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Die Pisikki osaemki

© Yelaja

„Im Süden Nanduns, in den Dschungelgebieten der pestritischen Halbinsel berichten die Eingeborenen von kreisrunden Lichtungen inmitten des dichtesten Waldes, in deren Zentrum nur eine einzelne Pflanze wächst. Bei den Eingeborenen heißt es, dass in diesen Pflanzen böse Geister wohnen würden, die den Boden vergifteten, so dass dort nichts sonst mehr wachsen könne. Die Einheimischen nennen die Pflanze Suhuyakka, Geisterbaum.

Wenn eine solche Pflanze in der Nähe eines Dorfes wächst, bedeutet dies ein schlechtes Omen für das Dorf, denn der Zorn des bösen Geistes könnte schreckliches Unheil heraufbeschwören. Die Dorfbewohner bringen deshalb jeden Monat, wenn der letzte Tag des Schwarzmondes gekommen ist und der böse Geist in der Pflanze am unruhigsten ist, bei Sonnenuntergang Opfergaben an den Rand der Lichtung um den Geist zu besänftigen. Am folgenden Morgen sind die Gaben verschwunden.

Manchmal nach einem Jahr oder oft aber erst nach vielen Jahren beschließt der Geist, dass das Dorf genug geopfert hat und verlässt die Pflanze, die daraufhin abstirbt. Binnen einiger Wochen verrotten die krautigen Teile der Pflanze und es bleibt nur das schwarz glänzende Holz zurück, das so hart und widerstandsfähig ist, dass das Gerippe der Geisterpflanze noch über Jahre und Jahrzehnte erhalten bleiben kann. Eine stete Mahnung an die Dörfler, dass der Geist immer wieder zurückkehren könnte, um die Pflanze erneut in Besitz zu nehmen.“

aus den Reiseberichten von Semialla vom Haus R’haseya

 

Die Pflanze, von der in Semiallas Bericht die Rede ist, wurde inzwischen eingehender untersucht um zu ergründen, inwiefern der Glaube der Einheimischen, dass die Pflanze von Geistern besessen sei, zutreffe.

Die Gilde der Züchter schickte den Gelehrten Osamek zur Untersuchung der Pflanze aus. Er erkannte jedoch bald, dass die Pflanze, genauer gesagt ihr Wurzelwerk, nicht Lebensraum für Geister, sondern für Kolonien winziger Säugetiere war. Das Leben der kleinen Nager und das der Pflanze sind so eng miteinander verstrickt und hängen sogar in dem Maß voneinander ab, dass es nicht möglich ist, dass eine Art isoliert von der anderen überlebt.

Wo also ein Suhuyakka wächst, befindet sich auch eine Kolonie der Nager. Ebenso kann man unter den schwarzen Überresten eines Suhuyakka mit Sicherheit die verlassenen Tunnelsysteme einer Kolonie der Lacentina pisikki osameki, wie Osamek die neue Art nannte, finden.

Osamek wählte den Namen, da er an eine Verwandtschaft der Nager mit Lacentina sulei, dem arincandrischen Steppenhamster, glaubte. Heute hat sich der Name Pisikki osameki oder kurz Pisikki durchgesetzt, da man inzwischen weiß, dass Pisikki zu den eierlegenden Säugetieren gehört, während Lacentina sulei lebende Junge gebiert.

Ein Pisikki ist etwa 2 bis 2,5 cm lang und von gedrungener, mäuseartiger Wuchsform. Anstatt des für Mäuse charakteristischen unbehaarten Schwanzes besitzen die Pisikki jedoch nur einen kleinen Stummelschwanz. Das kurze hellbraune bis ockerfarbene Fell des Pisikki hat sechs dunkelbraune bis schwarze Querstreifen auf dem Rücken sowie eine dunkle Partie, die die Schnauze umgibt und in einem dünnen Streifen auf der Stirn ausläuft.

Die Pisikki sind hoch soziale Tiere und leben in Staaten mit bis zu 6000 Tieren zusammen. Die Koloniemitglieder gehören verschiedenen Kasten an, denen unterschiedliche Arbeitsbereiche zugeteilt sind. Die Mitlieder der Kasten unterscheiden sich auch in ihrem Körperbau voneinander und sind so optimal an ihren jeweiligen Arbeitsbereich angepasst.

