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Der Aurog-Tempel zu Trûrg

© Moordrache

Prolog:

In einer Welt, deren Bewohner größtenteils der Meinung sind, dass sie auf einem kugelförmigen Planeten leben, obwohl dieser "Planet" tatsächlich etwa so viel mit einer Kugel gemeinsam hat wie ein Fladenbrot, in dieser Welt also leben gar wunderliche Völker. Auf den ersten Blick sehen sie den Bewohnern anderer Welten sehr ähnlich, doch der zweite Blick oder ein offenes Ohr offenbart meistens schon gewichtige Unterschiede. In aller Kürze seien hier nur die wenigen Völker, die in der nachfolgenden Abhandlung eine Rolle spielen, und ihre Besonderheiten genannt.

Da sind etwa die Ôrgs. Zwar sehen sie mit dunkelgrüner bis schwarzer, lederartiger Haut, unteren Reißzähnen, die ebenso gut einem jungen Eber gehören könnten, und in ihrer typischen, leicht gedrungenen Körperhaltung eher wie gefährliche Krieger oder gar Räuber aus, doch in Wirklichkeit sind sie überwiegend die Friedlichkeit in Person und haben ihre Stärken in der – eher sinnfreien – Lyrik und im Philosophieren; auch so mancher Forscher, solange er dazu mehr denken als körperlich arbeiten muss, entstammt den Ôrgs.

Oder die Trulle. Sie sind groß – etwa eineinhalb mal so groß wie Ôrgs – und von grobschlächtigem, kräftigem Körperbau, mit geheimnisvoller Herkunft und langer Lebenszeit – und sind vor allem sehr nervig, wenn sie Wildfremde zu "ihrem" Glauben bekehren wollen. Zu allem Übel scheint absolut jeder Trull einer anderen – sonderbaren – Gottheit anzuhängen.

Im Folgenden nur eine Randnotiz sind die Tswerge, die etwas mehr als die halbe Größe von Ôrgs erreichen. Klein, bärtig und stämmig werden sie oft für zähe Kämpfer gehalten, die fast ihr ganzes Leben lang unterirdisch im Gebirge leben. Bei beiden Klischees ist das Gegenteil die Wahrheit, auch wenn ihre Häuser oft ein oder zwei Kellergeschosse mehr aufweisen als oberirdische Stockwerke.

Das Wahrzeichen und seine Entstehung:

In dieser nicht wirklich kugelförmigen Welt begab es sich vor vielen Jahren, dass sich ein Trull, dessen Name mit Ruydi überliefert ist, auf Wanderschaft machte – wie es so manche aus seinem Volk zu jener Zeit taten und viele auch heute noch tun –, um Angehörige anderer Völker von der Wichtigkeit "seiner" Gottheit zu überzeugen. Während seiner jahrelangen Wanderschaft war es Ruydi tatsächlich gelungen, etwas mehr als dreißig dauerhafte Gläubige zu gewinnen, was einer recht stolzen Zahl entspricht – für trullische Verhältnisse; einige begleiteten ihn sogar zeitweise auf seiner langen Wanderung. Aber auch seine treuesten Begleiter wurden irgendwann des dauernden Wanderpredigens müde. Nach und nach beschlossen diese, wieder sesshaft zu werden und unabhängig voneinander nur noch in ihrer neuen oder alten Heimat weitere Gläubige zu gewinnen. Drei von ihnen hatte Ruydi bis dahin zu Hohepriestern geweiht – nur eine geringe Stufe niedriger als er selbst, der sich neben 'Hohepriester' auch 'Oberster Gläubiger' nennen durfte; ungeachtet der Tatsache, dass er viele Jahrzehnte lang sowieso der einzige Gläubige seiner Gottheit war.

Diesen drei Hohepriestern trug er auf, jeweils an ihrer neuen Wirkungsstätte einen Tempel zu errichten, welcher der Erhabenheit ihrer gemeinsamen Göttin gerecht werden würde. Da er dazu sehr genaue Vorstellungen hatte, gab er ihnen gewisse Regeln für jenes Bauwerk vor und fertigte sogar eine grobe Skizze an, die der beauftragte Architekt als Orientierung nutzen konnte.

