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Der Schneidereid von Ichera

© Mara

In Ichera sind Städte wie Fremde an Paraden gewöhnt. Jedes Jahr marschieren die Gardetruppen des Herrschers von ihrer Kaserne zum Hafen und begrüßen dort das Schiff ihres Lehnsherren, der symbolisch mit dem Fluss verheiratet wird, dem er seinen Namen verdankt. Wann immer ein Herrscher stirbt und ein neuer antritt, so können gleich alle Arten von Vasallen sich auf den Marsch durch die Stadt der Stufen machen.

Eine der vielen berühmten Paraden und Festivitäten sticht jedoch gleich auf mehrere Art und Weise aus der Masse solcher Veranstaltungen hervor. Zunächst sind es keine Militärs, keine Leibwächter und auch ansonsten keine Leute, die man als direkte Vasallen des Herrschers sehen würde – und doch werden ihnen alle Rechte des Militärs zugestanden. Die Straßen und Rampen werden gesperrt, ihnen ziehen Musiker voran und alle Verandaglocken entlang des Weges werden am Windspielklöppel mit leuchtend bunten Wimpeln verziert. Der Rest der Stadt legt die Arbeit nieder und säumt schreiend und jubelnd den Weg und die Marschierenden verbringen auch nach Parade und Audienz beim Herrscher die ganze Nacht bei Feierlichkeiten im Palast, die jedoch ansteckend bis in die anderen Stufen und Terrassen überfließen und überall Lesungen, Theater und Lichterfeste nach sich ziehen.

Aber es sind keine kräftigen jungen Soldaten, die da vom untersten Viertel bis hin zum Palast marschieren. Viele von ihnen sind sogar schon ausgesprochen alt und werden von Familienmitgliedern die vielen Rampen und Treppen hinauf begleitet. Und sie tragen keine Waffen, sondern ein jedes Familienoberhaupt hat einen strahlend klar gefärbten und kunstvoll bestickten altmodischen Militärmantel über den Armen drapiert.

Alle fünf Jahre – zuweilen auch in kürzeren Abständen – marschieren die Schneider Icheras mit Mänteln zum Herrscher und er ist verpflichtet, jeden davon zu kaufen.

Der Mantel als Herrschaftssymbol

Der Mantel hat als Wolat, Merkwort für den Buchstaben W, seinen Weg in das Alphabet amaTheras gefunden, und das zurecht. Schließlich ist seit Theranischer Zeit der rechteckige bestickte Schultermantel mit Scheibenfibel ein Zeichen herrschaftlicher Würde in den südselwe'schen Flusseinzugsgebieten. Im Rückgriff auf theranische Zeit hat sich der moderne Herrscher seither auch diesen Mantel als Symbol seiner Position und Macht zu eigen gemacht. Dass sich das bis heute gehalten hat, ist vermutlich auch mit ein Verdienst der Schneider und der Tradition, alle fünf Jahre die schönsten Exemplare eben dieser Mäntel zum Palast zu bringen.

So bietet der Herrscher auch heute ebenso eine anachronistische Erscheinung wie auch seine Leibgarde und ist regelrecht verpflichtet, die antike Tracht weiterhin in der Öffentlichkeit zu zeigen. Speziell am derzeitigen Herrscher, Akuiren III, wirkt dies jedoch noch etwas verwirrend, da er mit gerade mal zwölf Jahren zu klein für die ererbten Mäntel seines Vater ist und noch die Fünfjahresfrist für die Überreichung der nächsten Mäntel ist seither noch nicht verstrichen und tatsächlich hat sich ein Herrscher zu hüten, einen Mantel außerhalb der seltsam anmutenden Zeremonie zu erstehen.

Der Treueeid der Schneider

Die Tradition des Marsches basiert auf einem historischen Ereignis aus dem Jahr Hadraan Ossoonin (1245 Jahre vor dem heutigen Jahr Akuiren III Yinmacsath). Das amaTheranische Reich hatte sich zwei Jahre vorher östliche Provinzen von Arracii abgebissen und seither existierten beide Machtblöcke in einem missliebigen Waffenstillstand, doch die Absichten Hadraans, mit der Zeit weitere Stücke des Konkurrenten abzusprengen und einzugliedern, waren nur zu offensichtlich.

