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Die Amselprinzessin

(von Vinni)

Schimmerndes Mondlicht fällt durch das zehnte Türchen, welches als Fenster getarnt Teil eines Gemachs ist, das auf den ersten Blick einer Prinzessin würdig ist. Auf den zweiten Blick erkennt man allerdings dass das Holz der Möbel schartig, der Stoff der weichen Kissen zerschlissen und die Teppiche abgenutzt sind. Eine wunderschöne Maid sitzt traurig auf ihrem Bett, und ignoriert das Klopfen an der von innen verriegelten Tür…

Es war einmal ein König, der war ein rechter Verschwender. Er liebte es, sich mit Gold und Glanz zu umgeben. Sein Palast war auf das prächtigste ausgestattet. Seine Kleider waren aus kostbarer Seide und farbenprächtigem Atlas, und er feierte Feste, die man sich rauschender nicht vorstellen kann. Es kümmerte ihn nicht, dass seine Ratgeber und Schatzmeister sorgenvoll die Häupter schüttelten und seine Kasse immer leerer wurde.

Dieser König nun, der hatte eine Tochter. Sie war schön wie eine Sommernacht, zart ihre Gestalt und ihre Züge, rein und blass wie Mondstein ihre Haut, und ihr Haar so schwarz und glänzend wie Vogelgefieder. Ihr Name war Myrla, und im Gegensatz zu ihrem Vater, war sie klug und warmherzig und bescheiden. Sie liebte die Blumen des Gartens, die Tiere des Waldes und das fröhliche Spiel mit ihren Gefährtinnen. Die rauschenden Feste ihres Vaters schienen ihr hohl und falsch, so wie der schmeichelnde Hofton, mit dem die Würdenträger und Höflinge um ihre Gunst buhlten. Sie mied diese Vergnügungen und tanzte und sang lieber mit den Freundinnen auf den blumenreichen Wiesen des Schlossgeländes.

Doch es kam, wie es kommen musste. Die sorgenfreie Zeit schwand dahin mit dem Staatsschatz des Königs. Bald mussten die gastlichen Tore des Schlosses geschlossen werden, die Musik verklang und die leichtfertigen Freunde des Königs suchten das Weite, nachdem sein Hof allen Glanz verlor. Das kam ihm bitter an. Den lieben langen Tag klagte er über das ungerechte Schicksal, anstatt wie seine Tochter tapfer die neuen Verhältnisse anzunehmen. Sie suchte, einen Teil des verlassenen Schlosses behaglich zu halten, mit den verbliebenen Ratgebern die Staatsgeschäfte zu führen und ihren jammernden Vater aus seinen trüben Stimmungen zu reißen.

Da traf es sich eines Tages, dass ein reicher Graf im Schloss vorsprach. Er kam mit vielen Männern in prächtiger Rüstung, mit kostbaren Pferden und glänzenden Waffen. Sogleich lebte der alte König auf und tat alles, um den Gast gefällig zu sein. Der Graf war kein junger Mann mehr, er hatte es sich aber in den Kopf gesetzt, die schöne Prinzessin zu freien. Gold und Gut bot er dem König für ihre Hand. Er versprach, die Schatzkammern des Schlosses wieder zu füllen und die reichen Feste zurückzubringen. Da wurde der König schwach, und ohne seine Tochter gefragt zu haben, versprach er dem reichen Grafen ihre Hand. Der war es zufrieden, richtete sich mit seinen Männern im Schlosse ein und ließ wohlweislich Wachen um Hof und Garten stellen.

Wie groß war da die Überraschung für die arme Myrla! Nicht im Traume dachte sie daran, sich für Geld an diesen Mann zu verkaufen! Er war nicht jung und nicht schön, und schlimmer noch, er war grob zu seinen Leuten und von aufbrausendem, herrschsüchtigem Wesen. Wie sollte sie da ihr junges Leben an diesen reichen Wüstling ketten?! Nein, so sehr der Vater auch bat und flehte, der Graf sollte ihre Hand nicht erhalten. Mit diesem Nein floh Myrla in ihre Gemächer und warf sich weinend auf das Bett. All die schweren Zeiten war sie tapfer und unverzagt geblieben, doch jetzt war ihr Mut zu Ende. Sie sah die Wachen und die Waffen des Grafen, kannte seine Hartnäckigkeit. Sie fürchtete, er würde mit Gewalt nehmen, was ihm mit Geld und guten Worten nicht gelang. Doch was sollte sie tun? Wohin fliehen?

