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Das Verknüpfen der Chyinn

© Sturmfaenger

Im Reich der Chyinn, auf der zerklüfteten Unterseite des Weltenbrösels Arseyya, gibt es keinen Himmel. Über den Köpfen der Chyinn befindet sich eine kilometerdicke Felsdecke, das Licht fällt seitlich oder von unten ein. 
Dörfer sind meist in die Felswände gehauen, Weiden und Felder gibt es in den Schräglagen, die tagsüber von Sonnenlicht erhellt werden. Hier und dort gibt es auch relativ ebene Landstriche, wo die Wände großer Höhlen weggebrochen sind, die Erosion am Werk war oder dicke Felsschichten sich versetzt übereinander türmen.
Die menschenähnlichen Chyinn die hier leben verehren seit Jahrtausenden Ynggt, die göttliche Netzknüpferin. Ihrem Glauben nach hält die vielarmige Göttin die Fäden in den Händen, die die Welt zusammenhalten, und hört dabei nie auf, Licht, Zeit und Leben hineinzuweben. Durch Ynggts Güte bricht der Felsenhimmel nicht herunter, und der Boden bröckelt nicht weg. Da sie so viele Pflichten hat, muß Ynggt regelmäßig daran erinnert werden, den Chyinn ihre Gunst nicht zu entziehen. 
Alle achtundachtzig Tage - die Zahl steht symbolisch für Ynggts unzählige zupackenden Hände - versammeln deswegen die Priester im ganzen Reich die Gläubigen, um das Ritual des Verknüpfens durchzuführen. 
Die Netzknüpferin sitzt nach dem Glauben der Chyinn im Herzen Arseyyas und kann sich nicht bewegen.
Alles was sie spürt sind die Vibrationen, die die Chyinn durch ihre Rituale verursachen, und die über die unsichtbaren Stränge des Netzes zu ihr gelangen. 
Darum sorgen die Priester dafür, daß sich die Gläubigen in einer Senke versammeln, oder mehrere Hügel den Versammlungsplatz umgeben, denn das Netz ruht in den Felsen, und je näher sie dem Netz während des Rituals sind, desto mehr Aufmerksamkeit wird Ynggt ihnen schenken.
Sobald sie die Vibrationen spürt, schickt Ynggt ihren Geist aus, da sind sich die Priester sicher. Ihr Bewußtsein fliegt mit den Winden, die durch die Landschaft wehen. 
Darum wählt man den Kultplatz so, daß er im Freien liegt. Viele hundert Meter Platz sollen bis zur Felsendecke sein, damit der Wind ungehindert wehen kann. Als Faustregel gilt: Mindestens so viel Raum soll bis zur Decke sein, daß ein Flederkattu ohne Reiter sie nicht erreichen kann. Kann man mit bloßem Auge keine Kattu-Nester sehen, ist die Decke weit genug entfernt.
Das Ritual selbst beginnt, wenn das erste Licht auf den Ritualplatz fällt. Alle Gläubigen versammeln sich zu einem großen Kreis, in dessen Mitte der Gadoor, der ranghöchste Priester in seiner Zeremonienrobe aus schimmerndem Pej'jahaar seinen Platz einnimmt. 
Auf sein Signal hin beginnen die Gläubigen einen lauten Singsang, der von Klatschen, Stampfen und Schellengeläute begleitet wird. Dies wird die Aufmerksamkeit der Göttin wecken.
Gleichzeitig wird eine Reihe von Lichtern um den Ritualplatz herum entzündet, damit der herannahende Geist Ynggts sein Ziel problemlos findet. Liegt der Versammlungsplatz in einer Senke, so bildet man einen Kreis aus achtundachtzig in den Boden gesteckten Fackeln, wenn er zwischen Hügeln liegt zündet man auf ihren Kuppen Signalfeuer an.
Der Priester mit der lautesten Stimme singt derweil die achtundachtzig Beinamen Ynggts im Wechsel mit den Gläubigen, anschließend werden dumpfe Trommeln geschlagen. 
Erst dann kann man sicher sein, daß Ynggt zuhört. 
Es ist Zeit, ihr zu erzählen, was in den letzten achtundachtzig Tagen so alles passiert ist. Der Gadoor verkündet die Namen derjenigen, die gestorben sind. Ihre Seelen, die immer noch in der Nähe weilen, sollen von Ynggts Geisteswind fortgetragen werden, damit die Göttin ihre Seelenfäden wieder ins Netz einweben kann. 
Mütter, die Kinder zur Welt gebracht haben, kommen als nächste an die Reihe. Sie treten vor und der Gadoor bindet jedem Säugling kleine Schellenglöckchen um, damit Ynggt sie hören kann und daran denkt, ihre Seelenfäden in kräftigen Mustern mit denen der Dorfgemeinschaft zu verweben.
Nun treten die Paare vor, die sich gefunden haben oder trennen möchten.
Nachdem dies auch geklärt ist, folgt der wirrste und lauteste Teil der Zeremonie. Jeder darf Ynggt nun seine Wünsche mitteilen, seinen Dank aussprechen oder die Unzufriedenheit über das Muster äußern, in das sein Leben gerade eingewebt wird. Um Zeit zu sparen geschieht das alles auf einmal, in der Menschenmenge schreit einer lauter als der andere, damit die eigene Stimme von Ynggt auch wirklich gehört wird.
In einem abschließenden Sprechgesang danken alle der Göttin noch einmal daß sie auch weiterhin Teil des Netzes sein dürfen, und bitten sie um Vergebung für die ganze Arbeit, die sie ihr aufhalsen. Das Ritual endet mit dem Versprechen, an jedem der folgenden achtundachtzig Tage Opfer für Ynggt darzubringen, um sie für ihre Mühen zu entschädigen. 
Wie es die Tradition gebietet, leert sich der Platz nun schnell, nur die Priester bleiben zurück um das erste der versprochenen Opfer darzubringen. Anschließend beeilen sie sich, zurück ins Dorf zu kommen, denn die frischvermählten Paare richten im Anschluß an die Zeremonie ein großes Festessen aus.