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Das Himmelsauge von Tomeira

© Sturmfaenger

SELTSAME ZEICHEN

Wer heute im gebirgigen Westen der Provinz Ostakin unterwegs ist wird vor allem im Sommer an vielen Hauswänden ein mit blauer Farbe gemaltes Zeichen sehen, oft verblasst und mit abblätternden Gold- und Silberverzierungen.
Nach dessen Bedeutung befragt, werden einen die Einwohner erklären, daß es das das Himmels- oder Shoransauge ist, und die in den Bergen gefürchteten Unwetter fernhalten soll. Einmal aufgemalt wird es so lange nicht erneuert bis es von Wind und Wetter abgewaschen wurde.
Die Leute werden einen dann fragen ob man denn schon einmal in Tomeira war. Dort in der Provinzhauptstadt findet sich nämlich die Antwort auf die Bedeutung des Symbols:
Es handelt sich dabei um den stilisierten Grundriss des dortigen Shorantempels, den Stolz der Stadt.

DIE NORM

Die Tempel des Himmels- und Wettergottes sind normalerweise ein einziger Gebäudekomplex. Dieser ist oft von einem Platz oder baumlosen Park umgeben. Der Tempelgebäudekomplex hat vier Kuppeln: drei kleine, welche die drei Monde symbolisieren und eine große Hauptkuppel. Diese überspannt den eigentlichen Tempelraum und ist oft außen mit glänzendem Metall überzogen, während sie innen mit Wolkenmotiven oder Sternbildern und –konstellationen bemalt ist.

DIE ABWEICHUNG

Der Shorantempel von Tomeira ist anders.
Der Gebäudekomplex hat keine drei Flügel sondern nur zwei. Es gibt nur zwei kleine Kuppeln auf jeweils einem dieser Tempelflügel, die große Kuppel in der Mitte fehlt zur Gänze. Eine dritte kleine Kuppel erhebt sich über dem freistehenden Torhaus des Tempelgeländes. Dort wo die Hauptkuppel sein sollte befindet sich kein Dach, sondern ein offener Innenhof, der zugleich der Tempelhauptraum ist.
In der Mitte des Tempelhauptraums erhebt sich eine hohe Säule aus bläulichgeschecktem Wolkenmarmor. Die Säulenspitze befindet sich ungefähr dort wo bei einem regulären Tempel der höchste Punkt der Hauptkuppel wäre.
Auf dieser Säule ruht eine kleine Plattform. Auf der Säulenplattform selbst steht eine mit Silber und Gold überzogene Shoranstatue, die beide Arme ausstreckt, als wolle sie den Himmel umfassen
Der Rand zur der Säulenplattform dient zur Befestigung vieler langer blauer Stoffbänder dient, welche speichenförmig von ihr ausgehen und mit dem Dachrand des Tempels verbunden sind, sie bilden ein symbolisches Dach über den Tempelhauptraum.

DANKBARE URSPRÜNGE

Vor etwa siebzig Jahren unternahm der Provinzverweser Gacjôb Entaren eine Rundreise durch die Bergdörfer. Bei einem der dort üblicherweise heftigen Gewitter entging er nur knapp dem Tod durch einen Blitzschlag. Dies löste bei ihm den dringenden Wunsch aus, sich für sein Überleben bei Shoran zu bedanken. Statt einer Geldspende oder einer Pilgerreise machte er beim örtlichen Kriegsherren Hyessth all seinen Einfluss geltend um die Genehmigung für den schon lange ersehnten Neubau des Shorantempels zu erhalten.

Zum Bauplatz wurde eine sanft ansteigende Fläche am Hang einer Bergflanke im Nordosten der Stadt bestimmt. Die Tempelrückseite würde sich dicht an die abfallende Flanke eines Berges schmiegen. Vom Tempeldach, welches von Anfang an begehbar geplant war, würde man allerdings über die Kuppe der Bergflanke hinabblicken und so einen relativ freien Ausblick nicht nur auf Tomeira sondern auch auf das Nachbartal haben.

BAUBEGINN

Der angesehene Architekt Pircan Orugno und drei weitere Baumeister wurden verpflichtet, einen typischen Shorantempel zu bauen. Dessen einzige Abweichung von der üblichen Norm sollte ein Aussichtssteg auf dem Tempeldach sein. Zwei Jahre nach der Genehmigung lagen alle Baupläne vor, und Bauplatz und Baumaterialen waren ausreichend vorbereitet.

Wenige Monate nach Baubeginn begannen die Schwierigkeiten, die sich über die gesamte Bauzeit hinziehen sollten. Baumaterial, welches vor über einem Jahr bestellt worden war wurde nicht geliefert. Andere Ladungen wurden gestohlen oder waren fehlerhaft. Das gut abgelagerte Bauholz wurde von Schädlingen befallen und zu guter Letzt brachte ein leichtes Erdbeben eine gerade errichtete Wand zum Einsturz und begrub einen von Pircan Orugnos drei Baumeistern unter sich. Daraufhin hatten sie alle Mühe die Arbeiter zu halten, welche munkelten, das Bauprojekt stehe unter keinem guten Stern. Dank des redegewandten Shoranpriesters Iemko Sadneke und dessen Segnungen blieben sie dann doch. Sadnekes Charisma reichte jedoch nicht aus, um den Provinzverweser Gacjôb Entaren davon abzuhalten, ständig mit seinen Wünschen und Forderungen die Bauarbeiten zu stören. Da er derjenige war der das Ohr des Kriegsherren hatte mußten Pircan Orugno und seine beiden verbliebenen Baumeister ihm das Mitspracherecht einräumen, und er wollte für ‚seinen’ Tempel nur das Beste an Materialien und Wandverkleidungen.

