Der kleine Drache

(von Assantora)

Einige ineinander verwachsene Zweige bilden den Rahmen des vierten Türchens. Wer hindurchschlüpft, muss sich vorsichtig festhalten, denn das Türchen befindet sich auf einem alten knorrigen Baum. Von hier oben sieht man zwischen frischem Grün hindurch gut auf die blumenübersäte Ebene hinaus. Und dort vorne, dort bewegt sich was…

Es war ein herrlicher Tag und Anjashin rannte über die weite Ebene, nur hier und da war ein Baum, der sich in den Himmel reckte. Und nur noch weiter im Norden gab es einen dichten, mit hunderten von zählenden Bäumen. Doch die Zehnjährige war noch nie da gewesen und man sagte sich, dass es in dem Wald spuken sollte. Doch das war dem kleinen Mädchen im Moment egal.

Anjashin blieb schließlich an einen kleinen Baum stehen und atmete wie wild. Wie lange sie gelaufen war, wusste sie nicht. Doch sie mochte das Gefühl vor Erschöpfung beinahe zusammenzubrechen. Das breite Lächeln auf ihrem Gesicht konnte sie sich nicht verkneifen. Den Rückweg würde sie langsamer angehen. Einen Moment lang genoss sie die warme Sonne, die vom Himmel strahlte. Es würde bald Sommer werden, darauf freute sich Anjashin, und danach der Herbst und der Winter, wenn sie wieder Schneemänner bauen konnte und mit den Nachbarskinder eine wilde Schlacht austragen würde.

Plötzlich drangen Laute an ihr Ohr, die nicht so recht ins Bild der Umgebung passen wollten. Ein Grunzen und Schnauben war zu vernehmen und das Mädchen runzelte mit der Stirn, während es sich einmal um sich selbst drehte, doch nichts erkannte, was für die merkwürdigen Geräusche verantwortlich sein könnte.
Das Schnauben kam aus einer ganz bestimmten Richtung und Anjashin ging mutig in die Richtung, bis sie plötzlich wie angewurzelt stehen blieb und dass anstarrte, was sich im hohen Gras versteckt hielt, verborgen im Schutz einer kleinen Mulde, die sich die Kreatur selbst gegraben haben musste.

Anjashin betrachtete die großen Schwingen, und den langen Schwanz, der langsam hin und her zuckte. Das Wesen war so damit beschäftigt, sich eine Mulde zu graben, dass es die Anwesenheit des Mädchens überhaupt noch nicht bemerkt hatte.
„Ein Drache“, flüsterte das Mädchen nur, doch die Kreatur hielt plötzlich inne. Dann drehte sie sich in einem Satz um und zeigte die Zähne und schnaubte dabei, während die Krallen Boden aufwühlten.
Anstatt weg zu laufen, sah das Mädchen die Kreatur nur vollkommen fasziniert an und betrachtete sie genauer.
„Ich tu dir nichts“, sagte Anjashin und kniete sich nieder. „Ich bin keine Gefahr für dich.“
Der Drache sog die Luft scharf ein und schien an dem Mädchen Interesse zu zeigen. Langsam kam der Drache auf sie zu. Als sie dann noch ihre Hand ausstreckte, wurde der Drache langsam vorsichtig.
„Du bist ein sehr hübscher Drache“, sagte Anjashin. „Auch wenn du der erste bist, den ich sehe.“
„Wie kann ich dann ein hübscher Drache sein?“, drang es plötzlich aus der Kehle des Tieres und nun war es der kleine Mensch, der Angst hatte und vor Schreck nach hinten fiel. „Oh, tut mir Leid. Ich dachte man wüsste, dass wir eure Sprache beherrschen.“
Anjashin sah den Drachen an und legte den Kopf schief. „Ein sprechender Drache.“
„Ja“, sagte der Drache. „Sag mal, was machst du so weit von deiner Behausung entfernt?“
„Das könnte ich dich auch fragen“, sagte Anjashin und lächelte. Sie kam wieder auf die Beine und beäugte den Drachen. Seine blaugrauen Schuppen schimmerten im Sonnenlicht „Warum gräbst du dir denn eine Grube?“
„Damit in hinein passe“, sagte der Drache knapp.
„Und warum?“, fragte Anjashin.
Der Drache schüttelte mit den Kopf. „Kannst du dir das nicht denken?“
Anjashin überlegte einen Moment, musste aber auch mit den Kopf schütteln. „Nein, tut mir leid. Ist dir kalt?“
„Kalt?“, fragte der Drache und grunzte. „Wohl kaum. Ich will mich verstecken.“
„Vor wem muss sich denn ein Drache verstecken?“, fragte Anjashin verwirrt.
„Vor Drachen, was denkst du denn?“, antwortete dieser nur und begann wieder mit seiner Arbeit. Wie um dem Mädchen mitzuteilen, dass sie ihn alleine lassen sollte, bewarf er sie mit dem Sand, den er nach hinten warf.
„He“, rief Anjashin. „Du bist nicht gerade nett.“
„Ach“, sagte der Drache und drehte sich wieder um. „Du bist noch ein Jungwesen. Du wirst noch schnell lernen, dass die ganze Welt ziemlich 'nicht nett' ist.“
Anjashin zuckte nur mit den Schultern. „Aber deswegen brauchst du nicht so gemein sein. Hat dir etwa jemand was getan?“

