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Wie Tanahareni den Farbenvogel fing

(von Vinni)

Ein Bächlein flüstert und gluckert, es sucht seinen Weg zwischen den moosbewachsenen Pfeilern des zweiten Türchens hindurch. Ein schillernd bunter Vogel setzt an seinen Ufern zur Landung an. Er taucht zum Baden wenige Sekunden in das kristallklare Nass, schüttelt sein Gefieder in einem stiebenden Funkenregen, und flattert im nächsten Moment davon. Nur sein Lied ist noch zu hören, und es erzählt eine alte Geschichte…

Tanahareni war der Liebling der Götter. In seinem ersten Leben zeigte er früh alle Tugenden des Geistes – Weisheit, Bescheidenheit, Tapferkeit, Treue, Wahrhaftigkeit. Dazu war sein Antlitz wohlgestaltet und sein Körper ebenmäßig und stark. Doch setzte er seine Vorzüge nicht zu seinem eigenen Nutzen ein. Er war vielmehr darauf bedacht, den Göttern zu dienen, seinen Mitmenschen zu helfen und sie auf den rechten Weg zu führen. Die Götter sahen das mit Wohlgefallen und zeichneten ihn mit ihrer Gunst aus. Mehr noch, sie zeigten ihm einen Weg aus dem Kreislauf der Wiedergeburt, um ihn an dessen Ende zu erhöhen. Und so waren Tanahareni acht Leben geschenkt, acht bewusste Leben mit aller Erinnerung, um den acht großen Göttern zu dienen und zu folgen. Nach diesen acht Leben wurde er dem Irdischen enthoben und in die Sphären des Himmels entrückt. Noch heute zeugt ein Sternbild davon – acht Sterne, die sich um einen strahlenden neunten Stern gruppieren. Den hellen Stern nennt man noch heute Tanahareni, das Sternbild hingegen ist „Der achtfache Weg“. Es gibt viele Geschichten, die aus Tanaharenis Leben erzählen, eine davon ist die, wie er den Farbenvogel fing:

Tanahareni wurde wiedergeboren im Schoß einer gottesfürchtigen Reisbäuerin. Schon bei der Geburt hatte er helle, kluge Augen und so nannte man ihn Arjas, das heißt „strahlend“. Als Arjas wuchs er auf zwischen Reisterassen und Gemüsefeldern zusammen mit den anderen Kindern des Dorfes. Er war der klügste und schnellste von ihnen und er wurde so schön, dass die Leute bald glaubten, er sei ein Liebling der Götter. Arjas gab nichts darauf. Er half seinen Eltern und Freunden, arbeitet fleißig und lernte, wo immer er etwas lernen konnte.

Eines Tages, Arjas hatte sein 16. Jahr noch nicht erreicht, zogen Kaufleute durch das Dorf. Ihrem Anführer fiel der schöne Knabe auf und er unterhielt sich mit ihm. Beeindruckt von seiner Klugheit und Wortgewandtheit bot er ihm an: „Komm mit uns, dann siehst du etwas von der Welt. Das Dorf und das Tal sind zu eng für dich. Wir wollen dir das Leben der Kaufleute zeigen und ich ahne, dass du uns Glück bringen wirst.“
Arjas ließ sich nicht lange bitten. Er sagte Mutter und Vater Lebwohl und versprach, sie in Ehren zu halten. Diese, trotz Tränen und Trauer, ließen ihn ziehen. Auch sie ahnten, dass etwas Größeres auf ihren Sohn wartete.
So zogen die Kaufleute davon und der Junge Arjas mit ihnen. Sie reisten über Land, kauften und tauschten dabei fleißig Waren, um diese dann an der Küste auf ihre Schiffe zu verladen. Auf dem Seeweg ging es weiter, immer den Handelsrouten folgend und den Geschäften. Arjas lernte lesen und schreiben und die Rechensteine zu benutzen. Er konnte bald den Wert feiner Stoffe abschätzen und die Qualität von Reis, Tee und Wein. Er kannte die Häfen der großen Inseln und wusste die Seekarten zu lesen – kurz, er wusste bald alles, was es brauchte, um Handel zu treiben. Dabei blieb er stets freundlich und fröhlich und seine Kameraden liebten ihn sehr.

