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Die Gedhal

© Ehana

(Die Betonung liegt auf der zweite Silbe. Das dh spricht sich wie ein weiches behauchtes d. Wer das nicht aussprechen kann, kann es gern durch ein normales d ersetzen, das wäre dann Hauptstadtdialekt. ;-))

Dringt man tiefer in die Bergwälder um Aï Dham vor, stößt man bisweilen auf einen silbrig glänzenden Belag, der sich bodennah in feinen Spuren um die verholzten Teile von Bäumen und Sträuchern windet. Man kann sich dann sicher sein, dass man sich gerade in einem Gebiet aufhält, in dem der Vogel lebt, von dem man sich, obwohl man ihn nur sehr selten zu Gesicht bekommt, aufgrund seines außergewöhnlichen Verhaltens auch fernab seines Lebensraums gleichermaßen fasziniert und ungläubig erzählt – der Gedhal.

Aussehen

Der Gedhal gehört zu den größeren Vögeln der Region um Aï Dham. Vom Kopf bis zum Schwanzansatz ist er etwa so lang wie der Unterarm eines Menschen. Dazu kommt jedoch noch sein langes, prächtiges Schwanzgefieder, das beinahe noch einmal so lang ist. Der Körper ist gänzlich mit kurzen Puderdunen besetzt. Anders als bei vielen anderen Vögeln der Region erscheint der Kopf des Gedhal geradezu nackt, weil ihm darauf keine längeren Schmuckfedern wachsen. Das Gefieder ist beim Männchen von einem leuchtenden Rot, auf den Flügeln und am Kopf kommen noch violette Sprenkel hinzu. Das Weibchen ist etwas dunkler, aber ebenfalls rot. Die prächtigen Schwanzfedern sind bei beiden abwechselnd rot und violett, sanft geschwungen und können mit einer unglaublichen Präzision bewegt werden. Mit ihrer rotvioletten Färbung fügen sich die Vögel hervorragend in die Flora der Bergwälder ein, die ebenfalls von Rottönen dominiert wird. Dies ist auch nötig, denn Gedhalen verbringen den Tag schlafend in den Baumwipfeln und werden erst bei Einbruch der Dämmerung aktiv.

Nahrung

Der Gedhal ernährt sich ausschließlich von Insekten, und diese fängt er mit einer Methode, wie sie von keinem anderen Vogel bekannt ist. Aus seiner Bürzeldrüse sondert er ein Sekret aus, das er aber nicht wie andere Vögel zur Gefiederpflege verwendet, denn dazu wäre es denkbar ungeeignet – die Substanz ist im feuchten Zustand extrem klebrig. Vielmehr hebt der Vogel mit seiner kräftigen Muskulatur das Schwanzgefieder und verteilt das Sekret auf tief hängenden Stauchzweigen, an Gräsern und auch an der Rinde von Bäumen. Es bildet lange, klebrige Fäden, die dem Gedhal auch den Namen „Spinnervogel“ verliehen haben. Wenn sich bald die ersten Insekten heillos in dem Gespinst verklebt haben, schreitet der Vogel zur Tat und pickt sie mit seinem scharfen Schnabel, der die Fäden leicht durchtrennen kann, heraus und vertilgt sie.

Im frisch aufgetragenen Zustand ist die Substanz kaum zu erkennen. In der Hitze des Tages trocknet sie und härtet aus. Sie schimmert dann leicht silbrig und wirkt wasserabweisend. Zwischen dünnen Zweigen, Gräsern und Blättern werden die Fäden dennoch durch die häufigen Regenfälle zerstört, einfach weil sie der Wucht der herabprasselnden Tropfen nicht standhalten. In den Furchen von Baumrinde etwa kann sich die Substanz aber über Jahre hinweg halten, vor allem wenn es sich um einen Baum handelt, der gern von den Spinnervögeln zum Nahrungsfang benutzt wird und so immer neue Schichten hinzukommen. Wer aufmerksam durch die Bergwälder um Aï Dham streift, wird also mit Sicherheit früher oder später auf die silbrig glänzenden Anzeichen dafür stoßen, dass dies ein Gebiet ist, in dem Gedhalen leben.

Lebensweise

Der Gedhal erwacht in der Abenddämmerung und macht sich dann auf Nahrungssuche. Tagsüber würde die Spinnersubstanz in der Hitze zu schnell austrocknen und hart werden, so dass er große Schwierigkeiten hätte, Nahrung zu fangen. Sofern es nur ein bisschen Licht, etwa von einem der Monde, gibt, kann er ausgezeichnet im Dunkeln sehen. Tagsüber verbirgt er sich mit seinem farbenfrohen Federkleid perfekt in den Kronen von Bäumen mit rötlichen Blättern, von denen es in und um Aï Dham so mancherlei Arten gibt, und verschläft die Hitze. Gedhalen können zwar fliegen, legen für gewöhnlich aber keine großen Strecken zurück. Meist beschränkt sich ihre Flugaktivität darauf, in der Dämmerung von einem Baum herunter- und im Morgengrauen auf den nächsten hinaufzukommen, oder zwischen verschiedenen Bäumen hin- und herzuwechseln. In Bodennähe sind sie meist auf den Beinen unterwegs, wenn es darum geht, die Fangsubstanz zu verteilen.