Jeweils etwa zwei Jahre nach Baubeginn war er zurückgekehrt – denn er war stets rastlos und hielt es nie lange an einem Ort aus –, um den neuen Tempel zu begutachten. Trotz einiger kleiner eigenwilliger Änderungen seiner Hohepriester an der Tempelausführung, die seine Regeln jedoch nicht verletzten, war er mit dem Ergebnis immer sehr zufrieden. Er vertraute seinen Hohepriestern so sehr, dass er hernach nie mehr zu ihren Wirkungsstätten zurückkehrte – er wollte vermeiden, dass sie dies als 'Kontrollbesuch' verstehen könnten.

Viele Jahre später begab es sich, dass Ruydi einen weiteren seiner treuen Begleiter zum Hohepriester weihte. Die Weihezeremonie selbst war recht einfach gehalten, und doch rührte sie den neuen Hohepriester offensichtlich zu Tränen: Ein kräftiger Klaps mit Ruydis Bären- – Pardon: Trullpranke auf die Schulter seines Schülers und die heiligen Worte "So, jetzt bist du Hohepriester der Aurogodolufo. Mach was draus!" besiegelten den neuen Rang des Glücklichen. Vor Ergriffenheit blieb dem neuen Hohepriester sogar kurzzeitig die Luft weg.

Dieser war ein Ôrg namens Ûro Glâbro. Er gehörte zu den relativ wenigen Ôrgs, die weder mit einer dichterischen Ader noch mit überragender Denk- und Konzentrationsfähigkeit gesegnet sind. Er war sicherlich nicht dumm, doch herausragende Eigenschaften waren ihm nicht in die Wiege gelegt worden. Um dem großen Druck seiner Familie einerseits und harter bäuerlicher Arbeit andererseits zu entgehen, war er schließlich Ruydi gefolgt, als dieser durch Ûros Heimatstadt Trûrg – eine der größten Ôrg-Städte überhaupt – gekommen war.

Nun aber, einige Jahre nach jenem Entschluss und wenige Monate nach seiner denkwürdigen Weihe zum Hohepriester, kamen Ruydi und Ûro erstmals wieder nach Trûrg. Die Schmerzen in Ûros Schulter waren inzwischen endlich beinahe gänzlich verschwunden.

Schon nach kurzem Aufenthalt wurde Ûro bewusst, dass sein Ansehen – jetzt als Hohepriester, wenn auch einer den Ôrgs unbekannten Göttin – schlagartig stark angestiegen war. Es dauerte nicht lange, da war beschlossen, dass Ûro in Trûrg bleiben würde statt weiter Ruydi zu begleiten. Auch diesmal trug der 'Oberste Gläubige' seinem Hohepriester auf, einen Tempel errichten zu lassen, legte ihm seine Vorstellungen und Regeln dar sowie händigte ihm zuletzt die Skizze des zukünftigen Bauwerks aus.

Diese war schon durch viele Hände gegangen und hatte Ruydi stets auf seinen Reisen begleitet, nachdem er die drei fertigen Tempel begutachtet hatte; viele Falten und Knicke hatten daher ihre Spuren hinterlassen. Das Papyrus war zwar in zwei Teile zerrissen, die Zeichnung jedoch war noch gut erkennbar, und so sahen darin weder Ruydi noch Ûro ein Problem.

Bereits am nächsten Tag machte Ûro sich auf die Suche nach einem geeigneten Architekten, den besten Steinmetzen der Stadt und nach wohlhabenden Trûrgern, die dazu bereit waren, ihm für die Finanzierung des Baus eine kleine Spende zukommen zu lassen. Ruydi dagegen setzte wieder einmal unverdrossen seine Wanderschaft fort.

Etwas mehr als zwei Jahre darauf erreichte Ruydi abermals Trûrg, um sich den neuen Tempel anzusehen. Ruydi war es inzwischen gelungen, einen weiteren Bekehrten zu finden, einen Tswerg, der ihn nun begleitete. Bereits etwa eine halbe Stunde nach betreten der Stadt entdeckte der Trull durch Zufall seinen Hohepriester, als dieser auf einem kleinen Platz eine Predigt hielt. Gegen Ende machte Ûro die Zuhörer auf den neuen Tempel aufmerksam und lud sie zur Einweihungsfeier ein, die in wenigen Tagen stattfinden und wo er, Ûro, fortan seine Predigten halten würde. Ruydi war erfreut, war er doch offensichtlich genau zum richtigen Zeitpunkt zurückgekehrt.

