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Vom Widerstreit der Gotteltern und der Erschaffung der Welt - Der Schöpfungsmythos der Agalani -

(von Ehana)

Manchmal, wenn ein Agalani alleine am Strand entlanggeht, flüstern die Wellen zu ihm. Manchmal, wenn er im Schneegestöber über das Eis wandert, wispern die weißen Winde ihm zu. Und manchmal, nur manchmal, ist er einer von denen, die zuhören können. So kam Wissen zum Volk, das von der Zeit erzählt, als es weder Tiere noch Pflanzen noch Agalani gab. Auch ihr sollt nun erfahren wie es damals war, damit ihr bald an eurem eigenen Lagerfeuer davon berichten könnt. Denn eure Reise, die euch im Advent durch viele ferne Welten führte, hat euch nun vor das letzte, vierundzwanzigste Türchen geführt. Sein Torbogen ist aus Eis geformt, das unablässig taut und wieder gefriert, als wären zwei Kräfte an seiner Entstehung beteiligt, die sich nicht auf die richtige Form einigen können...

Am Anfang war nur sie: Vairu, die Wogende, die sich über alle Horizonte erstreckte, ein ruhiger, kristallklarer Spiegel aus Wasser.
Und ebenso war nur er: Kesai, der Eisige, der tief unter ihr lag, wie sie eine weite Ebene, und schlief.
Er bildete Vairus Grund, und dort berührten sich die beiden. Doch da sie seit Anbeginn der Zeit so friedlich nebeneinanderlagen, waren sie einander gewöhnt, und keiner störte sich an der Gegenwart des anderen.

Eines Tages jedoch wachte Kesai auf. Über sich sah er Vairus ruhige Fluten, und er fragte sich, wie es wohl jenseits dieser aussehen mochte. So kam es, dass der Eisige sich erhob.
Mit den scharfen Kanten eines eisigen Fingers schnitt er durch Vairus Leib, bis er schließlich die andere Seite erreicht hatte und durch die Wasseroberfläche brach. Vairu schmerzte dies, und ihre sonst so ruhigen Wogen wellten sich dort vor Pein, wo Kesais Finger sie durchdrang.
Dieser jedoch erblickte erstmals den Himmel, der sich über Vairu endlos in alle Richtungen ausdehnte. In ihm stieg große Freude empor: so viel Leere, unzählige Möglichkeiten, sie zu gestalten! Er durfte und wollte diese Weiten nicht länger Leere sein lassen.
So brach er an vielen weiteren Stellen aus dem Meer, stießen weitere spitze Finger, eisige Flächen und scharfe Grate durch Vairus Oberfläche und in den Himmel vor.
Wellen des Schmerzes durchfuhren den sonst so ruhigen Körper der Wogenden. Sie musste gegen Kesais Erheben angehen, oder er würde sich immer weiter durch ihren Leib bohren, sie letztlich verdrängen.

Lange hatte in Vairu die Kraft geruht, Leben zu schenken. Nun sah sie erstmals die Zeit gekommen, sie zu nutzen.
An den Stellen, an denen sie mit Kesai aneinanderstieß, ließ sie mit dieser Macht einen weichen Teppich aus den verschiedensten Gewächsen entstehen, um sich so vor den scharfen Kanten, die der Eisige seit seinem Erwachen besaß, zu schützen. Auf diese Weise kamen die Wasserpflanzen und Algen auf diese Welt.

Kesai zeigte sich erstaunt über die plötzlichen Fähigkeiten Vairus. Der seltsame Bewuchs, der ihn nun zierte, war ihm nicht geheuer. So weckte er seinerseits verborgene Kräfte in sich und schuf kleine, wendige Lebewesen, die Vairus Wogen bevölkern und sich von den neu geschaffenen Gewächsen ernähren sollten. So entstanden die Fische und die anderen kleinen Meereslebewesen.

Vairu fühlte sich durch Kesais Gegenschlag wiederum herausgefordert. Tief in ihrem Inneren suchte sie nach weiteren Kräften, mit denen sie sich gegen den Erwachten wehren konnte, und fand sie. Sie schuf ihrerseits ähnliche Lebewesen wie die Kesais, die aber größer und stärker waren, damit sie die Neuschöpfungen des Eisigen fraßen. Es waren die Raubfische, die Vairu so erschaffen hatte.

