Community > Adventskalender > Adventskalender 2011 > Das Geschenk und Bonusgedicht „Der Advent“

Das Geschenk

(von Gerion)

Verwitterte Muster und Spiralen zieren den Türrahmen des sechsten Türchens, wer es passieren will, muss einen dichten Schleier von Efeuranken beiseite schieben. Ein weißbärtiger älterer Herr im roten Mantel hat sich soeben hindurchgekämpft und wischt eine Spinnwebe von seiner Nase. Er wirft einen schnellen Blick in sein goldenes Buch, nickt zufrieden, steckt es dann zurück in die Manteltasche neben das schwarze Buch, schultert seinen Sack und marschiert ins Dickicht hinein…

Kopfüber betrachtet sah die ganze Szenerie ein wenig lustig aus. Gelangweilt saß sie auf einem Baum am Rande einer kleinen Lichtung und ließ sich von einem Ast herab hängen. Sie sah, wie der Junge zögerlich die Lichtung betrat. Er war vielleicht fünfzehn Jahre alt. Oder er war fünfhundert. Jedenfalls sehr jung, verglichen mit den meisten Menschen die Sie bisher gesehen hatte. Leider wusste die Beobachterin nicht so genau wie alt ein Mensch wird, deshalb beließ sie es in ihren Gedanken bei einem „jung“. Das Mädchen, das bereits auf der Lichtung saß, war genauso jung und sogar für Sie war es offensichtlich, dass sich die beiden mochten.

Etwas nervös trat der Junge von einem Fuß auf den Anderen, ehe er sich endlich dazu durchrang dem Mädchen das zu geben, was er die ganze Zeit hinter dem Rücken hielt. Es war ein kleines Päckchen, mit einem schlichten Schleifchen versehen. Neugierig beobachtete Sie, wie der Junge das Paket an das leicht errötende Mädchen weitergab. Um mehr zu sehen, beugte Sie sich weiter vor und benutzte ihren buschigen Schwanz als Gegengewicht um auf dem Ast besser balancieren zu können. Scheinbar war das Mädchen erfreut über das was in dem Paket war, denn sie umarmte den Jungen und drückte ihm einen Kuss auf die Wange. Es war eine Halskette. Schlicht, aber scheinbar selbst gemacht. Der heimlichen Beobachterin der Szenerie gefiel die Halskette auch, aber wohl eher weil ein paar Nüsse in sie eingebaut waren und irgendwie hatte Sie ein wenig Hunger.

Das Mädchen probierte die Halskette an und betrachtete sich in einem kleinen Handspiegel. Zu neugierig geworden beugte sich die Zuschauerin ein klein wenig zu weit vor und fiel von dem Ast herunter und den Beiden direkt vor die Füße. Für eine Schrecksekunde starrten Sie und das Mädchen sich an an, ehe die Verunfallte entschuldigend grinste und auf schnellstem Weg wieder zu dem Baum sprang von dem Sie gekullert war. Während Sie diesen wieder in Windeseile erklomm, hörte Sie das Mädchen hinter sich noch ihren Freund verwundert fragen: „Hat das Eichhörnchen gerade gegrinst?“

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Im Zickzack rannte das Eichhörnchen den Stamm des Baumes hinauf bis in den Wipfel, um leichtfüßig über die Baumkronen tief in den Wald hinein zu hüpfen. Schließlich kam sie an einer weiteren kleinen Lichtung an auf der ein kleiner Schrein stand. Der Schrein war schon alt und verwaist, ein kleiner Baum ist auf ihm gewachsen und die Wurzeln hatten hier und da etwas von dem Stein weggesprengt. Hier fühlte Sie sich zu Hause, mehr als überall sonst im Wald. Um besser sprechen zu können richtete sie sich auf und streckte sich, änderte die Form bis Sie menschlich wirkte, ein Mädchen von vielleicht zehn Jahren mit vorwitzigen Zöpfen wo beim Eichhörnchen die Ohren waren, das nur noch durch den buschigen Schwanz, der langsam auch verschwand, seine Herkunft verriet. Dann ließ Sie sich bäuchlings auf den Boden plumpsen, stützte ihren Kopf auf eine Hand und stupste eine Blume an. „Du... Ich habe heute zwei Menschen gesehen. Der eine hat der anderen eine Halskette geschenkt“, erklärte Sie der Blume mit einem halb verwunderten, halb belustigten Ton und kicherte dabei. „Das genauso wie Menschen mir hier früher Geschenke gemacht haben.“ Sie deutete auf den Schrein.