Den ganzen Tag und den ganzen Abend weinte Myrla bittere Tränen. Als die Turmuhr Mitternacht schlug, wurde sie jedoch von einem Klingen und Schimmern aus ihrem Jammer aufgeschreckt. Licht und Läuten leuchteten in ihrem Zimmer und schließlich trat eine seltsame Frau daraus hervor. Sie war klein und weißhaarig, auch wenn ihr Gesicht faltenlos und ewigjung schien. Ihre Augen schimmerten wie Mondenschein und ihr weißes Gewand war so zart, als sei es aus Spinnenseide gewoben. Myrla fand vor Staunen keine Worte. Die Fremde lachte wie klingelnde Glöckchen. „Staune nur, mein Kind. Du kennst mich nicht, aber ich habe dich immer beobachtet. Du warst immer tapfer und wusstest dir selbst zu helfen. Nun, da du meine Hilfe brauchst, bin ich zu dir gekommen.“
Myrla richtete sich auf. „Wer seid Ihr?“, wagte sie zu fragen.
Wieder lachte die Fremde. „Ich bin deine gute Fee. Deine Mutter – möge sie in Frieden ruhen – hat mich gebeten, auf dich acht zu geben.“
Von Hoffnung erfüllt sprang Myrla auf die Füße. „Oh bitte, liebe gute Fee, bitte mach, dass ich ihn nicht heiraten muss! Hilf mir zu entkommen!“
„Auch, wenn du dafür das Schloss und den Vater zurücklassen musst? Und alle Reichtümer, die der Freier dir bietet?“
„Ich will ihn nicht“, rief die Prinzessin heftig, „ich will nichts von dem, was er bietet. Lieber gehe ich allein in die Welt hinaus! Lieber sterben, als ihn zum Manne nehmen!“

„Nun, so weit soll es nicht kommen.“ Die Fee strich Myrla tröstend übers Haar. „Ich will dir helfen zu entkommen. Sieh hier, das soll deine Verkleidung und dein Schutz sein.“ Mit diesen Worten zog sie eine schwarze Feder hervor. Eine Amselfeder. Sie schwenkte die Feder durch die Luft und im nächsten Moment, hatte sich diese zu einem Kleid aus Amselfedern verwandelt. Es glänzte schwarz im Kerzenschein, schien dabei leicht und weich wie Vogelflaum zu sein. Die Prinzessin konnte ihren Augen kaum glauben. Doch als sie mit vorsichtigen Fingern über den Stoff strich, waren es wirklich Federn und wirklich ein Kleid.
„Wasch dich und kämm dein Haar“, riet die Fee. „Dann lege das Kleid an und es wird dich in eine Amsel verwandeln. Solange du es trägst, bleibst du in Vogelgestalt. Keiner wird dich erkennen und aufhalten.“
Die Prinzessin eilte, dem Rat zu folgen. Sie wusch sich eilig die Tränen aus dem Gesicht, kämmte ihr Haar und entkleidete sich bis auf ihr seidenes Untergewand. Dann griff sie nach dem Amselkleid, bereit, alles Wagnis auf sich zu nehmen.

„Hör mich an“, hielt sie die Fee zurück, „Du darfst niemandem von dem Kleid und der Verwandlung erzählen. Niemals darf dich jemand bei der Verwandlung beobachten. Und niemals darf eine fremde Hand das Kleid berühren. Du wirst sonst für immer in der Vogelgestalt gefangen sein.“
Die Prinzessin versprach all diese Dinge. Dann warf sie das Kleid über. Es schmiegte sich an ihre holde Gestalt – und schon im nächsten Augenblick war Myrla eine Amsel. Der Vogel ließ sich zutraulich auf der Hand der Fee nieder und sah sie aus klugen Augen an.
„Sei vorsichtig“, mahnte die Fee, „Gib auf dich acht. Und wenn du Hilfe brauchst, dann komm zu mir.“ Damit öffnete sie ein Fenster und ließ den Vogel hinaus. Unbeachtet von allen wachenden Augen, flatterte der Vogel davon. Myrla war frei.