Der Drache hielt inne und ein Schnauben drang aus dem Rachen des Wesens, was auch ein Seufzen hätte sein können. „Wenn du so fragst“, sagte der Drache und senkte den Blick. „ja, und deswegen grabe ich mir eine Mulde, um mich zu verstecken.“
„Aber wieso?“, fragte Anjashin. „Hat dir jemand was angetan?“
„Nein“, sagte der Drache und kam auf das Mädchen zu. „Aber ist dir nicht aufgefallen, dass ich ziemlich klein bin?“
„Klein?“, fragte Anjashin und sah den Drachen an. „Für mich bist du ziemlich groß.“
„Andere in meinem Alter sind beinahe doppelt so groß“, sagte der Drache nur und ließ den Kopf hängen. „Ich wurde aus meiner Brut verstoßen. Die wollen mich erst wieder aufnehmen, wenn ich 'erwachsen' bin.“
„Ich will nicht erwachsen werden“, meinte Anjashin. „Mein Vater muss immer hart arbeiten und meine Mutter tut immer der Rücken weh. Wenn ich könnte, würde ich immer ein Kind bleiben.“
Der Drache sah das kleine Mädchen an und nickte. „Ja, dass kann ich mir vorstellen. Aber ich kann nicht wieder zurück. Ich habe meine Familie verloren und nun bin ich alleine.“
„Aber ich bin doch da“, sagte Anjashin und lächelte. „Und ich mag dich.“
Der Drache schien zu lächeln. „Du bist lieb. Und ich fange an dich auch zu mögen, aber wir sind vollkommen unterschiedlich.“
„Aber dennoch könnten wir Freunde werden, oder nicht?“, fragte Anjashin und lächelte, so als ob sie die Antwort schon wissen würde.
„Wir könnten, doch deine Eltern wären besorgt und andere Drachen würden mich nur auslachen, dass ich meine Zeit mit einem Menschen verschwende, zudem noch mit einem Jungwesen.“
Anjashin nickte und ging auf den Drachen zu. „Ist dir die Meinung der anderen immer noch wichtig, selbst wenn sie dich verjagt haben, weil du anders bist?“, fragte sie und blickte in eines der großen schwarzen Augen.
„Ich bin ein Drache“, sagte dieser nur und wand den Blick ab. „Dadurch, dass ich die Brut verlassen musste bin ich ein Niemand. Ich werde mir einen guten Ruf wieder aufbauen müssen, wenn ich später einmal in der Brut etwas zu sagen haben will. Ich will nicht so enden, wie andere Drachen vor mir, die einsam starben und in ihrem langen Leben nichts erreicht haben.“
„Ich verstehe“, sagte Anjashin und senkte den Blick. „Dann willst du dir ein Loch graben und nicht mein Freund sein. Weißt du, ich würde dich wirklich gerne als Freund haben. Du hast gesagt, dass ich einmal erfahren werde, dass die Welt nicht nett ist. Vielleicht kannst du mir helfen, dass mir so etwas nicht passiert.“
Ein Grunzen war vom Drachen zu vernehmen und er sah das Mädchen an. „Wie heißt du, junger Mensch?“
„Anjashin“, sagte das Mädchen.
„Ich bin Sakil On“, sagte der Drache. „Aber nenne mich am besten einfach nur Sakil.“
„In Ordnung“, meinte Anjashin.
„Dein Angebot ist wahrlich verlockend, doch ich denke nicht, dass ich Erfolg haben würde.“
„Warum denkst du das?“
„Weil Menschen nun mal so sind, wie sie sind“, meinte der Drache, senkte dann aber den Kopf. „Genau wie wir. Vor langer Zeit haben sich Drachen gegenseitig bekämpft. Viele starben und es waren am Ende die Menschen, die uns zum Frieden zwangen, weil wir Leid auch unter euresgleichen verbreitet haben.