An dieser Stelle wollen wir diesem denkwürdigen Zusammentreffen etwas eingehender folgen. Der exakte Wortlaut ist leider nicht absolut bis ins Einzelne überliefert, weshalb hier teils auf Vermutungen zurückgegriffen werden muss, aber aller Wahrscheinlichkeit nach dürften die Ereignisse und Gespräche zumindest sehr ähnlich wie nachfolgend geschildert stattgefunden haben.

Als sich die Menge – etwa fünf Ôrgs und ein Tswerg, der sich vermutlich nur verirrt hatte – nach Ûros Predigt aufzulösen begonnen hatte, ging der Trull auf Ûro zu und begrüßte ihn erfreut:

"Aurogodolufos segensreicher Segen!" – dies war der rituelle Gruß unter Priestern eben jener Göttin, auf diese Idee war Ruydi schon immer besonders stolz gewesen – "Wie ich höre, komme ich gerade zur rechten Zeit, Hohepriester Ûro." Wieder einmal seine gewaltige Körperkraft unterschätzend ergriff er Ûros Hand und schüttelte und drückte sie so heftig, dass der Ôrg schmerzhaft wieder an seine größten Leiden während seiner Wanderjahre erinnert wurde.

Mit leicht schmerzverzerrtem Gesicht – was Ruydi vermutlich eher als in der Öffentlichkeit mühsam unterdrückte Freude deutete – antwortete Ûro, nachdem er wieder zu Luft gekommen war: "Aurogodolufos segensreicher Segen! Ja, der Tempel ist gerade erst fertig geworden, es fehlen nur noch einige Ausschmückungen im Inneren. Du wirst sicher begeistert sein, Oberster Gläubiger Ruydi."

"Ich weiß jetzt schon, dass ich das sein werde. Aber genug der Förmlichkeiten. Ûro, wo ist der Tempel? Ich möchte ihn so schnell wie möglich sehen! – Oh, warte, dies ist Schorsch, habe ihn unterwegs getroffen. Er lernt schnell und wird sicher bald Priester werden."

Ûro schüttelte dem Tswerg die Hand. "Willkommen in Trûrg. Noch kein Priester also?"

"Nein, daher einfach nur: Tach!"

"Hm, vom 'Clan der Gewellten Bärte', richtig?"

"Oh, ein Ôrg, der sich mit Tswergen-Clans auskennt!" rief Schorsch erstaunt aus. "Ja, richtig vermutet, zumindest ehemals Gewellte-Bärte, aber der Bart bleibt trotzdem so. Tradition."

"Auf unserer gemeinsamen Wanderschaft sind Ruydi und ich öfters auch durch Tswergen-Gebiet gekommen. Ist die Clan-Küche immernoch so... ähm..."

Schorsch winkte ab. "Natürlich. Was denkst du denn, weshalb ich den Clan verlassen habe? Ich hasse Pfefferminzsoße!"

Dies entlockte Ûro ein verständnisvolles Lächeln, doch Ruydi wurde ungeduldig und unterbrach die Beiden:

"Schluss jetzt damit, ihr könnt euch auch später noch kennenlernen! Wo ist der Tempel?! Jetzt!"

"Gleich hier um die Ecke. Der Standort ist nicht ganz optimal, nur an einem kleinen Platz, aber praktisch im Herzen der Stadt. Fast jeder kommt hier mindestens alle paar Tage vorbei."

"Gut, lass uns hingehen."

"Gehen wir durch die Gassen; ist schneller, als der Hauptstraße zu folgen."

So ging Ûro durch einige verwinkelte, schmalen Gassen voran, während Ruydi und der Tswerg ihm schweigend folgten.

Kurz darauf erreichten sie den neuen Tempel an einer seiner Seitenwände. Ringsum standen andere Gebäude recht dicht am Tempel, lediglich nach vorne öffnete sich ein kleiner Platz, den selbst der kleinwüchsige Schorsch mit einem guten Dutzend Schritten hätte überqueren können. Da es schon Abend und daher dunkel geworden war, hielten sie sich nicht mit langem Bestaunen der Fassade auf, von der wegen der Dunkelheit und Enge ohnehin nicht viele Details erkennbar waren, sondern gingen gleich ins Innere.