Es begann nun ein sonderbares Leben für die Prinzessin. Sie lebte mit den Vögeln im Wald. Manchmal, wenn sie sich nach menschlichen Stimmen sehnte, wagte sie sich in die Nähe eines Dorfes. Doch sie flüchtete stets schnell zurück in den Schutz der Bäume, zu grob erschienen ihr die Menschen jetzt, zu laut und ungestüm. Da zog sie doch die Gesellschaft ihrer gefiederten Freunde vor, tanzte mit ihnen in den Lüften und sang mit ihnen ihre Lieder. Tief im Wald auf einsamen Lichtungen legte die Prinzessin auch ihr Vogelkleid ab. Sie badete dann in stillen Waldseen. Sie schlief auf weichen Moospolstern und manchmal sang sie auch in ihrer menschlichen Gestalt ihre Lieder. Traurige Lieder über ihre Einsamkeit, die sie doch nicht zu verlassen wagte.

Eines Tages, als Myrla durch ihren Wald flog, vernahm sie Pferdeschnaufen und Rüstungsgeklirr. Sie fürchtete der Graf und seine Häscher wären auf ihrer Spur und wollten sie fangen. Sie floh in die obersten Spitzen der Bäume und lauschte mit pochendem Herzen. Aber es war keine Reiterschar. Es waren keine Soldaten. Es war nur ein einzelner Reiter, der langsam zwischen den Waldbäumen hindurchritt. Langsam beruhigte sich Myrlas panischer Herzschlag. Der Angst folgte jedoch bald die Neugier, so dass sie sich von Ast zu Ast tiefer wagte, um einen Blick auf den Reiter zu erhaschen. Es war ein junger Mann, ein junger Ritter auf einem falben Pferd. Die Rüstung hatte er verpackt hinter seinem Sattel, wo ihr Klirren unter einer Decke hervordrang. Nur das Schwert hing griffbereit an seiner Seite.
Die Amselprinzessin flatterte neugierig ein Stück näher, um einen Blick auf das Gesicht des jungen Ritters werfen zu können. Er war groß und blond. Seine Gestalt war schön wie sein Gesicht, und seine blauen Augen zeugten von Fröhlichkeit und einem guten Herzen. Er sah sich um, und für einen Moment hingen ihre Augen ineinander. Vogelaugen und Menschenaugen, doch Menschenherzen hinter beiden verborgen. Myrla erschrak und flatterte davon. Sie sah nicht mehr, wie der junge Ritter ihr nachsah und dann kopfschüttelnd weiterritt.

In den nächsten Tagen zog es Myrla immer wieder in die Nähe des jungen Ritters. Sie sah ihn reiten, sie sah ihn rasten. Sie hörte seine Stimme, als er mit seinem Pferd sprach. Sie folgte ihm und manchmal hatte sie das Gefühl, er würde ihre Nähe und ihre Blicke spüren. Wie gern hätte sie sich ihm in ihrer normalen Gestalt gezeigt. Wie gern hätte sie mit ihm gesprochen. Aber sie wagte es nicht. Sie war doch nur eine Geflohene, und der Kontakt mit Menschen mochte nur die Gefahr zurückbringen. Auch trug sie neben ihrem Federkleid nur das seidene Unterkleid, mit dem sie gewiss keinem Mann vor die Augen treten konnte. Und doch wurde ihr der junge Ritter immer lieber. Myrla fürchtete den Tag, an dem er ihren Wald für immer verlassen würde. Die Einsamkeit würde sie dann noch schlimmer treffen; schon jetzt schmerzte der Gedanke, allein zurückzubleiben. Und immer größer wurde die Sehnsucht, den jungen Ritter auch einmal aus menschlichen Augen zu betrachten. Eines Morgens ergab sich die Gelegenheit. Als die Amsel sich dem Lager näherte, war es dort noch still. Das Feuer war erloschen und der junge Mann lag in seine Decken gehüllt daneben. Solange er schlief, konnte er sie nicht bemerken, nicht wissen, wer sie war und woher sie kam und an ihre Häscher verraten. Vernunft rang mit Neugier, dann legte Myrla aber doch das Federkleid ab und näherte sich in ihrer menschlichen Gestalt. Ganz leise, ganz langsam schlich sie näher. Sie verharrte an seiner Seite, bereit, sofort wieder aufzuspringen, und betrachtete sein Gesicht. Die blonden Haare fielen ihm in die Stirn. Die schönen blauen Augen waren geschlossen, seine ganzen Züge waren entspannt im Schlaf. Myrla betrachtete ihn gedankenverloren. Da schnaubte plötzlich das Pferd und der Mann schlug die Augen auf. Einen Moment hingen ihre Augen wie verzaubert ineinander – dann riss sich Myrla los. Sie sprang auf und wollte fliehen, panisch, wie ein erschrecktes Reh.

