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Das Zwillfest

© Sturmfaenger

WIE KOMMT DER FEIERTAG ZU SEINEM NAMEN?
Eine "Zwille" ist eine Schleuderwaffe, die man leicht aus einer Astgabel selbst herstellen kann, geeignete Munition findet sich überall. Steine werden am Häufigsten benutzt, und hiervon sind rundgeschliffene Flusskiesel am besten geeignet.
Wie ein Schleuderer sich seine Geschosse mit Bedacht aus den unzähligen Steinen auswählt, so wird auch bei der Musterung künftiger Soldaten mit Sorgfalt aus den vorhandenen jungen Männern ausgewählt.
Bei einem Geschoß, weiß man nie, ob es sein Ziel treffen wird, oder ob es daran zerschellt. Genausowenig ist sicher, ob die an diesem Tage ausgewählten jungen Männer ihre Dienstzeit überleben werden oder nicht. 
Wegen dieser Parallelen erhielt der Feiertag seinen Namen.

VON URSPRUNG UND SINN DES ZWILLFESTES 
Das Zwillfest hat sich in den Jahrhunderten seit der Machtübernahme der Fremdherrscher von einem rücksichtslosen Einsammeln aller für den Krieg benötigten jungen Männer zu einer Art Volksfest entwickelt.
Es findet ein dreiteiliger Wettbewerb statt, um die geeignetsten Jünglinge zu ermitteln. Die Herrscher haben gelernt, daß ihre benötigten Truppen weitaus williger und treuer sind, wenn man es auf diese Weise macht.
Werden während des restlichen Jahres neue Rekruten benötigt, macht man daraus kein solches Spektakel - der Feiertag ist in Friedenszeiten jedoch die größte landesweit stattfindende Musterung.

WANN FINDET DAS ZWILLFEST STATT?
Das Zwillfest, das man auch den Tag der Sammlung nennt, findet vier Wochen vor der Sommersonnenwende statt. Am Vorabend des eigentlichen Feiertages leitet eine Parade frischgebackener Soldaten die Feierlichkeiten ein. Diese haben sich in dem Fest des vorigen Jahres ihren Platz in den Truppen verdient, ihren Drill beendet und werden sich direkt nach dem Fest zur Vereidigung auf den Weg in die Hauptstadt machen. Am Festtag selbst haben sie frei. Sie nutzen dies, um Zeit mit ihren Angehörigen zu verbringen, die zum Zwillfest in die Stadt geströmt sind. Am Zwilltag selbst macht der Alltag Pause.

WER DARF MITMACHEN? 
Sklaven, Frauen, magisch Begabten und körperlich oder geistig Kranken ist die Teilnahme nicht gestattet. Ansonsten darf jeder junge Mann im Alter zwischen vierzehn und fünfundzwanzig Jahren teilnehmen. Die Jünglinge strömen für diesen Tag aus der ganzen Region in die Stadt, und lassen sich registrieren. Bis zum fünfzehnten Geburtstag können die Eltern ihrem Sohn die Teilnahme verweigern, danach haben sie gesetzlich nicht mehr das Recht dazu.
Auch junge Männer die wissen, daß sie bei einer der Wettbewerbsdisziplinen versagen werden nehmen teil, um ihre Freundinnen mit ihrem Abschneiden in den anderen beiden Disziplinen zu beeindrucken. Da solche Prahlereien nach einer Weile überhand zu nehmen drohten, wurde die Regel der Verpflichtung eingeführt: 
Bis zum Beginn der Wettkämpfe kann man seine Teilnahme zurückziehen. Sollte ein Teilnehmer, egal wie unerwartet gut oder schlecht er abschneidet aber als Rekrut ausgewählt werden, so hat er keine Möglichkeit, sich vor der Verpflichtung zu drücken. Wer dies dennoch versucht wird als Deserteur behandelt und hart bestraft.

WARUM MACHEN SIE MIT? 
Das Leben als Soldat ist nicht einfach. Wer eintritt verliert beinahe alle Rechte, die ein normaler Bürger hat, und untersteht nur noch dem Armeerecht, das ungleich härter ist. Man darf nicht heiraten, als bereits Verheirateter seine Frau anfangs nicht sehen, man darf sein Erbe nicht antreten und verliert jedes Recht über sein Leben zu bestimmen. Erst mit der Zeit kann man im Rang aufsteigen oder die nötige Dienstzeit ansammeln, um sich einen Teil dieser Privilegien zurückverdienen. Trotzdem melden sich viele freiwillig, denn es ist eine Chance, es im Leben zu etwas zu bringen. Seit einem Jahrhundert hat es keinen wirklich großen Krieg mehr gegeben, nur Geplänkel mit den Rebellen oder Reibereien zwischen den verschiedenen Kriegsherren. Daher stehen die Chancen gut, die Dienstzeit zu überleben. 
Viele der Rekruten stammen aus ländlichen Großfamilien und werden den Hof des Vaters ohnehin nicht erben. Das Leben eines Soldaten ist in ihren Augen einer Existenz als Knecht vorzuziehen. Hat man doch die Möglichkeit eine Karriere zu machen und wird anständig ausgerüstet und verpflegt. Selbst wenn man sich nicht hochdient winken nach dem Ende der Dienstzeit die Auszahlung des Gehalts, und damit die Möglichkeit zu heiraten und einen eigenen Hausstand zu gründen. Für Offiziere springt oftmals ein Posten in der zivilen Verwaltung oder ein Patent als Söldner dabei heraus. Wer seine Treue zum Herrscher als Soldat bewiesen hat, wird in vielen Dingen bevorzugt behandelt.

