Musik, bitte!

(von Eld)

Mitreißende Klänge dringen durch das siebte Türchen, und wer hindurchspäht findet sich mitten auf einer Bühne und als Teil eines Bandauftritts wieder. Das Publikum, ein wogendes Meer aus Köpfen und nach oben gereckten Händen unter freiem Himmel, steht ganz unter ihrem Bann. Nur eine einzige Person steht reglos auf der Bühne, an der Spitze der Band. Ihr ganzer Körper, ihre ganze Konzentration, ist nur auf einen Moment ausgerichtet, und dieser Moment ist nahe…

Sie näherten sich dem Höhepunkt, sie spürten es.
Da standen sie - Caréssha und ihre Truppe - auf der Bühne des großen Dward-Frühlings-Festivals und spielten die Vorgruppe zu den berühmten Ord Eméreon, den angesagten, abgefahrenen Urgesteinen des Neuen Lagers! Tausende Leute hörten sie, hörten ihre Lieder, sogen ihre Worte auf und, das absurdeste überhaupt, freuten sich und jubelten!

Wie absolut irre, dachte Caréssha. Sie und ihre Leute, das waren die Arabaendrash, ein improvisierter Name, der bei Gelegenheit in etwas bedeutungsvolles, programmatisches, ewiges geändert werden musste. Sechs waren sie, absolut neu, vor einem halben Jahr zusammengefunden.

Der Trommelwirbel des Schlagzeugers Mogaerol schwoll an, die Geiger spielten um ihr Leben, die Gitarre summte wie ein Bienenschwarm und Mardé entlockte seiner Flöte einen wilden Tanz.
Caréssha, genannt die Rote, stand an der Spitze ihrer Truppe, sog die Musik in sich auf und wartete. Gleich kam ihr Einsatz, das Finale des Liedes. Das Publikum war gespannt, aufgewühlt, sie verlangten nach dem Höhepunkt. Die Erregung war greifbar, überwand die schmale Kluft zwischen Caréssha und der im Dunkel der Nacht stehenden Menge, elektrisierte die Haare auf ihren Armen und jagte ein um die andere Adrenalinwelle durch ihren euphorisierten Körper. Die Fackeln rings um die Bühne sandten Hitze und Licht aus, doch in ihr brannte bereits eine Glut, viel heißer und stürmischer als die Flammen.

Es war so weit. Ihr Einsatz.
Carésshas Lungen füllten sich schlagartig mit der kalten, stimmungsgeladenen Luft und sie sang aus voller Kehle. Der rhythmische Refrain sprang ihr förmlich über die Lippen und stürzte sich auf die Ohren der Zuhörer wie ein ausgehungertes Raubtier auf seine Beute.

Die Leute johlten, Caréssha trommelte den Takt mit dem Fuß auf die Bühnenbretter und ließ die Hüften kreisen. Die Menge tobte, sang lautstark mit, das Glitzern in ihren Augen erfüllt von Musik und Trance. Das Blut rauschte Caréssha in den Ohren, sie fühlte das pure Leben in sich, in jeder Faser, in jedem Haar, mit jedem Atemzug. Ihre Umgebung verschwamm, es gab nur noch sie und die Musik. Am Rande nahm sie die freudig entrückten Bewegungen ihrer Gruppe wahr, die ebenfalls unter dem Bann der Musik standen. Sie fühlte sich tief mit ihnen verbunden; von irgendwo hinter ihrem Bauchnabel kam ein leichtes Ziehen, sofort wurde es von einem wohlig warmen Kribbeln erwidert, das sich rasend schnell in ihrem Körper ausbreitete, über ihre Haut kroch und sie erregte. Ihre Stimme war laut, tief, voll und beherrschte die Nacht von ihr hin bis zu den Sternen.

Noch einmal hoben alle Instrumente gemeinsam an, vereinten sich wie in einem Liebesakt und tönten weit hin in die Welt, bis tief in ihren Körper hinein, erfüllten ihn von innen. Caréssha stimmte ein und legte alle Kraft hinein, ihr Herz schien für einen Moment innezuhalten, die Augen hatte sie geschlossen, ihre Arme zuckten in ekstatischen Bewegungen und ihre Stimme hatte schon längst ihren samtenen Liebreiz verloren, sie brüllte aus Leibeskräften, dreckig, laut und heiser. Geil, es war verdammt noch mal so geil! Es sollte ein ewiger Moment sein. Nie enden!
Dann war es vorbei.