„Warte!“ rief ihr der Ritter hinterher.
Myrla hatte fast schon den Schutz der Bäume erreicht, da hielt seine Stimme sie auf wie ein Zauberbann. Zitternd blieb sie stehen und sah zu ihm zurück. Er hatte sich aufgerichtet, eine Hand nach ihr ausgestreckt, ganz ruhig, so wie man ein scheues Tier lockt. „Warte“, wiederholte er freundlich, „ich weiß, dass du mir folgst. Ich weiß, dass du mich beobachtest.“

Myrlas Herz verkrampfte sich vor Angst. Woher wusste er das? Was hatte er vor? Aber sie konnte nicht sprechen, konnte nicht fragen. Die Angst lähmte ihre Zunge. Mit großen, erschreckten Augen sah sie ihn an.
„Keine Angst“, versuchte er, sie zu beruhigen. „Ich will dir nichts tun. Ich bin Firian, ich komme aus dem Land hinter den Bergen. Wer bist du?“
Firian. Nun kannte sie seinen Namen. „Myrla“, hauchte sie den ihren.
Er richtete sich noch ein Stück weiter auf, immer noch die Hand nach ihr ausgestreckt. „Myrla“, wiederholte er ihren Namen, so als wolle er ihn sich für alle Zeiten einprägen. „Bist du ein Mensch?“
Sie nickte. Sie war ein Mensch, kein Tier, kein Geist, keine Fee. Sie war ein Mensch, mit einem liebenden Herzen. Doch in diesem Moment schnaubte wieder das Pferd. Myrla erinnerte sich daran, wo sie war und was sie hier tat – und mit einem Laut des Entsetzens fuhr sie herum und floh. Hinter den Bäumen raffte sie ihr Amselkleid an sich und lief weinend davon. Sie hätte nicht herkommen dürfen. Sie hätte ihm nicht begegnen dürfen. Sie würde ihm nur Unglück bringen.