Den Eingang bildete eine zweiflügelige, über fünf Schritt hohe und fast ebenso breite Eichentür, die sich trotzdem erstaunlich leicht öffnen ließ, aber nach der Einweihung tagsüber meistens ohnehin offenstehen würde. Das Holz war mit zahlreichen geschnitzten, reliefartigen Verzierungen geschmückt, die hauptsächlich Äpfel in allen möglichen Variationen und Größen darstellten; selbst die bronzenen Türknäufe waren in Apfelform gehalten. Auch der nur aufgemalte Torbogen, der die Tür einrahmte, stellte zahlreiche Äpfel dar.

Eilig entzündete Ûro im Tempel mehrere Kerzen, was einige Zeit dauerte, bevor Ruydi den Eingang durchschritt und das Innere in Augenschein nahm. Trotz der etwas dürftigen Beleuchtung entlockte der Anblick Ruydi ein zufriedenes Grunzen nach Trull-Art.

Nach dem Eingang öffnete sich vor dem 'Obersten Gläubigen' eine säulenlose und annähernd quadratische Halle mit einer Seitenlänge von etwa neun Trull-Längen [9 'TL' = ca. 20 m] – keine gewaltigen Ausmaße, aber trotz ihrer Körpergröße haben Trulle andere Vorstellungen von idealen Tempel-Dimensionen, als man ihnen vielleicht zutrauen würde.

Den Boden bedeckte ein lückenloses Mosaik aus hauptsächlich gelben bis gelblich-braunen und gelblich-grauen Steinchen, die in unregelmäßigen Abständen und mit weichen Übergängen jedoch aus roten und rot-braunen Steinen gebildeten Flecken wichen. Abgesehen von den unförmigen roten Flecken etwa in der Größe von Wagenrädern und größer war kein bestimmtes Muster erkennbar, die verschiedenen Gelbtöne gingen fließend ineinander über. Knapp jenseits der Hallenmitte gegenüber der Tür führten drei Stufen auf eine kreisrunde steinerne Plattform, die ebenso vom Mosaik bedeckt war und auf der eine Art Altar stand: Er hatte die Form eines Apfels – eines gelben Apfels mit roten Flecken. Nichtmal der Apfelstiel in der Mitte war vergessen worden; er diente als leicht krummer Kerzenhalter.

Die Wände wiesen kein Mosaik auf, waren aber in genau den gleichen Gelbtönen gehalten und mit großen rötlichen Flecken versehen worden. Durch den bemalten Stuck wirkten die Farben weniger glänzend als das Bodenmosaik, dafür aber auch weicher und wärmer.

Die 'Ecken' der Halle waren, wie es sein sollte, stark abgerundet, da nach Ruydis Regeln keine 'harten Ecken' den Tempel entweihen durften, wie er es nannte. Nahezu alles musste 'apfelrund' sein, auch die Kanten der Treppenstufen zum Altar waren stark abgerundet, und sogar die Wände waren im untersten knapp kniehohen Bereich stark verbreitert und zur Hallenmitte und zum Boden hin abgerundet.

Die Wände, die unmittelbar oberhalb der abgerundeten Verdickung immerhin noch nahezu zwei Schritt dick waren, erstreckten sich mehrere Troll-Längen in die Höhe, wo sie allmählich dünner wurden, bevor sie der Decke begegneten, die im schummrigen Kerzenlicht aber im Moment kaum erkennbar war.

Die übrige Einrichtung war sehr einfach gehalten. Sitzgelegenheiten gab es keine. Entlang den Wänden – der Wandrundungen am Boden wegen etwa in jeweils einem Schritt Abstand zu ihnen – reihten sich etwa zwei Dutzend bronzene Kerzenständer auf, von denen jeder drei dicke Kerzen trug. Auch die gut trullhohen Kerzenständer deuteten mit schwungvollen Bögen und Schnörkeln Apfelrundungen an.

"In den vier Tempel-Ecken – ähm, Rundecken, Rundungen... naja, du weißt, was ich meine – werden noch die Holzpfosten in Apfelform platziert, auf denen dann die echten Äpfel liegen. Die werden aber erst übermorgen geliefert – die Pfosten, meine ich", erklärte Ûro, als er einen kritischen Blick des Trulls bemerkte, der sich damit auch gleich zufriedenzugeben schien.

