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Das erste Wort des Oktrats

© Sturmfaenger

Vor hunderten von Jahren gab es in dem N’okko-Stadtstaat Lank’eme, der unter der Oberfläche des Weltenbrösels Arseyya liegt, ein diskriminierendes Gesetz, das ERSTE WORT DES OKTRATS, welches alle anderen N’okkovölker betraf, die außerhalb Lank’emes wohnten. Um zu erklären wie es zustandekam und wieder abgesetzt wurde, muß man ein wenig ausholen:

Lank’eme wurde zwischen acht gewaltigen, runenbesetzten Metallsäulen erbaut, die die Höhlendecke abstützen. Einst spielten die vielverstrebten Oktogonsäulen eine wichtige Rolle bei der Lenkung der gewaltigen magischen Energieströme, welche bei der Schaffung Arseyyas benötigt wurden. Danach war der Ort jahrzehntelang magisch verstrahlt und unbewohnt. Die Vorfahren der heutigen Lankn’okko waren die Erben der Bröselerschaffer, und ihnen war ein Teil des technischen Wissens überliefert worden.

Sie erbauten Lank’eme und lenkten den immer noch fließenden Strom der Magie durch die Oktogonsäulen, die fortan als Magiemühlen arbeiteten, und so die magischen Kräfte in technisch nutzbare Energie umwandelten. Dadurch erblühte die Stadt zu einem reichen Handels- und Technologiezentrum mit tausenden von Einwohnern. Dank des Wissens der Vorfahren sicherte sich Lank’eme bald die Herrschaft über die umliegenden Gebiete. Das Wissen um die Technologie, die diesen Anspruch untermauerte, wurde eifersüchtig gehütet.

Die stetige Nähe zu soviel magischer Energie veränderte die Stadtstaatbewohner innerhalb weniger Generationen. Die heute lebenden Lankn’okko sind leicht an ihrer kupferfarbenen Haut, den fleischigen Ohrlappen und den blassen Augen zu erkennen. Sie können eine geringe Menge an magischer Energie durch ihre Hände fließen lassen und nutzbringend anwenden - beinahe so als wären sie lebende Magiemühlen.

Die Lankn’okko der Vergangenheit bildeten sich sehr viel darauf ein, fühlten sich von den Göttern gesegnet und hielten sich für etwas Besseres als die technologisch rückständigen Stämme der Umgebung. Die Angst wuchs, daß die Stämme den Stadtstaat überfallen und die Macht an sich reißen könnten. Der achte Stadtherr der Lankn’okko, der besonders paranoid war und sich außerdem ein Denkmal setzen wollte, erließ schließlich mit Zustimmung des Stadtrates das ERSTE WORT DES OKTRATS. Dieses Gesetz besagte unter anderem, daß sich innerhalb des Stadtkerns kein gewöhnlicher N’okko mehr aufhalten durfte. Diese benötigten schon eine zeitlich befristete Aufenthaltsgenehmigung um nur in den äußeren Vierteln Geschäfte machen zu dürfen. N’okko durften nicht mehr in die Familien einheiraten, ihre Güter nur noch zu festgesetzten Preisen verkaufen und das Aufladen der Energie-Batterien – wertvollstes Eigentum der Stämme – wurde zu einer teuren Angelegenheit, die grundsätzlich nur nach einer rituellen Erneuerung des Treueschwurs auf den Stadtherrn vollzogen wurde.

Die Lankn’okko betrachteten alle anderen zunehmend als primitive Barbaren, und verließen ihre Stadt für Jahrzehnte nicht mehr. Als sie einmal eine Strafexpedition in ein Dorf in der größten Nachbarhöhle aussandten, stellten sie fest, daß sie sich unwohl fühlten, je weiter sie von der Stadt entfernt waren. Am Ziel eingetroffen, ging es allen zweihundert Soldaten so schlecht daß die Mission abgebrochen wurde.

Nach vielen ähnlichen Erlebnissen wurde klar, daß kein Lankn’okko eine Ausnahme war. Das Volk war derart an die magischen Ströme angepasst, daß jeder Lankn’okko sich unwohl fühlte, je weniger er davon durchströmt wurde.

Das Problem konnte nicht lange geheimgehalten werden, und die Lankn’okko erkannten, daß sie ihre Einstellung grundlegend ändern mußten, da sie bei Problemen wie der Wasser- und Nahrungsversorgung, und der Vermeidung von zuviel Inzest auf Hilfe von außen angewiesen waren. So setzte der sechzehnte Stadtherr das ERSTE WORT DES OKTRATS mit Zustimmung des Stadtrates wieder außer Kraft.

Das ganze ging friedlich, wenn auch von N’okko-Seite mit einer gewissen hämischen Genugtuung und Schadensfreude vonstatten.

Heute sind N’okko und Lankn’okko vollkommen gleichberechtigt, und Ehepaare, die eine Mischehe eingehen, werden in geräumigen Häusern in einem breiten Siedlungsring an der Flussgrenze des Magiestroms angesiedelt. Mischlingskinder können sich frei entscheiden, wo sie leben möchten, und nutzen ihre Empfindlichkeit gegenüber magischen Strömen oft dazu, um als Kundschafter ihren Verlauf zu kartographieren und neue, vergleichbar stark durchströmte Höhlen zu finden, die sich zur Besiedlung durch Lankn’okko eignen.