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Das Wassergesetz der Wüstenoasen

© Sturmfaenger

Eine Passage aus dem Wassergesetz der Wüstenoasen, die Lellnarillna, die ‚Wasserwächter' betreffend

In den Wüstenoasen einer Wüste meiner Welt werden die Felder und Tatripahaine seit jeher durch Kanalsysteme mit Wasser versorgt. Durch Umleiten des Wassers und Nutzung von Schleusen kann man den Zufluß genau regeln. Um diese Lebensadern nicht versiegen zu lassen, gibt es ein allgemein gültiges Wassergesetz, welches alle Belange regelt, die mit dem kostbaren Nass zu tun haben.
Dieses ungeschriebene Gesetz wurde von alters her überliefert, und wird streng beachtet. Seit wenigen Jahrzehnten existiert es auch in schriftlicher Form, es findet sich eine Kopie davon in den Archiven der Hauptstadt des Landes.
Die Strafen für Nichtbeachtung des Wassergesetzes sind hoch, gefährden die Übeltäter doch die Grundlage der Existenz der Oase. Je nach Schwere des Vergehens werden Geldstrafen, Stockschläge, Peitschenhiebe oder Durststrafen angewandt. 
Das Wassergesetz ist im Lauf der Zeit um viele kleine Regeln erweitert worden. Es schreibt die genauen Abläufe der Instandhaltung der Kanäle vor, die Wasserverteilung auf die einzelnen Felder, Beseitigung von Schlammablagerungen, Tränke der Tiere, sogar wo und wann die Wäsche gewaschen werden darf. Alles ist genau geregelt. 
Ein Abschnitt ist den etwas obskuren Verhaltensregeln im Bezug auf eine Speisefischart gewidmet, die in den Wasserkanälen gehalten wird: den Lellnarillna. 
Die Haut dieser Fische reagiert sehr empfindlich auf Veränderungen der Wasserqualität, man kann an ihrer Schuppenfärbung ablesen, ob etwa zu viele Algen, Bakterien oder Harnstoffe im Wasser sind. Dieser Eigenschaft begegnete man stets mit einer gehörigen Portion Aberglauben. Mehr dazu im folgenden Auszug aus dem Gesetz:

" Die Brut des Wasserkönigs Lullruni, die Lellnarillna aber, sollst du nicht zusammen mit deinen Speisefischen halten. Halte deine Speisefische in einem eigenen Becken oberhalb deiner Felder, nie sollen sie mit den Lellnarillna zusammen schwimmen.

Trage Sorge, an jeder Seite deines Feldes Lellnarillna zu halten. So dein Feld an das eines anderen grenzt, sollt ihr entscheiden, wieviele Lellnarillna ihr in dem Abschnitt halten wollt.

Jeder von euch soll darauf achten, seine Fische auf sich zu prägen, damit die Wasserwächter wissen welches Feld sie bewachen sollen. Erst dann sollt ihr die Käfige öffnen und sie zusammen schwimmen lassen.

Die schwarzgrauen Jungfische der Lellnarillna sollst du in eng geflochtenen Körben aus Tatriparinde heranziehen. Erst dann sollst du sie in deinen Kanalbereich setzen, wenn der kleinste länger als dein Mittelfinger ist.

Drei Tage lang sollen du und dein Erbe auf dein Feld gehen und die Lellnarillna füttern. Morgens und abends sollt ihr sie füttern, und dabei die Länge der Strecke abschreiten, welche die Lellnarillna bewachen sollen.

Daran wirst du sehen, wie sie die Geister für dich fangen: wenn sich ihre Schuppen färben. Nie sollst du, nie dein Erbe, nie ein anderer aus deiner Familie die Lellnarillna je berühren. Nie soll dein Netz sie fangen, nie dein Speer sie durchbohren, nie deine Zunge sie kosten.

Dies soll dein Zeichen sein, daß du ihnen nichts Böses willst. Fehle nicht! Denn sonst werden sie all die Schlechtigkeit, die sie um deinetwillen in sich aufnehmen, auf dich werfen, und Unglück wird über dich und deine Familie und dein Land kommen.

So einer der deinen zu den Lellnarillna ins Wasser fällt, sie mit Absicht berührt oder gar einen ißt, sollst du ihn strafen. Vor den Augen der Lellnarillna sollst du ihn strafen, nicht zu milde sollst du ihn strafen, damit sie sehen daß du sie achtest.

Und dies sollst du tun, wenn die Lellnarillna in deinem Kanal überhand nehmen: 
Lass einen Knecht oder einen Sklaven, der nicht aus deiner Oase stammt und nicht mit dir verwandt ist, rufen. So aber soll er die Lellnarillna fangen, die überzählig sind:

Heiße ihn seine Kleidung ablegen, heiße ihn seinen Bart scheren und sein Gesicht mit Farbe bestreichen, auf daß die Lellnarillna ihn nicht erkennen. Nie soll er alle Fische töten, achte darauf ihn anzuweisen, so viele übrigzulassen wie zu Anfang im Kanal waren.

Mit dem Netz soll dein Knecht die Lellnarillna fangen, und sie entfernt vom Feld ausnehmen. Die Abfälle soll er im Sand vergraben, damit kein Tier der Oase sie fressen kann. Lass ihn dörren den Fisch, und gesondert von den anderen Vorräten aufbewahren.

Dein Knecht soll hiernach hinaus aus der Oase gehen und sich die Farbe vom Gesicht waschen. Im Sand soll er baden und sich mit zerdrückten Jetnaknospen einreiben, bis er nicht mehr nach dem Fisch riecht. Erst dann sollst du ihn wieder unter dein Dach lassen.

Du sollst die Lellnarillna nicht selber essen, damit die bösen Geister nicht Einzug in dein Haus halten. An Fremde sollst du sie verkaufen, die auf der Durchreise sind. Sie allein dürfen Lellnarillna ohne Sorge essen, denn ihr Land ist zu weit weg, und ihr Weg führt sie wieder in die Wüste, wo die bösen Geister verdursten.

Wenn du und dein Nachbar die Lellnarillna verkauft, sollt ihr den Erlös gerecht aufteilen. Hütet euch, wegen ihnen in Streit zu geraten, denn so wollen es die bösen Geister. So ihr doch einmal wegen ihnen in Streit geratet, sollt ihr den Erlös einem Tempel spenden.

Wenn die Fremden aber einmal nehmen ohne zu fragen, mag es sein daß wenige oder keine Wasserwächter übrig sind. In dem Fall eile dich und fertige falsche Lellnarillna aus Holz oder Ton an. Die sollst du deinen Sklaven oder deinen Knecht in das Wasser setzen lassen, auf daß die bösen Geister für kurze Zeit getäuscht sind, bis du neue lebendige Wächterfische hineingesetzt hast. "