Auf einer Fahrt geschah dann etwas Seltsames: ein Sturm riss das Schiff mit sich durch peitschende Wellen. Segel bäumten sich gegen die Kraft des Windes, Masten brachen und alle Mann kämpften hart gegen die Elemente. Als sich der Sturm wieder legte, fanden sie sich vor einer fremden Insel wieder, die auf keiner ihrer Seekarten verzeichnet war. Die Insel hatte einen Hafen, den das beschädigte Schiff mit Mühe erreichte. Sie legten an und betraten die Stadt. Es waren Coreni, die hier lebten, doch alle sahen verhärmt und verzweifelt aus. Die Menschen hungerten, und das, wo ihre Insel doch mit fruchtbaren Böden gesegnet war. Arjas und seine Kameraden wunderten sich. Sie wurden zum Herrscher der Insel gebeten und dieser erzählte ihnen von seinem Kummer:
Auf ihrer Insel lebte ein Dämon in Vogelgestalt. Das Unwesen kam wie ihm beliebte und alles in seinem Schatten wurde grau. Wenn der dämonische Vogel über die grünen Reisfelder flog, blieben nur graue faulige Halme zurück. Blaue Seen und Flüsse wurden bleich, Obst und Gemüse wurde fahl und ungenießbar. Die Menschen, die der Schatten des Dämonenvogels traf, wurden krank und matt, ihre Augen stumpf und ihre Haut blass. Der Vogel aber schmückte sein Gefieder mit den Farben des Lebens und nahm sie mit sich. Es dauerte jedes Mal Tage und Wochen, bis sich das Land und die Leute wieder erholten. Bis warmer Regen die graue Blässe weggewaschen hatte und die Sonne Kraft und Leben zurückbrachte. Und dann kam der Dämon wieder und raubte ihnen wieder die Farben.
Die Kaufleute hörten die Geschichte mit Staunen. Niemals hatten sie von einem solchen Wesen gehört, doch die bleichen Gesichter der Inselbewohner ließen keinen Zweifel zu. So beschlossen sie, auf der Insel zu bleiben und ihr Schiff auszubessern. Und wenn sich in dieser Zeit der Farbenvogel zeigte, dann wollten sie versuchen zu helfen. Und so geschah es. Tage und Wochen verbrachten die Seefahrer mit dem Flicken von Segeln und Richten von Planken. Sie vergaßen dabei auch nicht, ihre Waren anzubieten und nach neuen Geschäften Ausschau zu halten.

Dann eines Tages geschah es – ein Aufschrei ging über die Insel, als die Menschen den grauen Schatten des Vogels bemerkten. Es war ein großer Vogel, der mit kräftigem Flügelschlag über die Insel flog. Er hatte graues Gefieder und einen großen grauen Schnabel. Seine langen Kranichbeine endeten in spitzen Krallen. So flog er über die Stadt und das Land. Und wie Arjas und seine Freunde es schon gehört hatten, so verlor alles, was der Schatten des Vogels berührte, seine Farbe. Das Grün der Reisfelder und der Palmenhaine, das Blau der Flüsse und Seen, das Rot und Gelb der Früchte, selbst die Farben der Menschen und ihrer Gewänder schwanden. Alles, was der Schatten des Vogels berührte wurde grau und krank und ungenießbar. Großes Wehklagen erhob sich da unter den Menschen! Die Kaufleute hingegen hatten nicht lange untätig zugesehen. Sie waren Seeräuber und Seeschlangen gewohnt und scheuten keinen Kampf. So griffen sie zu den Waffen und stellten sich dem Dämon in den Weg. Arjas aber versuchte sie zu hindern. Nicht Waffengewalt würde dieses Wesen aufhalten. Denn nicht im Stahl lag die Macht, es zu bannen. Und so war es auch. Die Waffen vermochten weder Fleisch noch Federn des Vogels zu verletzen. Der aber schlug zu mit Schnabel und Krallen. Tapfere Männer sanken nieder und das Blut, das aus ihren Hälsen floss, war schwarz und nicht rot. Der Vogel aber flog auf und davon und sein Gefieder schillerte in den schönsten Farben.

Die Kaufleute beklagten ihre toten Gefährten. Arjas aber sprach: „Ich will zu dem Farbenvogel gehen. Ich will sehen, ob es nicht einen anderen Weg gibt, das Leid dieser Insel abzuwenden.“ Und er ließ sich von keinem Bitten und Flehen aufhalten.
Arjas wanderte über die Insel auf der Suche nach dem Vogel. Er musste nur der grauen Spur des Schattens folgen, der das fruchtbare Land hatte verdorren lassen. Auch wenn er jetzt ein Kaufmann war, so war Arjas doch zwischen Reisfeldern und Obsthainen aufgewachsen. Es schmerzte ihn daher tief, all das fruchtbare Land so grau und leer zu sehen. Er konnte nicht zulassen, dass der Vogel weiterhin die Farben des Lebens stahl.

