Ein König fällt

(von Rabenschwinge)

Das dritte Türchen führt in ein Krankenzimmer hinein, dessen luxoriöse Ausstattung sofort vermuten lässt, dass der Kranke auf dem Bett kein normaler Bürger ist. Ein Mann – seiner Gewandung nach ein Arzt – beugt sich über ihn, fühlt seinen Puls und seufzt. All seine Kunst vermag hier nichts mehr auszurichten. Das ist bitter, doch noch schlimmer ist es, daß die lauteste Stimme auf der anderen Seite der Tür weder Trauer noch Respekt enthält...

Der Arzt, nach dem Gamyshar, der Kronprinz von Arband, hatte schicken lassen, trat mit betretener Miene aus dem Krankenzimmer des greisen Königs.
„Mein Herr ...“, begann er, doch der Kronprinz brachte ihn mit einer unwirschen Geste zum Schweigen. „Erspar mir dein geheucheltes Mitgefühl. Scher dich fort!“
Der Arzt bückte sich ergeben und entfernte sich rücklinks von den beiden Personen, die an der Balustrade vor dem Zimmer standen.

Es war heiß und schwül, wie meistens in der Stadt Arband, selbst jetzt in der Nacht. Gamyshar und seine Schwester, Tylosa, blickten hinunter auf einen der Kanäle, welche die Stadt durchzogen, und auf denen schwerfällige Lastkähne langsam dahinschwammen.

„Wie lange wird er wohl durchhalten?“ meinte Gamyshar mehr zu sich selbst als zu seiner Schwester. „Wie lange noch, bis er endlich seinen Platz freimacht für jemand jüngeren, gesünderen?“
Natürlich sprach er von sich selbst, wie immer. Tylosa würdigte ihn keiner Antwort. Sie verachtete ihren Bruder, seine Machtgier, seine Dekadenz, seine Kälte. Viel lieber hätte sie ihren jüngeren Bruder Mahi auf dem Thron gesehen, aber die Thronfolge war klar. Der Erstgeborene würde König werden.

Tylosa verwaltete das Reich, während ihr Vater dahinsiechte. Ihr Bruder hatte keine Anstalten gemacht, irgendwelche Pflichten zu übernehmen, obwohl es seine Aufgabe gewesen wäre. Doch das hatte sie nicht überrascht. Gamyshar hatten schon immer nur die Rechte und Privilegien interessiert, die er als König haben würde.
Es würde wohl an ihr hängen bleiben, das Reich ...

„Herr!“ ein Wächter kam herangeeilt und warf sich vor dem Kronprinzen auf die Knie. „Eine Gesandtschaft aus Nerebta ist eingetroffen ... sie wollen mit dem König sprechen!“
„Und warum belästigst du mich damit? Der König“, er deutete nachlässig über die Schulter „ist da drin. Wenn die Gesandten unbedingt mit ihm sprechen wollen, sollen sie doch. Er wird ihnen aber kaum antworten.“ Er lachte gehässig.

Tylosa gab dem Wächter ein Zeichen, er solle die Gesandten beschäftigen. Dann wandte sie sich an ihren Bruder.
„Du solltest nicht so über ihn reden. Noch ist er nicht tot. Noch bist du nicht König.“
Gamyshar wirbelte herum, plötzlich voller Zorn. „Wie kannst du es wagen, so mit mir zu reden! Du weißt wohl nicht, wo dein Platz ist, Schwester?“ Er spie ihr das Wort entgegen wie einen Fluch.
In Tylosa ballte sich ein Knäuel Garn zusammen, da, wo normalerweise ihr Magen lag.
„Du wertloses Stück! Denkst du, ich werde mir deine Frechheiten noch lange gefallen lassen? Sobald Vater tot ist, wirst du vom Hof verbannt!“
Du dummer, dummer Narr, dachte Tylosa. Wie willst du ohne mich dieses Reich führen? Wie wirst du all die Entscheidungen treffen, ohne meinen Rat?

