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Die Blüte von Merothum

© Sturmfaenger

Vescwes Therwi sagt Ihr? Ja, natürlich kannte ich ihn. Nicht näher natürlich - ich war vierzehn als er starb, seht mich heute an, rissig und brüchig wie eine mürbe Ziegelwand. Doch Vescwes? Den hab’ ich nie vergessen! 
Laßt einen alten Mann sich setzen, dort auf die Bank. So ist es besser.
Die Stadt war nie mehr dieselbe, seit er hier durchgefegt ist. Dieser Therwi war der seltsamste, besessenste aller Therwi, die unsere Stadt je hervorgebracht hat. Naerius bewahre uns vor solch fanatischem Eifer! Kurz nach meiner Geburt ging das los, da tauchte er hier wieder auf und riß uns alle mit. Daß er am Ende recht behielt, tut jetzt nichts zur Sache. Vescwes der Erbauer kam, und aus war’s mit dem Frieden in Merothum! 
In unserm Seitental der Lyenachen war das Leben früher ruhig. Ja, Glasbläserei gab es damals auch schon, aber nicht in dem Maße wie heute. Und jetzt dürft ihr raten, welche Familie dahintersteckte. Genau. 
Die Therwi hatten immer Geld, und eine Seidenzunge, doch wehe man stellte sich ihnen in den Weg! Sie haben den jungen Vescwes damals fortgeschickt, nach Shinwre in Khejun, um die Architektur zu studieren. Der war schon als Jüngling aufs Bauen versessen. Hat wohl beim Palast von Jhenaui mitgeholfen, drunten in Khejun, und ist dann jahrelang herumgezogen um zu lernen. War niemals selber dort, im Süden. Ich kenne nur die Blüte. Und die ist was Besond’res, das geb’ ich neidlos zu. Selbst die Südländer kommen und staunen, dabei müßten sie doch wenigstens die Formen aus ihrer Heimat kennen...
Wände, mal dick mal dünn, genau an den rechten Stellen. Keine Ecken findet Ihr, da wo’s nicht nötig ist, überall Bögen, Kurven und Spiralen. Strohdach? Nein, Ziegel, durchbrochene Wände, schlanke Säulen und Mosaike auf dem Boden. Pflanzen überall. Und schmale Bächlein, die mitten durch die Räume fließen, wie ein Aquädukt in klein. Nicht überladen, versteht Ihr, trotz der vielen Farben. Das kennt man hier nicht, seht Euch unsere Häuser an. 
Doch Vescwes’ Kopf war voll von diesem Zeug als er heimkam, um sein Erbe anzutreten. Hat einen Haufen Gold geerbt, und ist gleich nach der Trauerzeit zum Stadtrat gerannt, zum Stadtmeister, sogar zum Kriegsherrn drüben in der Feste von Vesardum. Hat sie alle beschwatzt und bestochen, um ein Bauwerk zu errichten, wie es noch keines gegeben hat. Merothum wird berühmt, hat er gesagt, alle werden kommen und staunen, und sie werden unser Glas wollen für ihre Häuser. Die Glasermeister haben zugehört, die Wirte, die Händler, sogar die kleinen Leute. Und das war die Geburt der Blüte.
Nun, da drüben seht ihr sie. Vielleicht kommt nachher die Sonne raus, dann... ach, wißt Ihr was, ich führe Euch hin. Das müßt Ihr selbst sehen. Kann Euch auf dem Weg dahin noch ein bißchen was erzählen, wenn Ihr wollt. 
Sie wird Euch gefallen, Vescwes’ Blüte. Hat sich wohl hier und da etwas herausgepickt, in seinem Kopf neu zusammengesetzt. Und dann das Glas. Merothglas war früher schon bekannt für seine Leuchtkraft. Vescwes war fasziniert davon, vom Glanz und schimmernden Glasuren. Und wußte genau, wie er sie einsetzen wollte. 
Er hat das Licht hineingelassen, überall wo’s möglich war. In der Rotunde stellt man gern Räucherbecken auf, und der duftende Rauch kringelt sich nach oben, um die Lichtfinger rum, die durch die Fenster brechen. 
Man erzählt sich heute noch, wie Vescwes mit den Baumeistern stritt, die er als Helfer haben wollte. Verrückt haben sie ihn genannt, aber viele sind doch geblieben. Auch Arbeiter hat er zu Hunderten angeheuert. Es hatte drei Mißernten nacheinander gegeben, wißt Ihr. Brot war teuer, und Vesques zahlte gut. Da war es egal, ob der Arbeitgeber ein Scherbenhirn war. Mein Vater war ein Vorarbeiter, und blieb die ganzen neunzehn Jahre Bauzeit mit dabei. Mich nahm er zum ersten Mal mit, als ich fünf war, und ab meinem achten Jahr habe ich täglich mitgeholfen. 
Da sind wir nun, an der Westseite. Dies ist die äußerste Schicht der Blüte, wenn Ihr von dem Grünzeuggürtel absehen wollt, durch den wir gerade spaziert sind. 
Legt einmal den Kopf in den Nacken. Seht Ihr die Spiegelzinnen und glasierten Ziegel? Seht Ihr, wie die Wand verläuft? Fünfmal mannshoch an den höchsten Stellen und leicht nach innen gewölbt verjüngt sie sich nach beiden Seiten, fällt ab, bis ihre Ränder im Boden versinken. Als hätte man eine flache Schüssel in die Erde gesteckt. Dort wo die eine Wand nach unten abfällt, beginnt leicht nach innen oder außen versetzt die nächste Wand. So bilden sie überlappend einen geschlossenen Außenkreis, und wir müssen durch den Haupteingang, um in die Blüte hineinzukommen. Dort vorn ist er. 