Ein Großteil der Koloniemitglieder gehört zu einer wenig spezialisierten Arbeiterkaste, die vielfältige Aufgaben in den Bereichen Brutpflege, Hygiene und Nahrungsversorgung übernimmt. Die Angehörigen dieser Kaste sind relativ klein. Ihre Ohren und Augen sind verhältnismäßig groß und ihre Gliedmaßen sind weniger kräftig als die anderer Kasten.

Eine andere, weniger zahlreich vertretene Kaste ist auf die Verteidigung der Kolonie spezialisiert. Diese Kriegerkaste zeichnet sich durch einen kräftigen Körperbau aus. Die vorderen und hinteren Gliedmaßen sind mit großen, sehr spitzen Krallen besetzt und aus speziellen Analdrüsen kann ein ätzendes Sekret auf Angreifer gespritzt werden.

Die Mitglieder der Gräberkaste sind ebenfalls stämmig gebaut. Die Mittelhand- und Fingerknochen ihrer vorderen Gliedmaßen sind miteinander verwachsen und bilden so mit den Klauen, die ständig weiter wachsen, effektive Grabwerkzeuge. Auch die Krallen der Hinterbeine sind schaufelartig verbreitert.

Die Mitglieder der Gründerkaste ähneln den Gräbern vom Aussehen her, aber sie treten nur kurz vor der Samenreife des Suhuyakka in der Pisikki-Kolonie auf und spielen bei der Verbreitung der Suhuyakka-Samen und der Gründung neuer Pisikki-Kolonien eine entscheidende Rolle. Die vorderen Gliedmaßen sind als Grabwerkzeuge entwickelt, wenn auch die Verwachsung der Handknochen fehlt. Die hinteren Extremitäten sind als dagegen eher unspezialisiert und gleichen denen normaler Arbeiter. Im Gegensatz zu den anderen Kasten gehören der Gründerkaste nur weibliche Individuen an.

Während die Mitglieder aller anderen Kasten steril sind, sind die Mitglieder der Herrscherkaste fruchtbar und somit für die Produktion der Nachkommenschaft der Kolonie verantwortlich. Die Königinnen haben einen vergrößerten Unterleib, in dem die Geschlechtsorgane sitzen. Der Hoden der Könige ist ebenfalls voll entwickelt und im Gegensatz zu den männlichen Individuen anderer Kasten ist er bei ihnen unterhalb des stummeligen Schwanzes deutlich zu erkennen.

Nahrung und Wohnung der Pisikki-Kolonie:

Wenn die Abenddämmerung über den Dschungel der pestritischen Halbinsel hereinbricht, erwacht die Pisikki-Kolonie langsam zum Leben.

Die Arbeiterinnen, die tagsüber nur die nötigsten Aufgaben erledigt haben, beginnen emsig mit ihren Verrichtungen. Viele schwärmen aus dem Nest aus und suchen im Schutz der hereinbrechenden Dunkelheit nach Samen, Früchten und jungen Trieben, die sie einsammeln um sie als Nahrungsvorräte zurück in ihr Nest zu schaffen.

Dort übergeben die Sammler ihre Beute an andere Arbeiter, die die Nahrung zu den Vorratskammern des Nestes schaffen und sie dort zerkauen. Der Nahrungsbrei wird dann mit dem Saft des Suhuyakka vermischt und in kleinen Erdmulden eingelagert.

Andere Arbeiterinnen sind damit beschäftigt die Wände des Nestes zu reinigen, indem sie sie mit dem Suhuyakka-Saft benetzen. Der Saft des Suhuyakka wirkt desinfizierend und hilft so beim Schutz der empfindlichen Pisikki so vor Krankheitserregern und bei der Konservierung ihres Nahrungsbreis. Die Pisikki-Arbeiter gewinnen ihn, indem sie vom Suhuyakka gebildete Wurzelknöllchen anknabbern und den austretenden Saft auflecken.

In einer von den Gräbern frisch ausgehobenen Kammer sind die Arbeiter damit beschäftigt die Wände zu stabilisieren, indem sie die Kammer mit einer Mischung aus Suhuyakka-Saft, Speichel und Erde auskleiden. Aus der gleichen Mischung legen sie auch kleine Mulden für den Nahrungsbrei an. Andere Gräber wühlen sich nur wenige Zentimeter unter der Oberfläche durch den Boden und suchen nach den Wurzeln fremder Pflanzen, um sie abzunagen, damit sie den Wuchs des Suhuyakka nicht behindern und ihm das Licht nicht streitig machen.

