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Die Lämmer von Talessa

© Shay

Auf dem größten Platz Talessas steht schon seit vielen Jahrhunderten eine Bronzestatue der Göttin Teava, wie sie mehreren Lämmern Schutz unter ihrem Mantel gewährt. Diese Statue ist allgemein unter dem Namen "die Lämmer von Talessa" bekannt. Stand sie ursprünglich frei, so wurde sie nach einigen Jahrzehnten mit einem Dach überbaut, und durch Wände gegen den salzigen Seewind geschützt. Noch immer aber ist die Statue frei zugänglich und steht in keinem Tempel.


Geschichtliche Bedeutung

In den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung, machte sich Sabessa daran, die Insel, auf der es liegt, vollständig zu unterwerfen. Nach und nach verbündeten sich die anderen Städte mit dem mächtigen Nachbarn im Norden, oder wurden besiegt und unterjocht. Am längsten widersetzte sich Talessa im Süden der Insel, das selbst reich und mächtig war. Doch schließlich im Jahr 281 auc, nach einer monatelangen Seeblockade und Gefechten, die selbst im Winter nicht abebbten, mußte Talessa sich schließlich ergeben, da es alle seine Resourcen erschöpft hatte. Als die schlimmsten Spuren des Krieges beseitigt waren, und wieder etwas Geld in der Stadtkasse für andere Dinge als Nothilfe vorhanden war, beschloss der Stadtrat der Göttin Teava, der Schutzpatronin Sabessas, eine Statue zu errichten, um so den Sabenern zu zeigen, daß sie sich in das Schicksal gefügt hatten und die sabessische Vorherrschaft anerkannten. Der Auftrag zur Schaffung wurde einem gewissen Caurilu erteilt, der damals als der größte Künstler Talessas, ja der ganzen Insel galt. Er schuf die Statue, die damals für großes Aufsehen sorgte und noch heute die Kritiker begeistert.

Caurilu zeigte Teava als gütige Hirtin. Über Bluse und kurzem Rock trägt sie einen weiten Mantel, dessen Kapuze ihr vom Kopf gerutscht ist. Mit der linken Hand auf ihren Stab gestützt, öffnet sie mit der rechten den Mantel, um drei Lämmern Schutz zu bieten. Caurilu selbst nannte die Statue "die Lämmer suchen Schutz unter Teavas Mantel".

Um die wahre Bedeutung dieser Statue zu verstehen, muß man einiges über die damalige Zeit wissen. Der Kult der Teava war damals schon recht weit verbreitet auf der Insel. In Talessa selbst hatte er aber noch nicht Fuß gefasst und die Talener hatten auch nicht vergessen, daß Teava ursprünglich die Stadtgöttin Sabessas gewesen war. Während im Teava-Kult mit dem Begriff "Lämmer" alle Menschen gemeint sind, nannten die Talener die Sabener im Spott gerne "Schafe" und bezeichneten das sabessische Heer als "die Krieger der heiligen Schafkacke". Dies war den Sabenern natürlich bewußt, doch ob die Lämmer nun alle Menschen oder nur die Sabener darstellten, war ihnen relativ egal. Caurilu aber hatte sehr viel mehr Hintersinn in sein Werk gesteckt, als allgemein bekannt war. Nur wer genau hinsah, konnte erkennen, daß alle Lämmer männlich waren. Im talessischen Dialekt aber gibt es ein Wort für ein männliches Lamm, das auch als Schimpfwort verwendet wird und dann je nach Zusammenhang Schwächling, Feigling oder auch Jammerlappen bedeuten kann.

Den Einwohnern Talessas war diese Bedeutung der Statue natürlich bald bekannt. Doch als hätten sie so ein Ventil für die Wut über ihre Niederlage gefunden, kam es später nie wieder zu ernsthaften Konflikten zwischen den beiden Städten. Talessa blühte auf und war bald reicher als zuvor. Noch heute aber, über 1500 Jahre nach der damaligen Niederlage, kennzeichnet die Talener ein Gefühl der heimlichen Überlegenheit über die Stadt im Norden und nicht selten schmunzelt man über die Narrheiten, die sich in Sabessa zutragen.


Kulturhistorische Bedeutung

Die Lämmer von Talessa sind auch kulturhistorisch von großer Bedeutung, gelten sie doch als das erste Werk der sabessischen Frühklassik. In der vorausgegangenen Vorklassik wirkten die Statuen sehr steif. Die Füße standen leicht geöffnet nebeneinander, die Hände lagen flach an den Oberschenkeln an, der Blick der weitgeöffneten Augen ging starr nach vorne. Die Statuen waren stark stilisiert, die Gesichter flach und maskenhaft und der Faltenwurf der Gewänder nur angedeutet.

Caurilus Werk ist die erste Großplastik - in der Kleinplastik gibt es einige Vorläufer - die sich um einen natürlicheren Eindruck bemüht. Zu den wirklich lebensechten Statuen der Hochklassik ist es zwar noch ein weiter Weg, aber zum ersten Mal nimmt die Statue eine Haltung ein, als wäre sie mitten aus dem Leben genommen. Das Standbein durchgestreckt zieht sie das Knie des Spielbeins nach innen, um so den Lämmern Raum zu geben, an ihr vorbeizugehen. Dabei neigt sie den Kopf zur Seite, um zu sehen, was da zu ihren Füßen vorgeht.

Das Werk sorgte damals für großes Aufsehen, nicht nur wegen seiner politischen Bedeutung. Konservative Stimmen nannten es Blasphemie, eine Göttin in so menschlicher Pose abzubilden, doch die meisten waren zutiefst begeistert und bald pilgerten alle Künstler nach Talessa, um die berühmte Statue einmal mit eigenen Augen zu sehen. Viele von ihnen blieben in der Stadt und so wurde Talessa auf lange Jahre zur Speerspitze der kulturellen Entwicklung, wenn es auch seine politische Macht größtenteils verloren hatte.