Firian war wie erstarrt sitzengeblieben nach ihrer Flucht. Er starrte auf den Wald, in dem sie verschwunden war und fragte sich einen Moment, ob er nicht nur alles geträumt hatte. Nein, das hatte er nicht. Er wusste, sie war Wirklichkeit, so wie er schon seit Tagen gespürt hatte, dass jemand in der Nähe war. Blicke gespürt hatte. Er hatte sich darüber keine Sorgen gemacht, es hatte keine Gefahr in diesem Gefühl gelegen. Nun hatte er sie gesehen. Dieses wunderschöne Mädchen mit den angstvollen Augen. Firian hatte sofort sein Herz an sie verloren und wollte nun nichts mehr, als sie zu beschützen. Myrla. Er musste sie wiederfinden. Musste ihr Geheimnis lüften und sie vor dem retten, was sie bedrohte. Das schwor sich Firian in dieser Stunde und das sollte von nun an sein Leitstern sein.
Für die nächsten Tage blieb der junge Ritter in der Gegend, in der Hoffnung, dass sie sich noch einmal zeigte. Aber Myrla wagte sich nicht noch einmal in seine Nähe, ganz gleich in welcher Gestalt. Firian hatte es befürchtet, aber er ließ sich nicht entmutigen. Er erkundete den Wald und zog größer werdende Kreise um den Ort, an dem sie sich begegnet waren. Schließlich stieß Firian auf einen klaren Waldsee. Er blickte trübsinnig auf die Wasserfläche, ohne die Schönheit des Ortes zu sehen. Sein Herz war schwer. Da erregte eine Bewegung am anderen Ufer seine Aufmerksamkeit. Ein Vogel, eine Amsel, die sich dort niederließ – und im nächsten Moment in die geliebte Frau verwandelte. Sie streifte ein schwarzes Kleid ab und setzte sich ans Wasser. Noch aus der Entfernung konnte Firian sehen, dass sie weinte. Nun hielt ihn nichts mehr. Als hätten seine Stiefel Flügel, so eilte er um den See herum. Aber kurz vor dem Ziel hielt er inne, um die Liebste nicht wieder zu verscheuchen. Er musste ihr Geheimnis kennenlernen und ihren Kummer. Leise schlich der junge Ritter näher. Myrla saß immer noch am Wasser, sie hatte das Gesicht in den Händen verborgen und weinte, so dass es ihn ins Herz schnitt. Ihre offenen schwarzen Haare umflossen sie und neben ihr lag ein Kleid aus Federn. Das musste das Geheimnis sein. Das Kleid war es, das sie in den Vogel verwandelte! Firian hielt nun nichts mehr zurück. Er eilte zu der Geliebten, umarmte sie und fasste dabei nach dem Kleid, um es von ihr fern zu halten.
„Nun habe ich dich gefunden. Ich will dich retten und beschützen und das Kleid soll keine Macht mehr über dich haben!“

Myrla schrie auf vor Entsetzen, und dieser Laut ließ Firian kalt werden. Der Laut und die Erkenntnis, einen Fehler begangen zu haben. Das Kleid löste sich in seiner Hand in einzelne Federn auf. Schwarze Federn, die sie beide umwehten.
„Nein“, schrie Myrla. Sie wurde von einem Sturmwind aus Firians Armen gerissen. Die schwarzen Federn wirbelten um sie herum, begannen sie einzuhüllen und schier mit ihr zu verwachsen. In höchstem Schmerz schrie sie auf und streckte die Arme nach Firian auf. „Weh mir“, rief sie verzweifelt, „nun muss ich für immer ein Vogel sein.“ Ihre Gestalt schrumpfte und veränderte sich und wurde wieder zur Amsel. Ihre menschliche Stimme hallte noch nach, während der Vogel bereits die Flügel schüttelte und sich in die Luft erhob. „Wenn du mich retten willst“, klang ihre Stimme schon aus der Ferne, „dann folge mir!“ Damit war sie verschwunden und Firian blieb allein zurück. Als ihm bewusst wurde, was geschehen war, brach er in die Knie und begann zu weinen. Was hatte er nur getan?

Es dauerte lange, bis Firian sich wieder gefasst hatte, dann holte er sein Pferd und folgte ihr. Nichts anderes zählte, er musste ihr folgen und sie retten. Tagelang ritt er in die Richtung, in die die Amsel geflogen war, ließ sich nicht von Hunger, Durst oder Müdigkeit abhalten. Als sein Pferd vor Erschöpfung nicht weiterkonnte, schenkte er ihm die Freiheit und ging zu Fuß weiter, nur mit seinem Schwert und den Sachen, die er am Leibe trug. Er lief durch Wälder und Berge, durch ödes Land. Er durchquerte Flüsse und Sumpfland, ohne zu rasten und zu ruhen. Schließlich, schon fast am Ende seiner Kräfte, erreichte er einen dunklen Waldessaum. Die knorrigen Bäume waren ineinander verschlungen und hüllten alles in tiefe Finsternis. Dornige Ranken versperrten den Weg. So feindlich und undurchdringlich erschien der Waldsaum, dass Firian doch einen Moment innehielt, um einen Zugang zu finden. Da trat plötzlich ein altes Weib aus diesem Wald. Sie war in Lumpen gehüllt, hatte graues Haar und ein faltiges Gesicht mit langer warziger Nase. Auf ihrem Buckel trug sie eine Last trockener Zweige, die sie im Wald gesammelt haben mochte. Firian nahm ihr, ohne sich lange bitten zu lassen, die schwere Last. Die Alte dankte ihm und führte ihn zu ihrer Hütte. Es war ein weiter Weg und er war schwer mit dieser Bürde. Trotzdem lehnte er Rast und Erfrischung ab, als ihn die Alte zum Dank in die Hütte bat.

