ist das licht, erklärte Hoffnung dem verwirrten Bürgersinn später, und du solltest wenigstens einmal im jahr daran glauben!

Aber ein freudenfeuer, von selbstsucht in gang gesetzt ... versuchte er einzuwenden, doch Hoffnung unterbrach: Und du solltest endlich begreifen, das skepsis nur der gebildete bruder von dummheit ist.

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