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Die gelbfüßige Speikrabbe

© Gomeck

Im äußersten Nordwesten Æýansmottírs, an der Höhlenküste, gibt es ein Phänomen, das schon zahlreiche Seefahrer und Fischer vor Rätsel gestellt hatte. Alle vier Jahre erscheint an der gesamten Küstenlinie oberhalb der Gischtgrenze ein dünnes, rotes Band von ca. 2 Schritt Höhe.

Lange Zeit rankte sich darum ein Mythos: Am Anbeginn der Zeit gab es einen großen Kampf zwischen dem Gott der Lüfte und dem Gott des Wassers. Vier Jahre lang tobte der Kampf zwischen den beiden, und schließlich, als der Gott des Wassers müde wurde und unachtsam, da gelang es dem Gott der Lüfte, ihm mit seinem gewaltigen Schwert den Kopf abzutrennen, der aus dem Wasser ragte. Der Kopf rollte daraufhin in die Fluten und versank im Meer, der Stumpf seines Halses jedoch wurde zu Stein. Der Gott der Lüfte betrachtete den steinernen Stumpf, und er beschloss, darauf Leben zu erschaffen, und so entstand Æýansmottír und alles Leben darauf. Doch die Wunde verheilte nur sehr sehr langsam, und sie brach alle vier Jahre erneut auf und begann zu bluten - erst jetzt, viele Jahrtausende später, war die Wunde fast verheilt und Æýansmottír, das einst der Hals des Gottes des Wassers war, zeigt nur noch an dieser einen Stelle, was Æýansmottír einst war.

Diese Sage erzählt man sich heute noch den kleinen Kindern, doch eines Tages wurde das Geheimnis des roten Bandes gelüftet. Der Forscher Sulætým aus der Hauptstadt Ákar-ínam bereiste die nördlichen Regionen und suchte auch die unzulänglichen Steilküsten der Höhlenküste auf - die Klippen der Höhlenküste tragen ihren Namen aufgrund der vielen kleinen und großen Höhlen, geschaffen von Wind und Wasser, und darin hatte sich im Laufe der Zeit eine ganz eigene Flora und Fauna gebildet. Wie bei seinen Forschungsreisen üblicherweise verbrachte Sulætým einige Tage und Nächte in den Höhlen der Küste, wobei er eine interessante Entdeckung machte.

Tief in den Ritzen und Spalten der Klippen fand Sulætým unter anderem eine Krabbe von auffälliger Färbung. Sie war etwa handtellergroß, der Rückenpanzer war im wesentlichen Graugrün, doch einige leuchtend rote Streifen verliefen vom Kopf bis zum hinteren Teil des Körpers. Die langen, dünnen, spinnenartigen Beine waren dagegen gelb, nur an den Innenseiten der Beine verlief ein blauer Schatten. Die Bauchseite war ebenfals blau.

"Ich hatte diese Tiere noch nie zuvor gesehen, doch die Höhlen waren voll von ihnen, wenn man einmal wußte, wonach man suchen sollte. Mich wundert inzwischen auch nicht, dass noch niemand zuvor diese Tiere entdeckt hatte: sie verlassen ihre Verstecke nur des Nachts, und auch sonst sind sie sehr scheue Tiere. Ich mußte stundenlang regungslos sitzen, bevor sie sich heraustrauten, und machte ich auch nur eine zu schnelle Bewegung, huschten sie mit erstaunlicher Geschwindigkeit wieder in ihre Ritzen und Spalten!"

Sulætým fand noch mehr heraus: die Krabben konnten hervorragend auf dem windzerfressenen Felsen klettern, und sie ernährten sich von Pflanzenmaterial und kleinen Tieren, die die stürmischen Fluten des Nordmeeres gegen die Klippen warfen. Natürliche Feinde hatten die Krabben wenige. Es gab eine seltene Art der Küstenflugtiere, ein kleinerer Raubweýðar, der mittels hoher Schreie sich im Dunklen orientieren kann und so nachts auf Beutejagd geht, ferner lebten drei Arten der Nacht-Túk hier in Küstennähe, Flugbeutler, die mit ihren großen Augen auch noch bei geringstem Licht ihre Umwelt gut wahrnehmen können.

