Die Elfe

(von Efyriel)

Zwei Jungen kauern geduckt hinter einem Busch in der Nähe des fünften Türchens, dessen weit offen stehende Torflügel in einen Innenhof führen. Drei, zwei, eins… zwei Stadtwachen patrouilleren vorbei. Die Jungen warten noch einen Moment, nicken sich dann zu und flitzen los…

Ich war gerade neun und gehörte zu einer Gruppe von zwölf Jungen. Jeden Tag kroch ein anderer von uns unter die Treppe am Kerker um zu sehen, wer darin saß. Denn das war noch immer der beste Ort um zu erfahren, was vor sich ging. Erwachsene sagten immer, Kinder ginge es nichts an. Aber wir waren uns schon immer einig, dass wir wissen wollten, wem was vorgeworfen wurde. Außerdem landete hin und wieder einer der Diebe dort und es ergab sich die Gelegenheit ein paar Geheimnisse zu erfahren, die sie sonst für sich behielten. Aber in einem solchen Fall gab es immer wieder einen Handel zwischen ihnen und uns. Für Wissen überbrachten wir dann kleine Nachrichten.
An diesem Tag war es meine Aufgabe und mein Freund Mitgen stand Wache. Die Männer der Stadtwache sahen es gar nicht gern, wenn wir uns am Kerker herum trieben. Vorsichtig kroch ich also unter die Treppe an das kleine Gitterfenster heran. Der Raum lag im Halbdunkel da und die Eisenringe an der Wand waren leer. Enttäuscht schnaubte ich und wollte gerade den Rückzug antreten, als ich Schritte nahe der Tür vernahm. Gespannt blieb ich liegen und wartete.

Die Tür wurde von einem breiten, starken Mann geöffnet. Ihm folgte ein weiterer in der Uniform der Stadtwache. Er führte eine sich windende Frau mit sich, der die langen schwarzen Haare wirr ins Gesicht hingen. Ihre schimpfenden Worte konnte ich nicht verstehen. Ich drückte mich flach auf den Boden um nicht bemerkt zu werden. Mein Herz pochte heftig.

Zwei der Metallringe schlossen sich um die dünnen Handgelenke der Gefangenen. Was sie wohl getan hatte? Die Männer verließen den Kerker und schlossen die Tür, gefolgt von ihren Beschimpfungen. Sobald die Schritte verklungen waren verstummte sie und hob den Kopf um zu sehen wo sie sich befand. „Sogredod!“ murrte sie, „das habe ich nicht verdient!“

Langsam richtete ich mich auf um besser sehen zu können. In halb kniender Haltung verharrte ich. Das war eine fremde Sprache und diese Ohren, das war doch...

Da hob sie angespannt den Kopf, blickte jedoch nicht in meine Richtung. „Gefällt dir was du siehst?“ fragte sie. Ihre Stimme war nicht viel lauter als ein Flüstern. Erschrocken zuckte ich zurück. Wie hatte sie mich bemerkt? „Du bist noch nie einer Elfe begegnet.“ Ihre Stimme klang ruhig und feststellend. Es war ganz so, als schien sie ihre Lage nicht im mindesten zu beunruhigen. Langsam schüttelte ich den Kopf. Sie konnte mich unmöglich sehen! „Dachte ich mir“, meinte sie, ohne den Blick in meine Richtung zu wenden.

Mitgen kam aufgeregt zur Treppe gelaufen: „Wachmann!“ warnte er und verschwand durch das Tor zum Mühlenhof. Ich kroch schnell zurück und wollte gerade unter der Treppe hervor, als - „Warte!“ Ihre Stimme war kaum lauter als zuvor, dennoch konnte ich sie gut verstehen. „Wenn du dich jetzt bewegst, wird der Wachmann dich sehen.“ Vorsichtig blickte ich über die Schulter zurück. Das Hufgeklapper erklang nun direkt hinter mir. Ich konnte schon die Beine des Pferdes sehen. „Bleib ganz ruhig und atme langsam. Er wird dich nur sehen, wenn du dich bewegst.“
Jetzt hatte sie den Kopf gedreht und sah mich aus goldfarbenen Augen an. Nichts an ihrem Gesicht zeigte auch nur die geringste Regung.

Mit pochendem Herzen und vor Angst zitternd verharrte ich. Die Augen geschlossen und kaum dazu in der Lage ruhig zu atmen. Wenn mich der Wachmann fand, erfuhren meine Eltern was ich hier tat. Sicher würden sie mich dann strafen. Ich hörte wie der Mann vom Pferd stieg und ein anderer ihn grüßte. Dann ging er direkt an meinem Versteck vorbei. Ängstlich hielt ich die Luft an. „Ruhig, ruhig“, vernahm ich leise die Stimme der Elfe. Ich zitterte immer mehr und konnte kaum noch still halten. So bemerkte ich gar nicht, dass der Wachmann bereits weiter gegangen war. „Das war knapp“, lächelte die Elfe und ich sah mich selbst, in ihren goldenen Augen.

Ich hatte schon von ihnen gehört, es gab genügend Geschichten über sie. Doch noch nie hatte ich eine Elfe mit eigenen Augen gesehen. „Warum habt ihr mir geholfen?“ fragte ich ohne darüber nachzudenken. Erst jetzt bemerkte ich, dass sie frei im Raum stand. Die Eisenringe hingen leer an der Wand. „Die Wachen wären nur aufmerksam geworden,“ erklärte sie kurz. Dann betrachtete sie das kleine Fenster prüfend. Ich blinzelte irritiert.
„Gib mir doch bitte diesen Stein dort,“ bat sie und deutete auf einen kleinen dunkelgrauen Stein, der neben mir lag. Ich griff danach und fragte mich, was sie mit diesem Stein wollte. Er würde ihr doch wohl kaum helfen heraus zu kommen? Außerdem wusste ich ja nicht mal, ob sie nicht doch gefährlich war. Andererseits hatte sie mir ja auch geholfen...

Etwas ängstlich hielt ich ihr den Stein hin und sie nahm ihn. „Du solltest jetzt gehen, ehe man dich doch noch entdeckt.“ Gebannt von ihrer Erscheinung nickte ich, starrte sie noch einen Moment untätig an und kroch dann unter der Treppe hervor. Nachdem ich Mitgen im Mühlenhof gefunden hatte erzählte ich ihm fassungslos, was geschehen war. Er wollte mir erst nicht glauben, doch als am nächsten Morgen ein Gerücht die Runde machte, sah er mich bewundernd an. Die Elfe war tatsächlich entkommen.

weiter zum nächsten Türchen