Community > WBO > WBO 2008 > Das Großelternritual der Nham-Stämme

Das Großelternritual der Nham-Stämme

© Ehana

In der Vorzeit wurde die Ebene um den Oberlauf des Flusses Nham noch von einer Vielzahl an kleineren und größeren Stämmen besiedelt. Entsprechend vielfältig zeigten sich die verschiedenen Glaubensrichtungen, die man dort vorfand. Zu den bedeutendsten dieser Religionen gehörte ein Dreigötterglaube, der vor allem im Nordwesten der Ebene verbreitet war. Er widmete sich der Verehrung der drei Gottheiten Adevan (männlich), Kiveira (weiblich) und Savai (geschlechtslos, für das Unbekannte, Mysteriöse stehend). Sie wurde unter anderem in dem Stamm praktiziert, dem Lerathar Dhim, der spätere Gründer des Oremh-Reichs, entstammte. Als der Lebensraum der Stämme zunehmend von der Expansion der Dvaper-Hochkultur im Südosten bedroht wurde, entstand unter Führung von Dhims Vater ein Verteidigungspakt der Stämme, dem es schließlich gelang, die Aggressoren zurückzutreiben. In der Überzeugung, dass nur die Gemeinschaft den Frieden in der Ebene würde wahren können, entstand ein zunächst lockerer Stammesverbund, dessen Vorsitz Dhim selbst übertragen wurde, nachdem sein Vater bei den Kampfhandlungen ums Leben gekommen war. Mit der Zeit verfestigten sich die Strukturen dieses losen Zusammenschlusses, und das heutige Oremh-Reich entstand. Mit der wichtigen Rolle, die Dhim und seinem Stamm bei all diesen Entwicklungen zukam, verbreitete sich auch ihre Religion zunehmend im Tal und gleichsam auch das mit ihr verbundene Weltbild, das seit jeher große Bedeutung dafür hat, wie Familienstrukturen und Abstammung in der Gesellschaft zunächst der jeweiligen Stämme, später der Oremh gesehen werden. Kein Wunder also, dass es eine Vielzahl von religiösen Ritualen und Zeremonien gibt, die auf bestimmte Abschnitte im (Familien-)Leben einer Person abzielen. Eines der ungewöhnlichsten, das man sonst bei keinem Volk findet, ist dabei das sogenannte Großelternritual.

Wie bereits erwähnt, ist der Hintergrund dieses Rituals das komplexe Verständnis der Stämme – und später der Oremh – von Abstammung. Ihrem Weltbild zufolge trägt jeder eine Art „Reserve-Abbild“ seines shemá, seines „Inneren“, in sich. Dieses „Innere“ ist etwas, das andere Völker als „Seele“ bezeichnen würden – ein von den Göttern verliehender Zustand des Belebtseins, des Denkens und Fühlens, der den Menschen von den Tieren unterscheidet. Wird nun ein Kind gezeugt, verschmilzt ein Teil des shemá-Abbilds des Vaters mit einem Teil desjenigen der Mutter, woraus sich das shemá des Kindes bildet. Nun wird das shemá einer Person nicht als einheitliches, gleichmäßiges Etwas angesehen, sondern bildlich als Zusammenballung aus den verschiedenen Charaktereigenschaften einer Person. Entsprechend stellt man sich den Prozess des Übergangs auf den Nachwuchs so vor, dass beim ersten Kind noch jeweils das vollständige Eltern-shemá zur Verfügung steht, aus dem Teile auf das Kind übergehen können. Beim nächsten Geschwister fehlt bereits ein Teil, es steht also nicht mehr der vollständige Eltern-Charakter zur Auswahl. Während man nicht direkt daran glaubt, dass nur die besten verfügbaren shemá-Teile, also Charakterzüge und Eigenschaften, auf ein Kind übergehen, gelten im Endeffekt dennoch Erstgeborene als besonders befähigt und wertvoll, weil bei ihnen noch das vollständige Eltern-shemá zur Verfügung stand und daher die Wahrscheinlichkeit größer ist, dass sie nur das Beste an Wesenszügen ihrer Eltern mitbekommen haben. Als Resultat dieser Vorstellung werden Erstgeborene seit jeher in vielerlei Belangen gegenüber ihren jüngeren Geschwistern bevorzugt, und die von einem Erstgeborenen ausgehende Stammlinie seiner Nachkommen wird als die Familienlinie angesehen. Daraus hat sich auch die Thronfolgeregelung des späteren Oremh-Reichs entwickelt, nach der primär die von Dhims ältestem Sohn ausgehende direkte Linie weiterverfolgt wurde und man erst dann auf seine jüngeren Brüder zurückgegriffen hat, als es in der ersten Linie keine Nachkommen mehr gab.