Ja, Ihr habt recht. Allein das Eingangstor ist prachtvoll. Dicke Flachglas- und Butzenscheiben, wie faustgroße Edelsteine. Das ist Merothglas. Ein kleiner Vorgeschmack von dem, was ihr drinnen sehen werdet. 
Wie? Ja, man wird uns hineinlassen, wenn nicht grade hoher Besuch angesagt ist. Ihr wißt schon, die Sorte, die teure Vescwesfenster für ihre Tempel und Paläste bestellt. Aber das ist unwarscheinlich um diese Tageszeit.
Hm? Ach, ich war einer der Hausmeister, sozusagen. War ja beim Bau dabei, wer könnte sie besser kennen? Bin jahrzehntelang in allen Winkeln der Blüte umhergekrabbelt. Mein Jüngster hat mich vor zwei Jahren abgelöst, ich besuche ihn oft. Wenn ich dann und wann einen Besucher mitbringe, drücken die Torwachen ein Auge zu. Gut, daß Ihr mich getroffen habt, eh? Ihr müßt wissen, daß wir nun gleich in ein Reich von Farben und Licht eintreten, Vescwes war ein wahrer Magier des Lichteinfalls, obwohl er natürlich magisch nicht begabt war. 
Macht Euch bewußt, daß dem ganzen Gebäude eine logische Geometrie zugrunde liegt, wenn es auch durch die zahlreichen geschwungenen und halbrunden Wände nicht so scheinen mag. 
Na los, Ihr zuerst, ich will Euch nicht die Sicht versperren. Hört Ihr das leise Plätschern? Die Wasserrinnen dort am Boden leiten das Wasser zum Herz der Anlage, in das Becken der Rotunde. Es hat den ersten Springbrunnen, den Merothum je gesehen hat. Und der Boden dort drinnen? Der wird mit Dampf beheizt, und das Becken erwärmt. Die Gäste fühlen sich dann entspannt wie im Badehaus, sogar Kriegsherr Jhaccht kommt gern her. Kein Wunder daß sie normale Bürger hier nicht reinlassen. 
Hebt Euren Blick einmal nach oben. Ist es nicht wunderbar? Diese filigranen Streben, die so zart erscheinen, und doch ihren Teil zur Stütze des Ganzen beitragen. Schicht um Schicht stützt sich die Blüte selber ab, wie eine Knospe die sich niemals öffnen darf. Vescwes verstand sein Handwerk, seid unbesorgt. Es gibt auch große Pfeiler, seht Ihr, dort ist einer.
Jetzt kommt der Saal der Spiegelfliesen, es gibt natürlich noch drei Gegenstücke, der Symmetrie halber. Achtet darauf, wie sie das Licht von oben verteilen, diese Butzenfenster hat er mit Absicht farblos gelassen, dafür sind die Wände bemalt.
Alles taghell hier drinnen.
Allerdings müssen wir die Glasdächer im Winter mit Schilfmatten abdecken, und den Schnee herunterschaufeln. Und das Putzen? Eine Schufterei, ich sag’s Euch. 
Ach ja, der Innenhof mit den szúrischen Statuen. Ich erinnere mich noch wie wir ihn gemauert haben. Hier habe ich Vescwes zum ersten Mal gesehen, graubärtig, auf seinen Stock gestützt, ein Bündel Pläne unterm Arm, mit schmalen Lippen wie ein Pinselstrich und flackernden Augen. Hab’ vor Schreck nen Ziegelstein zerbrochen und bin hinter nen Bottich Mörtel in Deckung geflitzt, wißt Ihr, der alte Kauz stand in dem Ruf, seinen Stock auch zu gebrauchen. Die Therwi waren schon immer herrisch, sagen sie. 
Na, sie können sagen was sie wollen, Vescwes hat sein Ziel erreicht, und etwas Einzigartiges geschaffen. Es hat Merothum gut getan. Das Geschäft mit Vescwesfenstern blüht, wenn Ihr mir das Wortspiel verzeihen wollt. Vielleicht ganz gut, daß der alte Therwi gestorben ist bevor es soweit war, er war schon eingebildet genug. 
Oh, wie schade. Abgesperrt. Ich hätte euch gern die Rotunde gezeigt. Warscheinlich tauscht man wieder einmal Dachglas aus. Habe ich früher auch oft gemacht, aber wehe man steht unten wenn einem oben etwas aus der Hand rutscht! Ihr wollt ja sicher Vescwes Schicksal nicht teilen, eh? 
Doch, das ist ihm passiert, vierzehn war ich, ganz gewiß. Und seither sperren sie alles ab, nur um sicher zu gehen.
Tragische Sache sein Tod, drei Wochen vor der großen Einsegnungsfeier. Sie haben seine Asche drüben im Hof der Blumen vergraben, der Lurpriester hat’s erlaubt. Hatte ja niemanden außer seinem Lebenswerk, der alte Griesgram. Seither gehört dies alles der Stadt.
Nun schaut nicht so enttäuscht drein. Ihr habt bereits mehr gesehen als viele andere - die Blüte von innen! Ich führe euch noch durch die Kristallhalle, mit ihren Prismaeffekten. Vescwes hat sogar eine Lizenz für ein kleines Leuchtsteinnetz erworben, abends sieht das prächtig aus. Und dann gehen wir wieder nach draußen, wißt Ihr, es ist Mittag, mein Magen knurrt schon. 
Was höre ich da? Einen Krug Bier wollt Ihr mir spendieren? Und mich auf eine Mahlzeit einladen? Nun, das hört man gern! Ich kenne da ein wunderhübsches kleines Plätzchen mit hervorragender Küche, mein Großneffe leitet es. Wenn Ihr mir bitte folgen wollt...