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Der Baum

© Gomeck

Es begab sich im Jahre 455, dass der Schamane Kýtàæur hinauszog in die Ebene xy, geschickt von seinem Stamm der Gelbbärtigen um einen geeigneten Platz zu finden, wo sie sich niederlassen könnten. Die Gelbbärtigen hatten nach einer langen Zeit der Unrast am Fluss xy ihre Zelte aufgeschlagen, doch eines Tages schwoll der Fluss über alle Maßen an, trat über die Ufer und verschlang die Hälfte ihrer Zelte. Es war ein Wehklagen und Schreien an den Ufern xy zu hören und man befragte den letzten Schamanen des Dorfes, der dieses große Unglück überlebt hatte, warum dies alles geschehen war. Es war Kýtàæur der nach drei Nächten des berauschten Schlafes die Antwort bekam, dass dieser Ort von den Göttern verflucht sei und sie auf die Suche nach einer neuen Heimat aufbrechen sollten. Der Stamm schickte ihn auf die Reise, um diesen Ort zu finden, und so zog er los, nur von seinem Lasttier begleitet. Viele Tagesmärsche legte er zurück und nachdem der zweite Mondlauf angebrochen war erreicht er einen großen Wald, der durch einen niedlichen Bach in der Mitte geteilt wurde. Er beschloß an einer Lichtung am Bachufer eine Rast einzuhalten und errichtete eine kleine Hütte aus Ästen und Laubzweigen um einige Tage zu meditieren. Es war die vierte Stunde des nächsten Tages; er kniete vor seiner Hütte und war in Meditation versunken und sein Blick war vertieft in das dichte Blätterwerk eines großen Baumes, der isoliert von den anderen am Ufer des Baches stand, da ertönte plötzlich ein gewaltiges Krachen, und ein helles Licht blitzte inmitten des Baumes auf, dass sich Kýtàæur nach hinten um umschlug. Als er wieder empor blickte, war der Baum in der Mitte hindurch gespalten und die Äste zu beiden Seiten erreichten den Boden.

Dies war das Zeichen auf das Kýtàæur gewartet hatte. Sogleich eilte er zurück zu seinem tamm und führte ihn hierher zu den gespaltenen Baum. Die Männer und Frauen seines Volkes erblassten in Ehrfurcht, als sie die Kraft der Götter in dem gewaltigen, geborstenen stamm erkannten und alle stimmten Kýtàæur zu, dass dies der ihnen bestimmte Ort sei.

Die nächsten Generationen bauten nun hier an dieser Stelle ihre Stadt. Doch um den Baum herum wurde ein Tempel errichtet, um den Göttern zu huldigen. Es begab sich nun aber im Jahre 723, dass der Baum trotz seiner großen Verletzungen jedes Jahr aufs neue grünte und Blätter trieb, verdorrte. Seine Wurzel verfaulte. Schweren Herzens erkannten die Alben, dass das Wahrzeichen ihrer Stadt den Weg aller Materie ging, doch sie wollten die Erinnerung weiter in ihrer Mitte behalten und so begannen die tüchtigsten Steinmetze der Stadt aus einem großen Sandsteinblock einen stilisierten, gespaltenen Baum zu formen, der

schließlich nach der offiziellen Segnung, durch die geistlichen der Stadt, den alten Baum als Wahrzeichen ablöste. Später fand diese Skulptur auch Einzug als Symbol in viele offizielle Dokumente und sogar auf das im Jahr 1204 eingeführte Münzgeld.

 

- Doch was geschah am jenen Tag, als eine große Explosion diesen Baum entzwei riss?

Dies erfuhren die Alben von damals nie, doch heute weiß man, dass die Ursache in einer Käferart zu suchen ist, die in diesen Breiten lebt. Diese verteidigen sich mit Hilfe eines lauten Knalls, den sie durch herausschleudern zweier Flüssigkeiten aus ihrem Hinterleib erzeugen, die in der Luft heftig miteinander reagieren und eine kleine Explosion hervorrufen. Es musste wohl so gewesen sein, dass sich in einer Höhlung dieses Baumes diese Käfer auf eine ungewöhnlich starke weise vermehrt hatten. Was nun noch hinzukam, war ein Auslöser, der diese unnatürliche Ansammlung auf eine Art und Weise erschreckt haben muss, dass sie alle mehr oder minder gleichzeitig ihren Verteidigungsmechanismus aktivierten. Dieses resultierte in einer einzigen, gemeinsamen Explosion im Inneren des Baumstammes, der ihn zerbersten ließ. Was dies gewesen sein könnte, darüber wird häufig spekuliert, doch wird man es wohl nie mit 100%iger Sicherheit nachweisen können.