„Nein, ich muss weiter“, sagte er ihr. „Ich muss meine Liebste finden, die in eine Amsel verwandelt wurde.“
„Gib das auf“, riet die Alte, „Der Weg ist weit und schwer und du kannst sie doch nicht retten.“
„Du weißt wo sie ist?“
Die Alte wiegte bedenklich den Kopf. „Du musst noch den finsteren Wald durchqueren, an dem du mich getroffen hast. Es ist ein gefährlicher Wald mit giftigen Dornen und wilden Tieren. Hör auf meinen Rat und geh heim. Du bist ein guter Junge, du sollst nicht an einer unlösbaren Aufgabe zugrunde gehen!“
Firian schüttelte den Kopf. „Nein, ich werde nicht umkehren. Ich werde sie retten oder bei dem Versuch umkommen. Ich werde nicht aufgeben.“ Er nickte der Alten freundlich zum Abschied zu. „Hab Dank für deinen Rat und deine Sorge. Aber ich werde nicht umkehren.“ Damit kehrte er ihr den Rücken und ging zurück zu dem finsteren Wald. Er sah nicht, dass die Alte ihm mit hellen Mondscheinaugen nachblickte und wohlfällig nickte.

Diesmal hielt Firian nicht inne am Waldesrand. Er kämpfte sich einen Eingang durch die Dornen, die sich ihm entgegenreckten und drang tiefer in den Wald hinein. Es war ein böser Weg. Dornen zerkratzten ihm Gesicht und Hände. Wurzeln schlangen sich um seine Füße und brachten ihn zu Fall. Die Stämme und Äste waren so dicht, dass er oft klettern oder kriechen musste. Und mehr als einmal traf ihn ein schwerer Schlag von einem fallenden Ast. Firian blutete und taumelte, aber er gab nicht auf. Stunde um Stunde kämpfte er sich weiter, wohl wissend, dass ihm hier keine Rast beschieden war. Er musste immer weiter, kam zu Fall und stand wieder auf, und als er schon glaubte, wirklich nicht mehr weiter zu können, wurde es endlich hell zwischen den Bäumen. Noch ein Stück weiter, dann lichteten sich die Bäume und der Wald nahm ein Ende. Firian fiel auf frisches grünes Gras und spürte endlich wieder die Sonne auf dem Gesicht. Sein ganzer Körper schmerzte, seine Kleidung war zerrissen und seine Haut trug blutige Striemen. Alles verlangte nach Ruhe und Stärkung, aber Firian gönnte sich keine lange Rast. Er rappelte sich wieder auf – und bemerkte erst jetzt, dass er sich in einem lichten Talkessel befand, durch den ein klares Flüsschen rann. Ein Stück flussaufwärts stand eine kleine Hütte, aus deren Schornstein anheimelnd Rauch aufstieg. Firian erhob sich, wusch sich notdürftig im Flusswasser und trank auch einige Schluck davon. Erst dann ging er zu der Hütte hinüber und klopfte an die Tür. Wie schlug sein Herz, als er aus dem Inneren Vogelgezwitscher hörte! Der Blick in die Hütte blieb ihm jedoch verwehrt. Eine Frau öffnete die Tür, sie war groß und schlank mit streng zurückgebundenem Haar. Sie blickte Firian mit kalter Miene an und fragte nach seinem Begehr.
„Ich suche die Amselprinzessin“, begann er und erzählte ihr seine Geschichte.
Ihre Miene wurde noch eisiger. „Ich habe, was du suchst“, bekannte sie dann. „Doch so leicht gebe ich sie nicht aus meiner Hut.“
Firian dachte an sein Schwert und daran, dass er sich auch den Weg freikämpfen konnte, aber etwas sagte ihm, dass Gewalt hier nicht weiterhelfen konnte. „Was verlangst du?“ fragte er also. „Ich bin bereit, alles für ihre Rettung zu tun.“
Die Frau maß ihn mit durchdringendem Blick. „Du hast meinen wachenden Wald durchquert. Das will ich dir als erste Prüfung anrechnen. Nun wollen wir sehen, ob du auch erkennst, was du liebst.“ Sie trat aus dem Haus auf die Wiese und stieß einen trillernden Pfiff aus. Im Nu schwärmten aus dem Haus und aus allen Himmelsrichtungen Vögel herbei. Amseln, die sich im Gras und auf ihren Armen niederließen. Unzählige Vögel, die einander wie ein Ei dem anderen glichen.

