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Die Nenneq

© Sturmfaenger

Diese Echsenart ist mit den Yauci-Schmuckechsen verwandt, lebt aber im Gegensatz zu ihren Vettern nicht in Wäldern, sondern auf und mit mit den Dhlom (mächtigen, büffelähnlichen Herdentieren mit zottigem Haarkleid, Schulterhöhe bis 2,20 Metern, Gewicht bis 1300 Kilogramm).
Die Beziehung der beiden Tierarten hat sowohl parasitäre aus auch symbiotische Züge, da die Dhlom sehr gut ohne die Echsen zurechtkommen, die Nenneq aber nur äußerst ungern ohne die Dhlom. Nenneq leben sowohl in den östlichen Steppen, wo es riesige wilde Dhlomherden gibt, als auch überall dort, wohin die domestizierten Unterarten der Dhlom durch Menschen und andere Völker verbreitet wurden. 
Die wechselwarmen Echsen profitieren von der Körperwärme ihrer Wirte und krabbeln selbst dann noch munter in deren Fell herum, wenn bodenlebende Echsen bereits in Kältestarre verfallen müssen.

Nenneq werden ca. 30cm groß, ihr Schwanz ist nochmals fast genauso lang.
Die bräunlich gemusterte Schuppenhaut der Nenneq ahmt den Schattenfall von zerzaustem Dhlomfell nach, ähnlich wie einer Schlange im Gras verleiht ihnen dies eine hervorragende Tarnung. 
Nenneq haben je ein Arm- und ein Beinpaar. Hände und Füße sehen fast identisch aus, sie haben jeweils fünf Finger, wobei zwei davon als Daumen fungieren und den anderen Fingern gegenübergestellt sind. Jeder Finger ist dreigliedrig, sie sind hervorragende Greifwerkzeuge, denn sie müssen ordentlich zupacken können, um im Geschaukel des Gastgebers nicht zu fallen. Kommt es trotzdem einmal dazu, müssen die abgeworfenen Nenneq schnell handeln, um nicht zertrampelt zu werden. So flink wie möglich springen sie das nächste verfügbare Dhlombein an, klammern sich fest und klettern wieder nach oben.

Sie halten die Dhlom von Parasiten wie Maden, Zecken und Mücken frei, und kommen auch an Stellen, an welche die Hiepa-Putzervögel nicht gelangen können, in das dichte Bauchfell zum Beispiel, das beim Durchstreifen des hohen Steppengrases gern von Zecken als Strickleiter benutzt wird. 
Die Nenneq lauern auch kleinen Vögeln, den Hiepa, auf. Die Echsen verstehen es ausgezeichnet, den Entwarnungsruf der Hiepa-Putzervögel nachzuahmen. Einzelne Nenneq legen sich im flauschigen Nackenfell ihres Dhlom auf die Lauer und trillern das Signal "Kein Nenneq in Sicht".
Kleine Schwärme von 10-15 Hiepa, die auf diese Nachricht ihrer Kundschaftervögel reagieren, lassen sich daraufhin nieder und erleben eine böse Überraschung. Oft gelingt es dem Nenneq, sich einen der Vögel zu schnappen. Sie werden mit einem heftigen Kopfrucken getötet, und ihnen werden mit dem Maul so viele Federn wie möglich ausgerupft, ehe sie am Stück hinuntergeschlungen werden. Zur Verdauung ziehen sich die siegreichen Jäger ins Bauchfell zurück. Diese Leckerbissen ermöglichen es den Echsen, Fettreserven für schlechte Zeiten aufzubauen.
Gelegentlich von den Dhlom zertretene Kleintiere wie Mäuse und Schlangen werden ebenfalls nicht verschmäht, machen jedoch nur einen Bruchteil des Speiseplans aus.

Einzelne Nenneq sind nicht an bestimmte Dhlom gebunden und scheuen sich nicht, eines zu verlassen und zum nächsten zu wechseln. Nenneq haben keine größeren Reviere als das Tier auf dem sie gerade sitzen, und wechseln es alle paar Tage. Durch die Rotation der Nenneq kommt jedes Dhlom einer Herde in gewissen Abständen in den Genuß einer Parasiten-Putzaktion. 
Wird die Nahrung einmal knapp und es ist kein anderes Dhlom in der Nähe, haben die Nenneq kein Problem damit, ihrem Dhlom mit spitzen Zähnchen die Haut aufzubeißen und das hervortretende Blut abzulecken.