WIE IST DER ABLAUF DES FESTES? 
Am Zwillfest werden Ausdauer, Stärke und Geschicklichkeit der Teilnehmer geprüft. 
Die Prüfung ist der Kernbestandteil des Festes, und findet öffentlich statt, es gibt stets eine Menge Zuschauer.
Schaulustige, Verwandte, Freunde und junge Frauen auf Partnersuche bilden das Publikum. Die Anwärter sammeln sich, sie dürfen heute nur kurze Lendenschürze tragen. 
Die Ausdauerprüfung beginnt am frühen Morgen mit einem Dauerlauf durch die Stadt. Die Zuschauer dürfen durch Zurufe anfeuern, aber nicht die Strecke blockieren oder die Läufer anderweitig ablenken.
Danach gibt es für die Teilnehmer eine nahrhafte Suppe, und der Geschicklichkeitstest beginnt. Hierbei handelt es sich meist um einen Hindernisparcours, der auf einem der großen Marktplätze aufgebaut wird. Schlammbecken, Zäune, Wälle und ähnliches müssen überwunden werden. Die Zuschauer dürfen hier von Tribünen aus zusehen, streckenweise ist es ihnen sogar gestattet, Eier oder fauliges Obst zu werfen, um die Teilnehmer abzulenken und den Boden glitschig zu machen.
In der Bergstadt Tomeira jedoch wird stattdessen eine Kletterprüfung durch Höhlen und an einer Felswand entlang gefordert. Man kann sich streckenweise mit Seilen absichern und muß als Zeichen seiner Ankunft am Zielpunkt eine Fackel schwenken. In den Küstenstädten wird bei guten Wetterverhältnissen zur Prüfung von Ausdauer und Geschick ein Tauch- und Schwimmwettbewerb ausgetragen. 
Der dritte Teil der Prüfung, der Test der Stärke, findet am späten Nachmittag oder Abend statt, nachdem die Teilnehmer sich den Schmutz der Geschicklichkeitsprüfung abgewaschen haben. Hier gibt es ebenfalls regionale Unterschiede, es kann sich dabei um Ringkämpfe, Gewichtheben oder das Bändigen von Pferden, Luhr oder einer sonstigen Nutztierrasse handeln. Die Zuschauer dürfen Wetten abschließen, und es hat sich eingebürgert, daß den Siegern an diesem Abend alle Getränke gezahlt werden. 
Unter denjenigen, die beim Zwillfest gut abgeschnitten haben, werden zur Mittagsstunde des folgenden Tages die neuen Rekruten ausgewählt und zum Drill in die Kasernen geschickt. Dabei schwankt die Anzahl der eingezogenen jungen Männer je nach Bedarf an neuen Soldaten. 
Auch für diejenigen die nicht ausgewählt werden lohnt sich die Teilnahme, denn bei der Feier am Abend des Zillfestes lernen sich die jungen Männer und Frauen besser kennen, und manches Paar findet in dieser Nacht zusammen.

WARUM MAG DIE OBERSCHICHT DAS ZWILLFEST NICHT? 
Das jährliche Fest führt den Adligen immer wieder vor Augen, daß sie nicht die wahren Herrscher des Landes sind, und ihr Einfluß begrenzter ist, als sie wahrhaben wollen.
Die Auswahl der Rekruten ging von jeher an den Adligen und reichen Bürgern der menschlichen Oberschicht des Reiches vorbei. Sie dürfen das Fest finanzieren, um ihre Treue zum Herrscher zu beweisen. Das ist aber auch schon alles. 
Der Lordfürst und seine Kriegsherren wählen über das Militär direkt aus den Kandidaten aus.
In manchen Gegenden gibt es Probleme, weil ein Großteil der männlichen Jugend zum Militär abwandert, und ihre Arbeitskraft nicht mehr zur Verfügung steht. Dadurch geht es der Gegend langfristig finanziell schlechter, es wird schwerer, die Steuern einzutreiben, und die nachrückende Jugend wandert ebenfalls ab, weil die Herrscher im Ausgleich für gesenkte Steuern eine höhere Anzahl von Rekruten fordern, oder in anderen Gebieten die Lebensqualität besser ist. Dies ist ein Teufelskreis in den keiner gern gerät. 
Ein weiterer Grund sind die Probleme, die bei der Vererbung entstehen. 
Vererbte Gelder werden eingefroren, vermachte Gegemstände eingelagert bis der Erbe aus dem Militärdienst ausscheidet. Wer allerdings als Sohn wohlhabender Eltern Ländereien erbt, darf nicht heimkehren um sein Erbe anzutreten.
Meist lassen sich die erst- und zweitgeborenen Söhne aus diesem Grund überzeugen, keine Soldaten zu werden. Sterben sie jedoch, und eine Reihe weiterer Söhne dient gerade, so führt dies zu Engpässen in der Erbfolge, und manch ein unerwünschter Erbe findet sich in einer Position wieder, für die er nicht unbedingt geeignet ist. Die Verantwortung für die geerbten Ländereien wird ihm zeitweilig übertragen. Will dann der rechtmäßige Erbe nach Ablauf seiner Dienstzeit seinen Platz als Familienoberhaupt einnehmen, gibt es oft böses Blut.
Gibt es keinen Erben, so wird für die Zeit bis zur Rückkehr des Erben ein Verwalter der Regierung eingesetzt. Sollte der letzte Erbe in Erfüllung seiner Pflicht sterben, fällt sein Erbe automatisch an die Krone.