Das Interessanteste allerdings war, dass sie ausschließlich im Küstenbereich des "Roten Bandes" lebten, weshalb Sulætým genauer nachschaute. Er nahm auch das rote Band in Augenschein, welches schon fast vier Jahre alt und schon stark verwittert war. Es handelte sich um eine dünne, harzige Schicht, in denen unendlich viele kleine runde Vertiefungen zu sehen waren. Zu des Rätsels Lösung verhalf ihm dann doch noch eine kleine Portion Glück - ein paar Wochen später, als er zufällig wieder in Inam-nú an der Nordküste war, erreichte ihn die Nachricht, dass das rote Band wieder frisch und leuchtend die Klippen zierte. Was er vorfand, war eine klebrige Substanz, und darin eingebettet unzählige Eierchen, kugelrund und hellgelb gefärbt.

"Ich untersuchte einige - man konnte allerdings nichts darin erkennen. So beschloß ich, hier noch einige Zeit auszuharren. Nach ungefähr 5 Tagen konnte man im Innern der Eier Umrisse eines Tieres erkennen, die Eier wuchsen und dehnten sich noch weiter aus, und nach weiteren 15 Tagen schlüpften daraus tatsächlich junge Krabben, gerade so groß wie ein halber Fingernagel. Die rote Schicht war mittlerweile hart geworden, so dass die Krabben darüber hinweg in Richtung Meer gelangen konnten. Sie wurden von den Wellen erfasst und von der Strömung davongetragen. Aufgrund der äußerlichen Ähnlichkeit, die bereits zu erkennen war, bin ich davon überzeugt, dass es sich um die Jungen der Krabbe in den Höhlen handelte. Ohne nähere Untersuchungen kann ich nur spekulieren, doch ich vermute, dass sie ihre erste Lebenszeit im Meer verbringen und erst später wieder hierher an die Küste zurückkommen. Vier Jahre scheint ein Zyklus ihres Lebens zu sein, in denen sie beginnen hier an den Felsen ihre Eier ablegen, hoch genug, dass die Wellen sie nicht erreichen, doch tief genug, dass die Gischt die Eier feucht hält, was vermutlich für die Reifung notwendig ist."

Anmerkung des Autors:

Sulætým hat damit tatsächlich recht, doch was er nicht herausfand: wodurch die rote Schicht entsteht. Erst spätere Forschungen, die sich intensiver mit dem Phänomen auseinandersetzten, brachten zu Tage, dass es sich um Sekret der erwachsenen Krabben handelte, welches aus dem Maul ausgeschieden wird. Dies brachte dem Tier den Namen Speikrabbe ein. Alle vier Jahre schwärmen die Tiere zu Tausenden aus den Höhlen, die Weibchen heften die Eier, die sie bereits in sich tragen, an die Felswand, genau oberhalb der Wellengrenze, anschließend kleiden die Männchen die Eier mit dem Sekret ein, welches überaus zäh ist und von der leichten Gischt der Wellen nicht abgewaschen werden kann. Erst im Laufe der Zeit zersetzt die salzhaltige Luft die Schicht nach und nach, bis sie nach vier Jahren wieder aufgefrischt wird. Die jungen Krabben verbringen tatsächlich die ersten Monate ihres Lebens komplett im Wasser - in den ersten Tagen dezimiert sich ihre enorme Anzahl erheblich, ihr Körper ist noch weich und eine willkommene Nahrung für viele Fische und andere Tiere. Nach etwa 2 Wochen hat sich ihr Schalenpanzer allerdings soweit erhärtet, dass sie recht gut geschützt sind. Trotzdem kommt nur ein kleiner Bruchteil der geschlüpften Tiere nach etwa 6 Monaten zurück an die Küste - wie sie genau diesen Ort wieder finden, ist ein Rätsel.

Sie werden ca. 8 Jahre alt, erleben also zwei Fortpflanzungs-Zyklen. Danach sind die Tiere recht geschwächt und sterben in aller Regel kurz danach.