„Das liegt daran, weil Menschen vergessen.“, erklärte die Blume mit einer sanften, überraschend weise und erwachsen wirkenden Stimme. „Menschen vergessen vieles und deshalb haben sie gerne Dinge, die ihrer Erinnerung helfen. So ein Geschenk ist solch eine Hilfe. Die Halskette sollte wohl sagen 'Erinnere dich an mich, vergiss mich nicht!'“ „Wirklich? Ist das nicht unpraktisch?“, gluckste das jetzt menschliche Eichhörnchen. „Ein Mensch kann auf diese Weise auch schlimme Dinge vergessen, also hat es auch seine Vorteile. Es ist nun mal die Art, wie sie leben. Sie kommen in diese Existenz, vergessen vieles während sie hier sind und wenn sie diese Welt wieder verlassen werden sie oft vergessen.“ Interessiert hörte Sie zu ehe sie nachfragte. „Dann haben Menschen also Angst vergessen zu werden und geben deshalb etwas von sich her um weiter im Gedächtnis der anderen zu bleiben?“ Sie deutete auf den Schrein. „Heißt das, dass die Menschen mich einfach vergessen haben? Dass sie vergessen haben was ich vor über 500 Wintern versprochen habe?“ Die Pflanze nickte zur Bestätigung mit ihrer Blüte. „Das könnte sein. Das würde Menschen ähnlich sehen.“ „Menschen sind seltsam“ entschied sich das Eichhörnchen. Sie schüttelte den Kopf ehe Sie wieder schrumpfte und ein Fell ausbildete. Ihre Neugierde war geweckt und so entschied Sie sich, den Menschen einen weiteren Besuch abzustatten, vielleicht sogar als Mensch eine Weile unter ihnen unterwegs zu sein um ihre seltsame, ungewöhnliche Lebensweise besser kennen zu lernen. Vielleicht könnte sie die Menschen sogar wieder daran erinnern dass sie im Wald lebte. Über ein wenig mehr Besuch beim Schrein würde sie sich freuen, manchmal konnte es ein wenig einsam werden wenn man niemanden zum Reden hatte.

Der Advent

(von Thure)

“Ah, die Weltenbastler, da seid ihr ja! Wusste ich doch, dass ich euch am Ende dieses Türchens finde!“
Der Nikolaus schnauft zufrieden, zupft sich eine Klette vom Mantelsaum, setzt sich neben euch ins Gras und beginnt in seinem Sack zu suchen.
„Ja, hier ist es! In meinem goldenen Buch steht, dass dieses Gedicht eigentlich für ein Adventskalendertürchen verfasst wurde, aber mangels Welteninhalt nicht genommen werden konnte. Deshalb, und…“, der Nikolaus grinst, „…natürlich weil ihr das ganze Jahr über artig wart, bekommt ihr es heute als Bonustext von mir persönlich überbracht.“ Er zieht ein kleines Päckchen hervor, dessen Geschenkpapier sich von selbst entfaltet:
Ihr haltet ein Blatt in den Händen, auf dem in schönster Kalligraphieschrift mit vergoldeten Anfangslettern ein Gedicht zu lesen ist…

O wunderschön und glücklicher,
O feierlich und seliger Advent,
Wie sehr ich mir im Frieden wünsch,
dass meinen Traum du sehr gut kennst.

Lass die Waffen niederfallen,
Erhebe dich zum Widerstand.
Durch unser selig Menschenhand,
solln unsre Friedenslüste wallen.

Ist der Tag dann je gekommen
und die Kriegslust ja bezwungen,
Heiße ich die Stund' willkommen,
hab sie ja so lang besungen.

Und ist der Tag nun noch so fern,
Ich möcht mich nicht der Lust erwehrn,
Dass jedes Jahr zur Weihnachtszeit,
der Frieden steht für uns bereit.

Deshalb vor allen schönen Dingen,
möcht ich die Menschheit wohl besingen.
Ich wünsch 'ne schöne Weihnachtszeit
und denk wir sind schon ziemlich weit.

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