"Sehr gut", urteilte dieser schließlich nach einem weiteren längeren Rundblick, "aber es ist jetzt leider doch schon zu dunkel, um den Tempel in seiner ganzen Pracht genießen zu können; trotz der Kerzen. Aber morgen ist auch noch ein Tag, Aurogodolufo sei gepriesen! – Oh, und sag nicht Pfosten, es sind immerhin Aurogodolufos heilige Tempeläpfel! Das solltest Du inzwischen wissen."

Ûros gemurmeltes "Jaja" war zum Glück so leise, dass Ruydi es überhörte. "Ihr seid sicher müde", lenkte der Ôrg dennoch sicherheitshalber vom Thema ab. "Wollt ihr nicht ins Nebengebäude und schlafen gehen?"

Wie auf Kommando gähnte Ruydi ausgiebig. "Guter Gedanke!" Er wollte bereits umdrehen und den Tempel verlassen, als Ûro ihn zurückhielt:

"Nicht da lang, wir können durch den Tempel durchgehen."

"Durch den Tempel?" fragte Ruydi verwundert. "Ich bin zwar ein Trull, aber durch Wände gehen kann ich trotzdem nicht..."

"Ist auch nicht nötig, ich habe da eine Tür einbauen lassen. Kommt mit..."

Tatsächlich befand sich schräg gegenüber des eigentlichen Eingangs eine gut getarnte kleinere Tür, die, obwohl sie aus Holz bestand, in Farbe und Struktur sehr gründlich der umgebenden Wand angepasst worden war, so dass man sie nur erkennen konnte, wenn man sehr genau hinsah oder direkt davor stand.

"Davon war in meinen Regeln aber nicht die Rede...", monierte der Trull halbherzig, ging aber dennoch als Erster durch die Tür, ohne einen weiteren Kommentar dazu abzugeben.

Das – natürlich gelbe – Nebengebäude bestand im wesentlichen aus einem Lagerraum, einer kleinen Küche, zwei einfachen kombinierten Wohn- und Büroräumen für im Tempel tätige Priester – im Normalfall war natürlich Ûro der Einzige – und drei Kammern mit Betten für Gäste, wie es nun Ruydi und Schorsch waren.

Ein markerschütterndes Brüllen zerriss die morgendliche Stille des darauffolgenden frühen Tages. Die Sonne war noch nicht ganz aufgegangen, erhellte aber bereits den Himmel und weite Teile der Stadt.

Das entsetzte Brüllen aus dem Tempel war längst verklungen, als Ûro hektisch und zugleich noch schlaftrunken denselben durch die Hintertür betrat und beinahe in den wie angewurzelt dastehenden und nach oben starrenden Trull gerannt wäre.

"Wasnlos?" fragte Ûro, ein Gähnen unterdrückend. Da er keine Antwort erhielt, folgte er einfach Ruydis Blick, konnte aber nichts Außergewöhnliches erkennen.

Seitlich hoch über dem Eingang der Vorderwand saßen zwei große, fast kreisrunde Fenster, deren Formen natürlich an Äpfel erinnerten, mit dickem, milchigem Glas, das einen minimalen, kaum wahrnehmbaren Gelbstich aufwies. Wäre das Glas stärker gelb gefärbt gewesen, hätte man kaum das Rot der Flecken als solches erkennen können. Dadurch war das Innere des Tempels nun wesentlich besser beleuchtet als am Vorabend.

Von den hoch aufragenden Wänden wölbte sich die Decke zur Tempelmitte hin nach unten, von der ihr mittlerster Bereich wiederum leicht nach oben gestülpt war – es dürfte unnötig sein zu erwähnen, dass die Deckenwölbung stark an einen gelben Apfel erinnerte, wobei die Apfeloberseite jedoch nach unten zeigte. Natürlich waren weder die roten Flecken noch der Stiel vergessen worden, auch wenn der nur durch einen kurzen Stumpen angedeutet wurde. An der niedrigsten Stelle befand sich die Decke immernoch gut dreieinhalb Trull-Längen über dem Boden, während die Wände etwa doppelt so weit in die Höhe ragten, bevor sie sich mit dem Decken-Apfel vereinigten.