Gitarre und Geigen, Flöte und Schlagzeug verstummten, das letzte Wort hallte über das Areal, hing schwer über den Köpfen der Menge und drückte sie in einer unnatürlich lauten Stille nieder, einer Stille, die die Ohren klingeln und das Herz rasen ließ. Carésshas Atem ging schnell und flach und schien kaum Luft in die Lungen zu saugen. Ihr war schwindelig und ihre Knie zitterten, in ihr Gesicht aber brannte sich ein berauschtes Grinsen, das gefühlt zu beiden Seiten über ihr Gesicht hinauszuragen schien.
Der Jubel, der nach dem Moment der absoluten Stille einsetzte, war gigantisch, wie eine Faust aus Lärm schlug er Caréssha entgegen und schleuderte sie förmlich rückwärts in die Arme ihrer Kameraden, die sich nun in einer Reihe aufstellten und sie in die Mitte nahmen.
Sie verbeugten sich, immer noch grinsend, als hätten sie sich eine breite Straße Naftasch die Nase hochgezogen und der Jubel ebbte ab, brandete erneut auf, die Leute klatschten rhythmisch in die Hände, stimmten Arabaendrash-Sprechchöre an, pfiffen und stampften mit den Füßen. Aberwitzige Verehrer warfen dunkelrote Solésonaknospen - Symbole der körperlichen Liebe - auf die Bühne, atemlose Damen fielen in Ohnmacht, die Ästheten weinten vor Verzückung.

Caréssha fand zwischen der zweiten und dritten Verbeugung die Gelegenheit, kurze Blicke zur Seite zu werfen. Zu ihrer Linken war Mardé, der Flötentänzer. Er grinste sein zahnlückiges Grinsen, sein wirres, widerspenstiges Haar umrahmte sein gerötetes Gesicht. Er fing ihren Blick auf und zwinkerte ihr zu. Neben ihm stand Laegavé, der Gitarrenvirtuose. Er gab vor, ihren Blick nicht zu bemerken, doch meinte sie zu erkennen, wie sein Lächeln eine Spur breiter wurde. Zu ihrer rechten Seite verbeugte sich elegant Loaredaon, der Violinist mit Starattitüde, und kokettierte mit den hyperventilierenden Damen der ersten Reihe. Eine von ihnen versuchte sich ihre Kleider von der Brust zu reißen, wurde aber von ihrem empörten Mann daran gehindert, der noch kurz zuvor Caréssha eine rote Knospe zugeworfen hatte. Neben Loaredaon stand Méjrenja, das Geigenwunder von Burtas, und warf den atemlosen Verehrerinnen verstohlen eifersüchtige Blicke zu. Den Abschluss der Reihe bildete der riesenhafte Mogaerol.

"Mann, was für ein geiler Auftritt, mann!", sagte Mardé nun schon zum zehnten Mal. Oder zum elften. So genau wusste das niemand mehr, die Flasche mit der Leandischen Spätlese hatte zu oft die Runde gemacht und die definitiv nachteilige Eigenschaft angenommen, überaus leer zu sein.
"Wie wahr, wie wahr, mein Kamerad", sekundierte Loaredaon und ging an diesem Abend niemandem mit seiner erlesenen Wortwahl auf den Geist. Dafür war das Konzert einfach zu gut gewesen, ebenso die Spätlese. Nun saßen sie abseits vom Konzertgelände vor ihren Zelten ums Feuer und begossen den Erfolg. In der Ferne rumorte die Nacht, die meisten Besucher feierten ebenfalls laut und flüssig.
Recht haben sie, dachte Caréssha, an einen Baumstamm gelehnt, und starrte in die Nacht.
Unser größter Auftritt, unser längster Applaus und die besten Einnahmen. Fünf Verbeugungen! Das gab es sonst nur bei den Großen im Geschäft. Ein Grund zu feiern!

"Auf uns!", rief sie in die Runde und griff nach einer Flasche, die noch nicht die negative Eigenschaft der Leandischen Spätlese nachgeahmt hatte. Dabei verschätzte Caréssha sich jedoch, griff ins Leere und fiel unter allgemeinem Gelächter auf die Seite.
"Graziös wie ein Sack Mehl", beschied ihr Mogaerol, der Schlagzeuger, und griff seinerseits vergeblich nach der Flasche, behielt jedoch seine sitzende Haltung bei.
"Aber in weitaus besserer Form als du", kommentierte Laegavé, der Gitarrist, mit glasigem Blick auf Carésshas knappe, rote Lederweste, die durch den Sturz unfreiwillig tiefe Einblicke gewährte. Sie bemerkte den Blick und auch den Unterton in seiner Stimme, ließ sich jedoch Zeit, sich aufzusetzen und ihre Kleidung zu ordnen. Laegavé entging das nicht und sein Mundwinkel zuckte in einem leichten Lächeln.

Loaredaon hatte inzwischen die noch nicht geleerte Flasche erobert und sich wankend aus seiner erhabenen Denkerpose erhoben, die er immer auf dem alten Hocker einzunehmen pflegte.
"Höret, ihr wackern Spielmannsleut", rief er aus und gebärdete sich wie ein höfischer Ankündiger.
Méjrenja, die die zweite Geige spielte und auf Loaredaon stand, fing an zu kichern und erntete einen vernichtenden Blick des hochtrabenden Violinisten, der seine Wirkung aber dadurch verfehlte, dass Loaredaon nicht mehr in der Lage war, einen Punkt dauerhaft zu fixieren.