Gamyshar warf den Kopf zurück und lachte, als er sich wieder zur Balustrade hinausbeugte. Das Holz knarrte und knackte bedrohlich, aber es schien ihn nicht zu kümmern.
„Ja ... und dann kümmere ich mich um unseren Bruder. Ich kann keine Konkurrenten um den Thron brauchen, das verstehst du doch, nicht wahr?“

Tylosa fühlte, wie das Knäuel sich in einen Stein verwandelte. Was würde er Mahi antun, ihrem geliebten, kleinen Mahi?

„Der König ist tot!“ rief eine Stimme im Zimmer, und sofort setzte Wehklagen ein. Die Trauerweiber begannen, ihren Pflichten nachzugehen.
Gamyshar straffte sich, und das Holz knackte erneut. Tylosa starrte auf die Balustrade.

„Nun, denn ... es wird Zeit ...“, meinte Ganyshar und zupfte an seinem Gewand herum. „Ein König sollte nicht so seinen Thron besteigen, meinst du nicht, Schwester? Vielleicht sollte ich mir eines von Vaters Gewändern nehmen. .. er braucht sie doch nicht mehr ...“

Der Stein in Tylosas Magen zog sie nach unten. Alles war vorbei ... alles ... das Reich würde untergehen, Mahi würde getötet, und sie verbannt in die hintersten Winkel ... und Gamyshar würde frohlocken. Es würde ihn nicht einmal kümmern, was er alles zerstörte ...

Und plötzlich wusste Tylosa, was zu tun war. Sie wusste IMMER was zu tun war ... hatte es nur verdrängt, vielleicht nicht wahrhaben wollen.

Sie trat einen, zwei Schritte zurück, nahm Anlauf - und rammte ihrem Bruder mit aller Wucht ihren Ellbogen in den Rücken. Mit einem Krachen, das nur von Gamyshars überraschtem Schrei übertönt wurde, brach die hölzerne Balustrade entzwei, und der Kronprinz, die Hände immer noch am Kragen, fiel kopfüber hinab, vier Stockwerke tief. Er prallte an einem Wasserspeier ab, riss einen Teil ab - so etwas dummes, dachte Tylosa, den haben wir doch erst kürzlich restaurieren lassen - und fiel dann in das dunkle, schmutzige Wasser des Kanals.
Ein Platschen, dann war er verschwunden. Das Wasser kräuselte sich noch ein wenig, ein paar Luftblasen stiegen auf, wo er gefallen war. Dann war alles ruhig.

In der Entfernung konnte man Hunde bellen hören, und die Klageweiber schrien noch immer. Tylosa stand regungslos an der Balustrade, neben der Stelle mit dem Loch, und hielt sich am Geländer fest. Ihr Kopf war leer, sie konnte keinen Gedanken, kein Gefühl fassen.
Sie starrte in die Ferne, wo die dunklen Silhouetten von Bergen zu erahnen waren.

„Majestät?“
Hinter ihr sprach jemand in gleichmütigem Tonfall.. Die Wache war zurückgekehrt. Tylosa wandte sich langsam um. Da stand nicht nur der Wächter ... neben ihm der Haushofmeister, und dahinter der Oberkommandierende der Armee.

„Majestät, ihre Befehle?“

Tylosa sah ihn an. Wie war noch gleich sein Name? Munteshar? Mintash? Oh, es war Minetahash, genau ... ihr Vater hatte immer die Namen seiner Bediensteten gekannt, und Tylosa folgte seinem Beispiel ...

„Majestät ...?“

Sie straffte sich, zog die Schultern nach hinten. Zeig ihnen, wie sich eine Königin benimmt.
„Lasst den Fluss absuchen. Der Prinz ist gestürzt. Und schickt nach den Arbeitern, die das Geländer gebaut haben...“ (Ich muss ihnen eine Orden verleihen, dachte sie) „... damit sie sich rechtfertigen für ihre Schlamperei. Und lasst den Wasserspeier instandsetzen - schon wieder.“

Sie sah noch ein letztes Mal auf den Kanal hinab. Nichts verriet mehr die Stelle.
„Bereitet alles für die Beerdigung des Königs vor... ein großer Tag der Trauer. Wir werden ihm allen Respekt erweisen.“

Der Stein in ihrem Magen war verschwunden.

weiter zum nächsten Türchen