"Achso, ja", begann Ûro, der nun zu verstehen glaubte, "die Deckenwölbung musste etwas niedriger ausgeführt werden und die Wände dafür höher. Der Architekt meinte, die Wände hätten sie sonst nicht tragen können, irgendwo müsse die Decke ja aufliegen; dabei hat er schon das leichteste steinähnliche Material verwendet, das er finden konnte. Deshalb steht der Apfel – also das Dach – auch etwas über, aber ich finde, der Tempel sieht dadurch von außen noch besser aus als auf deiner Zeichnung."

Endlich löste Ruydi den starren Blick von der Decke und sah den Ôrg an, mit nicht weniger Entsetzen in den Augen als zuvor. "Steht über? Decke muss aufliegen? Aber das würde sie doch... Was hast du getan?" In Ruydis Augen blitzte für einen kurzen Moment sowas wie Aggressivität auf, äußerlich blieb er jedoch erstaunlich ruhig.

"Iiich?? Nichts! Sooo schlimm kann das doch nicht sein mit dem Dach... ich meine, es ist ja schon eine recht eigenwillige Konstruktion. Ich war froh, überhaupt einen Architekten gefunden zu haben, der den Auftrag übernehmen wollte..."

"Ja, verstehst du denn nicht...?" Ruydi hielt inne und sein Blick wirkte plötzlich abwesend, als wäre ihm ein Gedanke gekommen. Dann sprang er ohne Vorwarnung mit wenigen, aber gewaltigen Schritten zur Eichentür, riss sie auf und rannte ins Freie.

Erst auf der gegenüberliegenden Seite des Platzes blieb er stehen und wagte es, sich umzudrehen. Was er sah, ließ ihn erneut erstarren. Könnten Trulle Tränen vergießen, er hätte jetzt bitterlich geweint. So blieb es bei einem tiefen Seufzen.

Vor der gelben Tempelfassade mit den beiden großen Fenstern, die von außen deutlich gelber wirkten als von innen, ragte etwa sieben Schritte links und rechts vom Eingang je eine – erstaunlicherweise nicht gelbe sondern weiße – glattpolierte Säule etwa fünf Trull-Längen in die Höhe. Ihre Aufgabe bestand jedoch nicht darin, ein Vordach oder etwas ähnliches zu tragen, sondern deren Kronen waren stark verbreitert und – wen erstaunt es? – als Äpfel nachgebildet worden. Diese waren dann natürlich doch wieder im üblichen Gelbton mit roten Flecken gestaltet worden.

Wo die Tempelwände zu enden schienen, ragte das eigenwillige Dach weit über den Tempelgrundriss hinaus, über den Seitengassen berührte es beinahe die benachbarten Gebäude. Nach oben hin setzte sich die Wölbung aus dem Tempel-Inneren fort, bis sie schließlich gut drei Troll-Längen höher senkrecht nach oben endete. Dachte man sich die Tempelwände als durchsichtig, war das Dach also wie ein in der Mitte quer durchgeschnittener Apfel, der mit der Schnittfläche nach oben auf die vier Wände gestülpt worden war und in der Mitte sozusagen durchhing. Die "Schnittfläche" war von Ruydis Position am Boden aus natürlich nicht zu sehen.

Endlich kam auch Ûro aus dem Tempel und ging zum Trull, der sein Unglück immer noch nicht begreifen konnte. "Sieht doch gar nicht so schlimm aus, fast genauso wie auf der Zeichnung." Ûro hielt seinem Obersten Gläubigen die Skizze hin, die er wohl inzwischen aus dem Nebengebäude geholt haben musste.

Ruydi genügte ein kurzer Blick, um zu verstehen. "Falschrum", murmelte er nur.

"Was?"

"Dem Architekten hast Du meine Zeichnung auch so gezeigt wie mir jetzt?" fragte er statt einer Erklärung.

"Äh... ja...?"

Ruydi nickte resignierend, bevor er Ûro ansah. "Du hast die beiden Teile falschrum zusammengehalten. Das Dach – die Kuppel – gehört andersrum hin, mit der Wölbung nach oben."

Ûro sah sich die in zwei Teile zerlegte Zeichnung genauer an, schließlich machte sich Erkenntnis in seinen Gesichtszügen breit und er drehte den kleineren Teil nun um. Der relativ glatte Knick, wodurch das Papyrus zerrissen war, ging nun genau zwischen der gezeichneten Kuppel und den unteren Tempelwänden durch. Unglücklicherweise hatte Ruydi einst die ganze Größe des Papyrusblattes ausgenutzt und die apfelförmige Kuppel bis an den oberen Rand gezeichnet, so dass deren Ausrichtung auf dem abgerissenen Teil nur schwer zu erkennen gewesen war.

