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Die Brommelbeere

© Yelaja

Bei der Brommelbeere handelt es sich um ein recht genügsames Gewächs, das in Böschungen und an lichteren Waldstellen ideale Wuchsbedingungen findet. Die langen Zweige der Pflanze winden sich über den Boden und ranken sich an Bäumen und Sträuchern empor um ihren saftig grünen, nierenförmigen Blättern mehr Licht zu verschaffen.

Die mehrjährige Pflanze, die in der knollig verdickten Wurzel Nährstoffe speichert, treibt im zeitigen Frühjahr aus und bildet nach den ersten Blättern auch rasch kleine Blüten, die in Trauben zusammengefasst sind. Der verwachsene Kelch umfasst die Ansätze der fünf Kronblätter, die leuchtend violett und nur am Blattgrund kräftig gelb gefärbt sind. Er bildet eine Röhre, die sowohl die zahlreichen Staubfäden als auch den Fruchtknoten umschließt. Nur die vom Pollen rot gefärbten, spiralig gewundenen Enden der Staubfäden und der Griffel mit der sternförmigen Narbe ragen darüber hinaus.

Im Spätsommer fallen von den befruchteten Blüten Kronblätter, Staubfäden und Griffel ab und es entwickeln sich kleine noch grüne Beeren, die vorerst vom Kelch umschlossen bleiben. Während die Früchte wachsen und reifen, platzt die Kelchröhre schließlich auf und gibt den Blick auf die schwach orange gefärbten Beeren frei. Die Beeren sind im Durchmesser etwa einen halben Zentimeter groß und enthalten fünf kleine Samen. Die Stelle, an der der Griffel am Fruchtknoten saß, ist durch eine bauchnabelförmige Einstülpung gekennzeichnet. Tiere, wie der braune Baumteufel oder der kurzschwänzige Blauhaubensänger, fressen die leicht süßlichen Beeren gerne und verbreiten die unverdaulichen Samen mit ihren Ausscheidungen.

Die Brommelbeere war ursprünglich auf ganz Nandún verbreitet. Sie kam vor allem in gemäßigtem Klima vor, konnte aber auch in den kälteren Regionen der Nordwälder und den subtropischen Gebieten der arincandrischen Ostküste gefunden werden.

Die Blätter der Brommelbeere enthalten ätherische Öle, die sie für Insekten und deren Larven ungenießbar machen und sie auch anderen Pflanzenfressern wenig schmackhaft erscheinen lassen. Getrocknet und als Tee zubereitet lässt sich jedoch ein erfrischendes Getränk von würzig-scharfem Geschmack herstellen.

Seit durch den intensiven Handel zwischen den Nationen Nandúns und Earhúns das rote Zirbeläuglein, eine Schmetterlingsart, nach Nandún eingeschleppt wurde, ging der Brommelbeerenbestand in den wärmeren bis gemäßigten Gebieten kontinuierlich zurück.

Das rote Zirbeläuglein legt seine Eier im Herbst auf allerlei Pflanzen, bevorzugt aber auf der Brommelbeere, ab. Nach der Überwinterung im Ei schlüpfen im Frühjahr die Raupen. Die ätherischen Öle, die die Brommelbeere vor anderen Fressfeinden schützen, versagen bei der Raupe des roten Zirbeläugleins und so weiden die gefräßigen 1,5 cm langen Larven die Brommelbeerpflanzen ab, bis einzig die holzigen Zweige übrig sind. Falls es den geschwächten Pflanzen überhaupt gelingt erneut auszutreiben, bleiben die Blätter kümmerlich und die Blüte bleibt ganz aus. Meist bedeutet der Befall durch das rote Zirbeläuglein schon nach einer Saison den Tod der befallenen Brommelbeerpflanze. Heute findet man die Brommelbeere nur noch vereinzelt in kühlen Gebirgsregionen nahe der Baumgrenze und in den nördlicheren Wäldern Nandúns, wo das Klima für das rote Zirbeläuglein zu rau ist.

Die Brommelbeeren wurden früher zum Färben von Wolle verwendet. Dazu wurden die Brommelbeeren mit Färbersalz vermengt und gestampft. Nachdem der Brei mit einer Mischung aus 3 Teilen Wasser und 2 Teilen Urin vermengt wurde, wurde die gereinigte Wolle in den Ansatz gegeben und zum Sieden erhitzt. Nach 5 Stunden kontinuierlichen Köchelns wurde die Wolle herausgenommen, zuerst in heißen und dann in kaltem Wasser gewaschen und schließlich zum Trocknen und Ausfärben aufgehängt. Die Wolle, die nach der Behandlung noch ihre natürliche Farbe aufwies, nahm während der Trocknung eine kräftig Orange Farbe an.

Obwohl sich das intensive und lange haltbare Brommelbeerorange großer Beliebtheit erfreute, wird heute kaum noch mit Brommelbeeren gefärbt. Wenn sich ein junger Mann aufmacht um an einer entlegenen Stelle einen der seltenen Brommelbeerzweige zu pflücken, hat es einen anderen Grund:

Eine alte Legende erzählt vom jungen Prinzen Deronin. Obwohl seit seiner Geburt ein verwachsenes Auge und eine krumme Nase sein Gesicht verunstalteten und er klein und schwächlich gewachsen war, war er ein fröhlicher und lebenslustiger Geselle. Mit seinem herzlichen und offenen Wesen und seinem wachen Geist gewann er viele Menschen für sich, die sich zunächst durch sein Äußeres abgestoßen gefühlt hatten. So erregte er alsbald das Gefallen der Götter. Und als die Zeit kam, da Deronin sich einer Gottheit weihen sollte, wählte er die Götterzwillinge K’heliwo und K’hesanja, die die Gotteinheit des Lebens sind. Fortan schmückte er sich mit einer Krone aus geflochtenen Brommelbeerzweigen, denn die blühende Brommelbeere war K’hesanjas Lieblingsblume. K’heliwo und K’hesanja sahen dies mit großem Wohlwollen und gewährten ihm eine Gunst und Deronin, dessen einnehmendes Wesen ihm viele Herzen geöffnet hatte, aber noch niemals das einer schönen jungen Frau, wünschte sich, dass er der Frau, deren Gunst er sich erhoffte, gefallen möge. So schenkten ihm K’heliwo und K’hesanja nicht nur eine schöne Gestalt, indem sie die Makel aus seinem Gesicht tilgten, seinen Rücken aufrichteten und ihn stark machten, sondern legten auf seine Brommelbeerkrone auch einen Zauber, so dass er, solange er die Krone trug, von keiner Frau, um die er werben würde, eine Zurückweisung zu befürchten hätte.

Die Legende erzählt weiter, dass ein wenig von der Macht des Zaubers, der auf Deronins Brommelbeerkrone lag, auch auf alle anderen Brommelbeerzweige übergegangen sei. So ziehen Jünglinge, deren Werben um eine Frau zurückgewiesen wurde, bisweilen aus um den Zweig einer Brommelbeere zu pflücken und so doch noch das Herz ihrer Angebeteten zu gewinnen.

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