Schließlich erreichte Arjas ein einsames Tal. Zwischen den kargen Felswänden hockte der Vogel auf dem Boden und ordnete sorgsam sein buntes Gefieder. Arjas trat vorsichtig heran und setzte sich. Mit Tanaharenis Erfahrung und seinem eigenen Wesen spürte er, dass der Vogel dort vor ihm nicht ganz von dieser Welt war. Er stahl lebendige Farben um seinem schattenhaften Selbst mehr Substanz zu geben. Doch die geraubte Kraft konnte auf seinem dämonischen Leib nicht bestehen. Sie verblasste immer wieder und der Vogel musste immer wieder ausziehen, um sich neue Farben zu rauben.

Arjas beobachtete den Vogel lange. Doch schließlich war der es Leid und sprach: „Was willst du hier, Mensch?“
„Ich möchte dich bitten, das Land und die Menschen zu verschonen. Du zerstörst die Fruchtbarkeit der Insel, die von den Göttern gegeben ist. Du bringst den Menschen Elend und Not.“
„Was kümmert mich das“, gab der Dämon zurück. „Aber fürchtest du nicht um dein Leben? Nur ein Streich und ein Hieb von mir und du bist tot!“
Arjas schüttelte ruhig den Kopf. „Ich fürchte den Tod nicht.“
Der Vogel klapperte drohend mit dem Schnabel. „Ich fürchte den Tod! Ich fürchte ihn, obwohl ich nicht sterben kann. Ich will die Kraft des Lebens fassen und mich selbst damit erhalten. Ich brauche das, und ich werde mich nicht aufhalten lassen!“
Arjas schüttelte wieder nur den Kopf. „Du stiehlst Leben und Kraft der Menschen und der Insel. Farben, die dir nicht gehören und die dir nichts Gutes bringen. Wenn du auch mein Leben nehmen willst, dann sei es so.“ Er hob die Hände in friedlicher Geste. „ Ich fürchte mich nicht. Ich habe mein Leben so gut gelebt, wie ich konnte. Und ich weiß, es folgt ein weiteres Leben, in dem ich es besser machen kann. Ich habe keine Angst.“
Der Vogel starrte ihn finster an, doch Arjas hielt dem Blick mit seinen hellen Augen stand. Offen und ohne Furcht sah er dem Wesen entgegen, das schließlich den schnabelbewehrten Kopf senkte. „Dann bist du stärker als ich“, gab es zu. „Dann will ich mich dir unterwerfen.“
„Versprich, dass du der Insel und den Menschen keinen Schaden mehr zufügen willst.“

Der Vogel versprach es, auch wenn er wusste, dass die Farben seines Gefieders bald wieder verblassen und nur sein schattenhaftes Selbst zurücklassen würden. Auch Arjas wusste das und er versprach dem Vogel zu helfen. Doch zuerst sollten die Menschen sehen, dass keine Gefahr mehr bestand. Arjas stieg auf den Rücken des Farbenvogels und wies ihm den Weg zum Hafen. Wie staunten die Menschen, als sie den Vogel sahen und den jungen Mann als seinen Reiter. Und wie lobten sie ihn für seinen Mut und seine Opferbereitschaft. Doch Arjas lehnte allen Dank ab. Er wollte auch kein Gold und keine Schätze als Lohn. Er bat nur darum, das Schiff seiner Kameraden auszurüsten und ihnen eine gute Heimfahrt zu ermöglichen. Und er sprach: „Der Dienst für euch war auch ein Dienst für mich. Ich habe gelernt, dass man auch ohne den Tod um das Leben fürchten kann, und dass das Leben mit dem drohenden Tod nicht an Wert verliert. Ich weiß beide nun mehr zu schätzen. Leben und Tod, die zueinander gehören.“

Und damit stieg er wieder auf den Rücken des Farbenvogels und ließ sich weit hinaus aufs Meer tragen. Weit bis zu einer anderen Insel, auf der sich waldige, wasserreiche Berge in den Himmel reckten. Dort zeigte er dem Farbenvogel die Wasserfälle, die sich in die Tiefe stürzten. Wasserfälle, in deren Nebel die Sonne wunderbare Regenbögen malte. Vielfältige Farben, die keinem gehörten. Farben, die so gut auf dem Gefieder des Vogels schimmern konnten, wie nur im fernen Wasserrauschen. Da war der Farbenvogel froh und sang das erste Mal in seinem Sein ein Lied von Glück und Freude. Und er blieb dort bei den hohen Bergen und den sonnenschimmernden Wasserfällen. Doch wenn Arjas ihn rief, war er zur Stelle und brachte ihn wohin er wollte. Und es gab noch viele Abenteuer die sie erlebten und die Tanahareni in diesem Leben widerfuhren.

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