Es wurde bereits erwähnt, dass Ûro nicht mit dem allergrößten geistigen Talent gesegnet worden war. Vielleicht war es sogar doch noch geringer, als gedacht... Weshalb auch immer, irgendwie war er nie auf den Gedanken gekommen, dass das Dach eine Kuppel sein sollte sondern hatte es für eine sonderbare Konstruktion gehalten, was ihn angesichts der ausgefallenen Religionslehre des Trulls aber nicht verwundert hatte. Außerdem hatte Ûro nie die drei anderen Tempel gesehen.

"Vielleicht hättest du besser einen Tswerg beauftragen sollen", meinte da Schorsch, der inzwischen unbemerkt dazugekommen war und sich den Plan in Ûros Händen nun ansah. "Wir kennen uns mit solchen Dingen offensichtlich besser aus als Ôrgs... – Trotzdem sehr erstaunlich, dass die Wände nicht einfach zur Seite kippen..."

Doch Ûro beachtete ihn nicht weiter. "Immerhin ist das Dach hohl wie es sich für eine Kuppel gehört, es wäre sonst sowieso viel zu schwer gewesen, aber halt auch oben offen... Außerdem sieht man ja noch, dass es einen Apfel... ups, den heiligen Apfel der Aurogodolufo darstellen soll... naja, zumindest von innen...", versuchte er stattdessen Ruydi zu beruhigen.

"Nur ein halber Apfel..." Ruydi war noch immer schwer enttäuscht, ja, geschockt über den Anblick. Langsam und sichtlich lustlos begann er, sich dem Tempel wieder zu nähern. "... nicht zu übersehen, halber Apfel...", murmelte er.

"Naja, aber ein Apfel... Ich bin mir sicher, Aurogodolufo ist damit ebenso zufrieden wie mit dem ursprünglichen Entwurf." Ûro schöpfte weiter Hoffnung, Ruydi doch noch davon überzeugen zu können, dass alles gar nicht so schlimm war.

"Nein, kann sie nicht, Aurogodolufo ist die Göttin der gelben Äpfel mit roten Flecken. Hast Du das schon vergessen?"

"Aber das Dach ist doch gelb und hat rote Flecken...!"

Ruydi erreichte gerade eine der Säulen vor dem Tempel und blieb stehen. Er schüttelte den Kopf. "Aber es ist deutlich ein halber Apfel. Gott der halbierten Äpfel ist Oulaguromaru, nicht Aurogodolufo. Und Bokoi ist sein Oberster Gläubiger. – Ich kann Bokoi nicht ausstehen, ist total eingebildet. Aber mal ganz ehrlich: Wer braucht schon einen Gott der halbierten Äpfel?!" Er sah Ûro und Schorsch an, die ihm gefolgt waren, erkannte in beider Augen aber nur Unverständnis. "Bokoi würde wahrscheinlich einen Tempel für Oulaguromaru sogar genau so aussehen lassen, wie den hier, zumindest das Dach." Er zeigte auf das Bauwerk schräg hinter ihm. Doch dann brach die ganze aufgestaute Wut aus ihm heraus: "Und das kann nicht sein!" brüllte er. "Ein Aurogodolufo-Tempel genauso wie ein Oulaguromaru-Tempel? Niemals!"

Mit dem letzten Wort schlug er mit der Faust heftig – extrem heftig – gegen die Säule, an der er stand, die daraufhin trotz ihres sicherlich beachtlichen Gewichts bedrohlich wackelte. Trotz des gewaltigen Fausthiebs und harten Gesteins schien Ruydi keinerlei Schmerz zu spüren, er sah wie gelähmt dem nun folgenden Schauspiel zu.

Es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis die Säule sich dazu entschloss, der Schwerkraft nachzugeben und langsam umzukippen. Dann geschahen mehrere Dinge gleichzeitig:

Während die erste Säule unter den entsetzten Blicken des Trulls und seiner beiden Begleiter genau gegen den Fuß der zweiten stieß und auch diese dadurch wiederum zu wanken und schließlich zu kippen begann, kamen drei Ôrgs um jene (übrigens auch außen stark abgerundete) Tempel-Ecke, die der zweiten Säule am nächsten war.