Doch die Menschen bekriegen sich schon seit ewigen Zeiten, auch bevor wir in eure Welt kamen. Macht und Einfluss, zwei Dinge, wovon ihr nicht genug bekommen könnt. Ihr schreckt nicht mal davor zurück die heilige Magie zu nutzen, um euch gegenseitig umzubringen. Nein, ich kann dich nicht vor dem Leben beschützen, dafür müsste ich dich einsperren, oder dir das Leben rauben.“
„Was du aber nicht tun wirst“, sagte Anjashin. „Was soll nun geschehen? Ich kann nicht einfach gehen und so tun, als wenn nichts geschehen wäre.“
Der Drache sah Anjashin an und breitete seine Schwingen vorsichtig aus. „Ich gebe dir ein Versprechen.“
„Welches?“, fragte das Mädchen.
„Heute in zehn Jahren werde ich wieder hierher kommen, um einen Freund zu besuchen. Wenn das Schicksal so will, werde ich meinen Platz im Leben gefunden haben, so wie du.“
„Dann wirst du dich nicht mehr verstecken?“, fragte Anjashin.
„Nein“, sagte der Drache Sakil. „Du hast recht. Sich zu verstecken bringt nichts. Und jetzt, wo ich deinen Namen kenne, hast du einen Verbündeten. Genau wie ich.“
„Was meinst du?“, fragte Anjashin, während sich der Drache aus der Mulde bewegte und sich den letzten Dreck von den Klauen schüttelte.
„Solltest du jemals in Gefahr sein, so rufe meinen Namen. Wenn er laut genug ist, werde ich dich finden und dir helfen können. Und auch wenn du nur ein Mensch bist, so glaube ich, dass wir beide noch viel voneinander lernen können. Du besitzt eine ungewöhnliche Weisheit, die eines Kindes, oder eines besonderen Menschen. Die Zeit wird zeigen, inwiefern ich damit Recht habe.
Wenn das Schicksal es will, werden wir uns in zehn Jahren wieder sehen, vielleicht in einer besseren Welt, wer weiß das schon.“
Der Drache bewegte seine Schwingen auf und ab und Anjashin ging einen Schritt zurück. „Wie willst du mich denn hören? Ich bin doch nur ein kleines Mädchen.“
Der Drache hielt einen Moment inne und betrachtete den kleinen Menschen. „Ich bin ein Drache. Wir haben eine besondere Gabe. Nun, da ich deinen Namen kenne sind wir auf einer Art und Weise verbunden, die es in eurer Welt nicht ein zweites Mal gibt. Unterschätze mich nicht. Ich werde das auch nicht mehr bei dir und deinesgleichen tun. Ich höre dich, darauf kannst du dich verlassen.“

Mit einem Satz sprang der Drache schließlich in die Luft und gewann mit starken Flügelschlägen an Höhe. „Ruf meinen Namen, vergiss das nie.“
Anjashin nickte. „Ja, dass werde ich“, sagte sie leise und blickte den Drachen hinterher, der scheinbar direkt in die Sonne flog.
Als sich die junge Anjashin auf den Rückweg nach Hause machte, überlegte sie eine Weile, ob sie von der Begegnung mit dem Drachen erzählen sollte, doch sie entschied sich dagegen. Jeder Mensch brauchte ein Geheimnis und dies war ihres.
Sie hatte einen Drachen als Freund, dass wusste sie nun, auch wenn er nicht der größte war. Sie mochte ihn und konnte das Wiedersehen kaum erwarten. Wie schnell die zehn Jahre wohl vergehen würden? Es würde eine Menge zu erzählen geben, davon war sie überzeugt. Und bei diesem Gedanken spiegelte sich erneut ein Lächeln in ihrem Gesicht.

weiter zum nächsten Türchen