Monate vergingen. Dann wurde Kriegsherr Hyessth von Kriegsherr Tacsleq überfallen und der Geldhahn wurde übergangslos zugedreht. Alle verfügbaren Mittel flossen nun in das Hickhack zwischen den Kriegsfürsten. Dem fielen auch die eingesammelten und noch nicht ausgegebenen Spendengelder für den Tempel zum Opfer, die kurzerhand konfisziert wurden.

NEUE PLÄNE

Zu diesem Zeitpunkt standen die Grundmauern des Tempelhauptraums und die beiden Seitenflügel. Es war abzusehen daß der Bau nicht so weitergeführt werden konnte wie geplant. Eine Krisensitzung zwischen allen Beteiligten und die anschließende Prüfung weiterer Finanzierungsmöglichkeiten ließ den Reichsverweser ernüchtert zurück.

Man beschloss auf den dritten Flügel zu verzichten. Die nötigen Materialien für die beiden kleinen Kuppeln welche die große flankieren sollten waren jedoch schon vor Ort, deshalb baute man zunächst diese weiter. Nach einiger Zeit waren beide Seitenflügel samt Kuppeln und der Unterbau des Tempelhauptraums fertig, jedoch hatte dieser immer noch keine Kuppel. Statt eines dritten Flügels mit Kuppel wollte man ein Torhaus bauen, auf dem die dritte kleine Kuppel thronen sollte.

Die Versorgungslage der Provinzhauptstadt verschlechterte sich aber zusehends, und Pircan Orugno gingen die Steine aus. Da erinnerte man sich an die während der Invasion der Hornanden geschleifte Ruine der Festung Onerdum aus den alten Zeiten des Reiches, deren Steine man vielleicht als Ersatz verwenden könnte. Orugno reiste mit einem seiner Baumeister dorthin um ihre Eignung zu prüfen. Auf dem Weg dorthin wurde ihre Reisegruppe überfallen, Orugno selbst wurde tödlich verletzt und starb noch an Ort und Stelle, der Baumeister den er mitgenommen hatte erlitt einen Streifschuss und starb zwei Wochen später an Wundbrand.

Nun war nur noch ein Baumeister übrig, Chetello Aniren war sein Name.

Aniren war der jüngste und unerfahrenste der gesamten Truppe gewesen, und in Tomeira geblieben um den Bau der Tempelmauer zu beaufsichtigen. Er nahm nun notgedrungen die Zügel in die Hand und benutzte die aus der Festungsruine noch brauchbaren Steine um die Tempelmauer fertigzustellen. Als Kriegsherr Hyessth ein halbes Jahr später nach Tomeira zurückkehrte und hörte, daß ohne seine Erlaubnis die Steine einer Festung verwendet worden, die seine Vorfahren vor Jahrhunderten erobert hatten, ließ er Aniren gefangennehmen und nach der Ruine von Onerdum schaffen. Dort richtete er ihn eigenhändig für seine Anmaßung hin.

FERTIGSTELLUNG

Der Bau ruhte mehrere Jahre lang, bis Gacjôb Entaren und der Shoranpriester es wieder wagten, auch nur an seine Fertigstellung zu denken. Unter einem neuen Baumeister nahm der Tempel dann seine heutige Form an. Das Zentrum des Heiligtums in einem offenen Innenhof ohne Kuppel zu errichten war sehr unorthodox, für den Wettergott empfanden sie es jedoch als passende und zudem kostengünstigere Variante. In späteren Zeiten wurden dann die Säule samt Statue und das symbolische „Dach“ aus Stoffstreifen hinzugefügt. Bis zum heutigen Tage finden die Gottesdienste hier statt, es sei denn das Wetter ist wirklich sehr schlecht, dann weicht man in eine der Seitenkuppeln aus.

Vom überkuppelten Torhaus zum Hauptgebäude führen zwei über den leicht ansteigenden Innenhof führende Treppen, welche in einem an Blitzmuster erinnernden leichten Zickzackmuster gebaut sind.

Da die Hauptkuppel nie hinzugefügt wurde, und die Säule mit den Bändern an eine Pupille mit einer Iris erinnert die in den Himmel starrt, wurde der Tempel als Himmelsauge von Tomeira bekannt.

Für hohe Feiern stellen sich Priester auf das begehbare Dach, und durch das Sternenfest, bei dem die Lichter in ganz Tomeira aus sind und nur an bestimmten Stellen Fackelschalen auf Dächern entzündet werden um die Sternbilder auf die Erde zu holen, ist Tomeiras Tempel seither weithin bekannt, und zieht viele Pilger an. Das hat der Stadt trotz des schlechten Starts wirtschaftlich einen Aufschwung verschafft, und bemerkenswerterweise wurde die Stadt seither auch von großen Unwettern verschont. Um von diesen Segen etwas abzubekommen haben die umliegenden Bewohner angefangen sich das Symbol des Tempels auf die Hauswände zu malen. Der Brauch ist mittlerweile weit verbreitet.

Das Himmelsauge von Tomeira