"Vorsicht!" rief Ûro mit wedelnden Armen, als er die Gefahr erkannt hatte; die drei Ôrgs schienen den Lärm der ersten gefallenen Säule nicht bemerkt zu haben und wunderten sich nur ein wenig über die staubige Luft. "Weg da!"

Die Drei erfassten die heikle Situation jedoch zu spät und konnten der nun krachend und komischerweise sehr rasch niederstürzenden zweiten Säule nicht mehr ausweichen.

Nachdem sich der Staub gelegt hatte, sah Schorsch nach den Dreien, kam jedoch kopfschüttelnd mit betrübter Mine zurück. "Nichts mehr zu machen..."

Schließlich fand auch Ûro wieder aus der Schockstarre heraus. "Das waren ausgerechnet der Architekt und die beiden Baumeister, die den Tempelbau geleitet haben... Was für eine Tragödie!"

"Na, die Falschen hat's dann ja nicht erwischt", meinte der Tswerg trocken, aber für die anderen kaum hörbar.

"Was... was machen wir jetzt...?" Ûro wandte sich hilfesuchend um – doch Ruydi war spurlos verschwunden.

Epilog:

Heute, vierzig Jahre nach dem Bau des – falschen? – Tempels, wird er noch immer genutzt, sogar mehr, als jemals zuvor. Der Eingang wird nun von zwei steinernen, etwa ôrghohen Äpfeln flankiert – ohne Säulen, diese wurden nicht wieder aufgestellt. Andere Veränderungen wurden kaum vorgenommen. Lediglich führt inzwischen eine schmale Treppe von einer der Seitengassen aus über das niedrige Nebengebäude und die Tempelrückseite zum Dach hoch.

Alljährlich sammelt sich im offenen Dach wie in einem großen Becken vor allem im Frühjahr das Regenwasser, denn die auf dem Kopf stehende Kuppel besitzt ja keinen Abfluss. Es hatte nicht lange gedauert, bis die Jugend der Stadt das Tempeldach auf ihre ganz eigene Weise zu nutzen verstand – nämlich als erfrischendes Schwimmbecken im heißen Sommer. Um gefährliche Kletterpartien zu vermeiden, wurde dann auch irgendwann die Treppe gebaut sowie im Innern der Kuppel Leitern angebracht, die von außen nicht zu sehen sind. Nach dem Sommer ist das Wasser zwar gewöhnlich fast vollständig verdunstet, aber dadurch bietet sich auch eine gute Gelegenheit, das Becken, ähm, Dach zu säubern.

Im Innern hält Ûro – gelegentlich unterstützt von Schorsch – jedoch nach wie vor beinahe täglich seine Predigten, bei schönem Wetter auch manchmal auf dem Vorplatz oder sogar oben am Beckenrand. Das gegenüberliegende Gebäude ist vor einigen Jahren abgerissen worden, so dass sich hier nun deutlich mehr Leute versammeln können.

Geweiht ist der Tempel inzwischen allerdings Aurog, der Göttin der gelben Äpfel mit roten Flecken und der sommerlichen Erfrischung. Diese kleine Änderung hat sich Ûro erlaubt – einerseits als Notlösung, damit der Tempel nicht durch die badende Jugend entweiht wird, und andereseits weil die meisten Ôrg den langen und komplizierten Namen sowieso weder sich merken noch ihn unfallfrei aussprechen können.

Durch die auffällige und besondere Bauweise, Farbgebung sowie Nutzung ist der Aurog-Tempel mittlerweile zum – wenn auch nicht ganz offiziellen – Wahrzeichen der Stadt Trûrg geworden. Kaum ein Reisender lässt sich einen Besuch dieses kuriosen Bauwerks entgehen, die Jugend im Sommer schon gar nicht.

Ruydis Schicksal dagegen ist ungewiss. Er wurde nie mehr in Trûrg oder sonst irgendwo gesehen. Ûro vermutet, dass er sich ins Land der Trulle zurückgezogen hat. Aber wer weiß, vielleicht taucht er ja doch eines Tages wieder auf – oder hoffentlich besser nicht: Den erneuten Schock würde selbst der hartgesottenste Trull vermutlich nicht überleben.