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Die Röcke der Amarannu - oder Stolz, der die Bequemlichkeit besiegt

© Mara

Junge Amarannu-Frau
Junge Amarannu-Frau im Hirsefeld. Die vollständige Tracht umfasst neben dem hier hochgerafften Rock mit Gürtel (und von hinten ist die ‚Windel’ wirklich unschick) ein schlichtes Hemd und einen Schleier, in den die langen Haare gewickelt und dann als Turban um den Kopf geschlungen werden.

Im Nordosten des Kadayir-Gebirges, das die Szabanyer Kadilir und die Damay Onnra-damu – wolkenumkrönt – nennen, siedeln die Amarannu.

Sie zählen sich zu der Nation des Seebundes, der seinen Vasallen Schutz verspricht und dafür Tributzahlungen an Nahrungsmitteln für Angayuun und die anderen großen Städte des Zusammenschlusses fordert – und die Amarannu zahlen in Nassfeldhirse.

Der Anbau dieser Pflanze stammt ursprünglich aus Gyoun und hat sich von den dortigen Terrassen voller schwerer Kornrispen in der Zeit des Gyoun-Ya-Reiches auch in den Staaten der Szabanyer im Norden verbreitet. Von dort haben wiederum Flüchtlinge vor den Damay-Stürmen den Nassfeldbau in das Kadayir mitgebracht und sich mit der indigenen Bevölkerung der Omouay vermischt.

Die Amarannu leben zwar unter diesen Mischgruppen von Szabanyern und Omouay, doch halten sie starrsinnig an ihrem eigenen Erbe fest: sie sind Ovanagannu und den Wanderungen anderer Stämme hinauf ins Gebirge gefolgt, wo ihnen Land und Bodenschätze versprochen wurden. Mit als letzte Volksgruppe sind sie erst vor etwas mehr als zwei Jahrhunderten von der übersiedelten Westküste aufgebrochen, um sich ihren Platz im Kadayir zu erkämpfen.

Omouay wie Szabanyer hatten den Ovanagannu nichts entgegenzusetzen wie auch schon Jahrhunderte vorher den Siedlern, die am Angayuun-See das Herz des Seebundes bilden sollten. Wie alle Ovanagannu zählen sich die Amarannu zum ‚freiesten der Völker’ und jedem unter ihnen ist es erlaubt, sowohl eine eigene Meinung zu haben und kundzutun als auch Waffen zu tragen. Die Omouay, die kaum im Umgang mit Waffen geübt sind, und die Szabanyer, unter denen das Recht auf das Tragen von Waffen nur dem Adel gebührt, waren zugleich überrascht, geschockt und überrannt. Die seltsamen langhaarigen Leute von der Küste in ihren Röcken und mit den pragmatischen zweischneidigen Kurzschwertern, die viel ihres Stolzes ausmachen, haben sich schlicht Land genommen und auch unangefochten behalten.

Jedoch – wo sie zuvor Fischer und Schafzüchter waren, stellte sie die dichte von Nebelfeuchte und nahezu ständigem Regen verwöhnte Bewaldung des Gebietes und die eklatante Abwesenheit des Meeres vor die Herausforderung, einen anderen Weg zur Ernährung einzuschlagen. Missmutig sicherlich, aber mit der selbstverständlichen Arbeitswut so gut wie aller Ovanagannu, passten sie sich an. Und das hieß unter anderem Rodung von Hängen und das Anlegen von gestuften Nassfeldern.

Heute leben die Amarannu fast exakt so wie ihre Nachbarn, die von Omouay oder Szabanyern abstammen – die Häuser sind entweder in Holzblockbauweise oder aus lehmbeworfenen Flechtwerk, die Felder sehen gleich aus, die Ernährung hat sich geändert... aber der berühmte Stolz der Ovanagannu lässt nicht zu, gänzlich wie die ‚kleinen Inländer’ zu werden.

Omouay tragen Beinlinge mit Lendenschürzen mit kurzärmeligen Hemden zur Arbeit und laufen zumeist barfuß; bis zu den Knien stehen sie teilweise auf ihren gefluteten Feldern und zupfen Unkraut oder pflanzen die Setzlinge aus. Szabanyer haben die einfache Tracht des Landvolkes ihrer ursprünglichen Heimat insofern angepasst, als dass sie die Kniehosen teilweise noch etwas gekürzt haben.

Ovanagannu aber trugen schon immer Röcke, also tun sie es noch heute und sie werden es wohl auch immer tun. Frau wie auch Mann wickelt sich mindestens zwei der wertvollen, leuchtend bunt gefärbten Stoffbahnen um die Hüfte, kokettiert mit dem Hervorblitzen des dünneren Unterrocks, tanzt mit fliegenden Säumen... man trägt Rock, weil man zu einem Volk der Ovanagannu gehört und man ist Ovanagannu, weil man die Tracht trägt. Die Siedler des Seebundes haben an ihrer Kleidung festgehalten, ob sie nun Stadtbewohner sind und sich in teuersten Stoffen vor einem Gericht präsentieren oder ob sie einfache Bauern im Norden des Gebirges sind.

Und so tragen auch die Bauern der Amarannu Röcke auf den Nassfeldern. Wie alle bestehen sie aus einem rechteckigen Stück Stoff in möglichst leuchtenden Farben, oftmals auch mit Stickerei verziert, und eigentlich immer wird einer aus leichtem Stoff – bei den Reichen gar Seide – unter einem schwereren um den Leib gewickelt und mit einem breiten Gürtel festgeschnallt. Die Länge variiert bei Frauen wie Männern – aber alles, was nicht bis über die Knie hängt, gilt als unschicklich, und knöchellange Röcke, die mehr Stoff erfordern, sind umsomehr noch ein Statussymbol.

Offen getragen saugen sich die Säume mit dem Wasser voll, sobald die Flächen geflutet werden, wickeln sich klebend um die Beine und müssen permanent von der Haut gelöst werden oder bringen einen unweigerlich bei einem etwas größeren Schritt zu Fall. Omouay und Szabanyer lästern mit gesenktem Blick und leise über die ‚Wickelärsche’ – leise, weil die Amarannu auch als Bauern das Recht zum Waffentragen und die allgemeine Freude am Ringen und Schlagen nicht aufgegeben haben, das allen Ovanagannu ebenso natürlich zu eigen ist wie das Tragen der Röcke.

Viele Bauern ziehen daher das hintere Teil des Rockes zwischen den Beinen nach vorne und stecken es dort in den Gürtel, der den Stoff hält – so hängt das Meiste davon nicht im Wasser. Dafür bildet sich jedoch ein dichter Wust von Stoff um die Oberschenkel und den Hintern und auch ‚Windelhintern’ soll keine seltene Bezeichnung für die Amarannu unter ihren Nachbarn sein.

Sicherlich wäre es einfacher, sich den Hosen tragenden Szabanyern oder den Omouay mit ihren kurzen Beinlingen anzupassen. Aber das hieße, einen großen Teil dessen, was einen als Ovanagannu auszeichnet, einfach aufzugeben aus simpler Bequemlichkeit. Und wer bei den Ovanagannu ‚die Hosen anhat’ hat sicherlich nicht das Sagen, sondern den Spott verdient – so halten die Amarannu wie ihre Verwandten an der Tradition fest und setzen ihren Stolz gegen die Bequemlichkeit durch.