Kesai sah, wie seine Geschöpfe verspeist wurden, und erschrak. Die Wogende musste sich in großer Bedrängnis fühlen, um derart ihrer natürlichen, ruhigen Art zuwider zu handeln. Ein weiteres Mal ging er in sich, um etwas zu erschaffen. Sein Plan war, Wesen entstehen zu lassen, die noch größer und mächtiger als die von Vairu geschaffenen waren und diese fressen sollten. Aber etwas ging schief. Die Kreaturen, die Kesai diesmal hervorbrachte, waren so groß und schwer, dass sie sich nicht allein von Vairus Körper und den Wesen, die diesen bewohnten, ernähren konnten. Sie bedurften des Himmels und mussten immer wieder auftauchen, um nicht zugrunde zu gehen. Zudem fraßen nicht alle von ihnen Vairus Kreaturen – manche begnügten sich mit den Gewächsen auf dem Meeresgrund. Dennoch war Kesai mit seinen neuen Schöpfungen zufrieden, denn gleich wovon sie sich ernährten, es war etwas, das Vairu erschaffen hatte. Fasziniert stellte er außerdem fest, dass sie die Kräfte besaßen, selbst eine nährende Flüssigkeit für ihre Nachkommen hervorzubringen – Meeressäuger sollte man sie später nennen.

Der Anblick seiner neuen, ungewöhnlichen Wesen brachte Kesai zum Nachdenken. Bevor Vairu wieder etwas gegen ihn unternehmen konnte, richtete er das Wort an sie. „Wogende“, sprach er, „siehst du nicht, wozu wir fähig sind? Und doch nutzen wir unsere Kräfte nur dazu, um uns gegenseitig zu schwächen. Sollten wir uns nicht eher zusammentun und sie einsetzen, um etwas zu erschaffen, statt zu zerstören?“
Lange Zeit drang keine Antwort bis zu Kesai vor, doch schließlich gerieten Vairus Wogen in Bewegung, brandeten an die Küsten des Eisigen und flüsterten ihm etwas zu. „Warum willst du Neues erschaffen? Einst lagen wir so friedlich nebeneinander, und keiner hat die Geschicke des anderen gestört. Ich wünschte, es wäre wieder wie früher.“
Kesai missfiel dies, und er gab seinerseits zur Antwort: „Erkennst du nicht die Weite dieses Himmels? Diese Leere? Uns sind Kräfte gegeben, diese zu gestalten. Sieh doch nur, was sich bereits in dir tummelt!“
Wieder verging einige Zeit, bis Vairu sich regte. „Ich muss gestehen, all diese Kreaturen zu beobachten, bereitet mir Kurzweil und Freude. Ich bin bereit, mit dir weiter diesen Himmel zu gestalten – wenn du mir nicht mehr wehtust, dich nicht weiter erhebst.“

Der Eisige stimmte zu, hatte er sich doch bereits an vielerlei Orten weit über Vairus Oberfläche hinaus erhoben, das sollte ihm genügen. Zudem bedurfte er der Leben hervorbringenden Kraft der Wogenden, um den nächsten Schritt seiner Schöpfung zu gehen. Wie Vairu nun Kreaturen in sich trug, so wollte auch Kesai seinen eisigen Leib bevölkern. Doch dieser war unwirtlich, glatt und kalt. Nur dort, wo er noch unter dem Wasser lag, wuchs Vairus weicher Teppich.

So hielten die beiden Rat, und Kesai schilderte seinen Wunsch. Vairu ging in sich, und bald darauf brandeten Wellen über Kesais erhobenen Leib hinweg, wie sie noch nie zuvor das Angesicht der Welt gesehen hatten. Und dort, wo die Wogende mit ihrer lebensspendenden Kraft über das Eis hinwegfegte, brach etwas Neues hervor: Gestein, Land, fruchtbarer Boden. Im nächsten Augenblick schon keimten dort grüne Schößlinge, um sich kurz darauf zu stattlichen Bäumen, Büschen, Gräsern, Blumen und vielem mehr zu erheben. Die ungebändigten Kräfte Vairus schufen so im Zusammenspiel mit Kesai, der festen Grund unter dem Himmel mit einbrachte, bewohnbares Land und die Pflanzen der Welt.

