Nordwind

(von Knochen)

Die liegende Acht, das Symbol der Unendlichkeit, ziert als Mosaik den Boden unter dem achten Türchen. Es befindet sich auf einem windumwehten Hügel in Sichtweite eines einsamen schiefen Turms, und unter seinem hoch geschwungenen Torbogen, genau im Mittelpunkt des Mosaiks, sitzt eine rotumhüllte Gestalt in Meditationshaltung da. Als sie bemerkt dass sie nicht mehr alleine ist, öffnen sich ihre Augen. Sie sind grau und endlos wie ein Regenhimmel. Worte tropfen von ihren Lippen…

Auf dem Hügel neben der Stadt lebten die Rote Frau und die Hexenzwillinge.

In der Stadt selbst lebten nur die Kleinen Leute, Menschen vom kleinen Volk. Stolz und wehrhaft hatte die Stadt mit dem schiefen Kirchturm dem eisigen Nordwind getrotzt und dem Kreideland die Stirn geboten, bis die Rote Frau vom Nordwind zur Stadt getragen worden war und die Hexenzwillinge von den Kreidefelsen mit einem Geruch von stählernem Feuer den Platz vor der Kirche betreten hatten.

Die Kleinen Leute kamen einst aus dem Osten, wie die Roten Frauen und Männer aus dem Norden kamen und die Hexenzwillinge aus dem Westen.
Im Süden verliefen die dunklen Pfade von Wahr, das Netz der Rose.
Obwohl es verboten war, trieb die Neugier die Kleinen Leute in den Süden. Dort fanden sie den goldenen Spiegel. Sie brachten ihn in den Osten. Dort drehte er die Magie der Kleinen Leute, aus Willen die Welt zu machen, um. Sie wurde, schleichend wie Nebel, zu einer Magie, aus Willen die Welt zu zerstören.

Trotzdem fürchteten die Kleinen Leute nichts mehr als das Auftauchen der Roten Frau unten in der Stadt, wenn sie dort ihre Einkäufe machte. Stets war sie in Begleitung der Hexenzwillinge, die wie Schatten an ihrem roten Mantel hingen. Auf das Gesicht des einen Zwillings war ein Lachen gemalt, auf das des Anderen nicht.

Stets kaufte die Rote Frau eine Tafel Schokolade und zwei große, bunte Bonbons, die der Süßigkeitenmann mit seinen fleckigen Händen zitternd aus einem der hübschen Gläser fischte. Dann ging sie weiter zum Metzger, wo sie Ziegenfleisch kaufte, und dann ließ sie die Hexenzwilllinge zwei Liter Milch bei einem der Bauern holen.

Die Zwillinge sprachen nicht. Die Bauern aber wussten: Gib den Kreidewesen Milch, den Roten Menschen Ziegenfleisch und Schokolade. Das war bekannt und es war weise. Denn die Milch zügelte die Macht des Kreidelands und das Ziegenfleisch nahm dem Nordwind den eisigen Stachel.

Sobald die Gruppe von drei wieder auf dem Hügel war, da klapperten die Türen in der Stadt, die Kleinen Leute kamen aus ihren Häusern, ob bei Sonnenschein oder Sturm und Regen, und sie sammelten sich in der Kirche mit dem schiefen Turm, in der der goldene Spiegel hing. Sie flüsterten und tuschelten und raunten.

Und in den nächsten Wochen rührte jedwedes Unglück von den grauen Augen der Roten Frau oder von dem Lächeln des einen oder dem traurigen Gesicht des anderen Zwillings.
Man verstauchte sich den Knöchel, schnitt sich in den Finger oder eine Fensterscheibe zerbrach.

Irgendwann, es war unvermeidbar, flog der erste Stein aus einem eilig wieder verschlossenen Fenster. Der Roten Frau fiel die Schokoladentafel aus der Hand und die Bonbons, kugelrund, rollten über die Straße und es war nur der erste Stein.

Die einzige Magie, die die Roten Männer und Frauen und die Kreidekinder vor den Kleinen Leuten schützen konnte, war die Angst. Doch wie die Angst sie schützte, so wurde sie ihnen zum Verhängnis. Denn der erste Stein wurde immer aus Angst geworfen.

Kurze Zeit später, nachdem zwei bunte Bonbons in eine Pfütze gerollt waren, die sich bald rot färben sollte, brannte die Stadt bis auf den Kirchturm nieder.

Die Kreidekinder zogen in den Krieg den goldenen Spiegel zu vernichten und die Roten Männer und Frauen beobachteten mit ihren grauen Augen, wie es ihre Art war.

Und der schiefe Kirchturm trotzte dem Nordwind allein.

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