"Höret, ihr wackern Spielmannsleut", wiederholte er etwas lauter, "dies ist unser Tag! Also Nacht mag es sein, doch der Tag ist unser! Darauf trinken wir! Es ist unser Triumph und das verdammt noch mal geilste Gefühl der Welt, hmm, mit Ausnahme vielleicht von hmm...", ein scheeler Blick zu Méjrenja, "aber auf jeden Fall, hmm, also das tollste und überhaupt fürwahr Beste, was edlen Künstlern, wie wir es sind, widerfahren kann. Darauf erhebe ich meine Flasche und trinke mit Euch, über Euch, hmm, nein, auf euch. Prosit!" Er nahm einen tiefen Schluck und ließ sich unvermittelt auf seinem Hocker nieder.
"Prosit!", stimmten alle ein. Dann kreiste die Flasche rundherum, bis auch sie die definitiv nachteilige Eigenschaft erwarb, überaus leer zu sein.

Der Mond hatte sich längst hinterm Horizont verkrochen, die Sonne schlief noch und die Nacht hüllte sich in Schwärze. Schließlich war auch die letzte Flasche geleert, die sich in ihre Nähe verirrt hatte, das Feuer heruntergebrannt und allen nachhaltig klar geworden, "was für ein geiler Auftritt, mann!" das gewesen war und so zogen sie sich, glücklich, ausgepumpt und sturzbesoffen in ihre Zelte zurück.

"Bis irgendwann, wenn die Sonne ihren Rausch verwunden hat, ihr tapfren Leutz!", rief Loaredaon und machte seine übliche höfische Verbeugung, dann verschwand er torkelnd im Geigerzelt. Dichtauf folgte ihm Méjrenja, unnatürlich still und schüchtern.
Vermutlich war dies ihre Reaktion auf große Mengen des Flascheninhalts, der das Etikett "Leandische Spätlese" trug. Kurz darauf ertönte jedoch verhaltenes Gelächter aus dem Zelt und recht eindeutige Geräusche von vom Leib gerissenen Klamotten und aufeinandertreffenden Körpern.

Caréssha und die anderen nahmen dies diskret zum Anlass, sich ebenfalls schnellstmöglich, wenn auch nicht gerade auf direktestem Wege in ihre Zelte zu begeben. Mardé und Mogaerol teilten ein Zelt - wenn auch nicht die Betten - und Laegavé schlief allein im Gitarristenzelt, weil die zweite Gitarre die Gruppe kurz vor ihrem Auftritt verlassen hatte. Caréssha schlief allein.

Jedoch nicht in dieser Nacht.
Sie schälte sich gerade aus ihrer roten Lederweste und nahm das Band, das ihre Rastalocken im Nacken gebändigt hatte, heraus, da spürte sie einen Lufthauch. Laegavé stand im Zelteingang, schwankend, mit heftiger Fahne und glasigem Blick. Sie seufzte. Sein Blick war auf ihren fast entkleideten Oberkörper gerichtet und ein leichtes Grinsen spielte um seinen Mund. Er war augenscheinlich absolut dicht und total entrückt. Konnte es eine Bedeutung haben, was diese Nacht passieren würde?

Spielte das überhaupt eine Rolle, fragte eine kehlige Stimme in ihr, denn je länger sie ihn da stehen sah, umso heißer wurde ihr. Er war in der Dunkelheit nur schwer zu erkennen und der Geruch von Wein stach betörend in ihre Nase. Aber dennoch brachte sein Anblick ihr Herz zum Rasen und sie spürte, dass ihre Wangen rot wurden. Ihr war bewusst, dass sie nicht bei klarem Kopf war, doch was hieß das schon? Es war ihre Nacht und niemand sollte jetzt allein sein. Laegavé räusperte sich umständlich, setzte mit enormer Verspätung an, etwas zu sagen, um sein Eintreten zu rechtfertigen, doch die Worte blieben ihm im Halse stecken.

Caréssha hatte sich nun vollends zu ihm umgewandt und ihre rote Weste fallen gelassen, die sie bei seinem Erscheinen an ihren Körper gedrückt hatte.
Unter dieser Weste trug sie für gewöhnlich nichts weiter.
Wen scherte es, welche Bedeutung es hatte, was diese Nacht geschah? Es war ihr Erfolg, sie hatten begonnen, den Weg zu gehen, den sie zu gehen gewagt hatten. Der Weg, der vorherbestimmt war für sie. Der Weg, auf dem sie alles ändern wollten. Warum nicht diese Nacht anfangen? Warum allein bleiben? Zusammen hatten sie diesen Weg betreten, warum nicht auch diese Nacht teilen?

Diese Gedanken rasten durch Carésshas Kopf, schlugen Salti und wirbelten umher. Die Hitze von Laegavés Berührungen verdrängte sie, die Lust vernebelte ihre Sinne und die Nacht hüllte ihr schwarzes Tuch über das wilde Spiel der erhitzten Leiber.

weiter zum nächsten Türchen