Die Nenneq verständigen sich mit ihren Artgenossen über kurze Trillerrufe, haben sich aber außerhalb der Paarungszeit nicht viel zu sagen. 
Wenn ein Echse allerdings bei einem Dhlomwechsel nicht bemerkt daß im Bauchfell seines neuerkorenen Wohnsitzes bereits ein Bewohner sitzt, kann es zu einem Duell kommen. Beide Echsen klettern dazu auf den Rücken des Dhlom. Sie klammern sich fest, recken ihre Schwänze in die Höhe, bewegen sie drohend vor und zurück und trillern einander mit weit geöffneten Mäulern an. Wer am besten droht, hat das Wohnrecht.

Zweimal im Jahr - nach der Paarung und nach der Geburt der Dhlomkälber - verfärben sich die Schwänze der Nenneqweibchen leuchtendrot. Sie begeben sich auf den höchsten verfügbaren Aussichtspunkt - den Dhlom-Kopf - klammern sich an seiner Mähne fest und recken ihr Hinterteil mitsamt Schwanz wie einen Signalmast in die Höhe.
Die Männchen - ebenfalls zum Ausspähen auf den Köpfen ihrer Dhloms postiert - halten eifrig Ausschau. Bei Sichtung eines Weibchens liefern sie sich ein regelrechtes Wettspringen von Rücken zu Rücken, bis sie auf den benachbarten Dhlom Position beziehen. Anschließend wird getrillert und gezirpt was das Zeug hält. Wer in der Gesamtwertung vorne liegt wird für die Paarung erkoren.
Die Nenneq sind eierlebendgebärend. Die acht bis zehn Jungen schlüpfen nach sechswöchiger Tragezeit, und zwar nachts, wenn die Dhlom ruhig dastehen. Das Muttertier stößt jedes Ei einzeln aus und wechselt zwischendurch zwei, drei Mal das Dhlom. Das Verteilen auf mehrere Wirtstiere verringert die gegenseitige Konkurrenz der Brut und erhöht die Überlebenschancen der eigenen Gene. 
Die Jungnenneq schlüpfen direkt nach der Eiablage aus den pergamenthäutigen Eiern, sie sind nur ca. drei Zentimeter groß und krabbeln sofort in Deckung. Denn sie müssen sich vor den Angriffen der Hiepa in acht nehmen, die nun ihrerseits Brut zum Aufziehen haben und hinter den kleinen Echsen her sind. 
Im Schutz des Fells unterziehen sie das Dhlom im Verlauf der folgenden Wochen einer gründlichen Reinigung. Flöhe, Larven, Fliegeneier... der Appetit der schnellwachsenden Jungen beschert dem Dhlom eine zeitlang himmlische Ruhe vor diesen Plagegeistern.

Sobald ein Erwachsener in solch eine Kinderstube eindringt stoßen die Jungtiere trillernde Laute aus. Dieses Signal löst bei den Nenneq, für die Lebewesen so geringer Größe eigentlich Leckerbissen sind, eine Tötungshemmung aus und sie dulden gar, daß sich einzelne Junge an ihren Rücken klammern und huckepack reitend auf andere Dhlom wechseln. So verteilen sich die Kleinen nach und nach über die Herde, bis jede Echse wieder ihr eigenes Tier hat. Sind die Herden zu klein, verliert der Trillerreiz der Jungen an Wirkung weil die Erwachsenen zu oft damit konfrontiert werden. Dann werden doch einige Jungtiere gefressen, bis das Verhältnis sich wieder eingependelt hat.

Für die menschlichen Ulai-Nomaden sind die rotgefärbten Schwänze erlegter Nenneqweibchen ein beliebtes Dekorationselement für Kleidung und Kopfschmuck, sie setzen die Nenneqjungen seit jeher ein, um besonders stark befallene Dhlom von Parasiten zu befreien, oder um den eigenen Körper entlausen zu lassen. 
So kam es dazu, daß diese Nenneq ihre Scheu vor den Menschen verloren, und gelegentlich als Schoßtiere gehalten werden. Gemäß ihrer Natur halten sie aber nicht einem bestimmten Menschen die Treue, sondern suchen sich ständig neue Träger aus, welche sie so lange betrillern bis sie auf Kopf oder Schultern gehoben werden, oder unter die Kleidung krabbeln dürfen.