„Such dir deine Prinzessin aus“, sagte die Frau mit kaltem Spott, „aber wenn du die falsche wählst, ist alles verloren.
Firian sah hilflos zwischen den Vögeln umher. Manche erwiderten seinen Blick, manche kümmerten sich nicht um ihn, sondern pickten nach Nahrung. Manche scheuten seine Nähe, manche kamen neugierig heran. Nichts, was ihm bei der Wahl helfen könnte. Dann besann sich der junge Ritter auf sein Herz. Er hatte schon einmal ihre Nähe gespürt, schon einmal gewusst, dass sie ihn beobachtete. Er liebte sie und er wusste, dass er auch ihr nicht gleichgültig war. Das musste ihm helfen, die richtige Wahl zu treffen. „Diese ist es!“ sagte er schließlich mit fester Stimme und deutete auf eine der Amseln. Mit lautem Geschrei erhoben sich die Vögel in die Lüfte – nur der eine blieb und verwandelte sich vor seinen Augen zurück in die wunderschöne Myrla. Tränen stürzten ihr aus den Augen und sie streckte ihm die Arme entgegen. Doch bevor er sie berühren konnte, trat die Frau zwischen sie. „Du hast die Probe bestanden.“ Sie schob Firian ein Stück fort von der Geliebten. „Wenn du auch die dritte Probe bestehst, dann soll sie frei sein und ihre menschliche Gestalt zurück erhalten.“
Firian warf einen Blick zu Myrla zurück. Sie hatte die Hände gefaltet und sah ihm angstvoll nach. So nahe schien die Rettung schon. „Was verlangst du?“
„Gib mir dein Schwert“, sagte die Frau, „und knie dich hin.“
Firian wurde kalt. Aber er gehorchte. Er hatte geschworen, Myrla zu retten und sollte es auch sein Leben kosten. Ein hoher Preis, aber er würde nicht feilschen.

Die Frau wog das Schwert in der Hand und sah erbarmungslos auf ihn herab. Sie hob die Klinge zum Stoß – da warf sich Myrla dazwischen und Firian um den Hals. Überrascht legte der die Arme um sie. „Nein“, rief die Prinzessin ungestüm. „Nein, lieber will ich mein Leben lang ein Vogel bleiben, als dass ihm ein Leid geschieht.“
Da geschah etwas Seltsames. Die strenge, kalte Frau wurde von einem Klingeln und Leuchten umgeben. Sie ließ das Schwert fallen und schrumpfte ein Stück zusammen. Und sie lachte dabei. Ein fröhliches, freundliches Lachen wie Glöckchenklang. „Ihr seid einander wert!“ Es war niemand anderes als die Fee, die Myrla einst das Amselkleid gegeben hatte. „Verzeiht, wenn ich euch quälte, doch ich wollte sicher sein, dass eure Liebe auch stark und wahr genug für ein glückliches Leben ist. Es ist nun genug geprüft und bewiesen, ihr habt euch euer Glück verdient.“
Ungläubig staunend blickten die beiden auf die freundliche Frau mit den Mondlichtaugen. Und dann erst wurde ihnen gewahr, dass sie einander in den Armen hielten. Firian drückte die Liebste an sein Herz und dann küssten sie einander voll überschäumenden Glücks. Die Fee aber lachte und freute sich an den beiden Liebenden. Mehr noch, sie erfüllte ihnen den Wunsch, nach Hause zu kommen. In Firians Heimat, wo sie bald darauf heirateten und ein langes glückliches Leben teilten. Eie Amselfeder aber nahmen sie mit, als Erinnerung und Zeichen ihrer großen Liebe.

weiter zum nächsten Türchen