Agenten Arraciis bekamen den Auftrag, den unliebsamen Herrscher zu ermorden und damit den Weg für den geistig wenig starken Sohn Harapuul zu machen, den man leichter unter Kontrolle zu bekommen hoffte. Als günstiger Moment wurde einer ausgesucht, an dem der amaTheranische Herrscher von möglichst wenig Wachen und ansonsten nur ungeübten Zivilisten an einem ohnehin schlecht bewachten Ort befand.

Beste Gelegenheit boten daher die Zunftbesuche des Herrschers, der bei allen großen Vereinigungen seiner Hauptstadt regelmäßig einen Besuch pflegte, bei dem nicht nur die symbolischen Gegenstände der Herrschaft erstand – nicht nur Mäntel, sondern auch die gewürzten Brote der rituellen Speisen, Weine, Speereisen und Glocken – sondern seine Verbundenheit mit den Handwerkern zu zeigen versuchte. Die Schmiede und Glockengießer wurden als zu wehrhaft eingestuft und selbst Arraciihe haben zuviel Respekt vor den Göttern, um rituelle Speisen zu entweihen. Schneider jedoch wurden als harmlos eingestuft und so wurde das Attentat auf den Besuch bei der Zunft der Schneider gelegt, bei dem Hadraan die herrschaftlichen Mäntel erstehen würde.

Womit die Attentäter aus Arracii nicht rechneten, war, dass ausgerechnet die überstolzen Schneider – die ja immerhin DAS Symbol für ihren Herrscher herstellten – sich mit allem, was sie hatten, für das Leben Hadraans einsetzen würden. Die eingeschlichenen Mörder, allesamt mit den zu der Zeit modischen schmalen Stoßdolchen ihrer Profession bewaffnet, sahen sich mit dem ersten Griff zur Waffe und dem ersten Schritt auf den Herrscher zu einer Menge empörter Schneider gegenüber, die jedoch mit nichts anderem bewaffnet waren als Mäntel.

Durch die erst verwirrten, dann verärgerten sieben Attentäter starben eine ganze Reihe Schneidermeister oder wurden zumindestens verletzt, denn sie schlugen nicht nur Alarm, sondern warfen sich regelrecht auf die Mörder und warfen die unendlich kostbaren bestickten Stoffbahnen der Mäntel auf die Angreifer, um sie aufzuhalten.

Hadraan entkam und in Folge gewährte er den Schneidern Icheras auf ewig ein besonderes Recht in seinem Staat: Sie leisten einen Treueeid auf den Herrscher amaTheras wie die Leibwache, immer für ihn einzustehen und sein Leben zu schützen – und alle fünf Jahre, wenn sie den Vorsteher der Zunft neu wählen (oder wenn einer vorzeitig verstarb und so neue Wahlen nötig sind), wird dieser Eid in einer prunkvollen Parade und Zeremonie erneuert. Bedingung war, dass ab nun die Überreichung der Mäntel in einem sicheren Rahmen im Palast stattzufinden hatte, aber dafür wurde das Privileg auf eine Parade mit allen Ehren vergeben. Und: ein jedes Schneiderstudio bringt einen Mantel, an dem teilweise die ganzen fünf Jahren zwischendrin gearbeitet wurde. Oft mit Perlen, Metallfaden und Applikationen regelrecht überkrustet hat der Herrscher die PFLICHT sie zu kaufen und der Schneider selber bestimmt dafür ohne Handeln, ohne Einwände den Preis.

Tatsächlich ist es jedoch für die Schneider eine derart hohe Ehre, dieser Aufgabe nachzukommen, dass sie gerade zu lächerlich niedrige Preise verlangen. Sie präsentieren ihre Arbeit mit tiefer Verneigung, nennen den Preis, werden bezahlt und wenn sie es geschafft haben, ein prächtigeres Stück als der Nachbar abzuliefern oder den Preis eines anderen zu unterbieten, gesellen sich strahlend vor Stolz wieder unter den Rest der Schneider. Für den Rest des Tages sind sie Gast ihres Herrschers, in einem von Glocken gesäumten Saal, der von Wachen mit geweihten Speeren bewacht wird und wo die traditionellen Tiseth-Brote und Weine gereicht werden. Und wissen genau, dass die Herrsteller all dieser Waren nicht in Parade und persönlicher Audienz ihre Werke überreichen.

Ihnen ist es zu verdanken, dass der Herrscher für einen Fremden im prachtvollen Mantel eine nahezu gottgleiche Gestalt abgibt – den wohl wehrhaftesten Schneidern des Reiches oder zumindestens den Nachkommen derselben.