Die Schneerose

(von Amanita)

Das erste Türchen des Adventskalenders 2011 öffnet sich in eine tief verschneite Landschaft hinein, die auf den ersten Blick als Stadt erkennbar ist. Es ist bitter kalt, und die Bewohner scheinen es vorzuziehen in ihren warmen Häusern zu bleiben. Eine frische Reihe Fußspuren jedoch haben die Flocken noch nicht wieder zugeweht. Sie stammen von einer jungen Frau, deren knirschende Schritte und gelegentliches Husten die einzigen Geräusche weit und breit sind…

Lautlos fielen die Schneeflocken zu Boden. Straßen, Häuser und Bäume verschwanden unter einer weißen Decke. Wie ein Leichentuch, dachte sich Lenima. Weiß war die Farbe des Todes und sie war hier überall.
Es war kalt, sehr kalt. Der Mantel, den sie ihr gegeben hatten, wärmte Lenimas Körper ein wenig, doch es half nicht viel. Die eisige Luft ließ jeden Atemzug schmerzen, Lenima musste husten. Ärgerlich stapfte sie weiter durch den Schnee. Sie wusste längst, dass es völlig sinnlos war, wütend zu werden, weil sie husten musste. Es passierte einfach.
Eigentlich sollte sie bei diesem Wetter im Haus bleiben, doch sie musste einfach raus. Weg von den künstlichen Düften in Lebetinus Haus und hinaus an die frische Luft. So frisch die hier in Lacara eben sein konnte. Die hell erleuchtete Fabrik war selbst von hier, von der anderen Seite der Stadt, zu sehen.

Lenima wandte sich ab und folgte einem Weg, der zwischen Lebetinus‘ Garten und dem der Nachbarn entlang führte. In den Gärten gab es jedoch kein Grün.
Nur Weiß. Weiß wie die Robe, die sie als Novizin des Alchimistenzirkels tragen musste, weiß wie lebendige Farbe, die mit ihrem Element in Berührung gekommen war, weiß wie die Kittel, die die Wissenschaftler trugen, wenn sie im Labor ihre grässlichen Versuche durchführten. Weiß wie der Tod. Und unter all dem Weiß dürre Bäume, die ihre Äste in den Himmel reckten, als ob sie um Hilfe schreien würden. Doch da war niemand, der sie hören könnte.
Voller Sehnsucht dachte Lenima an die vielen Farben von zuhause zurück. Alle Grünschattierungen, die man sich vorstellen konnte und Blüten und Früchte in rot, gelb und blau. Unter der warmen, elavischen Sonne gediehen die Pflanzen das ganze Jahr über.
Wie gerne wäre sie jetzt durch den Heilgarten von Enes Tall gegangen und dabei vielleicht noch einem netten Menschen über den Weg gelaufen.
Doch die Tore des Gartens waren ihr für immer verschlossen. Sie war dort nicht mehr erwünscht. Nicht Lenima, das Mädchen mit der verbotenen Gabe, das nicht nur im Körper, sondern auch in der Seele vergiftet war. Sie war untrennbar verbunden, mit einem Element, das wie kein anderes mit Leid und Tod in Verbindung gebracht wurde. Und selbst wenn das anders gewesen wäre: Jede Form von Elementarmagie war in Elavien verboten.
Nie wieder konnte sie zurück, war gefangen in diesem Land aus Eis und Kälte. In diesem Land, in dem nicht nur das Wetter kalt war, sondern genauso die Herzen der Menschen.
Lenima spürte, dass Tränen über ihr Gesicht liefen, doch sie schämte sich nicht dafür. Hier war sowieso niemand, der sie weinen sehen würde. Sie spürte den salzigen Geschmack der Tränen in ihrem Mund und wollte ihn herunterschlucken, irgendwie. Es war so sinnlos wie alle Versuche, vor der Wahrheit davonzulaufen.