Ob das Eltern-shemá „richtig“ auf ein Kind übergegangen ist, erfährt man jedoch erst, wenn Letzteres ebenfalls Nachwuchs in die Welt setzt und damit beweist, dass sein von den Eltern erhaltener shemá-Teil zur Fortplanzung taugt – nichts gilt den Nham-Stämmen als größeres Zeichen von Unglück und Missfallen der Götter als Unfruchtbarkeit. Entsprechend ist ein wichtiger Moment im Leben eines jeden der, wenn man das erste Mal Großvater oder -mutter wird, denn damit gilt die eigene Stammlinie als etabliert und fortführungsfähig. Bei der Geburt des ersten Enkels – wobei gleichgültig ist, ob es sich um einen Jungen oder ein Mädchen handelt – findet daher ein besonderes Ritual statt, nämlich bereits erwähntes Großelternritual.

Es vollzieht sich wie folgt:

Frühmorgens am Tag, der auf die Geburt des ersten Enkels folgt, kommt die Familie des Betroffenen noch vor Sonnenaufgang im nächstgelegenen Tempel der drei Götter zusammen, dazu jeweils ein Vertreter des örtlichen Magistrats sowie ein beliebiger anderer Ortsbewohner als symbolischer Zeuge. Die Tempel des Dreigötterglaubens der Oremh zeichnen sich durch ihre charakteristisch runde Bauform aus, die sie von allen anderen Oremh-Gebäuden unterscheidet. In der Mitte, unter der großen Kuppel, ist ein großer Kreis aus Messingeinlagen in den Boden eingelassen, der vom Durchmesser her etwas kleiner ist als die Kuppel. Auf diesem Kreis stehen in gleichmäßigen Abständen drei große, ebenfalls runde Steintröge mit Brennmaterial. Zu Beginn des Rituals stellen sich die frischgebackenen Großeltern in die Mitte des Kreises. Die restlichen Familienmitglieder und die Zeugen gruppieren sich darum, dürfen aber auf keinen Fall den Messingkreis betreten. Nachdem sämtliche Fenster des Tempels verschlossen wurden, werden die Eingänge des Tempels abgesperrt und alle sonstigen Lichter gelöscht. Es ist nun vollkommen dunkel.

Inzwischen haben sich drei Priester jeweils hinter einen der Steintröge gestellt. Der erste beginnt die Zeremonie, indem er einen religiösen Gesang anstimmt und dabei das Brennmaterial in seinem Steintrog ansteckt. Über die Kohlen ist ein bestimmtes Pulver gestreut, das bei sich der Berührung mit Feuer schlagartig entzündet und gleichzeitig die Flamme verfärbt. Meist beginnt man mit Violett. Ist das erste Feuer entzündet, fällt der zweite Priester in den Gesang mit ein und entfacht gleichsam seinen Trog, der in einer anderen Farbe brennt, meist Orange. Das Ganze wiederholt sich mit dem dritten Priester, dessen Flamme zumeist grün brennt. Die Flammen in den unterschiedlichen Farben sollen selbstredend Adevan, Kiveira und Savai repräsentieren, wobei keiner der drei Gottheiten eine bestimmte Farbe zugeordnet ist. Brennen alle drei Flammen, stimmt der Rest der Anwesenden in den Gesang mit ein und führt ihn fort. Gleichzeitig lässt sich einer der Priester von der Mutter des eben geborenen Enkels das Kind geben und übergibt es den Großeltern in der Mitte des Kreises, so dass beide es festhalten. Da das ganze Spektakel für ein Neugeborenes sehr aufreibend ist, ist die Zeremonie verhältnismäßig kurz. Haben die Großeltern das Kind in der Hand, verstummt der gemeinsame Gesang. Die Priester stellen sich um die Großeltern – jeweils in einer Linie mit ihrem Trog – und fallen in ein Gebet ein, das um den Segen der Götter für das Neugeborene bittet und dass dem Kind eines Tages ebenso vergönnt sein werde, die Stammlinie fortzuführen. Anschließend wird das Kind zur Mutter zurückgebracht. Der Magistratsvertreter und der symbolische Zeuge werden gebeten, in die Mitte zu treten und mit den Großeltern einen kleinen Kreis zu bilden. Die Priester – immer noch in der Dreiecksformation verharrend – erbitten erneut den Segen der Götter über die neue Stammlinie und stellen gleichzeitig ihre Anerkennung sowohl vor den Göttern als auch nach dem Recht des Stammes beziehungsweise des Oremh-Reichs fest. Wenn alles glatt läuft und die Menge des Brennmaterials in den Trögen genau abgemessen wurde, erlöschen im Anschluss an die zweite Anrufung die Flammen. Damit endet das Ritual. Die Familie verlässt den Tempel, um den Tag festlich mit einem gemeinsamen Mahl zu begrüßen. Dieses findet im kleinen Kreis statt, denn für die Oremh ist das Essen in der Öffentlichkeit etwas sehr Unangenehmes, das es, wann immer möglich, zu vermeiden gilt. In der Zwischenzeit verkünden der Magistratsvertreter und der symbolische Zeuge das freudige Ereignis in der Stadt, so dass Freunde und Bekannte die Familie beschenken und für das Wohlergehen des Kindes beten können. Es ist auch das Großelternritual, über das die Geburt eines erstgeborenen Kindes offiziell im Ort bekannt gemacht wird, und nicht etwa ein direkt mit dem Kind zusammenhängender Festakt.