Von Kampf und Verteidigung

Die Eingänge zum Nest werden von den Kriegern der Pisikki-Kolonie streng bewacht. Eindringlinge, seien es räuberische Hundertfüßler oder diebische Arbeiter einer benachbarten Kolonie, werden mit Krallen, Zähnen und einem Wehrsekret, das in den Analdrüsen der Krieger gebildet wird, bekämpft. In der Nacht erklettern die Krieger den Suhuyakka und suchen nach Schädlingen, die sich an der Pflanze festgesetzt haben.

Obwohl sich die Pisikki tagsüber in ihr Nest zurückziehen, bleiben einige Krieger auch zwischen Sonnenauf- und -untergang in Bereitschaft. Sie befinden sich in Kammern, die in der Nähe des Suhuyakka-Stamms dicht unter der Oberfläche liegen, und sind stets bereit den Suhuyakka gegen Fressfeinde oder andere Angreifer zu verteidigen.

Herrscherkaste und Pflege der Brut:

In der Pisikki-Kolonie leben mehrere Königinnen (meist 3 bis 6) und ein König. Diese Herrscherkaste ist einzig für die Produktion der Nachkommenschaft der Kolonie verantwortlich. Ein Hofstaat aus Arbeitern bringt den Herrschern Futterbrei, putzt sie und schafft die Ausscheidungen der Herrscher in die Kotkammern der Kolonie.

Die Königinnen besitzen eine Samenblase, die bei der Kopulation mit dem Männchen den Samen aufnimmt. Der Samen einer Verpaarung genügt zur Befruchtung von 100 bis 150 Eiern. Da eine Königin täglich etwa 50 Eier ablegt, genügt es, wenn sich der König jede Königin alle 2 bis 3 Tage begattet. Die von einer Königin gelegten Eier werden von den Arbeitern in die Brutkammern geschafft und dort bebrütet, bis nach etwa sechs Tagen die nackten und noch blinden Pisikki-Jungen schlüpfen. Ammen, die ebenfall der Arbeiterkaste angehören, aber mit einem besonders reichhaltigen Futter versorgt werden, säugen die Jungtiere, bis sie nach weiteren acht Tagen alt genug sind um feste Nahrung zu sich zu nehmen und selbst in den Dienst der Kolonie zu treten.

Die Eier der Pisikki-Kolonie werden von den Arbeiterinnen regelmäßig mit Suhuyakka-Saft desinfiziert, da sehr empfindlich sind und ohne dies Behandlung schon vor dem Schlupf absterben würden.

Welcher Kaste ein Pisikki angehört, steht schon zum Zeitpunkt des Schlupfes fest. Vermutlich wird die Entwicklung der Eier durch die Temperatur, bei der sie bebrütet werden, gesteuert. Die Entwicklung neuer Königspaare erfolgt immer im Frühjahr, wenn der Saft des Suhuyakka reich an hormonähnlichen Substanzen ist. Ausgewählten Jungtieren wird der Saft zusätzlich zur Ammenmilch gefüttert, so dass sich ihre Geschlechtsorgane voll entwickeln können.

Vom Werben und Kämpfen:

Während die jungen Königinnen im Frühjahr bei ihrer Kolonie verbleiben, ziehen die Männchen aus um dem König einer fremden Pisikki-Kolonie seinen Platz streitig zu machen. Die Männchen wandern nur in der Nacht. Tagsüber verstecken sie sich in kleinen Erdlöchern oder zwischen den Wurzeln eines Baumes um zu schlafen. Wenn die Männchen eine fremde Kolonie gefunden haben, postieren sie sich vor einem der Nesteingänge und machen durch laute Pfeifgeräusche auf sich aufmerksam, um so den amtierenden König herauszufordern.

Nachdem der König der Kolonie herausgekommen ist, imponieren sich die Rivalen zunächst indem sie sich auf die Hinterbeine stellen und lauf pfeifen. Dieses Imponierverhalten wiederholt sich einige Male und dazwischen umkreisen und beschnuppern sich die Kontrahenten immer wieder. Wenn nach einigen Stunden noch keines der beiden Männchen aufgegeben hat, schlägt das Imponierverhalten plötzlich in einen echten Kampf um und die Tiere greifen sich mit Krallen und Zähnen an. Nach einem kurzen, aber heftigen Schlagabtausch kapituliert der Unterlegene schließlich und das siegreiche Männchen zieht als König in die Pisikki-Kolonie ein.