Der Weg schlängelte sich nun zwischen Feldern und dem Waldrand entlang. Seine Ränder wurden immer noch von Straßenlampen erleuchtet. Durch Lenimas tränenverschleierte Augen wurde alles um sie herum zu einer gleichförmigen weißen Masse. Ein kalter Windstoß wehte ihre Kapuze zurück. Gedankenlos zog sie sie wieder hinauf und schob ihre schwarzen Locken darunter. Selbst hier wollte sie nicht, dass Fremde ihre Haare sehen konnten, wenn sie alleine unterwegs war. Das gehörte sich für eine elavische Frau einfach nicht.
Langsam war es wirklich an der Zeit zurückzugehen. Sonst würde sie sich hier womöglich noch verlaufen. Außerdem war ihr kalt.
Nein, noch nicht. Sie musste einfach nur umkehren, da konnte nichts schiefgehen.

Nachdem Lenima ein paar Schritte weitergegangen war fiel ihr etwas auf. Zuerst wollte sie ihren Augen kaum trauen. Das musste Einbildung sein. Sie täuschte sich sicher. Wahrscheinlich war es nur irgendein Stück Müll, das jemand weggeworfen hatte, wie es die Arunier so gerne taten.
Als sie jedoch direkt davorstand, verflogen alle Zweifel.
Das war tatsächlich eine Blume. Eine blühende Blume mitten in diesem weißen Ödland. Auch die fünfblättrige Blüte war weiß, doch sie war ganz eindeutig lebendig. Neben der Blüte sah man auch ein paar tiefgrüne Blätter aus dem Schnee ragen.
Lenima kniete nieder, um die Pflanze genauer anschauen zu können. Wieder liefen ihr Tränen übers Gesicht, doch diesmal waren es keine Tränen der Verzweiflung. Sie hätte nie damit gerechnet, auf ihrem Spaziergang so etwas Schönes zu sehen.

„Lenima, hier bist du also.“
Sie zuckte zusammen, als sie so plötzlich angesprochen wurde. Hinter ihr stand ein Mann mit bleichem Gesicht und blauen Augen, die so kalt wirkten wie das Eis. Ihr Lehrer, Septimius Lebetinus. War er ihr etwa gefolgt? Das sah ihm überhaupt nicht ähnlich.
„Guten Abend“, sagte sie. „Ist diese Blume nicht schön?“
„Das ist sie ohne Frage“, sagte Lebetinus. „Wir nennen sie „Schneerose“. Sie ist sehr giftig. Du hast sie nicht angefasst, oder?“
„Nein“, entgegnete Lenima. Mit Pflanzen kannte sie sich aus. Die arunischen konnte sie zwar nicht bestimmen, aber sie wusste, dass man bei unbekannten Pflanzen nie ausschließen konnte, dass sie giftig waren.
Lebetinus betrachtete nun selbst die Blume. „Sehr giftig, die Schneerose. Sie ist eines der ersten Mittel, die verwendet wurden, um Feinde im Krieg zu vergiften.“
Lenima schüttelte den Kopf und starrte ihn an. Mit dieser Bemerkung war es Lebetinus gelungen, die letzten Überreste des Zaubers zu vertreiben, den die Blume auf Lenima ausgeübt hatte. Das war so typisch für ihn.
„Und doch ist es nicht das, wofür sie bekannt ist“, sprach Lebetinus weiter. „Die Menschen sehen sie als Symbol der Hoffnung, weil sie im Winter blüht. Außerdem kann ein Teil ihres Gifts in reiner Form auch als Heilmittel verwendet werden.“
Lenima seufzte. Sie hatte keine Ahnung, warum er ihr das alles erzählte.