In der Balzzeit kann man nachts aus den Wäldern den charakteristischen Balzschrei des Gedhalmännchens hören, wie es Weibchen anzulocken versucht. Es sitzt dabei meist in irgendeiner Baumkrone und ruft von dort aus eine schnelle Abfolge kurzer, schriller Töne in die Nacht hinein. Zuvor hat es aus Zweigen und der Spinnersubstanz zwischen ein paar Astgabeln eine Art Nest für den künftigen Nachwuchs gebaut, für das es nun nach einer passenden Bewohnerin sucht. Zeigt sich ein Weibchen, nähert sich ihm das Männchen vorsichtig und vollführt dabei mit seinem beeindruckenden Schwanzgefieder kreisende Bewegungen, die dem Weibchen seine Gesundheit und Kraft demonstrieren und es in das Nest locken sollen. Entschließt sich die Angelockte zur Paarung, lässt sie sich zunächst symbolisch in dem vom Männchen gebauten Nest nieder, bevor es zur Kopulation kommt. Das Weibchen legt zwischen drei und fünf Eiern. Nach etwa dreißig Tagen schlüpfen die kleinen Gedhale. Das Weibchen bleibt so lange bei den anfangs nackten und blinden Kleinen, bis sie groß genug sind, um das Nest zu verlassen; einstweilen kümmert sich das Männchen um die Beschaffung von Nahrung. Der Überschuss an Spinnersubstanz, der währenddessen im Bürzel des Weibchens entsteht, wird dazu benutzt, um das Nest zu reparieren. Sind die Jungen flügge, trennen sich die Wege der Eltern wieder. Gedhale leben die meiste Zeit des Jahres einzeln und finden sich nur zur Paarung und Aufzucht der Jungen zusammen.

Der Gedhal und die Menschen

Mit seinen ungewöhnlichen Verhaltensmustern und dem prächtigen Schwanzgefieder übt der Gedhal seit Jahrhunderten große Faszination auf die Oremh aus, in deren Staatsgebiet sein Lebensraum zum Großteil fällt. Unzählige Versuche gab es, die schönen Vögel einzufangen und als Ziervögel in den herrschaftlichen Stadtvillen der hohen Adelsfamilien zur Schau zu stellen. Kein einziger war von Erfolg gekrönt – der Gedhal verweigert sich in Gefangenschaft konsequent der Nahrungsaufnahme. Allem Anschein nach frisst er nichts, das er nicht mit seiner Sekretmethode selbst gefangen hat. Außerdem wird sein Lebensrhythmus, der ja ausgeprägte Nachtaktivität vorsieht, durch das Halten und Vorführen in Käfigen empfindlich gestört. 3128 n. Dh. sorgte ein Experiment für Aufsehen, das auf Anregung des damaligen Herrschers der Lahar-Dynastie in Aï Dham durchgeführt wurde. Man fing ein Gedhalpärchen ein und setzte es im Innenhof eines Adelsanwesens aus, den man zuvor aufwendig mit einem feinmaschigen Netz überspannt und umzäunt hatte, damit die Vögel nicht davonfliegen konnten. Den Hof selbst hatte man so ausgewählt, dass er eher einem Garten entsprach und sich in ihm viele Bäume, Sträucher und auch ein paar künstliche Gewässer und Felsformationen fanden, wie sie auch im natürlichen Lebensraum des Gedhal vorkommen. Alles nützte nichts – das Männchen versuchte erst gar nicht, sich um Nahrung zu kümmern, und starb bald darauf. Das Weibchen fing irgendwann an, seine Sekretspuren auszulegen, und fing auch ein paar Insekten, zeigte aber nur wenige Tage später genauso lethargisch wie sein Partner und teilte letztlich dessen Schicksal. Seitdem hat es keinen groß angelegten Versuch mehr gegeben, einen Gedhal einzufangen – jedenfalls keinen, der bekannt geworden ist. Die Vögel scheinen genau mitzubekommen, wenn man sie aus ihrem ursprünglichen Gebiet entführt, mag das, in das man sie bringt, ihrem Lebensraum noch so ähneln. Trotz dieser gescheiterten Versuche – oder vielleicht gerade deswegen – ist die Faszination der Oremh für die Gedhalen ungebrochen. Nur wenige haben die schönen Vögel bislang beobachten können, ziehen sie sich doch bei Tage zum Schlafen zurück und suchen sie des Nachts sofort den Schutz der nächsten Baumkrone auf, wenn sich ein größeres Wesen nähert.

Bei den Siú, den seit jeher sehr naturverbundenen südlichen Nachbarn der Oremh, gilt als besonders von den Göttern gesegnet, wer im Wald eine Gedhal-Schwanzfeder findet, denn dies geschieht selten genug. Auf keinen Fall würde ein Siú seinem Glück auf die Sprünge helfen, denn das derart sinnlose Töten oder Quälen von Tieren gilt als Sakrileg, und wer gewaltsam versuchen würde, an eine Gedhalfeder zu kommen, dem würde diese sicherlich kein Glück bringen, sondern eher das Gegenteil.