Von Reinlichkeit und Körperpflege:

Die Pisikki verbringen einen nicht unerheblichen Teil ihrer Zeit mit dem Reinigen ihres Körpers. Vor allem tagsüber, wenn sich alle Tiere innerhalb des Nestes aufhalten, sind Schlafen und Fellpflege die Hauptaktivitäten der Pisikki. Die Tiere lecken sich selbst oder andere Koloniemitglieder ab und bestreichen ihr Fell mit dem Sekret ihrer Analdrüsen um es vor dem Befall durch Milben oder andere Parasiten zu schützen.

Zum Abkoten begeben sich die Pisikki in die sogenannten Kotkammern. Dabei handelt es sich um relativ große Kammern im unteren Bereich der Kolonie. Der Kot der Königspaare und der Jungtiere wird von den Arbeitern dort hingebracht. Auch die Körper gestorbener Nestkameraden werden in die Kotkammern gebracht. Wenn eine Kotkammer voll ist, verschütten die Gräber den Zugang und legen eine neue Kammer an.

Von der Teilung einer Pisikki-Kolonie:

Da der Suhuyakka nur einmal Samen ansetzt und dann abstirbt, muss sich auch die Pisikki-Kolonie auf das Verlassen ihres alten Nestes vorbereiten, wenn der Suhuyakka im Frühjahr seine Blüten bildet.

Die Königinnen legen je nach Größe der Kolonie bis zu 10 unbefruchtete Eier, aus denen sich Gründerinnen entwickeln. Die Arbeiter in den Brutkammern beginnen zudem damit, aus einigen ausgewählten Jungtieren neue Herrscher heran zu ziehen. Der Saft des Suhuyakka ist auch zur Blütezeit reich an den Hormonsubstanzen, die die Entwicklung der Geschlechtsorgane der Jungtiere fördern.

Nachdem die Samen des Suhuyakka reif sind, stirbt die Pflanze ab. Die Gründerinnen der Pisikki-Kolonie verlassen dann das Nest und klettern am Suhuyakka zu seinen Samenständen hinauf. Sie brechen die Samenkapseln auf und verschlucken einen der Samen. Danach kehren sie in die Kolonie zurück.

Kurz vor dem Aufbruch der Kolonie in der folgenden Nacht fressen die Arbeiterinnen, die Nahrungsvorräte der Kolonie leer, um den Nahrungsbrei in ihren Mägen zu transportieren. Nach Einbruch der Nacht verlässt die Kolonie ihr altes Nest. Die Tiere teilen sich in mehrere Tochterkolonien auf, in der jeweils eine Gründerin und eine Königin vertreten sind. Die jungen Könige verlassen dagegen die Gemeinschaft um sich eine neue Kolonie zu suchen.

Der alte Suhuyakka bleibt zurück und bildet, nachdem Blätter und Rinde innerhalb weniger Wochen verrottet sind, ein meterhohes, schwarz glänzendes Denkmal für die aufgegebene Pisikki-Kolonie.

Die jungen Kolonien ziehen nachts umher, um einen geeigneten Standort für ihre Suhuyakka-Pflanze zu finden. Am Tag versteckt sich die Kolonie im Unterholz des Dschungels.

Wenn die Kolonie einen geeigneten Platz gefunden hat, beginnen die Gräberinnen sofort damit neue Tunnel in den Boden zu graben. Die Arbeiterinnen nagen währenddessen die vorhandene Vegetation ab, um Platz für den Suhuyakka zu schaffen. Inmitten des geschäftigen Treibens beginnt die Gründerin damit sich ebenfalls in die Erde einzugraben. Sie gräbt sich senkrecht nach unten, bis sie eine Tiefe von etwa 10 cm erreicht hat. Nachdem sich der Gang, den sie gegraben hatte, durch nachrieselnde Erde wieder verschlossen hat, rollt sich die Gründerin zusammen und stirbt. Bei ihrem Tod werden Sekrete in ihren Verdauungstrakt abgegeben, die die äußerte Schale des Suhuyakka-Samen auflösen. Erst jetzt kann der Samen keimen und ein neuer Suhuyakka wachsen.

Pisikki