„Steh auf, Lenima“, sagte Lebetinus plötzlich. „Du erkältest dich noch.“
Er wollte doch wohl nicht ernsthaft behaupten, dass ihn das interessierte, oder? Obwohl sie so dachte, stand Lenima auf. Ihr war selbst längst kalt geworden. Sie hatte nichts mehr dagegen, wieder zurück zu gehen.
„Du verstehst immer noch nicht, was ich dir sagen möchte, oder?“, fragte Lebetinus.
Lenima schüttelte den Kopf. Sie verstand es nicht und sie wollte es auch nicht verstehen. Sie wollte seine fragwürdigen „Weisheiten“ nicht hören. Nicht jetzt.
„Ich wollte dir nicht die Freude über diese Pflanze verderben“, sagte er. Sein Blick war ungewöhnlich freundlich. Meinte er das etwa ernst?
„Die Schneerose wurde in der Vergangenheit für den Krieg gebraucht, aber niemand denkt daran, wenn er sie sieht.“
Niemand außer Ihnen, dachte sich Lenima, doch sie schwieg.
„Die Leute sehen sie als Zeichen der Hoffnung und als Pflanze, mit der man Krankheiten bekämpfen kann. Ich sehe keinen Grund, warum das bei dir anders sein sollte. Du hast eine Verbindung zu einem besonders gefürchteten Element. Aber das bedeutet nicht, dass dich immer alle nur mit seinen schlimmsten Eigenschaften in Verbindung bringen müssen. Ganz im Gegenteil, ich bin mir sicher, dass kaum jemand daran denken wird, der dich näher kennenlernt.“
Lenima war überrascht. Die Vorstellung, dass ausgerechnet Lebetinus versuchte sie zu trösten, war seltsam.
Vielleicht war ihr Urteil ihm gegenüber auch etwas unfair gewesen. Sie hatte in ihm immer nur die schlimmsten Dinge gesehen, die sie mit Elementarmagiern allgemein in Verbindung brachte.
Dabei hatte er sich immerhin dazu bereit erklärt, sie auszubilden und aufzunehmen. Sie, eine Elavierin, die von all den Dingen, die den Aruniern wichtig waren, keine Ahnung hatte.

Doch so gut seine Worte vielleicht auch gemeint waren, sie halfen Lenima nicht viel. „Pflanzen sind giftig, weil es in ihrer Natur liegt, das gehört so“, sagte sie. „Auch wenn es für uns vielleicht unangenehm ist.“
„Und bei der Elementarmagie ist das nicht anders“, sagte Lebetinus. „Es ist völlig natürlich, dass diese Gaben auftreten. Oder hast du irgendwelche finsteren Rituale durchgeführt, um das zu schaffen?“
Er kannte die Antwort auf diese Frage und Lenima kannte sie auch.
„Und es ist auch nicht passiert, weil du so ein böses Mädchen bist“, fügte er hinzu. „Jetzt komm mit, du warst lange genug hier draußen in der Kälte.“
Lenima kam mit. Im Weggehen warf sie noch einen letzten Blick auf die Schneerose. Widerwillig dachte sie sich, dass Lebetinus vielleicht recht hatte. Niemand zuhause in Enes Tall wäre auf die Idee gekommen, eine giftige Pflanze böse zu nennen. Warum sollte man das also mit einem giftigen Element tun? Einem giftigen Element, das nicht nur sehr nützlich sein konnte, sondern sogar lebensnotwendig war.

„Aber wie kann die Schneerose überleben, wo es keine andere Pflanze schafft?“, fragte sie schließlich.
„Sie ist einfach an die Kälte angepasst“, sagte Lebetinus. „Aber die anderen Pflanzen sind auch nicht alle tot. Die Bäume ruhen nur bis zum nächsten Frühjahr. Aber du weißt ja sicher, dass sie dann wieder Blätter bekommen.“
Eigentlich wusste Lenima das tatsächlich, doch beim Anblick dieser kahlen Bäume war es kaum zu glauben. Ihre Blicke schweiften wieder über das weiße Land.
Für die Arunier war Weiß die Farbe von Unschuld und Reinheit. Vielleicht passte das sogar besser zu dem Schnee, der das Land bedeckte, bis das Frühjahr kam.

Sie kehrten zum Haus zurück und Lenima hockte sich vor den Kachelofen im Wohnzimmer. Es war wirklich Zeit, dass sie wieder ins Warme kam.
Doch der Frühling würde irgendwann kommen, und einige der anderen Novizen im Alchimistenzirkel waren ihr wirklich sympathisch. Und anscheinend sorgte sich ja auch Lebetinus um sie, irgendwie auf seine distanzierte Art. Vielleicht würde sie ja auch hier Freunde finden, bis sie die anderen zuhause davon überzeugen konnte, dass sie sie nicht fürchten mussten.
Vielleicht, irgendwann.

weiter zum nächsten Türchen