Entsprechend groß ist die Bedeutung, die dem Großelternritual zukommt. Für die frischgebackenen Großeltern stellt es die offizielle Anerkennung ihrer Stammlinie dar, für das Kind einen von den Göttern besonders gesegneten Start ins Leben. Bisweilen kommt es jedoch vor, dass das Ritual nicht durchgeführt werden kann, gerade wenn die Eltern des Neugeborenen und die betroffenen Großeltern nicht an einem Ort leben. Es gibt zwar keine festgelegte zeitliche Grenze, innerhalb derer das Ritual stattfinden muss – oben genannter Morgen nach der Geburt des Kindes bezieht sich nur auf den Fall, dass sich die Großeltern und Eltern zum Zeitpunkt der Geburt am gleichen Ort aufhalten – , doch wird es nicht mehr durchgeführt, wenn ein zweiter Enkel – Mehrlingsgeburten natürlich ausgenommen – auf die Welt kam, bevor die Großeltern mit dem Rest der Familie zusammenkommen konnten, oder wenn das Kind bereits einen Mondgleichstand (300 Tage, ein Oremh-Jahr) alt ist. Für Fälle, in denen die gesamte Familie an einem Ort ist, aber nicht rechtzeitig ein Dreigötter-Tempel erreicht werden kann – etwa, wenn alle im Ausland leben, was vor der nayodischen Besatzung des Oremh-Reichs nur selten vorkam –, gibt es die Möglichkeit eines einfachen Ersatzrituals, das ohne Tempel, Priester und farbige Flammen auskommt: Man verdonnert einfach drei Personen, die mit dem Ablauf und den Gesängen vertraut sind, sich in einem Kreis aufzustellen und drei Feuer zu entzünden. In früheren Zeiten, als die Stämme noch weniger sesshaften Lebensformen nachgingen als die heutigen Oremh, wurde das Ritual schließlich auch nicht in der beschriebenen modernen Form, sondern unter freiem Himmel abgehalten. Priester und Feuer hat es jedoch stets gegeben. Meist nützt aber auch die Ersatzform nichts. Den Beteiligten bleibt dann nichts anderes übrig, als auf das Ritual zu verzichten. Solche Kinder gelten nicht gerade als Günstlinge der Götter, womit sie dann einfach leben müssen. Für die Großeltern ist das Fehlen des Rituals natürlich auch äußerst beschämend und eine große Enttäuschung. Die Anerkennung ihrer Stammlinie wird zwar auch durchgeführt, aber nur in bürokratisch-offizieller Hinsicht, also mit einer entsprechenden Eintragung in den offiziellen Verzeichnissen und Stammbäumen. Frauen, bei denen die Möglichkeit besteht, dass sie mit einem Erstgeborenen schwanger sind, werden also meist besonders umsorgt und von weiten Reisen abgehalten, um sicherzugehen, dass das Großelternritual stattfinden kann. Auch ist es ein ungeschriebenes Gebot in einer jeden Familie, dass die Familienplanung einer Generation so abgestimmt wird, dass auf die Geburt eines ersten Enkels nicht innerhalb weniger Monate ein weiterer folgt.

Aussprache: E und a sind kurz, die Betonung des Worts liegt auf der zweiten Silbe, deshalb der Akzent auf dem a. Die letzte Silbe wird also im Endeffekt so gesprochen, als käme nach dem a noch ein Konsonant, wobei ein solcher natürlich nicht gesprochen, sondern der Luftstrom nach dem Vokal abrupt gestoppt wird.