Große Freude überkam den Eisigen, als er das neue Leben auf seinem Körper sah – doch auch Zweifel, ob all dies ohne Vairus Kräfte Bestand haben könnte. Da kam ihm ein Gedanke. Er sprach die Wogende an und bat sie, an manchen Stellen mit ihren Wellen durch seinen Leib zu schneiden. So bot er ihr Wiedergutmachung für die ihr zugefügten Wunden an und sorgte zugleich dafür, dass Vairu beständig das Land nähren konnte. Doch waren sie beide noch nicht überzeugt, dass das reichte. Nach einiger Zeit des Besinnens war es schließlich Vairu, die eine Lösung ersann. Sie forderte Kesai auf, mit seinem eisigen Atem den ihren anzuhauchen, der alsdann gefror und zum Himmel hinaufstieg. So erschufen die Göttlichen die Wolken, aus denen von Zeit zu Zeit Vairus Atem auf das Land herabfiel und dessen Durst stillte. Nun waren die beiden zufrieden.

Schon bald lockte die neue Schöpfung einige der Meereskreaturen in Vairu an die Ufer von Kesais Leib. Das inspirierte den Eisigen, und wie er die Fische als Antwort auf Vairus erste Gewächse geschaffen hatte, ersann er nun die Kreaturen des Landes, die kleinen und großen Tiere, die die neuen belebten Flächen bewohnen sollten.

Zu guter Letzt beschlossen Vairu und Kesai, ihre Kräfte in einem gemeinsamen, letzten Schöpfensakt zu bündeln – zu neugierig waren sie, was dies wohl hervorbringen mochte. Um nichts von dem bisher Geschaffenen zu zerstören, richteten sie ihre Gedanken auf eine Stelle am Rand des fruchtbaren Gebiets, wo dieses an Kesais blanken Leib grenzte.
Die Geschöpfe, die sie so schufen, hatten auf den ersten Blick Ähnlichkeit mit den Tieren dieser kalten Region. Doch im nächsten Augenblick taten sich ihre Münder auf und sie begannen, sich auf eine Weise miteinander zu verständigen, die die aller anderen neuen Wesen übertraf und beinahe der ihrer Erschaffer gleichkam. Auch begannen sie, Werkzeuge herzustellen, um die Eishöhlen in Kesais Leib bewohnbar zu machen oder die Meereskreaturen aus Vairu zu fischen und so Nahrung zu ernten.

Als die Göttlichen dies sahen, wurden sie ihrer Macht erstmals vollen Umfangs bewusst. Sie nannten ihre neuen Wesen „Eisläufer“, schienen sie doch die Fähigkeit zu besitzen, sich an die widrigen Bedingungen auf Kesais nacktem Körper anzupassen. Aber in diesen überraschenden Fähigkeiten sahen sie auch Gefahren schlummern für die junge Welt unter den endlosen Weiten des Himmels. So beschlossen Kesai und Vairu, sich erst einmal zurückzuziehen und den Schaffensprozess ruhen zu lassen. Fortan wollten sie ihre Schöpfung beobachten und nur dann eingreifen, wenn von den Eisläufern Gefahr für die restliche Welt ausgehen sollte.

So geschah es, und bis zum heutigen Tag haben Kesai und Vairu nichts an ihrer Schöpfung verändert. Und doch ist ihre Präsenz spürbar: Jeder Atemzug Kesais fegt als Wind über das Land, jedes von Vairus Worten schiebt sich als Welle durch die Ozeane, Auch jene „Eisläufer“, die Agalani, sind sich der Prüfung wohl bewusst, die ihnen der Eisige und die Wogende auferlegt haben. Sie verehren Kesai als Vatergott des Eises und Vairu als Muttergöttin des Wassers und lernen von klein auf, deren Schöpfung mit dem ihr gebührenden Respekt zu nutzen und zu bewahren – damit sich noch viele nach ihnen ebenso an ihr erfreuen können, wie es Vairu und Kesai zur Geburtsstunde der Welt getan haben.

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